Robin Meyer-Lucht | 6 Kommentar(e)
Der ehemalige Obama-Wahlkampfmanager Julius van de Laar im Carta-Interview: Die deutschen Parteien sind ihm zu elitär und Obama habe ganz sicher nicht durch “YouTube” gewonnen.
15.02.2009 |
Julius van de Laar findet sehr klare Worte für das deutsche Parteiensystem: “Solange wir dieses elitäre System haben, nach dem Motto ‘ich bin die Partei und du bist es nicht’, werden wir keinen wirklichen Wandel in Deutschland finden.”
Wenn van de Laar Wandel sagt, meint er “Change”. Das ganze letzte Jahr hat der 26-jährige ehemalige Heidelberger, der zum Politik-Studium in die USA ging, nichts anderes gemacht, als in 18-Stunden-Tagen Jungwähler für Barack Obama in Missouri zu gewinnen. Zurück in Deutschland muss er sich über die Rezeption der Obama-Kampagne als Internet-Wahlkampf doch ein wenig wundern. Aus seiner Sicht stellt sich die “Methode Obama” erheblich anders dar:
1. Barack Obama hat die Wahl nicht mit Hilfe des Internets gewonnen, sondern durch die Mobilisierungsmethode des “Community Organising”.
2. Maßgebliche Elemente dieses Ansatzes sind lokale Gruppen, offene Türen, das persönliche Gespräch, aber auch Training und straffe Organisation.
3. Die Obama-Kampagne glaubte vor allem an die Kraft des 1:1-Wahlkampfs an der Haustür des Wählers. Plakate oder symbolische Aktionen galten wenig.
4. Der Wahlkampf von Obama war mathematisch und statistisch durchorganisiert. Die Wahlkampfmanager wussten genau, an wie vielen Türen sie wo klopfen mussten, um Wahlkreise zu gewinnen.
5. Neue Aktivisten konnten auch deshalb leichter gewonnen werden, weil der klassische Parteiapparat nicht privilegiert wurde.
Ein dreiminütiges Carta-Interview mit van de Laar:


Mit Verlaub Herr van de Laar, das ist Quatsch. Er hat weder durch dass Web gewonnen noch durch 100.000 volunteers, die von Haustür zu Haustür gelaufen sind. Das gab es bei McCain genauso. Das ist schlicht ein Ausblenden des historischen Kontexts oder auch momentum, das für Obama sprach (vorher auch für Clinton). Es wäre weitaus spannender zu fragen warum er gegen Clinton gewann, weil das die weitaus schwierigere Wahl war als die gegen McCain. Und an genau der Stelle wäre der Einsatz des Web zu nennen als Community Organizing Tool. Ich habe auch meiner Website einen dreiteiligen Artikel zu diesem Thema…Wirklich recht hat Herr van de Laar mit seinem letzten Punkt. Der Parteiapparat war nämlich auf der Seite von Clinton…
http://www.digitalpublic.de/kategorie/gesellschaft/obama-nutzt-web20
@wittkewitz: Der Hinweis auf den historischen Kontext ist richtig und wichtig. Ohne Wechselstimmung durch die Bush-Jahre wäre Obama kaum denkbar. Dennoch wäre es zu einfach zu sagen, Obama habe durch den historsichen Kontext oder durch seine Persönlichkeit gewonnen. Wenn er die Hände in den Schoß gelegt hätte, hätte er nicht gewonnen. Seine Art des “Community Organising” wird zumindest ein Baustein des Erfolgs gewesen sein.
[...] “obama hat durch organisation gewonnen, nicht durch das internet” — carta ein interview mit einem, der den erfolg von barack obamas einzuschätzen weiß und die wahrnehmung hierzulande bemängelt (tags: interview politik usa barackobama wahlkampf via:mento.info) bislang keine tweetbacks. (mach mir nen tweetback) hier merken, bewerten und empfehlen: [...]
Wenn er die Hände in den Schoß gelegt hätte, hätte er nicht gewonnen. Seine Art des “Community Organising” wird zumindest ein Baustein des Erfolgs gewesen sein.
DA haben sie recht. Es war seine Art, den Menschen die Chance zu Interaktion zu geben. Damit meine ich nicht das Kommentieren. Sondern Kommunikation und Austausch via diverse Netzwerke die extrem gut und professionell durch Freiwillige und Profi Community Manager gesteuert wurden. Dazu noch die ganze Grassrootsmaßnahmen plus das extreme Fundraising im Micropaymentbereich. Wie gesagt, es wäre gut, wenn der “Experte” alle Kanäle gekannt hätte, dann hätte er sie quantifizieren und qualifizieren können, aber ich befürchte erkennt Blue State Digital und Silverstripe gar nicht….uns professionelles Online Community Management unterstelle ich ihm auch nicht. Aber ich hoffe, er hat viel von den Staaten gesehen, ein wunderbares Land mit tollen Mensch -naja, zumindest die eine Hälfte ist sehr sympathisch…
;-)
Abgesehen von den sehr richtigen Hinweisen zum Erfolg des “Organising”-Einsatzes und der Überschätzung der Rolle der Online-Aktivitäten in der Obama-Kampagne (ob nun professionell durchgeführt oder nicht) meine ich, dass der Hinweis auf die bewusste Ausklammerung der Parteistrukturen bedeutend für diesen Wahlkampf war. Da ich auf der Seite der Berliner SPD noch immer unter dem Punkt “Mitmachen” nur die Möglichkeiten “Mitglied werden!” und “Spenden!” sehe, ist van de Laars Seitenhieb auf das elitäre deutsche Parteisystem und dessen Funktionsstrukturen bei weitem der wichtigste, zukunftweisende Aspekt dieses Interviews. Nehmen wir was mit für dieses (Super-)Wahljahr?!!!?
Mich würde konkret einmal interessieren, was denn mit “Community Organising” gemeint ist? Bezieht sich der Aspekt zum Beispiel nur auf das Vernetzen der Online-Communities oder auch der Interessengruppen von draußen? Man hat wie so häufig das Gefühl, dass um das Thema Web eine riesen Blase aufgezogen wird, die mit nichts gestützt ist. Gibt es nur eine valide Zahl die belegen kann, dass auch nur einer der über 5 Mio. Obama Befürworter auf facebook auch hinterher in die Wahlurne gegangen ist? Hat tatsächlich so etwas wie ein onlien getriebener politischer Austausch stattgefunden, der hinterher eine Wahl entschieden hat? Ich weiß es jedenfalls nicht (aber falls ihr es wisst, höre ich gern zu).
Worauf ich nur hianus will, ist, dass das Web ganz offensichtlich eine gewisse Relevanz hat für das Vermitteln von (politischen) Informationen hat. Aber welche konkret, das weiß offensichtlich keiner so genau. Alles was wir wissen ist, dass man es sich offensichtlich nicht mehr erlauben kann, das Internet aus seiner Kampagne auszuklammern.