Wolfgang Michal | 21 Kommentar(e)
Das ZEITmagazin hat Günter Wallraff ausgegraben. Spricht das für die Zeit oder gegen sie?
16.03.2009 |
Günter Wallraff, 66, könnte sich zufrieden zur Ruhe setzen. Auf seine alten Tage müsste er keine kleinen Brötchen mehr backen und nicht in kalten Nächten unter Brücken schlafen. Aber Wallraff findet keine Nachfahren, die ihn ersetzen könnten. Obwohl die Kluft zwischen denen da oben und denen da unten wächst. Also muss Wallraff bis zum Sankt Nimmerleinstag weiter machen. Muss Rennrad fahren und Marathon laufen und sich 20 Jahre jünger schminken, um all die Jobs zu kriegen, die eigentlich für Jüngere gedacht sind. Wo, bitte, sind unsere 30-jährigen Reporter?*
Ist ihnen die Welt da unten egal?
Sie kleistern ihre Lifestyle-Blättchen mit Mode, Geschenktipps und Fotogalerien zu. Sie interviewen Stars und porträtieren „Erfolgstypen“. Sie erfinden Zeitschriften für verwöhnte Hunde (dogs) oder männliche Gourmets (beef). Sie richten sich ein in ihren immer gleichen Mittelstandsmedien und schreiben ihre Mittelstandsgeschichten über ihre Mittelstandsprobleme, während die Sozialreportage („Oh Gott, bloß das nicht!“) aus den Medien fast verschwunden ist.
Arme & Arbeiter kommen in den Medien nur vor, wenn man sie denunzieren kann (Hartz-IV-Schlampen, Kinderverwahrloser, Bildungsdeppen). Für etwas stehen, etwas riskieren, ein Thema durchsetzen, das ist nicht das Ding der jungen Reporter. ** Sie wollen bloß unterhalten.
Opa Wallraff wird’s schon richten.
*Das Durchschnittsalter der für den Egon Erwin Kisch-Preis nominierten Journalisten lag im vergangenen Jahr bei 53,5 Jahren.
**Zur Verteidigung der jungen Journalisten muss natürlich erwähnt werden, dass nicht sie darüber entscheiden, ob Sozialreportagen gedruckt werden. (Bleibt andererseits die Frage, ob die Jungen jemals welche vorschlagen).


“[Sie] schreiben ihre Mittelstandsgeschichten über ihre Mittelstandsprobleme” — das ist der Satz, an dem ich (U30, Texte lesend und bisweilen auch schreibend) hängen geblieben bin.
Es ist ja, anders als Sie behaupten, keineswegs so, dass junge Journalisten “bloß unterhalten” wollen. Aber spontan erscheint das schon zustimmungswürdig: da, wo politisch gedacht und geschrieben wird (Generation Praktikum & Prekariat, Popfeminismus, urbane Penner & digitale Bohème, Stasi 2.0, etc.), geht es oft um uns selbst.
[...] Wolfgang Michal setzt zum journalistischen Generationendiss an: “[Der 66-jährige Günter Wallraff] muss Rennrad fahren und Marathon laufen und sich 20 Jahre jünger schminken, um all die Jobs zu kriegen, die eigentlich für Jüngere gedacht sind. Wo, bitte, sind unsere 30-jährigen Reporter? [...] Sie kleistern ihre Lifestyle-Blättchen mit Mode, Geschenktipps und Fotogalerien zu. Sie interviewen Stars und porträtieren „Erfolgstypen“.” Ich bin gespannt auf die Diskussion. « Wörter zu Nebelkerzen: Was bitte ist “Waffenmissbrauch”? [...]
Eine sehr schwierige Frage, die hier aufgeworfen wird. Könnte es daran liegen, dass viele Verlage heute nicht mehr bereit sind, Journalisten monatelang dafür zu bezahlen dass sie irgendwo (verdeckt) recherchieren anstatt täglich in der Redaktion zu erscheinen und ein oder zwei Artikel abzuliefern, damit die nächste Zeitungsausgabe rechtzeitig voll wird?
Ein weiteres Problem könnte die Globalisierung sein: Als Günter Wallraff mit seinen Berichten Schlagzeilen machte, war die Welt eindeutig noch kleiner und ihm die Aufmerksamkeit der (alten) Bundesrepublik sicher. Heute konkurrieren (deutsche) Sozialreportagen mit Berichten von Kinderarbeit in Indien, den Lebensverhältnissen der Bauarbeiter in Dubai oder den schwierigen Verhältnissen illegaler Einwanderer in den USA. Da relativiert sich leider mancher Missstand in Deutschland oder geht in der Flut der (globalen) Katastrophenmeldungen unter.
Lieber Wolfgang,
mit dem Medium altert eben auch das Personal. Das ist so ähnlich wie mit Techno DJs: Vielleicht ist ja Wallraff der Westbam des betroffenheitsrecherchierenden Print-Journalismus.
Mir ist die Wiedererweckung durch die Zeit auch schleierhaft. Auch hier scheint das Vertrauen auf große Namen grösser als das Vertrauen in journalistische Originalität.
lg,
robin
Bevor wir hier die Interessen der jungen Journalisten in Frage stellen, muss auch gefragt werden, wer ihnen Zugang zur Ausbildung gewährt?
Mittelstandskinder schreiben in Mittelstandsmedien über Mittelstandsprobleme – Ganz richtig.
Wie bekommt man nun andere junge Leute dazu Journalismus mit zu gestalten?
Die Lösung den Mittelstandsjournalismus zur Sozialreportage zu verdonnern, halte ich für völlig ungenügend.
An der Motivation liegt es nicht, zumindest nicht bei den U30 Journalisten, die ich regelmäßig in meinen Schulungen vor mir habe. Allerdings sagen die selber, dass solche Themen vielleicht einmal im Monat als “Seite Drei” durch gehen, wenn es die denn überhaupt noch gibt. In Blogs gibt es durchaus, wenn auch sehr vereinzelt, solche Geschichten, aber kaum einer kann sich den Luxus erlauben, mal drei Monate ohne Bezahlung abzutauchen. Zu mal ich auch nicht glaube, dass ein Blog das richtige Medium für so eine Sache wäre.
Das Problem liegt wohl nicht nur bei der vergnügungssüchtigen Jugend, sondern auch bei den Redaktionen, die lieber “nette” Geschichten drin haben wollen, damit die Werbekunden auch den Platz daneben buchen.
Man könnte jetzt viel darüber streiten, wer schuld hat, dass sich der Journalismus immer mehr boulevardisiert, Promi-Klickstrecken alles beherrschen und kaum noch investagtiv gearbeitet wird. Ist es der Kostendruck, sind es die verantwortlichen Chefredakteure – oder die Journalisten selbst? Eine Gruppe wird fast nie verdächtigt: Die Leser.
Ich bin selbst freier Journalist und kenne die Klickstastiken zweier deutscher Nachrichten-Portale recht genau. Seit es Online-Journalismus gibt, werden Journalisten mit einer schonungslosen Wahrheit konfrontiert: Gut recherchierte, hintergründige Berichte werden einfach nicht gelesen, dafür Kurioeses, Sex, Promi-Geschichten und Skandale. Da alles treibt in einer derart ökonomisierten Branche, die sich zudem noch in einer substantiellen Krise befindet, immer mehr Journalisten dazu, den Leuten genau das zu geben, was sie überwiegend offenbar wollen. Sie übergeigen und dramatisieren.
Langsam habe ich das Gefühl, dass sich dieser Trend wieder auf dem Rückzug befindet, weil so manch einer merkt, dass sich mit übergeigten Überschriften zwar kurzfristig glänzende Klick-Zahlen erreichen lassen, langfristig aber die Leser wegbleiben.
Damit Sie nicht allzu sehr an der Jugend von heute verzweifeln müssen, hier ein paar Lesetipps bei der direkten Konkurrenz:
“Auf der Straße” von Christine Zerwes
http://sz-magazin.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/27824
“Einer von uns” von Bastian Obermayer
http://sz-magazin.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/4019
Aber auch bei der ZEIT selbst konnte man z.B. diese Geschichte von Marian und Anita Blasberg lesen: http://www.zeit.de/2007/11/Illegale
Alle vier JournalistInnen um die 30 und damit in der von Ihnen verschmähten Gruppe. Ich würde Matthias Schwenk in seiner Vermutung zustimmen, dass sich ein Medium erst einmal leisten (wollen) muss, großen Aufwand und damit Zeit und Geld in Sozialreportagen zu investieren. Das fällt dem ein oder anderen Chefredakteur/Geschäftsführer eben bei einem bekannten Namen wie Wallraff leichter.
Es gibt ja auch noch Markus Breitscheidel …
@robin meyer-lucht: Über den Westbam-Vergleich habe ich sehr lachen müssen. Und ich glaube, da ist sogar was dran. Martin-Walser-Romane müssen ja auch immer noch von Martin Walser geschrieben werden.
Nette Polemik. Ich weiß nicht, ob Sie das im Hinterkopf hatten: Ihre These enspricht genau dem Ergebnis einer Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung. Journalistenschüler wurden zu ihrer Berufsauffassung befragt. Viele wollten informieren und “Service” leisten, nur eine Minderheit gab an, sich als “Anwalt für schwächere” engagieren zu wollen. Ich bedaure das auch.
Aber es greift zu kurz, dass alles immer nur auf das vermeintlich verschobene Wertesystem der jungen Journalisten zurückzuführen. Es ist einfach so, dass der Anpassungsdruck im Journalismus viel größer geworden ist – wenn man als Student den Weg in diesen Beruf sucht. Schon in der Ausbildung wird man dazu angehalten, bei der Themenwahl den Markt im Auge zu behalten. Dieser Druck verdoppelt sich dann, wenn man als Freier arbeitet. Zumal die Honorarsätze kaufkraftbereinigt ein Vielfaches unter dem liegen, was noch vor 25 oder 30 Jahren gezahlt wurde.
Es ist schön, dass die ZEIT einen Honoraretat für Wallraff freischaufelt. Aber hätte das die Redaktion auch für einen ambitionierten, talentierten Sozialreporter von 31 Jahre getan? Ich glaube nicht. Weil der Name Wallraff eben zieht (zurecht!). Das sollte man bei seinen Reportagen immer berücksichtigen – seine Themen müssen nicht mit anderen auf dem Markt konkurrieren. Die Marke Wallraff ist konkurrenzlos.
Das Kernproblem ist doch, dass heute die wirklich interessanten Stellen mit Leuten besetzt sind, die seit 10, 15, 20 Jahren im Geschäft sind. Eben jene Stellen, auf denen man sich heute noch Sozialreportagen leisten kann. Die Alten haben die Tür zugemacht. Wer heute jung und Journalist ist, durchlebt oft eine mehr oder minder lange Phase des Freiendaseins. Das prägt. (kurze Anmerkung zu ihrer Kisch-Preis-Fußnote: Vielleicht liegt es auch daran, dass junge Menschen heute oft bei Online-Medien arbeiten. Und welcher Kisch-Juror würde schon eine 8000-zeichen-Reportage, so gut sie auch ist, als preisverdächtig sehen, wenn es jahrelang Tradition war, nur 30000-Zeichen-Riemen zu prämieren?
Es gibt jedoch auch erwähnenswerte Ausnahmen, die sie wahrscheinlich übersehen haben: Julia Friedrich zum Beispiel, mit ihrer Recherche zum Thema Elite. Oder Leute wie Christian Fuchs, der eine ziemlich gute geschichte über die Atomlobby in der ZEIT veröffentlich hat. Das zeigt: Es gibt sie, die jungen kritischen Köpfe. Aber wo sind die Branchegrößen, die ihnen wirklich mal eine Chance geben?
Oh, hat mich dieser Text wütend gemacht. Natürlich gibt es gute junge Journalisten, die investigativ recherchieren, über Monate hinweg. Natürlich denken auch junge Journalisten kritisch und sozial.
Natürlich?
Nein, natürlich gibt es nur Autoren über alle Generationen hinweg, die sich beklagen.
Beklagen geht immer, selbst aktiv werden ist schon schwieriger. Vielleicht musste Wallraff am Anfang auch viel investieren, um jetzt im Rentenalter ein gefeierter Journalist zu sein?
Ich weiß von mehreren jungen Fotografen, die von sich aus “schwierige” Reportagen fotografiert haben, und sie erst im Nachhinein zum Beispiel dem Stern angeboten haben. Dessen Bildredaktion, ist laut Eigenaussage, durchaus offen für unbekannte Fotografen. Ich denke, bei Autoren dürfte es ähnlich sein.
“Unsere” Generation ist ich-bezogen, keine Frage. Allein schon deshalb, weil es zuhauf Leute gibt, die sich darüber aufregen.
Aber:
1. Es gibt Ausnahmen.(s.o.)
2. Nur drüber reden hilft nicht!
Deshalb: Jeder der Kommentatoren sucht sich ein Thema aus, fotgrafiert oder schreibt es. Auf eigene Kosten, auf eigenes Risiko. In drei Monaten treffen wir uns wieder und erzählen uns welches Medium unser Werk refinanziert und veröffentlicht hat.
Mit besten Grüßen,
Benjamin,
der jetzt eine heiße Schokolade trinkt.
Heiße Schokolade hilft nicht gegen Wut! Denn sie beruhigt.
Viele der in den Kommentaren genannten Einwände sind richtig & doch gleichzeitig entschuldigend. Natürlich, es gibt tausend Gründe, warum dies oder das nicht geht: Fehlende Recherche- und Reise-Etats, mangelndes Gespür für Entwicklungen bei den Chefs, zu naher Tellerrand, zu geringe Quote, zu viel Aufwand, keine Zeit etc. Aber – und da mag ich mich wie mein eigener Großvater anhören – das Vorrecht der Jungen ist es, Sachzwänge und Bedenkenträger zu ignorieren und so lange zu drücken, bis es eben doch geht (auch Wallraff hat ja mal klein angefangen).
Der Zugang zur Ausbildung ist heute stark verengt, auch das stimmt. Und es ist kein Wunder, dass talentierte Arbeiterkinder wie der Ex-Reporter Christoph Scheuring in dieser Mittelstandshochburg nur schwer zurecht kommen.
Dass die Globalisierung Missstände in Deutschland relativiert und deshalb Sozialreportagen hierzulande kein so großes Interesse mehr hervorrufen wie in den sechziger und siebziger Jahren ist übrigens das gleiche Argument, mit dem Lohndumping in Deutschland begründet wird: Guckt mal, denen geht es noch schlechter. (Allerdings gehörte Wallraff mit seinen Reportagen in Griechenland und Portugal zu denen, die die provinzielle Reportage in Deutschland wieder internationalisiert haben).
Und noch was: Ausnahmen, Nele, gibt es. Die stechen heraus. Es sind bloß zu wenige. In Zeiten, in denen die einen eine 20-Millionen-Pension einstreichen und die anderen 3,50 Euro die Stunde verdienen!!
[...] bei “Carta”: “Das ‘Zeit-Magazin’ hat Günter Wallraff ausgegraben. Spricht das für die Zeit oder gegen sie?” [...]
Lieber Jan-Eric Peters,
In Reaktion auf meinen Beitrag „Keine Rente für Wallraff!“ (jepblog, Kommentar 13) decken Sie noch einmal ‚die dunkle Vergangenheit’ von Wallraff auf. Gab es da nicht mal was mit der Stasi!? Sie verweisen in diesem Zusammenhang auf folgenden Punkt und unterstreichen ihre Beobachtung auch noch mit einer Zeitleiste:
„33 Bücher veröffentlichte Günter Wallraff zu Zeiten der DDR. In den Jahren danach war es nur eins: “Ich – der andere. Reportagen aus vier Jahrzehnten”. Ein Sammelband.“
Ich meine, wir sollten daraufhin die Veröffentlichungspraxis anderer Autoren noch einmal kritisch durchleuchten. Hat nicht Hans-Magnus Enzensberger die meisten seiner Bücher zu Zeiten der nordkoreanischen Diktatur veröffentlicht? Und hat Albert Camus die meisten seiner Schriften nicht zu Stalins Zeiten publiziert?
Da wird noch manches ans Tageslicht kommen! Aber der Clinch zwischen Springer und Wallraff ist unter rationalen Gesichtspunkten wohl nicht zu begreifen.
Herzlichen Gruß
Wolfgang Michal
Ich möchte mal wissen, wie Chefredakteure in aller Regel reagieren, wenn ihre Autoren, zumal junge, den Vorschlag machen, einfach mal ein paar Wochen lang undercover unter Obdachlosen zu recherchieren (und für viele von uns Jungen wäre das doch ein Traum – selbst wenn wir dafür unter “kalten Brücken” schlafen müssten, das ist doch wirklich nicht das Problem!). Doch die Chefs würden vermutlich irritiert gucken – und damit hätte sich die Sache dann erledigt.
Geschichten mit sozialem Touch sind out. Zu wenige Magazine vertrauen heute noch auf die Kraft der Sozialreportage an sich – was mir, ehrlich gesagt, ein Rätsel ist. Da muss schon ein Name wie Wallraff mitschwingen, damit so ein Vorschlag überhaupt die Chance bekommt, ernst genommen zu werden. Mit dem Namen “Wallraff” kann man schließlich am Kiosk hausieren gehen.
Ich bin überzeugt, dass Sozialreportagen immer noch der Traum vieler junger Journalisten sind (zumindest kenne ich viele, denen es so geht). Zufällig kann ich auch bezeugen, dass unzählige, sogar gute Themenvorschläge gemacht, dass diese aber häufig in der Redaktion im Keim erstickt werden. Auch weil jungen, unbekannteren Autoren nicht zugetraut wird, die Geschichten “gut” aufschreiben zu können und den Ton zu treffen – was bei Sozialreportagen in der Tat um so wichtiger ist. Das artet ja dann eventuell in Arbeit für andere aus. Und Zeit ist heutzutage ein rares Gut – auch, oder vor allem, in unterbesetzen Redaktionen, wo betreuende Redakteure an zehn Fronten gleichzeitig kämpfen müssen.
Was, bitte, bleibt einem übrig, wenn abgewunken wurde? Auf eigene Faust und Kosten wochenlang zu recherchieren? Wer das in der heutigen Zeit fordert, ist nicht von dieser Welt.
Es ist absurd, Wallraff als eine Art “Märtyrer unter den Reportern” darzustellen. Er darf immerhin, was andere nicht dürfen. Er wird hofiert. Dabei fallen mir so einige “Nachfahren” ein, die würdig sind, ihn zu ersetzen und dies in der Tat auch schon tun. Auch sie werden mit ihren Texten sehr wohl für Preise nominiert! Warum nicht mehr von ihnen für den Nannen-Preis, ist mir ohnehin ein Rätsel (aber das ist eine andere Geschichte). Lieber Wolfgang Michal, sie sind mitten unter uns – man muss sie nur sehen wollen!
Hier die Antwort von Jan-Eric Peters auf den Kommentar von Wolfgang Michal:
Lieber Wolfgang Michal,
ich decke die dunkle Vergangenheit von Günter Wallraff keineswegs noch einmal auf, die liegt ja offen, man muss nur hinsehen wollen. Aber ich wundere mich, ja ich ärgere mich auch, dass die größte Wochenzeitung des Landes Wallraff völlig distanzlos zu ihrem Chefaufklärer befördert, obwohl sie um dessen Vergangenheit weiß. Die „Zeit“ selbst hat vor ein paar Jahren sehr vernünftig darüber geschrieben (http://www.zeit.de/2003/38/Rosenholz?page=all).
Sie und andere Kritiker machen es sich für meinen Geschmack viel zu einfach, die Auseinandersetzung mit Wallraff immer nur unter dem Gesichtspunkt einer Auseinandersetzung zwischen Springer und Wallraff zu sehen. Dieser „Clinch“, wie Sie es nennen, ist mir völlig wurscht (und die Enthüllungen zu meiner Zeit bei der „Welt“ betrafen längst nicht nur Wallraff, sondern auch andere, beispielsweise einen Chefredakteur des eigenen Verlages). Mir geht es um Grundsätzliches.
Ich habe „Ganz unten“ verschlungen, als ich 20 war, die Erstausgabe steht bei mir im Regal. Das Buch hat mich begeistert und in meinem Wunsch bestärkt, ich war damals Journalistenschüler, als Reporter zu arbeiten. Aber soll ich deshalb beide Augen zudrücken, wenn sich der Autor ins Zwielicht begibt? Man kann Recht und Unrecht nicht gegeneinander aufwiegen. Wer sein Gewissen zum Maßstab erhebt und sich erlaubt, andere an den Pranger zu stellen, für den dürfen sogar besonders strenge Maßstäbe gelten, meine ich.
Stellen Sie sich einfach mal vor, da hätte ein Journalist eines demokratischen Landes aus freien Stücken mit dem Geheimdienst einer Diktatur zusammengearbeitet, der Oppositionelle unterdrückt, gefoltert und umgebracht hat. Und bei Wallraff ist es höchstwahrscheinlich genau so gewesen. Wie ließe sich das rechtfertigen?
Taugt so jemand als Ikone der Aufklärung? Was meinen Sie?
Beste Grüße,
jep
P.S. Ihre Bemerkungen zur Grafik sind ganz lustig, aber gehen doch an der Sache vorbei. Oder wurde Camus von Stalins Geheimdienst als Spitzel geführt?
@Luzie
Sie schreiben, der Wunsch der jungen Reporter, eine Sozialreportage zu schreiben, würde sich wahrscheinlich schon dann erledigen, wenn die Chefs bei einem solchen Vorschlag nur irritiert gucken. Ich finde, das bringt die ganze Problematik wunderbar auf den Punkt. Wer sich so leicht abbringen lässt, wird es natürlich schwer haben als Reporter… Aber Sie fordern zu Recht, dass wir die Jungen mehr ermutigen müssten.
@Jan-Eric Peters
Ich will das eigentliche Thema: “Wo sind die jungen Reporter?” jetzt nicht zum Thema Wallraff machen. Ich bin aber aufgrund des Denkens und Verhaltens von Günter Wallraff (der Heinrich Bölls undogmatischem Denken nahe steht) überzeugt, dass er zumindest nicht wissentlich mit der Stasi zusammengearbeitet hat. Es gab Leute, die die Archive der Diktatur DDR benutzen durften (z.B. für Recherchen über Kriegsverbrecher und Kriegsprofiteure, die nach 1945 unbehelligt im Westen weitermachen konnten). Ob diese Informationsbeschaffung erlaubt ist, darüber könnten wir jetzt lange rechten. Wie hätten Sie wohl als Reporter gehandelt? Eine andere Frage ist, ob es dafür Gegenleistungen gab, und die ist bis jetzt unbeantwortet. Den Rechtsstreit hat Wallraff jedenfalls gewonnen.
@ Wolfgang Michal
Ja, lassen Sie uns das nicht endlos ausweiten. Nur eine kurze Anmerkungen noch, weil Sie den Rechtsstreit erwähnen. Im Urteil heißt es, dass die vorgelegten Dokumente „den Verdacht stützen, dass der Kläger IM (Inoffizieller Mitarbeiter) des MfS (Ministeriums für Staatssicherheit) war“. Sie erbringen lediglich “keinen Beweis für die subjektive Seite des Geschehens”, weil “nicht zwingend“ folge, dass Wallraff „willentlich und wissentlich” mit der Stasi zusammengearbeitet hat.
Wir müssen jetzt nicht darüber diskutieren, ob ein investigativer Reporter vom Kaliber Wallraff hätte wissen müssen, mit wem er sich da im SED-Staat einließ. Aber die “Zeit” hätte es bei ihrer Entscheidung berücksichtigen und den Lesern erklären sollen.
absurde debatte. erinnert mich ein wenig an die umtriebe der neocons in den usa, die auf dem höhepunkt ihrer macht alle andersdenkenden politisch zu diskreditieren suchten.
substanziell habe ich von herrn peters nichts erfahren, was den wahrheitsgehalt von “aufmacher” und “ganz unten” infrage stellen könnte. wenn also seine verdienste nicht anzuzweifeln sind, warum sollte man der zeit das recht absprechen, ihn zu publizieren?
[...] Keine Rente für Wallraff! — CARTA [...]
[...] Keine Rente für Wallraff! (CARTA) [...]