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Ralf Wienken

Der menschliche Körper geht ans Netz

 | 3 Kommentar(e)


Nach den ersten drei Wellen der globalen Vernetzung sind die Anfänge der vierten Welle sichtbar: Der menschliche Körper wird ans Web angeschlossen. Google Glass ist der erste Vorläufer.

27.09.2012 | 

Die globale Vernetzung, die mit der Verbreitung des Internets in den neunziger Jahren ihren Anfang nahm, ist oft als wellenförmiger Verlauf analysiert worden. Die meisten Forscher unterscheiden drei Wellen, die bis heute durchlaufen. In der ersten Welle wurden die Computer ans Internet angeschlossen. Heute ist ein Computer ohne Internet nicht nur undenkbar, sondern auch sinnlos. Die zweite Welle bestand in der zunehmenden Verbreitung von internetfähigen Mobilfunkgeräten, wie Smartphones und Tablets. Dieser Prozess ist noch nicht abgeschlossen und hat das Internet in unsere Alltagswelt gebracht. Die dritte Welle startet gerade, sie bringt die Vernetzung aller Maschinen, die uns umgeben. Kühlschränke, Autos, Fotoapparate, Roboter – das Internet der Dinge wird alle technischen Artefakte einbeziehen, mit denen wir uns umgeben. Man sieht einen klaren Trend: In jeder Welle erreicht die Vernetzung weitere Lebensbereiche. Dieser Trend wird sich fortsetzen, nur wohin? Immerhin ist nach Abschluss der dritten Welle ja bereits unsere gesamte künstliche Umwelt betroffen.

Vernetzung der biologischen Systeme

Ich glaube, dass die vierte Welle der Vernetzung darin bestehen wird, dass sie sich sozusagen von außen nach innen wendet und den menschlichen Körper einbezieht. Das Einfallstor sind die Sinne, mit denen wir die Umwelt wahrnehmen. Eine Vorform davon ist schon zu erkennen: die zunehmende Verbreitung von Augmented Reality oder erweiterter Realität. Augmented Reality meint allgemein die Erweiterung der Realitätswahrnehmung durch Informationen, die von einem Computer erzeugt werden. Es wird eine zweite, künstliche Ebene in die Umwelt eingeblendet, die in Echtzeit zusätzliche Informationen zur Verfügung stellt. Diese zweite Ebene wird momentan meist durch ein Mobiltelefon oder einen Tablet-Computer erzeugt. Das Display zeigt den durch die Kamera aufgenommenen Realitätsausschnitt, dem die gewünschten Informationen und Objekte hinzugefügt sind.

Anwendungen mit Augmented Reality auf der Basis von Smartphones/Tablet-Computern sind heute schon recht überzeugend. Dennoch: Trotz allen Potentials wird diese Art der Informationsvermittlung eine Übergangstechnologie sein. Sie ist immer noch zu sehr von der zwischengeschalteten Technik abhängig, dem Display, was eine ganzheitliche Sinneserfahrung verhindert.

Wirklich abheben wird die nächste Stufe der Vernetzung in dem Moment, in dem die Informationen direkt in die Sinne eingespeist werden, ohne dass die dafür nötige Hardware für den Benutzer erkennbar ist. Dies lässt sich nicht mit der simplen Informationsübertragung über das Display eines Smartphones vergleichen. Es ist vielmehr ein umfassender visuell-akustischer Sinneseindruck, der die komplette Erfahrung der äußeren Umwelt beeinflusst: halb eingetaucht in die künstliche Realität, halb verbunden mit der Wirklichkeit. Es handelt sich um ein Medium, das noch interaktiver und noch situationsbezogener ist als alles Vorangegangene.

Google Glass ist keine Brille

Der Einstieg in das, was ich mit der vierten Stufe meine, existiert schon: Google Glass. Diese Behauptung mag überraschen, wenn man nur die reine Hardware betrachtet. Und in der Tat, die Hardware ist nichts wirklich Neues, sondern eine Weiterentwicklung von schon Vorhandenem: ein Smartphone wird soweit verkleinert, das es in eine Brille passt, und die Ausgabe der Daten erfolgt nicht mehr über ein Display, sondern direkt ins Auge.

Das Neue ist vielmehr das Konzept, das dahinter steckt. Bei Google Glass handelt es sich nicht um eine Brille, sondern um eine Idee: Die Idee, die Technik komplett vergessen zu können, während sie Daten über die Sinne ins Gehirn überträgt, und während der Nutzer umgekehrt mit der Außenwelt kommuniziert. Man muss nichts einschalten, aus der Tasche holen oder installieren. So wird die Technik zu einem Teil unserer Sinnesausstattung. Sie ist einfach da, wenn man sie braucht, so wie das Auge oder das Ohr. Die Idee hinter der Idee ist, damit einen solch unabweisbaren Vorteil für die Benutzer entstehen zu lassen, dass das Abheben der vierten Welle ausgelöst wird, so wie es in den vorangegangenen Wellen auch schon geschehen ist. Und, nicht zuletzt, um einen riesigen Markt entstehen zu lassen.

Ich glaube, dass genau dies passiert. Der entscheidende Vorteil für die Benutzer ist das ungehinderte Eintauchen in eine virtuelle Realität, in der nicht mehr unterschieden wird, ob die Daten vom Computer erzeugt sind oder aus der Realität stammen. Insgesamt ergibt sich eine noch einmal enorm gesteigerte Einfachheit und Schnelligkeit der Informationsbeschaffung und der Kommunikation. Ein von Apple her bekanntes Prinzip, das die vierte Welle anschieben wird.

Google arbeitet längst an der notwendigen Infrastruktur. Die Entscheider dort wissen genau, dass nicht allein die neue Technik über ihren Erfolg entscheidet. Die ganze Umgebung muss stimmen: die Serverfarmen, die Software (etwa zur Spracherkennung oder zum Tracking der Augenbewegungen), das Marketing, die gesellschaftlichen Bedingungen. Dies ist bei jeder neuen Technik zu beobachten. Die Leistung Edisons beispielsweise war es nicht, die Glühbirne zu erfinden, sondern die Bedingungen zu schaffen, unter denen sie sich durchsetzen konnte.

Das Ende der vierten Welle

Übrigens ist mit Google Glass heute schon der Endzustand der vierten Welle vom Prinzip her definiert. Alles was noch kommt, werden Weiterentwicklungen sein, wahrscheinlich in Richtungen, die wir uns heute noch gar nicht vorstellen können. Die Datenbrille selbst zum Beispiel wird in kurzer Zeit veraltet sein, und nach fünf Jahren dürften sich viele darüber wundern, wie primitiv die alte Technik doch war. Aber das Prinzip wird bei jeder neuen Hardwaregeneration das gleiche sein: Die Technik zur Datenübertragung ist Teil unserer Sinnesausstattung. Wahrscheinlich wird es irgendwann sogar möglich sein, die Daten direkt ins das richtige Hirnareal einzuspeisen. Aber selbst dann sind die Sinne nicht zu umgehen, denn das Gehirn muss die Daten genau in der Sprache empfangen, in der sie normalerweise von den Sinnen geliefert werden, sonst kann es sie nicht verarbeiten.

Abgesehen von der Erweiterung der Sinne sind sicherlich viele weitere Anwendungen möglich, die den Körper ans Netz anschließen. Denkbar sind vernetzte Prothesen, Herzschrittmacher mit Anschluss an eine Datenbank, digitales Doping oder virtuelle Realitäten, die besser sind als jede Droge. Ich habe das in diesem Artikel bewusst außen vor gelassen, denn das meiste ist zum heutigen Zeitpunkt doch Spekulation.
 
Crosspost von netzwertig

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3 Kommentare

  1. hardy |  28.09.2012 | 01:02 | permalink  

    ach ja, die “schöne neue welt”.

    >> Der entscheidende Vorteil für die Benutzer

    ist, daß er es auch _nicht_ benutzen kann.

    ich habe schon mal erwähnt, daß ich in den 80ern mit einem ti 99/4a in diese welt eingestiegen bin, man mir also schwerlich “technikfeindlichkeit” vorwerfen kann. ich habe vielleicht auch schon erwähnt, daß ich kein handy besitze und mir ein solches auch nicht zulegen werde.

    geschweige denn eine google-glass brille.

    aber es werden sich schon massenhaft menschen für diesen selbstversuch am offenen gehirn bereit finden, jeden noch so bizarren versuch, sich von sich selbst zu entfremden, mitzumachen. also die art von menschen, die musikvideos gucken und es verlernt haben, die bilder zur musik im eigenen kopf entstehen zu lassen. oder die, die glauben, nicht “da” zu sein, wenn sie sich ihrer existenz nicht täglich bei f*ckbook vergewissern.

    wenn ich das recht sehe, wird diese app sich dann doch noch als nützlich erweisen, wenn alle mit so einem brett von google vor’m kopp durch die straßen cruisen.

    viel spaß noch mit dieser “schönen neuen welt”

    hoffentlich rafft mich ne herzattacke hin, bevor _ihr_ damit leben müsst.

  2. christopher |  28.09.2012 | 06:26 | permalink  

    hallo.

    Der Artikel setzt den richtigen Schwerpunkt. Vor allem der Fakt, dass die Technik (apple-like) so einfach zu benutzen sind, dass sie keiner mehr hinterfragt oder auch nir drüber nachdenkt, ist interessant.

    Ich kann jedem dazu nur das Buch “replay” von Benjamin Stein empfehlen! Er schafft es das Thema literarisch wunderbar-kritisch auf zu arbeiten.

  3. Webschau Oktober 2012 |  23.10.2012 | 15:38 | permalink  

    [...] durchtränken” und unseren Begriff von Realität verändern. Ralf Wienken schreibt auf carta.info, dass die nächste Welle der Vernetzung unseren Körper einbeziehen wird – Google Glass sei [...]

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