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Petra Thorbrietz

Der Arzt als Dealer

Petra Thorbrietz | 7 Kommentar(e)


Außer Medikamente zu verschreiben, hat unser Gesundheitssystem keine Strategie gegen chronische Krankheiten. Ärzte machen uns nicht heil, sondern abhängig.

18.04.2009 | 


Die Zahl der Tablettensüchtigen in Deutschland ist wesentlich höher als gedacht. Mehr als 1,5 Millionen Patienten erhalten Schlaf- und Beruhigungsmittel aus der Medikamentengruppe der Benzodiazepine über einen längeren Zeitraum, als in den Leitlinien der Ärzte vorgesehen. Das meldet der SPIEGEL unter Berufung auf eine noch unveröffentlichte Studie des Hamburger Instituts für interdisziplinäre Sucht- und Drogenforschung. Demnach schreiben Ärzte vermehrt Privatrezepte über die Arzneimittel, die ein hohes Abhängigkeitspotential haben. 800 000 Menschen sollen laut SPIEGEL auf diese Weise zu Dauerkonsumenten werden.

Der unkritische Umgang mit Benzodiazipenen ist aber nur die Spitze des Eisbergs. Die wachsende Zahl chronischer Krankheiten (jeder Fünfte in Deutschland) führt zu immer mehr Patienten mit einer Vielzahl von Symptomen, von denen die meisten mit Medikamenten bekämpft werden. Chronisch Kranke schlucken oft mehr als 15 verschiedene Arzneien – da überlagern die Neben- und Wechselwirkungen rasch die eigentlichen Symptome der Krankheit. Abzuklären, was Krankheit und was Medikamentenwirkungen sind, gehört inzwischen zum Standardprogramm jeder internistischen Visite in einer Klinik.

Krankheiten werden meist als Mangelzustand interpretiert – als „lack of medication syndrome“.  Andere Strategien hat die Medizin meist nicht parat. Dabei sterben an den Nebenwirkungen von Arzneimitteln allein in den USA jährlich rund 100 000 Patienten. Das Leiden an den unerwünschten Begleiterscheinungen führt dazu, dass viele Kranke nicht das tun, was ihnen der Arzt sagt – das schafft neue Probleme. Für Deutschland wird geschätzt, dass jedes fünfte Medikament nicht wie vom Arzt verordnet eingenommen wird. Die Folgekosten dieser mangelnden Therapietreue werden auf 15 bis 20 Milliarden EUR jährlich geschätzt. Das sind rund 10 Prozent der Gesamtausgaben für unser Gesundheitswesen. Jede vierte Einweisung in ein Krankenhaus ist vermutlich Folge mangelnder „Compliance“ (Therapietreue). Allein 40 000 Herzkranke sterben jährlich am falschen Umgang mit ihren Medikamenten.

Jedes dritte Medikament, schätzt das Umweltbundesamt, wird in Deutschland nicht eingenommen, sondern weggeworfen. Schon jetzt finden sich in unserem Trinkwasser Blutfettsenker, Antirheumaarzneien, Röntgenkontrastmittel und Schmerzmittel.

Einen besonders hohen Grad an Non-Compliance zeigen die chronisch Kranken: Die Deutsche Gesellschaft für bürgerorientierte Gesundheitsversorgung rechnet vor, dass nur jeder dritte dieser Patienten der Empfehlungen seines Arztes folgt, obwohl diese Gruppe Kranker 80 Prozent der Gesundheitsleistungen in Anspruch nimmt. Europaweit hochgerechnet, summieren sich hier Folgekosten von 200 bis 300 Milliarden Euro im Jahr. Jedes zusätzliche Compliance-Prozent würde den europäischen Gesundheitssystemen eine Ersparnis von ein bis drei Milliarden Euro bringen.

Es wird Zeit, dass die Medizin umdenkt – zum Beispiel Naturheilverfahren in ihre Behandlungen einbezieht, aber nicht einfach nur „alternativ“ – nach dem Motto, „Was nichts nützt, kann auch nichts schaden“ – so sehen das viele Ärzte. Sondern wissenschaftlich überprüft und abgestimmt auf die konventionellen Therapieansätze, wie das etwa die in Deutschland noch junge Integrative Medizin an der Essener Uniklinik macht. Auf diese Weise lassen sich Symptome lindern und die Medikamentendosis reduzieren, in einem Großteil der Fälle.

Jeden Tag einen feuchtkalten Brustwickel – so simpel wie gut gegen Überreizung und Schlafstörungen. Vielleicht zu simpel. Denn die Gesundheitsindustrie kann daran nichts verdienen. Und wir müssen selbst was tun…

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7 Kommentare

  1. Michael Kroeher |  19.04.2009 | 17:26 | permalink  

    Du bringst (mindestens) zwei Themen durcheinander.
    Zum Einen sind die Aerzte alleinfalls indirekt verantwortlich fuer die fehlende oder zu geringe Compliance, die du zu recht beklagst.

    Doch sind es die Patienten, die diese Verweigerungshaltung prakizieren. Dieser beklagenswerte Umgang mit teuren, wirkungs- und nebenwirkungsreichen Praeparaten ist zu einem Teil rational erklaerbar; zu einem nicht geringen Teil liegt aber auch in Nachlaessigkeit und Vergesslichkeit, Trotzreaktionen, vermeintlicher Besserwisserei oder fehlender Einsichtsfaehigkeit (Altersdemenz) usw. begruendet.

    Natuerlich gehoert es u.a. zu den Aufgaben der Aerzte, die Patienten zur Einnahme der teuren Arznei zu motivieren. Aber wir sollten, wenn wir – wie du das zu recht tust – die Medizin aus Patientensicht betrachten, diese Patienten auch als verantwortungsvolle Subjekte begreifen. Und wenn diese verantwortungsvollen Subjekte die teuren Pillen nicht einnehmen w o l l e n oder es vergessen und stattdessen die aufwaendig hergestellten Wirkstoffe lieber ins Klo schuetten (= der oeffentlichen Abwasserreinigung ueberantworten), dann sind sie es, die diesen erheblichen oekonomischen und oekologischen Schaden anrichten. Nicht die Aerzte.

    Zum Zweiten bin auch ich der Ansicht, dass hier zu Lande (und in vielen anderen postindustriellen Gesellschaften) zu viele Medikamente verschrieben werden.
    Wie du wuensche auch ich mir, dass zu Beginn jeder Therapie eine intenisve Bereutung zur Aenderung der Lebensumstaende stehen sollte. Bewegung und Sport, Ernaehrungsumstellungen, Entspannungstechniken usw. koennen in vielen Faellen Wunder bewirken, da gebe ich dir recht.

    Du du sprichst in deinem Blog von c h r o n i s c h e n Krankheiten.
    Also etwa von Bluthochdruck, Diabetes, Gelenkrheuma, Schizophrenie, Multiple Sklerose, Nierenversagen oder – ja, auch das gehoert dazu – von HIV/Aids.

    Moechtest du wirklich einer, sagen wir: 78jaehrigen Bluthochdruckpatientin, die seit 30, 40 Jahren an dieser im alter oft schlimmer werdenden Krankheit leidet, taeglich eine halbe Stunde joggen verordnen? Meinst du nicht, dass wahrscheinlich ihre Gelenksarthrosen (“Die Knie wollen nicht mehr so recht”…) dieser bei 40jaehrigen sicher bedenkenswerten Therapiempfehlung entgegenstehen?
    Moechtest du wirklich einem Rheumatiker seine Schmerzmittel, einer MS-Patientin ihr Interferon, einem niereninsuffizienten Dialytiker sein Epo nehmen?
    Einem HIV-Patienten oder einer Schizophrenen, der die Stimmen in ihrem Kopf gerade befehlen, mit ihrem Wagen auf die Gegenspur der Autobahn zu wechseln, moechtest du denen “mehrfach pro Tag feuchtkalte Brustwickel” empfehlen?
    DAS sind chronisch k r a n k e Menschen. Denen helfen nur noch Medikamente – oder die Dialyse, die Organtransplantation und aehnliche Errungenschaften, um die sich die wissenschaftliche Medizin seit nunmehr 150 – 200 Jahren bemueht.

    Zum Schluss: das Bild des Dealers, mit dem du die die heutigen Aerzte gleich setzt, ist falsch.
    Ein Dealer verdient an seinen Deals.
    Ein Arzt verdient jedoch (so gut wie) nichts am Verordnen von Arznei.
    Den großen Profit machen die Pharmakonzerne, worueber sich – in anderem Zusammenhang – trefflich streiten liesse. Aber auch die Pharmafirmen sind keine Dealer (weil sie nicht selber dealen….).

    Wie gesagt: Ich bin, wie du der Auffassung, dass zu viele Medikamente verschrieben werden. Aber deine Argumentation, so scheint mir, trifft nicht den Kern dieses Missstands und hilft folglich zu wenig, ihn abzustellen.

    Herzlich MK

  2. Petra Thorbrietz |  19.04.2009 | 19:45 | permalink  

    @Michael: Das habe ich mir schon gedacht, dass der feuchtkalte Wickel provoziert. :-))) Natürlich bringen uns Pauschalisierungen nicht weiter und Kneipp heilt kein Aids, kann aber sehr wohl dazu beitragen, die begleitenden Symptome zu lindern (Fatigue zum Beispiel). Die Integrative Medizin hat zum Beispiel tolle Erfolge, was die begleitende Behandlung bei Krebs (in Abstimmung mit der Onkologie anbetrifft). Zweiter Punkt: die Selbstverantwortung des Patienten. Zwar wird in diesem Land immer wieder vom mündigen Patienten gesprochen, und ich weiß auch, dass das Internet als Informationsbörse bei Krankheiten immer wichtiger wird und viele Ärzte nervt. Aber nur deshalb, weil das Medizinsystem (und das ist nicht die Schuld der Mediziner) so ausgerichtet ist, dass keine Zeit für eine individuelle Beratung bleibt. Ich denke, viele Patienten würden gerne eine engere Beziehung zu ihrem Arzt entwickeln und ein Vertrauensverhältnis aufbauen, anstatt ihre Symptome zu googeln, wenn nicht die Schilderung der Beschwerden im Durchschnitt einer Kassenpraxis nach 30 Sekunden zum ersten Mal vom Arzt unterbrochen wird. Und Du kennst doch auch die Statistik: Ein Krankenhausarzt sieht einen Krebspatienten von Aufnahme bis Entlassung (ich glaube) 12 Minuten. Jedenfalls so um diesen Dreh.
    Also geht es darum, wieder mehr individuelle und sprechende Medizin zu ermöglichen – das muss einerseits honoriert und außerdem den Ärzten auch wieder beigebracht werden. Die Medizinerausbildung kennt sowas allenfalls als “Breaking bad news”….. Aber ein bisschen früher tät ich auch schon ganz gern mal mit meinem Arzt reden…
    Drittens: Die alte Dame soll natürlich nicht joggen müssen. Aber gerade alte Menschen sind ein Paradebeispiel für überzogene Medikamentendosen und Nebenwirkungen, die kein Arzt mehr beurteilen kann. Leider ist die Geriatrie in Deutschland ein Fach, das trotz steigender Alterskurve der Bevölkerung nur ein paar Uniexperten interessiert. Sonst müssten alte Menschen keine Odysseen zwischen desinteressierten Fachärzten absolvieren, die alle nur ihren eigenen Stiefel reiten. 16000 Menschen sterben jährlich in den USA an den Nebenwirkungen von nicht-steroidalen Medikamenten, die u.a. gegen Arthroseschmerzen gegeben werden. Nachzulesen im New England Journal of Medicine (New England Journal of Medicine, Volume 341, Number 18, 1397-1399, October 28, 1999). Die alte Dame mit der Kniearthrose könnte es mit Blutegeln probieren, wo es wunderbare schmerzlindernde Effekte gibt. Veröffentlicht in renommierten Journals wie den “Annal of Internal Medicine” (A. Michalsen et al: Effectiveness of Leech Therapy in Osteoarthritis of the Knee. Annals of Internal Medicine (2003; 139: 724–730). Wenn sie weniger Schmerzmittel nimmt, bleibt ihr vielleicht auch die Dialyse erspart. Aber wie gesagt: Es geht nicht um einen Verzicht auf unsere Medizin, die ohne Zweifel hohen Standard hat. Es geht um bewussten und achtsamen Umgang mit deren Mitteln. Und es geht nicht um Alternativmedizin, sondern um Integrativmedizin. Andreas Michalsen ist seit kurzem Professor für Naturheilkunde an der Berliner Charité, die – auf dem soliden Fundament von Virchow und Robert Koch – jetzt diesen Weg gehen wollen, durch und durch wissenschaftlich. Michalsen also schreibt über die Integrative Medizin: “Es geht nicht darum herauszufinden, ob Heilfasten Rheuma lindert und dies dann der bisherigen Therapie draufzuschlagen. Vielmehr ist es unabdingbar, Erfahrung und Wissen darin zu haben, WIE man diese Patienten fasten lässt, wie Antihypertensiva, NSAR oder Antikoagulanzien während des Fastens dosisadaptiert werden und welche Rückschlüsse sich für weitere basistherapeutische Dosierungen ergeben….”

  3. Petra Thorbrietz |  19.04.2009 | 19:53 | permalink  

    @Michael: Schau Dir das alles einfach mal an:

    http://www.uni-duisburg-essen.de/naturheilkunde/de/kontakt.php
    und
    http://tinyurl.com/cq5jdz

    Herzlich zurück, Herr Dr. med. :-)

  4. Harun Badakhshi |  20.04.2009 | 12:50 | permalink  

    Sehr geehrte Fr. Thorbrietz,

    einige Anmerkungen zu Ihrem Text.

    Zitat:
    (Die Zahl der Tablettensüchtigen i……….. als in den Leitlinien der Ärzte vorgesehen. Das meldet der SPIEGEL…….)

    Kommentar:
    Die Leitlinien verschiedener Fachgesellschaften beschäftigen sich NICHT mit der Anzahl der Verordnungen pro Zeiteinheit (Tag, Woche, Monat) pro Arzt , pro Patient. Sie bschäftigen sich auch NICHT mit Fragen der Überbehandlung oder Unterbehabdlung. Wahrscheinlich meinen Sie nicht Leitlinien, dann hat sich der Kommentar erledigt.

    Zitat:
    (Krankheiten werden meist als Mangelzustand interpretiert – als „lack of medication syndrome“. Andere Strategien hat die Medizin meist nicht parat)

    Kommentar:
    Sollte sich Ihre Aussage auf die Theorie der Medizin beziehen, sollten Sie berücksichtigen, dass es eine allgemeingültige, absolute Theorie nicht gibt. Damit gibt es auch keine absolute, fixierte, für immer verbindliche “Interpretation”. Die Pathologie als Grundlehre der Krankheiten beansprucht in keiner medizinischen Fakultät in Deutschland die reine Lehre und und die theoretische und epistemische Hohheit. Kein einziger Pathologie-Lehrstuhlinhaber würde allgemeingültige, definitive “Erklärung” für Krankheiten liefern wollen. Durch den Grad der Differenzierung des spezifischen Wissens, die einen generellen, also wahren Überblick per se unmöglich macht, wäre auch eine “Interpretation” der Krankheit eine Anmaßung.
    Die Annahme der Krankheit als “Mangelzustand” finden Sie in den validen Publikationen nur unter bestimmten klinischen oder biologisch-grundwissenschaftlichen Fragestellungen, aber NICHT als eine allgemeingültige, für alle relevanten und häufigen Erkrankungen geltende epistemische Matrix. Wir interpretieren nicht komplexe Vorgänge (von Basensequenz der DNS, Proteomik, zytoplasmatische Kinetik, Memebrandynamik, Gebwebsarchitektur ..
    …….etc) mittels Meta-Erzählung des “Mangelzustandes”, da können wir Sie beruhigen.
    Die “Medizin” ( ich nehme an, Sie meinen die Lehre der Medizin) hat ein inzwischen unüberschaubares Arsenal an Strategien. Heute, im Jahr 2009, ist der Zugang der klinischen Medizin zu den Ergebnissen der Grundlagenforschung schneller und effizienter als je zuvor. Das pragmatische Denken (das immer ein Handeln ist) in der Klinik hat eine intrinsische Dynamik und interne Logik, die aussenstehende weder folgen können noch zu verstehen im Stande sind. Die Handhabung und Implementierung der modernen Medien&Technologien (inkl. Hypermedium Computer) ist in diesem Feld innovativer, wirksamer, und schneller als alle !! anderen Wissensfelder. Die “think tanks” sind überall, multipel, heterogen, valide und immer konklusiv. Ich könnte sehr gern bei Bedarf Ihnen einige Beispiele nennen und gemeinsam mit Ihnen erörtern.

    Zitat:
    (Es wird Zeit, dass die Medizin umdenkt – zum Beispiel Naturheilverfahren in ihre Behandlungen einbezieht, aber nicht einfach nur „alternativ“ – nach dem Motto, „Was nichts nützt, kann auch nichts schaden“ – so sehen das viele Ärzte.)

    Kommentar:
    Die “Medizin” gibt es nicht, sowie es keine “Schulmedizin” oder “Alternativmedizin” gibt. Also kann sie nicht denken.
    Was es gibt, ist ein hochdiffenrenziertes Spektrum epistemischer Strukturen und epistemologischer Haltungen und Tendenzen, die heute die Grundlagen unserer klinischen Praxis beeinflussen. Das “Denken”, das Sie im Gestus der Aufklärung fordern, findet längst unter anderen Umständen und in anderen Räumen statt, als Sie es von gestern kennen glauben. Jedes Laboratorium in einer Uni-Klinik, jede gute Visite auf einer Station ist ein “think tank” mit sehr rigorosen Regeln des Denkens und strengen Interpretation der eigenen Interpretation. Das Denken, das Sie zum Umschwung aufrufen, findet längst statt als ein ein klinisches, praxisorientiertes, strategisches Handeln: es macht Fehler, es korrigiert, es interpretiert, macht Fehler, analysiert, schlussfolgert und soweiter.
    Die überkommenen und obsoleten Gesten der Klutur.- und Geisteswissenschaften dem Monolith “Medizin” denken beibringen zu wollen, sind eher eine Parodie Ihrerselbst, d.h der eigenen Ohnmacht.

    Zitat:
    (…. Sondern wissenschaftlich überprüft und abgestimmt auf die konventionellen Therapieansätze, wie das etwa die in Deutschland noch junge Integrative Medizin an der Essener Uniklinik macht)

    Kommentar:
    Wunderbar.
    Erst wenn es ausreichend valide, den Grund-Kriterien einer evidenzbasierten Medizin (EMB) entsprechenden Studien über “alternativen” Prozeduren gibt, werden sie in die klinische Praxis intergriert, wo liegt das Problem?

    Danke für die Geduld.

  5. Petra Thorbrietz |  20.04.2009 | 17:13 | permalink  

    @Lieber Herr Badakhshi, etwas außer Atem vom Lesen Ihrer Epistemologien, aber gleichzeitig machen streitbare und kundige Zuschriften Freude – das bin ich vom Print-Journalismus her nicht gewohnt. (Da bekommt man Zuschriften nur von Ein- oder Seltsamen.) Danke für die Korrektur des Begriffs der Leitlinien, gemeint waren die Empfehlungen der Fachgesellschaften zur Dosierungsbegrenzung von Medikamenten mit Abhängigkeitspotential. Sicher haben Sie auch Recht, was den pauschalen Umgang mit Begriffen wie Alternativ- oder Schulmedizin angeht, aber manchmal vereinfacht es das Verstehen, und insgesamt, hoffe ich, ist bei meinem Text deutlich geworden, dass es mir nicht um monolithisches Denken oder pauschale Verurteilungen geht.
    Was das “Denken” in der Medizin und die “strenge Interpretation der Interpretation” angeht, so darf ich Ihnen als Strahlentherapeut (gegoogle-t…)sagen, dass meine Erfahrungen mit der Reflexionsfähigkeit “der Medizin”, wenn ich das jetzt mal vereinfacht so sagen darf, aus praktischer Erfahrung schöpfen. Beim Lungenkrebs meines Mannes, behandelt an einer Excellency-University, waren sich die Ärzte trotz einiger Konsile nicht klar, ob er bestrahlt oder chemotherapiert gehörte, und Sie werden aus eigener Erfahrung wissen, dass es oft dem Zufall oder dem Drittmittelfinanzier von Studien obliegt, mit welcher Strategie man sich einem Krankheitsbild nähert.
    Trotzdem bin ich keinesfalls verbittert, was die Medizin angeht, habe einige sehr engagierte Mediziner unter meinen Freunden, auch einen Strahlentherapeuten, mit denen ich immer wieder viel diskutiere), bin aber doch deutlich ernüchtert, wie wenig es gerade in Universitätskliniken um die Patienten geht, vielleicht gerade deshalb, weil die Wissenschaftler sich eher als “think tank” verstehen als als Behandler. Ihnen persönlich möchte und könnte ich das auch gar nicht unterstellen, dennoch bezweifle ich die von Ihnen geschilderte Perfektion der Selbstreflexion.
    An Ihrem eigenen Haus, der Charité, gibt es ja Bestrebungen, die Integrative Medizin auszubauen, s. http://www.egms.de/en/journals/zma/2007-24/zma000299.shtml. Gerade, was die naturheilkundliche Begleitung onkologischer Behandlungen (integrativ) angeht, gibt es sehr positive Erfahrungen, wie Sie in der Fachliteratur nachlesen können.
    Danke für Ihren ausführlichen Kommentar, und wenn Sie noch mehr meiner “Vereinfachungen” interessieren, darf ich Sie auf mein Buch “Leben bis zum Schluss” über das Sterben in Deutschland hinweisen. 2007 bei zs, München.
    Demnächst gerne mehr…

  6. Partnernetzwerk - News 21.04.09 « Der AmSeL-Gedanke Plus = Gemeinschaft |  21.04.2009 | 02:14 | permalink  

    [...] … Da stolpert man beim Lesen des SPD-Wahlprogramms schon bei den ersten drei Sätzen: […] ~~ Der Arzt als Dealer … Außer Medikamente zu verschreiben hat unser Gesundheitssystem keine Strategie gegen chronische [...]

  7. Holland, Dimitri Felix (Internist) |  23.09.2010 | 10:18 | permalink  

    @Badakschi:
    Zitat:
    “Erst wenn es ausreichend valide, den Grund-Kriterien einer evidenzbasierten Medizin (EMB) entsprechenden Studien über “alternativen” Prozeduren gibt, werden sie in die klinische Praxis intergriert, wo liegt das Problem?”

    Kommentar:
    Die “Kohle” ist das Problem. Wer wird das finanzieren? Bisher wird nur die Forschung finanziert, die einen definitiven finanziellen Gewinn bringt (Pharma, apparative Untersuchungsverfahren, Senkung der Krankenhausaufenthaltsdauer) – das ist für mich EBM, deren Effektivität enorm überbewertet ist.

    Danke für die Geduld.

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