Ulrich Voß | 17 Kommentar(e)
Einige kleine Länder bieten sich Unternehmen aufgrund niedriger Steuern geradezu für raffinierte Spartricks an.
08.12.2012 |
Warum bekomme ich beim Kauf bei Amazon.de eine Rechnung von Amazon Luxemburg? Das habe ich mich beim Blick auf die Rechnungen von Amazon schon häufiger gefragt.
Mein Erklärungsansatz lief immer über die Mehrwertsteuer, die in Luxemburg niedriger ist als in Deutschland und damit irgendwie für Amazon günstig sein könnte. War aber nur ‘ne wirre Idee, zu Details bin ich nie gekommen. Ein einfacher, weithin bekannter Trick wie die Konstruktion mit Irland und den Niederlanden (die Google, Microsoft und Apple nutzen) war mir aus Luxemburg nicht bekannt.
Es gibt ihn aber …
Luxemburg hat einen maximalen Steuersatz für Einnahmen aus “intellectual property” (in etwa “geistigen Eigentumsrechten”; so bekloppt der Begriff auch sein mag) von knapp
6%,
also deutlich weniger als die knapp 30%, die normalerweise auf Unternehmensgewinne anfallen.
Nun bieten sich für Amazon über Luxemburg gleich zwei Wege zum Steuersparen:
a) Rechte für Bücher (Musik, …) werden über Luxemburg abgewickelt. Die Rechte gehören also immer der Amazon Niederlassung in Luxemburg. Wenn nun ein Buch von Amazon verkauft wird, egal, wo auf der Welt, muss immer die Lizenzgebühr an die Tochter in Luxemburg abgeführt werden. Dort wird sie mit 6% versteuert. Weil Luxemburg ehrenwertes Mitglied der internationalen Gemeinschaft ist, war es das mit der Besteuerung. Doppelbesteuerungsabkommen schließen aus, dass bereits versteuertes Geld bei Transfer zum Hauptsitz eines Unternehmens noch einmal versteuert werden muss.
Diese Geschäfte hat Amazon auch in den USA gemacht. Also selbst ein Buch einer amerikanischen Autorin, das über Amazon USA an einen Kunden in den USA verkauft wurde, fiel steuerlich an die Niederlassung in Luxemburg. Kurz: die USA gingen mehr oder weniger leer aus. Die US-Steueraufsicht IRA ermittelt auch deswegen und prüft die Legalität des Amazon-Modells.
b) Ein ähnliches Konstrukt kann man auch für Lizenzen aufsetzen, also Geschäfte, die dann denen von Google sehr ähneln. Amazon hat für bestimmte Patente (z.B. das One-Click-Patent) von den Töchtern Lizenzgebühren kassiert. Die Einnahmen gingen nach Luxemburg und wurden dort versteuert, Steuersatz wie oben, weitere Besteuerung: keine, siehe oben.
Die entsprechenden Patente wurden von Amazon aus der Niederlassung in Nevada in die Niederlassung in Luxemburg transferiert, genau wie man für Punkt a die Rechte an den Inhalten (Bücher, etc.) nach Luxemburg geschoben hat. Der effektive Steuersatz aller nicht-amerikanischen Tätigkeiten von Amazon lag in den vergangenen 5 Jahren bei 5,3%.
Ganz so einfach wie das irische Modell ist das Steuersparen über Luxemburg aber nicht, denn in Luxemburg ist es immerhin nötig, dass dort auch wirklich gearbeitet wird. Eine reine Briefkastenfirma geht also nicht. Aber nun ja, das sind Microsoft Europa, Apple Europa und Google Europe in Irland auch nicht …
Was aber bleibt: Das europäische (und weltweite) Steuersystem funktioniert nicht, wenn ein paar kleine Länder (Irland, Luxemburg, Schweiz) mit bestimmten Löchern im Steuersystem das gesamte weltweite System aushebeln. Ob der effektive Steuersatz der außeramerikanischen Tätigkeiten nun 5,3% bei Amazon liegt oder bei 2,4% wie bei Google: Das ist lächerlich niedrig und kann so einfach nicht in Ordnung sein.
Special Report: Amazon’s billion-dollar tax shield | Reuters
Zu den anderen High-Tech-Firmen siehe:
- Die wunderbare Welt der Wirtschaft!: Neues Produkt von Apple: iSave
- Googles Steuerquote (ex-USA): 2,4% – egghat’s not so micro blog
- Die wunderbare Welt der Wirtschaft!: Auch Microsoft zahlt (fast) keine Steuern …
Crosspost von Die wunderbare Welt der Wirtschaft





Auch Ebay versendet seine Rechnungen aus Luxemburg. Herr Steinbrück kann ja im nächsten Jahr als Finanzminister gerne mal wieder seine steuerliche Reiterstaffel bemühen :-]
@lowin
Ebay ist ein interessanter Hinweis. Es könnte gut sein, dass die ähnliche Tricks verwenden.
Und Reiterstaffel: Nach Irland hat er sie auch nicht geschickt. Und das ist das bekannteste Steuersparmodell in der EU. Und ich persönlich hätte ziemlich viel darauf gewettet, dass die EU die Hilfen für Irland nutzt, um die Steueroase Irland auszutrocknen. Aber damals wurde zwar viel lamentiert (“Es kann nicht sein, dass …”), aber geändert wurde nichts.
Über das Warum kann man lange diskutieren …
Im Grunde ist Amazon ein Sozialschmarotzer, denn das Geld was in Luxemburg versteuert wird, fehlt hier in den öffentlichen Kassen, obwohl die wirtschaftliche Tätigkeit in Deutschland stattfindet. Der Luxemburg-Trick ist auch nur eine von vielen rechtlich-geschützten, aber moralisch-verwerflichen Methoden von Amazon, um Geld zu sparen. Man denke nur an die alljährlich (wieder)eingestellten Hartz4ler, die aus den Sozialkassen bezahlt werden, aber für Amazon als Praktikanten oder zur Probe voll arbeiten, um dann nach dem Weihnachtsgeschäft wieder nicht übernommen zu werden. Alle Jahre wieder. Dazu gab es ja 2011 einige Berichte, und es gibt noch mehr Spar-und Ausbeute-Praktiken von Amazon, die berichtenswert wären.
Schlussendlich passiert sowas eben, wenn der Markt immer alles regeln darf, und Politiker eine “marktkonforme Demokratie” (Merkel) erschaffen.
Die Rechte der Bücher, die Amazon verkauft, gehören immer noch den Autoren und Verlagen. Der Punkt a) dürfte also kaum die Regel sein. Es sind eher Geschäfte wie unter b) erläutert, von denen Amazon profitiert. Hier werden auch gerne Geschäfte innerhalb des Konzerns so verschoben, dass man steuerlich profitiert.
Der Mehrwertsteuersatz in Luxemburg dient übrigens auch zum Steuer sparen. Bei Lieferung von Waren an Verbraucher in Deutschland muss Amazon zwar auch die 19% zahlen. Downloads von E-Books oder Filmen zählen aber als Dienstleistungen, für die in Luxemburg nur 15% MwSt anfallen.
Nachtrag: Luxemburg hat 2012 die MwSt auf E-Books sogar auf 3% gesenkt.
@Nick W.
Stimmt, bei “normalen” Büchern ist das so. Aber bei allen Büchern, die über Amazon verlegt werden (das kann ja jetzt jeder selber machen), greift das.
Auf eBooks fallen nur noch 3% MwSt ein? Wow, dann hätte Amazon etwa 15% mehr netto in den Kasse. Bei einem Verkaufspreis von 10 Euro also 9,71 statt 8,40 bei 19% in Deutschland.
Es gibt völkerrechtlich bindende Verträge, genannt “Doppelbesteuerungsabkommen”. Die wurden von demokratisch gewählten Regierungen ausgehandelt.
An diesen Normen orientiert sich die Wirtschaft. Unternehmen wie Amazon handeln damit exakt nach dem Buchstaben des Gesetzes.
Wo, bitteschön, ist da die moralische Verfehlung?! Ist diese nicht eher bei den schlecht verhandelt habenden Politikern zu suchen?
Die einzige Aufgabe, die einzige moralische Verpflichtung, die ein Unternehmen wie Amazon hat, ist, am Markt Erfolg zu suchen und diesen Erfolg anteilig der Gesellschaft zurückzugeben (da er nicht voraussetzungslos erzielt wurde).
Like it or not – der “Fehler” liegt anderswo.
@Marcus:
Volle Zustimmung, der Vorwurf geht an die Politiker!
Niemand zahlt freiwillig Steuern und wenn ich als Privatmensch Kilometer absetzen darf, mache ich das auch. Obwohl ich das umweltpolitisch für ein Desaster halte.
amazon ein sozialschmarotzer? gehts noch? schmarotzt wird ausschliesslich auf seiten des staates oder sollte man besser gleich von plündern sprechen? ein land, das unterm strich mehr als die hälfte des erwirtschafteten seiner bürger kassiert und immer noch nach neuen steuerquellen sucht hat mit rechtsstaat kaum noch etwas zu tun. der gipfel aber sind seine bürger, die sich, geschürt durch ständige neiddebatten, das gefallen lassen. im übrigen handelt es sich nicht um “steuertricks”, sondern um die rechtslage in europa. oder ist die pendlerpauschale auch ein “steuertrick”? oder die werbungskosten? oder vermögenswirksame leistungen? oder … oder …?
“Die einzige Aufgabe, die einzige moralische Verpflichtung, die ein Unternehmen wie Amazon hat, ist, am Markt Erfolg zu suchen und diesen Erfolg anteilig der Gesellschaft zurückzugeben (da er nicht voraussetzungslos erzielt wurde).”
Eine interessierte Frage dazu: Gilt das auch für den Textil-Discounter KiK, in dessen Diensten gerade über 100 Menschen in Bangladesh verbrannt sind? Juristisch hat KiK sich ja wohl nichts zu schulden kommen lassen, rein rechtlich trägt nur der Auftragsfertiger im fernen Ausland die Verantwortung. Ein Fall von Colleteral Damage der Marktwirtschaft?
@wolf reisser: Korrekt. Das fällt unter die Kategorie “mangelhafte Regulierung”.
Der Lichtblick: In einer einigermaßen freiheitllich verfassten Gesellschaft kommt sowas an die Öffentlichkeit, schadet dem betroffenen Unternehmen (Reputationsverlust) und incentiviert den Gesetzgeber, Abhilfe zu schaffen.
In Systemen wie der DDR (vgl. IKEA) wurden Häftlinge kurzerhand ausgebeutet, ohne dass es jemand erfahren hätte, geschweige denn Druck entstanden wäre, die Missstände zu beseitigen.
Insofern: Die durch Transparenz verursachten “Schmerzen der Erkenntnis” können im marktwirtschaftlich organisierten Umfeld zu Veränderungen führen. So es der mehr oder minder mündige Konsument denn will.
@Marcus: Offensichtlich funktionieren dann die Regelkreisläufe in unserer Gesellschaft nicht mehr, und auch die Gesetze der Marktwirtschaft werden aufgehoben, wenn es gewissen Interessen dient. “Systemrelevante” Banken werden gerettet, statt sie gemäß den Gesetzen des Marktes untergehen zu lassen. Konzerne werden als “strategisch wichtig” von den Konsequenzen ihrer Versagens freigestellt (wie es sich jetzt für Telekom und Daimler abzeichnet, denen die Regressforderungen von läppischen 7 Milliarden für das Toll-Collect-Desaster erlassen werden sollen).
Nicht, dass Missverständnisse aufkommen: Ich halte den Kapitalismus – um mal einen Churchill-Spruch zu variieren – für das beste Wirtschaftssystem unter allen, die nicht funktionieren. Und ich habe eine kindliche Anhänglichkeit an die Demokratie als Staatsform. Aber das ist weder Kapitalismus noch Demokratie mehr, was wir heute erleben.
@wolf reisser: Das sehe ich nicht ganz so pessismistisch: Gewichtige Akteure wie Philipp Holzmann, WestLB, BenQ Mobile et al. sind aus dem Markt ausgeschieden. Trotz massiver Widerstände seitens der Politik.
Das funktioniert nicht immer, aber oft genug, um das Rad am Laufen zu halten. Langfristig, um mit Keynes zu sprechen, sind wir zwar alle tot, aber langfristig sterben nicht überlebensfähige Geschäftsmodelle zuverlässig (Zeitungen, Schreibmaschinen, Videotheken).
Die causa “Toll Collect” ist im Übrigen ein Super-Beispiel: Außerhalb Deutschlands hat sich der Quatsch (wie auch der Transrapid) ) nirgends verkaufen lassen. Mithin funktioniert der Markt. Global betrachtet.
@Marcus: Sicher, langfristig sterben alle nicht überlebensfähigen Geschäftsmodelle – auch wenn sie durch Lobbyinteressen teils Jahre lang und auf Kosten der Steuerzahler über Wasser gehalten werden. Europas Banken etwa sitzen auf rund 1 Billion Euro fauler Kredite, und auf denen sitzen sie ruhig und trocken dank der entschlossenen Bankenhilfen der EU. Angesichts eines solchen Volumens ist etwa der rumlose Untergang der WestLB ein Klacks. Trotzdem: Die Kosten für die Zerschlagung der WestLB liegen immerhin im Milliardenbereich. Und diese Milliarden zahlt wer?
[...] Steuertrick in Luxemburg spart Amazon 2 Mrd. Dollar. Das europäische (und weltweite) Steuersystem funktioniert nicht, wenn ein paar kleine Länder [...]
Um noch mal aufs eigentliche Thema zurückzukommen, Amazons ganz legale Steuertricks:
http://www.reuters.com/article/2012/12/06/us-tax-amazon-idUSBRE8B50AR20121206
das ist noch nicht alles: Amazon bietet Kindle: ein Buchautorensystem an, man veröffentlicht ein Buch und erhält Tantiemen… Sonderbar ist, dass alle ALLE Empfänger-Teilnehmer, sofern sie nicht US-Bürger sind, mit pauschal 30% US-Steuerabzug belegt werden!!! Dem Entgegen zu wirken muss JEDER! einen Antrag bei US-Steuerbehörde stellen (falls es ein Besteuerungsabkommen gibt). Das Ergebnis ist, anzunehmen, viele zahlen US-Steuer, aus verschiedenen Gründen, versäumt, falsch ausgefüllt, zu spät Antwort erhalten, zu geringe beträge usw… Also ich wiederhole langsam, zum Mitschreiben: auf dem europäischen Boden, auf deutschem Boden usw. kassiert USA (angeblich nach US-Gesetz so) Steuern von Nicht-US-Bürgern, die nie USA betrraten, nicht in USA ihr Digitalbuch auf Server luden, und Vertragspartner sitzt in Luxemburg!! Eigentlich, ist bekannt, dass US-Bürger auf der ganzen Welt egal wie lange sie im Ausland leben an USA Steuern zu zahlen haben!! Hier sind gerade diese ausgenommen, und Nicht-US-Bürger werden besteuert!! Steht in AGBs bei Amazon Kindle.. unfassbar… Amazon nimmt für sich luxemburgisches Steuerecht von 6% ein, und verschachert die Autoren an US-Steuerbehörde!!! Wildwest mitten in EU. Ist es etwa ein Deal zwischen Amazon und US-Regierung?