#Corona-Krise

Wann und wie wir aus der Corona-Kurve kommen könnten

Vielleicht führt die gegenwärtige Krise ja dazu, dass wir einige unsere gröbsten Hyperaktivitäten schlicht und einfach einstellen und erkennen, dass die wirklichen Bedürfnisse ganz anderswo liegen.

von , 19.3.20

Wie es mit den Viren weitergeht, kann niemand sicher wissen, aber es gibt doch so etwas wie ein Fenster in die Zukunft. China ist uns auf der Virenkurve etwa zwei Monate voraus. Die Zahlen sind vergleichbar, die Methoden auch. Am 23. Januar begann man mit der Abriegelung der Stadt Wuhan. Bis Anfang Februar wurde das ganze Land dicht gemacht. Die zusehends verschärften Maßnahmen gingen ein gutes Stück über das hinaus, was wir in Deutschland gerade erst erleben. Ob es diese Maßnahmen so gebraucht hätte, wird sich noch zeigen. Vergleichen kann man diese Maßnahmen mit dem südkoreanischen Vorgehen, beinahe genau so erfolgreich. Es begann einen Monat später und ist uns also immer noch einen Monat voraus. Und schließlich gibt es einiges, das wir aus Italien lernen können.

CC-BY-SA-2.0-DE – https://en.wikipedia.org/wiki/File:2020_coronavirus_patients_in_China.svg

An dem Verlauf in China können wir einigermaßen abschätzen, wo wir uns gerade befinden. Der wichtigste Wendepunkt liegt dort, wo sich der exponentielle Anstieg in einen linearen abschwächt. Obowhl der Unterschied essentiell ist, lässt er sich zuerst schlecht erkennen, weil beide Kurven anfangs ganz ähnlich aussehen. Mittelfristig dagegen explodiert die exponentielle, während die lineare gerade verläuft. Lineare Prozesse lassen sich beherrschen. Exponentielle Kurven müssen schon sehr flach und langsam verlaufen, um nicht sehr rasch riesige Effekte anzurichten. Wer das in der gegenwärtigen Lage als letztes kapiert hat, waren die Regierungen in Großbritannien und den USA. Deswegen wird es recht spannend zu beobachten, wie die Krankheit dort verläuft.

Zurück zu der Kurve aus China. Mit dem Lockdown begannen die Anzahl der Übertragungen offenbar sehr rasch zu sinken. Das lässt sich nur vermuten, da es sich in den Zahlen erst mit einer gewissen Verspätung zeigt. In China wurden alle wichtigen Sperrungen zwischen dem 23. und 29. Januar in Kraft gesetzt. Die Zahl der Erkrankten lag zu dem Zeitpunkt bei 10.000, täglich kamen knapp 2.000 hinzu. Das ist mit Deutschland vergleichbar, allerdings leben in China gut 15mal mehr Menschen. Allein die Provinz Hubei im Zentrum des Ausbruch hat ungefähr so viele Einwohner wie Deutschland.

Seit dem 4. Februar sinkt die Anzahl der neuen Fälle in China, gut 10 Tage nach dem Beginn der Maßnahmen. Dementsprechend könnten wir in Deutschland ab Ende nächster Woche sinkende Neuerkrankungen erwarten. Das wäre als Zwischenziel schon sehr gut. Durch sind wir damit noch lange nicht. In China stieg die Zahl der Fälle gleichmäßig noch ein ganzes Stück weiter und schwächte sich erst bei 80.000 Erkrankten ab, davon die weitaus meisten in Hubei. Mit ähnlichen Zahlen müssen wir hier auch rechnen.

Der nächste Wendepunkt lag dort um den 17. Februar, also 20 Tage nach dem Lockdown. Ab dem Tag überstieg die Zahl der Gesundeten zum ersten Mal die der Neufälle. Damit begann die Anzahl der Infizierten zu fallen. Dieser zweite Wendepunkt wäre bei uns folglich um den 7. April zu erwarten. Entwarnung bedeutet auch das noch keineswegs. In dem Moment haben wir die maximale Anzahl Erkrankter erreicht, in China ungefähr 60.000. Allerdings sollten sie von den Straßen weitgehend verschwunden sein, da sie entweder als krank erkannt oder unerkannt weitgehend geheilt sind. Ab diesem Tag sinkt also das Risiko, sich draußen zu infizieren. Dementsprechend ging in China die Anzahl der täglich Neuerkrankten massiv nach unten. Einen Monat nach Lockdown ging sie auf unter 100 zurück. Sieben Wochen nach Beginn der Sperren war die Zahl der Kranken wieder auf unter 10.000 gesunken.

All das hat sich vor unseren Augen mit zwei Monaten Vorsprung abgespielt. Im Nachhinein bleibt eine Sache schwer begreiflich: Wie konnte unsere Regierung erst so spät handeln, obwohl der Großversuch in China eindeutig vorgeführt hat, dass jeder Tag am Ende Tausende von Krankheitsfälle vermeidet? Nicht viel besser als die Wirte in Ischgl, die weiter feierten als die Notrufe aus halb Skandinavien schon eintrafen. Wenn der homo oeconomicus zwischen dem eigenen Umsatz von morgen und dem Wohlergehen Aller im nächsten Jahr zu wählen hat, kommt er schon in Schwierigkeiten. Deswegen gehört er auch nicht an die Regierung, nicht einmal als Berater.

Entscheidend ist es, von einer exponentiellen in eine lineare Steigerung überzugehen. Der entscheidende Indikator dafür ist die Zahl der neu Erkrankten. Am weitesten voran laufen in Europa derzeit die Zahlen aus Italien. Die Lombardei hat das öffentliche Leben am 8. März gesperrt. Noch früher wurden die Maßnahmen in der Povinz Lodi umgesetzt. Dort liegen die Fallzahlen um ein Vielfaches niedriger als in der Region Bergamo, wo einzelne Hotspots das Gesundheitssystem offenbar massiv überfordern.

Die Zahlen aus der Lombardei stehen auf der Kippe. Das war nach dem chinesischen Ablauf zu erwarten. Die täglichen Neuinfektionen haben sich auf 1.500 eingependelt. Dass sie nicht schon weiter sinken, erklärt sich vermutlich aus dem selektiven Tests in Italien, die allem auf gefährdete ältere untersuchten. Die Zahl der tatsächlich Infizierten dürfte also viel höher gelegen haben, was auch die vielen Ansteckungn in Skigebieten erklären könnte, und wird noch eine Weile in die Statistik einfließen. Erst dann dürften sich die positiven Effekte im Rückgang der täglichen Neufälle zeigen. Entscheidend ist wie gesagt, dass deren Zahl nicht weiter ansteigt. Schon wenn sie nur gleich bleibt, und das ist in der Lombardei derzeit der Fall, ist die exponentielle Kurve verlassen.

Mit Norditalien als Beispiel spricht einiges dafür, dass wir auch in Europa ungefähr dem chinesischen Verlauf folgen könnten. Mit einer Einschränkung. Je mehr Cafés, Läden und Fabriken schließen, je weniger die Sozialkontakte, desto eher geraten wir auf eine gute Bahn. Hoffen wir nur, dass der lange Sonntag, den man jetzt in Berlin ausgerufen hat, gegen den Virus so gut wirkt wie die Totalblockade in China. Es wird sich an den Zahlen der täglich Neuerkrankten gegen Ende nächster Woche zeigen.

In China beginnt nun beginnt die zweite Phase. Und mir scheint, wir könnten versuchen, von den chinesischen Erfahrungen mehr zu lernen als bisher. Wir sollten also sowohl chinesische Experten nach Deutschland einladen als auch selbst Beobachter nach China schicken, um herauszufinden, welche Maßnahmen erfolgreich waren und auf was zu achten ist. Dass die Sache weiterhin schief gehen kann, liegt auf der Hand. Von einer Immunisierung eines Großteils der Gesellschaft, von der auch hier einige Virologen gefaselt haben, ist China weit entfernt. Zum Glück, denn das wäre mit einer handfesten Katastrophe und Millionen von Toten verbunden. Auch die Auskunft einiger Mediziner, dass die Spitze der Krankheit irgendwann im Sommer zu erwarten ist, wird von den chinesischen Zahlen widerlegt. Das Beispiel dort zeigt, dass man aus der exponentiellen Kurve auszubrechen und die Krankheit flächendeckend loswerden kann. Damit sollten alle Modelle, die das exponentielle Wachstum nur bremsen und einen Großteil der Gesellschaft infizieren wollen, als angestrebte Lösung erledigt sein. Dass es besser geht, sehe wir sowohl in China als auch in Südkorea.

In China wird jetzt sehr langsam und vorsichtig damit begonnen, das Leben wieder hochzufahren. Reisebeschränkungen im Inland fallen. Geschäfte öffnen. Schulen werden wieder aufmachen. Wenn es gut läuft, wird das auch in Europa mit dem gleichen Abstand passieren. Das wäre dann in knapp zwei Monaten, also Mitte Mai. Nicht vorher. Ende April werden wir dort sein, wo China auch war, schon über dem Peak aber noch immer mit enormen Krankenzahlen um die 60.000.

Das größte Risiko ist das Wiederaufflammen der Erkrankung. Solange das einzige Mittel, um das zu verhindern, soziale Distanz bleibt, wird ein gewisses Maß davon aufrechterhalten werden müssen. Die größte Quelle für Neuinfektionen sind in China mittlerweile nicht mehr die eigenen Infizierten, sondern Einreisende. Das bedeutet, dass Reiseverbote so lange in Kraft bleiben werden, bis andere Länder den Virus ebenfalls weitestgehend eingedämmt haben. Das wird dann auch Europa betreffen. Und ganz besonders die USA. Dort braut sich gerade ein Orkan zusammen. Ein von Gier ruiniertes Gesundheitssystem trifft auf eine schwache Bürokratie, geführt von einem unfähigen Präsidenten, der Experten nicht glaubt. Wie dieser Systemtest zwischen China und Amerika am Ende ausgeht, werden wir in den kommenden zwei Monaten live verfolgen können. Fürs erste sollten wir froh sein, dass unsere Regierung dem chinesischen Beispiel gefolgt ist, zwar spät, aber besser als noch später. Schon in wenigen Wochen werden wir es vermutlich nicht mehr Einreisebeschränkungen in die Vereinigten Staaten, sondern aus den Vereinigten Staaten zu tun haben. Ganz in den Sternen steht noch, wie die Welle in den Ländern des globalen Südens ausrollt. Allein der Größe halber wird Indien das Land sein, dass es besonders zu beobachten gilt.

Solange Krankheitsherde aktiv sind, werden die Reisebeschränkungen bleiben. Vermutlich wird der ganze Spuk erst mit einem Impfstoff aufhören. Bis dahin gilt es, jedes Wiederaufflammen zu unterbinden. Wenn wir nicht bei jedem lokalen Vorfall wieder alle Sperren hochfahren wollen, ist das Beispiel Südkorea lehrreich. Dort begann die große Infektion am 18. Februar. Man schlug einen anderen Lösungsweg ein als in China und setzte auf Daten, Apps und eine enorme Anzahl unkomplizierter Tests. Deshalb liegen aus Südkorea vermutlich die verlässlichsten Zahlen vor. Nie wurde das ganze Land in Stillstand versetzt, da es gelang, mit lokalen Abriegelungen und dem Verfolgen der Infektionswege, den Virus einzudämmen. Mittlerweile ist die Zahl der Neuerkrankungen einen Monat nach Ausbruch auf unter hundert pro Tag gesunken..

Vermutlich hätte man auch in Deutschland den koreanischen Weg bevorzugt, schon allein der Wirtschaft zuliebe. Aber dazu kam unsere Regierung schlicht zu spät um die Kurve, war zu schlecht vorbereitet, administrativ zu zögerlich und im übrigen ist unsere Gesellschaft technologisch zu rückständig. Wer immer noch glaubt, beim neuesten Innovationsschub handele es sich um Effekte der Digitalisierung, ist im 21. Jahrhundert nicht angekommen. All das lässt sich beheben, wenn man nur bereit ist, die Fehler einzugestehen und von anderen zu lernen.

Aus Südkorea lassen sich vor allem für die Gefahr eines Aufflammens der Krankheit Lehren ziehen. Um Ansteckungsketten zu verfolgen und zu unterbinden, brauchen wir mehr Tests und mehr Gesundheitsdaten. In Südkorea konnten Bürger verfolgen, wo sich Kranke aufhalten. Das scheint in Deutschland undenkbar. Noch.

Ich bin mir recht sicher, dass eine der Lehren darin bestehen wird, bei künftigen Epidemien die Bevölkerung betroffener Landstriche rasch mit Geräten auszustatten, die aus Verhaltensmustern und Gesundheitsdaten Krankheitsbilder generieren. Sprich: Armbänder, die dich zum Text schicken, bevor du merkst, dass du krank bist. Wichtig ist, dass solche Maßnahmen nicht dauerhaft werden und dass sie uns nicht bei jedem Schnupfen aufgenötigt werden.

In manchen Kreisen kursiert nun die Furcht, dass viele der Maßnahmen, etwa die Einschränkung der Versammlungsfreiheit, auf Dauer bestehen bleiben. Zwei Gründe sprechen dagegen. Solange man vor einem Neuaufflammen auf der Hut sein muss, werden einige Regeln sozialer Distanz in Kraft bleiben, aber nur bis es einen Impfstoff gibt. Der zweite Grund sind die ökonomischen Kosten sozialer Distanz. Ein beträchtlicher Anteil unserer Wirtschaft beruht auf Zusammenarbeit. Sobald es nur irgend geht, wird man zur Normalität zurückkehren wollen. Alles andere wäre viel zu teuer. Und wenn Shopping-Malls aufmachen und Konzerte und Fussballspiele laufen, wird man kaum Demonstrationen und andere Versammlungen verbieten können. Auf der Hut müssen wir trotzdem sein, was die Kontrolle unserer Daten, bürgerliche Rechte und Versammlungsfreiheit betrifft.

Was bleibt, sind die sozialen und ökonomischen Auswirkungen. Die Kosten des zweimonatigen Ausfalls sind enorm. Darin zeigt sich eine Absurdität unserer Gesellschaft: Sie lässt keine Pause zu, sondern treibt ständig alle zu irgendwelchen ökonomisch nutzbaren Aktivitäten an. Eine Lehre könnte sein, dass ein beträchtlicher Anteil dieser Aktivitäten uns weder gut tut noch wirklich nötig ist.

Solange wir der orthodoxen Wirtschaftslehre anhängen, werden wir glauben, dass mit dem Virus unsere ökonomische Grundlage erledigt ist und wir auf jahrelange Schuldknechtschaft zugehen. Zum Glück setzt sich langsam, in Deutschland besonders zögerlich, die Erkenntnis durch, dass diese Milchmädchen-Klassik mit den realen ökonomischen Zahlungsflüssen recht wenig zu tun hat. Zentralbanken können ohne Problem mit einfacher Buchhaltung so viel Geld wie nötig synthetisch herstellen. Die letzte Krise hat gezeigt, wie man die Wirtschaft recht rasch wieder in Schwung bringen kann. Noch besser wäre es gewesen, die Schulden zu streichen. Aber weil die Kredite der einen immer die Vermögen der anderen sind, wird das leider nicht passieren, auch wenn es der beste Weg wäre. So bleibt die Alternative, die Schulden zu Nullzinsen tief in den Kellern der EZB zu vergraben, um sie am Sankt-Nimmerleinstag zu begleichen. Das wirkt fast genauso gut und hält eine paar heilige Illusionen am Leben.

Im Zusammenleben werden sich die spannendsten Effekte zeigen. Menschen tendieren dazu, dass, was ihnen gegeben wird, als eigenen Wunsch darzustellen. Die Maßnahmen von heute wirken wie ein Mittelding zwischen Generalstreik und gemeinsamer Entspannungsübung. Sie könnten auf die durchaus heilsame Erfahrung hinauslaufen, dem allgemeinen hysterischen Aktionismus zu entkommen. Vielleicht führt es ja dazu, dass wir einige unsere gröbsten Hyperaktivitäten schlicht und einfach einstellen und erkennen, dass die wirklichen Bedürfnisse ganz anderswo liegen.

Zustimmung, Kritik oder Anmerkungen? Kommentare und Diskussionen zu den Beiträgen auf CARTA finden sich auf Twitter und auf Facebook.