Marvin Oppong

Gibt es noch recherchierende Journalisten?

Marvin Oppong | 11 Kommentar(e)

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16.03.2009 | 


Als Karl-Theodor zu Guttenberg Wirtschaftsminister wurde, schob jemand, der später im Bildblog anonym einen Gastbeitrag dazu veröffentlichte, dem Wikipedia-Eintrag des Adligen einen weiteren Vornamen unter. Zu den neun Vornamen kam nun der falsche Vorname Wilhelm hinzu. Die Bild-Zeitung übernahm dies gleich auf der Titelseite, auch Spiegel Online, heute.de und rp-online schrieben offenbar hemmungslos bei Wikipedia ab.

Nach dem Amoklauf von Winnenden hieß es, der Täter habe einen Schießstand bei sich zu Hause im Keller. Dies entpuppte sich als bloßes Gerücht, trotzdem stellte es unter anderem die Frankfurter Rundschau online als Tatsache hin, wie man gestern Abend bei Anne Will erfahren konnte.

Gibt es in Deutschland noch Journalisten, die recherchieren? Oder ist die Zeit dafür zu knapp geworden?

Heute und gestern veröffentlichten die Welt (“Die Tat eines Frauenhassers”) und die große österreichische Zeitung Der Standard (“Mörderischer Männerwahn”) jeweils einen Gastbeitrag von Alice Schwarzer. In der Welt zitiert Alice Schwarzer “Professor” Henner Ertel vom G.R.P. Institut für Rationelle Psychologie:

“Schon im Frühling 2007 schlug der Münchner Neuropsychologe Henner Ertel Alarm. Sein Institut für rationelle Psychologie macht seit 30 Jahren Langzeitstudien zu den Auswirkungen von Pornografie. Bei der Auswertung der Daten aus den letzten 20 Jahren stellten die WissenschaftlerInnen ‘eine dramatische Entwicklung in den letzten fünf Jahren’ fest:  [...] ‘Das Gehirn passt seine Verarbeitungsstrategien an und schützt sich gegen die Flut von Gewalt und Pornografie durch Abstumpfung.’[...] ‘Sexualität ist heute für die Mehrheit der jungen Männer, aber auch für viele junge Frauen unlösbar mit Gewalt verknüpft.’”

Im Standard zitiert Alice Schwarzer Henner Ertel fast mit denselben Passagen:

“Schon im Frühling 2007 schlug der Münchner Neuropsychologe Prof. Henner Ertel Alarm. [...] Prof. Ertel: ‘Emotionale Intelligenz und Empathiefähigkeit haben bei den Jugendlichen enorm abgenommen.’”

Was die Vorzeigekämpferin für Mündigkeit ihren Lesern leider verschweigt, ist, dass gegen Henner Ertel von der Gesellschaft für Rationelle Psychologie (G.R.P.) momentan ein Strafverfahren wegen Titelmissbrauchs läuft, weil er gar kein Professor sein soll. In dem Verfahren, das von der Staatsanwaltschaft Stuttgart bereits vor Monaten an die Staatsanwaltschaft in München abgegeben wurde, ermittelt immer noch die Münchener Polizei. Ein Psychologieprofessor aus Nordrhein-Westfalen hatte bereits im September bei der Staatsanwaltschaft Stuttgart Strafanzeige erstattet. Er wirft Ertel vor, die Grade “Doktor” und “Professor” zu Unrecht zu führen.

Als “Professor für Neuropsychologie” produzierte Ertel jahrelang Schlagzeilen mit pseudowissenschaftlichen Studien (”Berlin ist der heißeste Flirtplatz in Deutschland”, “Die mutigsten Deutschen leben in Köln”), die von Medien wie Bild, Men’s Health, P.M., dem Jugendmagazin der Bundeszentrale für politische Bildung, fluter, Playboy, Focus, Stern, FAZ, SZ, Zeit, Spiegel Online, der dpa und AFP, der Berliner Zeitung, dem Tagesspiegel und der taz zitiert wurden.

Außerdem gab Ertel an, Rektor und Vizekanzler einer “University of Neuroscience” in London zu sein. Wie meine Recherchen bei dem UPS-Unternehmen “Mail Boxes Etc.” ergaben, ist die Universität nur eine Briefkastenfirma. Als ich Ertel für diesen taz-Artikel fragte: “Führen Sie die akademische Bezeichnung ,Professor’? Wenn ja, von welcher Bildungseinrichtung wurden Sie in welcher Fachrichtung zum Professor berufen?” forderte Ertel, der unter einer Schweizer Nummer erreichbar war, für den Aufwand, diese und vier weitere Fragen zu beantworten 190 Schweizer Franken.

Über die Geschäftspraktiken des Insituts für rationelle Psychologie berichtete ich auch bei Spiegel Online und hier und hier im Blog Ruhrbarone, wo auch ein “Henner”, eine offenbar ebenfalls mit Ertels Institut in Verbindung stehende “Petra” und eine “U. Ertel” (Henner Ertels Frau heißt Ulrike) erheiternde Kommentare hinterließen.

In diesem Beitrag, in dem das NDR-Magazin ZAPP einige meiner Recherchen ohne entsprechende Kenntlichmachung übernahm, kann man auch sehen, dass es sich bei den “Wissenschaftlern”, die Alice Schwarzer zitiert, offenbar nur um eine einzelne Dame an einem Empfangsschalter in einem Stuttgarter Bürohaus handelt.

Die von Alice Schwarzer herausgegebene Zeitschrift Emma hatte in der Vergangenheit offenbar ein gutes Verhältnis zu Ertel: Hier und hier zitiert man Ertel; in einem Interview der Islamischen Zeitung mit Cornelia Filter, “Journalistin und Feministin und arbeitete unter anderem für die ‘Zeit’, die ‘Frankfurter Rundschau’, ‘Brigitte’ und insbesondere auch der ‘Emma’” vom Oktober 2008 (also nach Einleitung des Strafverfahrens gegen Ertel) heißt es:

“Das von Alice Schwarzer herausgegebene Magazin EMMA berichtete im Herbst 2007 in einem Dossier über die Pornografisierung von Medien, Mode und Kultur. Auch die Frage nach dem Zusammenhang von Pornografie und sexueller Gewalt wurde gestellt. Im Frühling 2007 hat der Münchner Neuropsychologe Prof. Henner Ertel, der seit 30 Jahren Langzeitstudien zu den Auswirkungen von Pornografie macht, Alarm geschlagen. Denn in den letzten fünf Jahren habe er eine dramatische Entwicklung festgestellt. ‘Was da auf unsere Gesellschaft zukommt, ist das Grauen’, sagte er zu EMMA.”

Der freie Journalist Jochen Paulus, der die ganze Geschichte über die G.R.P. überhaupt erst ins Rollen brachte, schrieb im April 2008 in Zeit Wissen über eine angeblich 1,6 Millionen Mark teure G.R.P.-Studie :

“Nicht die Pornoindustrie, ‘wie der Autor glaubhaft versichert’, schrieb Emma 1991, ‘finanziert wurde sie fast vollständig aus einem Mitarbeiter-Fonds der GRP, in den die Überschüsse aus der gutbezahlten Auftragsforschung fließen’. Heute äußert sich Ertel anders: ‘Die Beate war sehr großzügig.’ Die Beate Uhse AG bestätigt auf Nachfrage, es seien ‘einige Tausend’ Mark bezahlt worden. Die Sache bleibt mysteriös.”

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11 Kommentare

  1. Mahner |  16.03.2009 | 19:00 | permalink  

    dieser Fake-Prof. ist doch schon ein alter Hut.

  2. Marvin Oppong |  16.03.2009 | 20:43 | permalink  

    Das habe ich doch auch geschrieben (”Ein Psychologieprofessor aus Nordrhein-Westfalen hatte bereits im September bei der Staatsanwaltschaft Stuttgart Strafanzeige erstattet”). Trotzdem nennt Alice Schwarzer Henner Ertel heute in der Zeitung “Professor” und zitiert seine “Studien”.

  3. Ähem |  17.03.2009 | 03:35 | permalink  

    Nur mal so bzgl. Genauigkeit beim Recherchieren: Den Exra Namen brachte nicht jemand von Bild-Blog in die Wikipedia, der betreffende gab es nur bei Bild Blog zu, nachdem Bild die Information so übernommen hatte.

  4. 6 vor 9: ProSieben, Schwarzer, Stewart, Davies » medienlese.com |  17.03.2009 | 08:55 | permalink  

    [...] 2. “Gibt es noch recherchierende Journalisten?” (carta.info, Marvin Oppong) Alice Schwarzer belegt ihre Thesen in der Welt und im Standard zu den Auswirkungen von Pornografie mit Untersuchungen von Henner Ertel vom G.R.P. Institut für Rationelle Psychologie. Dieses wurde aber 2008 von Jochen Paulus in der Zeit als unseriös enttarnt. Gegen Henner Ertel läuft ein Strafverfahren, ihm “wird vorgeworfen, die Grade ‘Doktor’ und ‘Professor’ zu Unrecht zu führen.” [...]

  5. “Ein Platz an der Sonne” für Deutschland - Kolonialschlachruf als Motto der ARD-Fernsehlotterie « black.in.nrw |  17.03.2009 | 12:45 | permalink  

    [...] and Getagged: Black History, deutsche Kolonialpolitik, Marvin Oppong, Medien, Presse Pointer: Marvin Oppong recherchiert für die BZ den kolonialen Bezug der Formulierung “Ein Platz an der [...]

  6. Siegfried Siewert |  17.03.2009 | 14:48 | permalink  

    Dass der Missbrauch von Titeln kein Einzelfall ist, wird unter anderem hier deutlich. Wir mussten gleich eine eigene Kategorie eröffnen…

  7. Marvin Oppong |  17.03.2009 | 15:41 | permalink  

    @Ähem:

    Sie haben natürlich Recht. Ich habe im Bildblog das Wort “Gastbeitrag” überlesen. Vielen Dank für den Hinweis. Ich habe den Text nun entsprechend geändert.

  8. Marvin Oppong |  17.03.2009 | 16:24 | permalink  

  9. Fehlerliebe « SpiegelKritik |  17.03.2009 | 23:01 | permalink  

    [...] Kommentaren zum Amoklauf von Winnenden auf einen Professor, der womöglich gar kein Professor ist. Der Hinweis darauf von Marvin Oppong in Carta ist gut und wichtig. Nur seine Leitfrage dazu ist Banane: “Gibt es in Deutschland [...]

  10. Sammelsums |  18.03.2009 | 14:53 | permalink  

    Gibt es noch recherchierende Journalisten? …

    Gibt es noch recherchierende Journalisten?…

  11. Marvin Oppong |  23.02.2010 | 22:42 | permalink  

    Mittlerweile gab es in dem Verfahren gegen Henner Ertel schon einen Gerichtstermin, der allerdings ohne Begründung verschoben wurde: http://www.zeitverlag.de/pressemitteilungen/angeblicher-psychologie-professor-muss-vor-gericht/

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