#Corona-Krise

Corona ist nicht die erste Seuche, die Verschwörungstheorien befeuert

Es handelt sich nicht nur um medizinisch-biologische, sondern in gleichem Maß um statistische Fragen, die kaum individuell erfahrbar werden. Damit ist das Einfallstor offen für allerlei verschwörungstheoretischen Unsinn.

von , 7.5.20

Es ist ein beliebtes Bonmot: Weil historische Vergleiche zumeist hinken, ist umgekehrt nicht alles was hinkt, ein historischer Vergleich. Ganz im Gegenteil. Vieles, was derzeit über die Plätze und durch die medialen Räume der Republik humpelt, ist von einer historischen Ignoranz, die vor dem Hintergrund der Geschichte, der europäischen und wieder einmal speziell der deutschen, nur Empörung zurücklassen kann. Angefangen vom Geschwafel einiger Möchtegern-Intellektueller vor der Berliner Volksbühne von der Errichtung einer Diktatur über die Verhöhnung von Holocaust-Opfern durch Tragen von Judensternen ebenda bis zu dem, was Trash-TV-Celebrities wie Sänger Xavier Naidoo oder Koch Attila Hildmann absondern, die sich beide als Aluhüte erster Klasse ausweisen, wirbelt die Corona-Pandemie viel Schmutz auf. Sächsische AfD-Funktionäre verdächtigen die Kanzlerin, die doch angeblich mit dem Aufbau einer Diktatur beschäftigt ist, in einen Privatbunker in Paraguay geflüchtet zu sein, Impfgegner*innen vermuten, das Virus sei von einem Kartell aus Pharma-Industrie, WHO und Microsoft-Gründer Bill Gates absichtlich in die Welt gesetzt worden, Gegner des neuen Mobilfunk-Standards 5G wollen einen Zusammenhang zwischen »Handystrahlen« und Infektionen erkennen, eine Querfront aus Bauchlinken und Ultrarechten wie etwa dem »Compact«-Magazin sieht mal wieder die Presse »gleichgeschaltet« – während der US-Präsident als Posterboy der postfaktischen Clowns die Injektion von Desinfektionsmittel empfiehlt. Dummköpfe, Demagogen und Scharlatane haben in Zeiten der Seuche offenkundig Hochkonjunktur.

Indes soll nicht behauptet werden, alles sei in bester Ordnung. Die Einschränkungen bürgerlicher Grundrechte müssen kritisch gesehen und ihre Rücknahme genau beobachtet werden. Kein Land war trotz zahlreicher Warnungen auf eine globale Pandemie vorbereitet. China reagierte ebenso wie die meisten EU-Staaten und erst recht die USA zu spät auf die Ausbreitung des Virus. Nirgends wollten die politisch Verantwortlichen etwas von einer globalen Seuche wissen, auch die Medien reagierten verhalten und wer die Gefahr benannte, wurde oft nicht ernst genommen. So kam es jeweils zu spät zu radikalen Maßnahmen, die in Deutschland im internationalen Vergleich zwar moderat ausfielen, aber dennoch einschneidend sind. Während in anderen EU-Ländern regelrechte Ausgangssperren verhängt wurden, wurden hierzulande lediglich Schulen, Kultureinrichtungen und öffentliche Anlagen geschlossen und Kontaktbeschränkungen verhängt, deren Kontrolle aber meist recht liberal ausfiel. Der »Ausnahmezustand«, den manche Journalist*innen ausmachen wollten, wurde in juristischer Hinsicht indes zumindest in Deutschland zu keinem Zeitpunkt ausgerufen. Drastischer erscheinen demgegenüber die ökonomischen Auswirkungen: Folgt man der Lesart der Wirtschaftsinstitute, so stimmen diese vom gewerkschaftsnahen IMK bis zum ordoliberalen Ifo-Institut unisono darin überein, dass nicht nur die volkswirtschaftlichen Einbußen von historischem Ausmaß sein werden, auch die staatlichen Mittel, die zur Bekämpfung der Folgen aufgewendet werden, übersteigen in ihrer Höhe alles Dagewesene und legen nahe, dass die gesamtgesellschaftliche Verunsicherung auch die Politik ergriffen hat. Zuverlässige Prognosen sind so gut wie unmöglich – und der Feind ist nicht nur unsichtbar, sondern auch schwer zu begreifen. Denn es handelt sich nicht nur um medizinisch-biologische, sondern in gleichem Maß um statistische Fragen, die für Bürgerinnen und Bürger kaum individuell erfahrbar werden. Alle wissen, wie sich eine Grippe anfühlt, niemand hat je eine Letalität von 0,5 Prozent oder einen Reproduktionswert von 0,9 erfahren. Warum es also trotz einer minimalen Wahrscheinlichkeit, sich beim täglichen Einkauf anzustecken, sinnvoll ist, Abstand zu wahren und einen nervigen Mundschutz zu tragen, wird stets nur auf abstrakter Ebene verständlich.

Damit ist das Einfallstor offen für allerlei Unsinn – wie auch ein Blick in die Geschichte zeigt, der verblüffende Parallelen freilegt. So vermuteten Verschwörungsliebhaber etwa in den 1980er-Jahren, hinter dem HI-Virus steckten amerikanische Geheimdienste, die damit wahlweise Homosexuelle, Schwarze oder Muslime massenhaft eliminieren wollten. Andere wiederum erklärten den AIDS-Erreger an sich als Erfindung sinistrer Eliten in Politik, Wissenschaft und Medien. Ähnliches dürfte sich in den Jahren der »Spanischen Grippe« abgespielt haben. Im letzten Kriegsjahr 1918 grassierten in zahlreichen Ländern Gerüchte, die Deutschen hätten das Virus wahlweise eingeschleppt oder mit Hilfe von Giftgasattacken oder dem bereits damals beliebten Aspirin unter die Leute gebracht. Im untergehenden Kaiserreich verbreiteten sich unterdessen Meldungen, das Influenzavirus H1N1 sei in Wahrheit die Lungenpest, die stets in Verbindung mit der Beulenpest auftrete und der ein massenhafter Tod von Ratten vorausgehe. Verschwinden sollte die Spanische Grippe erst sieben Jahre später. Zweifellos war sie mit prägend für eine Ära, die heute oftmals als aufregend-verrucht verklärt wird, tatsächlich aber von politischem Chaos, Armut, Hyperinflation, Straßenkämpfen und nicht zuletzt wilden Verschwörungstheorien und absurden Heilslehren begleitet war. »Inflationsheilige« wie Gusto Gräser oder Louis Haeusser sammelten verwirrte Sinnsuchende um sich und verkündeten Unsinn wie den »kommenden Übermenschen«. Im Kielwasser dieser Bewegungen fühlten sich nicht nur Freaks und Mystiker wohl, auch antisemitisches und völkisches Denken dürfte verbreitet gewesen sein.

Judenhass ist ohnehin eine der gefährlichsten Kontinuitäten vieler Pandemien und lässt sich von der Großen Pest 1347-1350 bis ins Jahr 2020 nachverfolgen. Schon vor bald 700 Jahren wurde die jüdische Bevölkerung beschuldigt, die Brunnen absichtlich mit dem Pesterreger vergiftet zu haben. Heute sucht die Meute den Sündenbock zumeist im Internet und die Theorien haben an Absurdität deutlich zugelegt, die Muster sind aber weitgehend die gleichen geblieben. Angesichts des eigenen Unvermögens, sich einen Reim auf die vielfältige, widersprüchliche und im Fall einer Virus-Epidemie auch schwer erträgliche Realität zu machen, werden »alternative Realitäten« konstruiert, einfache Antworten gesucht, Sündenböcke identifiziert. Wer sich zum erlesenen Kreis derer zählen darf, die die Wahrheit erkannt haben, fühlt sich nun als Teil einer Avantgarde, dem die Geschichte im Nachhinein recht geben wird. 

Tatsächlich dürfte im Rückblick eher das Gegenteil zutreffen. Der Verzicht auf Vernunft und Evidenz, der die Akteure des postfaktischen Spektrums auszeichnet, war schon vor Corona eine der größten Herausforderungen der Gegenwart und die Stimmen der Leugner und Spinner werden mit fortschreitendem Verlauf der Seuche lauter werden.

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