Friedrich Schneider | 4 Kommentar(e)
Von Seiten der Politik wird die Kurzarbeit als „ideales“ arbeitsmarktpolitisches Instrument gepriesen, denn sie würde Entlassungen vermeiden. Tatsächlich kann sie für viele eine effiziente Überbrückung bieten. Für Betriebe aber, die sich in einer strukturellen, langfristigen Krise befinden, nützt sie herzlich wenig.
03.03.2009 |
Aufgrund der Weltwirtschaftskrise hat in den letzten Monaten auch in Deutschland und in vielen anderen europäischen Staaten die Kurzarbeit dramatisch zugenommen. Von Seiten der Politik wird die Kurzarbeit als „ideales“ arbeitsmarktpolitisches Instrument gepriesen, denn sie würde Entlassungen vermeiden und sie würde damit wesentlich zur Stabilisierung der Binnennachfrage, d.h. der Kaufkraft, beitragen, denn jeder der arbeitslos ist, hat natürlich ein wesentlich geringeres Einkommen. Es stellt sich die Frage, ist Kurzarbeit tatsächlich ein derartig „ideales“ Instrument?
Kurzarbeit ist sicherlich ein „ideales“ Instrument, wenn ein kurzer, heftiger konjunktureller Abschwung folgt, wenn eindeutig erkennbar ist, dass der Aufschwung sehr rasch wieder kommt, und wenn die von Kurzarbeit betroffenen Industrien marktfähige, d.h. kompetitive und zukunftsträchtige Produkte herstellen. In diesen Fällen erweist sich Kurzarbeit als Segen. In Deutschland, wie auch in vielen anderen Ländern, haben wir jedoch eine Reihe von Industrien, die mit großen strukturellen Problemen zu kämpfen haben. Sicherlich das bekannteste Beispiel ist die Automobilindustrie, die größtenteils Produkte produziert hat, die heute kaum mehr nachgefragt werden, und die Entwicklung eines treibstoffsparenden und ökologisch nachhaltig orientierten Automobils „verschlafen“ hat. In diesem Fall hilft Kurzarbeit nicht weiter, weil es die strukturelle Krise nur verlängert, und sie vermindert den Anreiz der Produzenten und der Eigentümer, sich rasch auf neue, zukunftsträchtige Produkte umzustellen. Für die langfristige Entwicklung dieser Industrie kann somit Kurzarbeit eher als Fluch denn als Segen wirken, da die notwendigen raschen Umorientierungen nicht erfolgen.
Werden dann noch diese Industrien mit staatlichen Geldern subventioniert, ist der Anreiz noch geringer, die notwendigen Strukturveränderungen, sowohl in der Produktion, als auch in der langfristigen Entwicklung, durch neue Produktentwicklungen/-innovationen vorzunehmen. Fasst man zusammen, so erkennt man eindeutig, dass Kurzarbeit sicherlich für einige Industriebereiche ein effizientes Instrument ist, um für eine gewisse Zeit den konjunkturellen Einbruch abzufedern und einen Teil der Binnenmarktnachfrage zu erhalten; für andere Betriebe, die sich in einer strukturellen, langfristigen Krise befinden, nützt sie aber herzlich wenig.



Herr Schneider,
Sie haben natürlich Recht. Aber in der Krise ist das “Nach” im Strukturwandel kaum mehr denkbar. Da ist Kapitalismus dann schon sehr trostlos. Aber klar, wir zahlen unsere Subventionitis am Ende mit Inflation zurück.
Vielleicht könnten Sie im nächsten Artikel darüber schreiben, wie man sich und sein Vermögen am besten vor der Inflation schützt, denn auf nichts anderes scheint alles dieses Subventionierungen und schutzschirmen hinauszulaufen.
simona
Für die Kurzarbeiter hat das Ganze noch einen viel überraschenderen Effekt. Mit Bezug des Kurzarbeitergeldes muss sich der Kurzarbeiter der Arbeitsagentur wie ein Arbeitsloser unterwerfen. D.h. er muss sich während dieser Zeit auf jede von der Arbeitsagentur angebotene Stellen bewerben, auch wenn er dort weniger verdienen sollte. Lehnt er dieses Angebot ab oder tritt er die Stelle bei Interesse des neuen Arbeitgebers nicht an, wird ihm analog zur Arbeitslosenregelung die staatliche Unterstützung gestrichen.
So und jetzt haben die Arbeitgeber noch ca. 16 Monate Zeit, individuelle firmeneigene Leiharbeitsagenturen zu gründen und ihre Belegschaft dorthin zwangszuvermitteln. Das spart dann nämlich Abfindungszahlungen im Falle von Werksschließungen. Und wenn sie klug sind, warten sie bis nach den Bundestagswahlen, bevor sie damit anfangen. Denn die Betriebsräte müssen ja von solchen Aktionen unterrichtet werden und das wäre ein gefundenes Fressen für wahlkämpfende Gewerkschafter.
Denkbar wäre aber auch, dass genau dieses Szenario Grund für die ansonsten nicht nachvollziehbare Verlängerung der Kurzarbeit von 12 auf 18 Monate war. Diese Verlängerung wurde ja schon bisher jährlich von den gesetzlichen 6 Monaten auf 12 Monate aufgestockt. So entsteht für entsprechend planende Unternehmen Rechtssicherheit über den Bundestagswahltermin hinaus.
@ Langarbeite: Danke für die Erläuterung. Nie gehört, dass man sich als Kurzarbeite auf neue Stellen bewerben muss.
Natürlich hängen Kündigungsschutz und Kurzarbeitergeld eng zusammen….
@ Robin Meyer Lucht:
Hier können Sie das Gesagte (zwischen den Zeilen) selbst nachlesen:
http://www.arbeitsagentur.de/zentraler-Content/Veroeffentlichungen/Merkblatt-Sammlung/MB-08b-Kurzarbeitergeld-AN.pdf (Seite 16 ff.). Wenn dann ein Entwicklungsleiter auf einen motivierten Verwaltungsfachwirt trifft …
Die faktische Entwürdigung beginnt nicht erst mit Hartz IV.
HTH