#Gema

Die Mauer muss weg!

von , 9.11.09

Was ist uns von 40 Jahren Sozialismus auf deutschem Boden geblieben? Ein paar traurige Puhdys, Karat, City und Silly Platten die auf so manchen Dachböden alter Mainstream-Rockhörer verstauben. Natürlich sind da noch Wolf Biermann, Bettina Wegener („Sind so kleine Hände…“) und die Renft Combo, aber sie alle eint, dass sie nicht wirklich ihrer Musik sondern eher hirnrissigen, menschen- und kunstverachtenden Aktionen des SED-Zentralkomitees ihre Berühmtheit verdanken. Ohne Ausbürgerung respektive Berufsverbot wäre ihr Bekanntheitsgrad zumindest im Westen bedeutend geringer gewesen. Eine magere Ausbeute, bedenkt man die hehren Ziele, welche die junge Republik bei Gründung 1949 gegenüber den Künsten hatte.

Ziel der Staatsgründer war, endlich die Künstler besser zu stellen. Schiller, van Gogh, Mozart und Co. taten Großes und starben verarmt. Die Gutmenschen in Ost-Berlin wollten nicht mehr posthum die Geistes- und Kunstgrößen ehren und umbetten, sondern schon zu ihren Lebzeiten für gute Arbeits- und Lebensbedingungen sorgen. Wer Künstler war, dem sollte ein Grundeinkommen wie ein Facharbeiter sicher sein, denn sein Beitrag für die Entwicklung der Gesellschaft war ebenbürtig. Ein absolut ehrenwertes Vorhaben. Um aber herauszufinden, wer nun Künstler war und wer nicht, schuf man eine Einstufungskommission. Vor dieser hatte man zu präsentieren und wer die Prüfung in Sachen Kreativität und Können bestand, der konnte fortan Eintritt nehmen, bekam sein Grundeinkommen, musste dafür als Musiker aber auch auf Anfrage des nächst besten Kombinats dort bei der Firmenfeier auftreten.

Rock- und Popkultur zeichnet sich dadurch aus, dass sie den existenten Mainstream angreift oder zumindest in Frage stellt. Daraus bezieht sie ihre immerwährende Erneuerung. Das Problem einer staatlich gesteuerten Kultur besteht aber darin, dass es schwer ist, den zu fördern, der einen gerade angreift. Eine Einstufungskommission kann genauso wie GEMA-Verwaltungsräte nicht aus dem Underground kommen, sondern repräsentiert bestenfalls das Kultur-Establishment, wenn nicht gar die Kultur von vorgestern. Das liegt in der Natur der Sache: Wer das Vertrauen von Staat oder Institutionen haben will, sollte mehr vorzuweisen haben, als eine schrille Idee oder ein Erstlingswerk. Wer in solche Ränge aufrückt, hat seine verdienstvolle Karriere meist hinter sich.

Punks hatten deshalb in der DDR keine Chance. Als ich mich als erste journalistische Arbeit Anfang der Achtziger mit Bands wie Tapetenwechsel oder Müllstation heimlich in Ost-Berlin am Alex traf, wurde ich nicht verhaftet, weil man die Musik als staatsgefährdend eingestuft hätte. Aus der Stasi Akte geht hervor, dass die Musik als nicht einzuordenbarer Krach, die Akteure als asoziale Elemente gesehen wurde. Der Staat und seine Kulturkommissionen verstanden die popkulturelle Dimension des Punk schlicht und einfach nicht. Deshalb vermuteten die Sicherheitsorgane eher einen Austausch von Drogen denn Musik-Tapes hinter unserem konspirativen Treffen.

Kein Wunder, dass so wenig von der Staatskultur bleibt, wenn man in seinen eigenen, starren Systemen gefangen ist und deshalb kulturelle Innovation nicht mehr als solche erkennen kann. In Wirklichkeit brodelte es in der DDR längst. Egal ob in der Musik (von Rammstein bis Silbermond, von Paul van Dyk bis Tokio Hotel) oder in der bildenden Kunst (von Bisky bis Gursky, von Rauch bis Tippelmann), schon bald setzten in Wirklichkeit die Mitbürger aus dem Osten für das neue Deutschland den Trend. Die ehemalige DDR gab popkulturell weit mehr her als angestaubten Deutschrock, das gut gemeinte Fördersystem ließ es lediglich nicht zu.

Am 9. November feiern wir das Ende des engen, weil technokratischen Deutschland. Noch immer beklagen wir aber andere starre Strukturen in der Kultur, die ähnlich funktionieren wie die Einstufungskommissionen der DDR. Auch in der GEMA will man nur das Beste für ihre Mitglieder, daran besteht kein Zweifel. Ihre drei Kurien (so nennen die sich wirklich!), die Textdichter, Komponisten und Verleger abbilden, sind besetzt mit verdienten aber nicht zwangsläufig innovativen Persönlichkeiten. Das was als Kultur klar erkennbar ist, wird von ihnen gefördert, da ist man sich einig. Deshalb erhält jede klassische Komposition bei der Aufführung ein Vielfaches. In der Konsequenz führt das zu Annekdoten wie den Hauskonzerten des Ausnahmekomponisten Karl-Heinz Stockhausen. Regelmäßig stellte angeblich der deutsche Neoklassiker ein Schild vor sein Haus mit der Aufschrift „Heute Konzert“, reichte dieses dann als Aufführungsmeldung bei der GEMA ein und freute sich an den hohen Zuschüssen für seine Kunst.

Zahlen tut die GEMA so etwas aus ihren größten Aufkommen, nämlich der so genannten Blackbox. Hier wandert alles rein was sich nicht klar zuordnen lässt. Und es ist viel, was sich nicht zuordnen lässt: da zum Beispiel Clubs hierzulande, anders als in Frankreich nicht überwacht werden, fließt, egal was der DJ spielt, am Ende das meiste den cleveren, klassischen Musikern oder den Großverdienern a la Bohlen zu. Ähnlich verhält sich das im Radio. Nur ein paar große Stationen werden ausgewertet, Sender wie Motor FM tragen lediglich zum großen Topf bei. Entweder wird subventioniert oder der Reiche noch reicher gemacht, da das Unzuordenbare proportional dem Nachgewiesenem ausgeschüttet wird. Dies geschieht nicht in böser Absicht, sondern ob der Unfähigkeit eines technokratischen Systems sich aus sich selbst heraus zu erneuern. Es ist viel von den Kurien verlangt, Veränderung in Kunst, Gesellschaft und Medien schnell zu erkennen und diese dann auch noch in einer Verteilungsstruktur abzubilden, die sie selbst potentiell benachteiligt. Wenn eine GEMA von der Idee her gerecht und innovativ sein könnte, dann wären es die Einstufungskommissionen auch gewesen…

Tim Renner blogt für Carta und Motor.de, wo auch dieser Beitrag erschien.

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