Wolfgang Michal | 19 Kommentar(e)
Rupert Murdoch hat im New Yorker Guggenheim-Museum (!) die erste digitale Tageszeitung vorgestellt, die exklusiv für das iPad entwickelt worden ist. Der Ort der Präsentation wurde offenbar mit Bedacht gewählt. Welche Stärken und Schwächen zeichnen das Vorzeige-Projekt aus?
03.02.2011 |
„Neue Zeiten verlangen nach einem neuen Journalismus“, erklärte Rupert Murdoch gestern Mittag vor seinen zähesten Anhängern. Aber ist der 79-jährige US-australische Medientycoon wirklich der richtige Mann für den behaupteten „new journalism“?
Das in New York vorgestellte (von Beginn an museumsreife!) Projekt krankt an inneren Widersprüchen. Denn die für 30 Millionen Dollar entwickelte Abo-App ist fortschrittlich und rückwärtsgewandt zugleich. Die Stärken des Versuchs sind dabei wesentlich leichter auszumachen als seine Schwächen. Deshalb zunächst die Pluspunkte:
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1. Die Kosten der Herstellung sind „gering“
Unsentimental, ohne Wenn und Aber verabschiedet sich Murdoch von der guten alten Zeit: „Kein Papier mehr, keine Druckmaschinen, keine Lastwagen.“ Die verbleibenden Kosten für die 120 Redakteure, den Einkauf von Inhalten, die Technik, die Programmierung, das Webdesign usw. betragen (angeblich) nur 26 Millionen Dollar im Jahr. Gut gemachte Zeitungs-Apps können sich künftig sogar Nicht-Milliardäre leisten.
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2. Der Abo-Preis ist unschlagbar
Im Gegensatz zu den bisher meist unverschämt teuren Online-Angeboten verlangt Murdoch nur 40 Dollar für ein Jahres-Abo von The Daily. Das ist ein unschlagbarer (und angemessener) Preis, den auch geizige Netz-Nutzer akzeptieren könnten. Mit ‚nur’ 1 Million Abos wäre das laufende Geschäft (inklusive der saftigen Apple-Provision) bezahlt – ohne eine einzige Anzeige schalten zu müssen. Deutsche Verleger sollten sich an Murdochs Abo-Preis ein Beispiel nehmen.
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3. Die Vernetzung ist (wenn auch bedingt) gegeben
Falls den Nutzern von The Daily ein Inhalt besonders gut gefällt, können sie ihn per E-Mail, Twitter oder Facebook Freunden und Followern empfehlen. Na prima!
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Aber nun zu den Schwächen des Projekts:
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1. Die Nutzer von Gerät und Inhalt passen nicht zusammen
Ein App-Abo suggeriert, dass der Nutzer ein komplettes Medien-Produkt auf Dauer erwerben will – wie früher die gedruckte Tageszeitung. Er kauft also nicht nur die Nachrichten-Auswahl einer bestimmten Redaktion, sondern auch die übrigen Ressort-Inhalte, die ihn möglicherweise nur peripher interessieren. Dieses Ganzheits-Konzept basiert auf dem treuen, letztlich unmündigen Leser, der viel Zeit mit einem einzigen Produkt verbringt, und Medienangebote nur selten mit anderen Medienangeboten vergleicht. Diese Leser der alten Schule wollen orientiert werden, heißt es, weil sie nicht in der Lage (oder nicht willens) sind, das für sie Interessante selbstständig aus dem Nachrichtenstrom zu fischen. Solche Medienkonsumenten gibt es zweifellos, aber sie werden in der Wissensgesellschaft weniger. Eine App wie The Daily richtet sich inhaltlich an netz-konservative Zielgruppen, und kollidiert dabei mit den agilen, bindungs- aber keineswegs bildungsschwachen Nutzern moderner High-Tech-Geräte. Zu vermuten ist, dass ein iPhone- oder iPad-Käufer eher nicht von einer geschlossenen Zeitungs-App „geführt“ oder „entmündigt“ werden will.
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2. Das Tageszeitungs-Konzept passt nicht zu Online
Die bizarre Annahme, der unaufhörliche Nachrichtenstrom würde nur einmal am Tag in Form eines Neuigkeiten-Pakets ausgeliefert, widerspricht jedem modernen Mediennutzungsverhalten. Auch die Willkür, mit der Redaktionen in den Nachrichtenstrom greifen, um ihn einen Augenblick lang anzuhalten und verstehbar zu machen, ist ehrenhaft, aber paternalistisch und unzeitgemäß. Gerade der Boulevard hat absolut kein Recht mehr, die Welt für uns zu sortieren, denn er repräsentiert selbst nur das blanke Chaos. Man betrachte zum Beweis die extrem unterschiedlichen Titelseiten der Tageszeitungen, die auf dem Portal Meedia im schnellen Wechsel gezeigt werden (in der Rubrik “Die Zeitungen von heute”). Dort sehen wir nicht etwa Orientierung oder Einordnung, sondern Beliebigkeit nach Lust und Laune.
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3. Der Boulevardjournalismus passt nicht zur App
Im Grunde handelt es sich bei The Daily nicht um eine klassische Abo-Zeitung, sondern um eine blinkende Multimediawundertüte, die der reinen Unterhaltung schon aus technischen Gründen sehr viel mehr Raum geben wird als der vertiefenden Information. Das heißt, der Weg zum Boulevard, zur Klickstrecke, zur Spielhölle ist vorgezeichnet. Aus The Daily wird aller Wahrscheinlichkeit nach ein The Daily Beast für Arme, eine gehobene Mischung aus Fox News und Sun. (Die meisten Redakteure stammen von Murdochs Boulevardblatt New York Post). Doch der Boulevard braucht die Exklusivität einer Abo-App nicht. Er kommt ganz gut ohne Abonnenten aus. Er braucht auch keine Einordnung des Zeitgeschehens. Denn der Boulevard lebt von der institutionalisierten Desorientierung. Und die gibt’s im Netz im Überfluss und dazu noch kostenlos.
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Das Vorzeige-Projekt The Daily steht und fällt also damit, ob es der Redaktion in relativ kurzer Zeit gelingt, eine zuverlässige Marke im App-Store zu schaffen, eine Marke, die so viel Kompetenz und Autorität ausstrahlt und sich mit exklusiven Recherchen und Geschichten so viel Renommee erarbeitet, dass man die App unbedingt abonnieren will. Das kann der New Yorker leisten oder Die Zeit, ein Boulevard-„Blättchen“ wie The Daily nie und nimmer.


[...] “The Daily”: Der Boulevard hat absolut kein Recht, die Welt für uns zu sortieren [...]
Ich stimme mit dem dritten Punkt überein – aber in den ersten zwei Punkten widerspricht sich Wolfgang Micha diametral. Denn “The Daily” monopolisiert den Informationsstrom des Lesers genau so sehr wie es Carta es tut. Oder alle anderen Medien von denen sich Michal bezahlen lässt.
Von einer Redaktion, deren Chef zur redaktionellen Arbeit beim großen Launch-Event nur einfällt, dass sie irgendwie “patriotisch” sein soll, ist nicht viel zu erwarten.
Auch für den Boulevard gilt die Presse- und Meinungsfreiheit und er hat absolut das “Recht”, auf dem iPad (oder jedem anderen Gerät dieser Welt) Inhalte zu präsentieren und zu sortieren. Die Leser und Nutzer haben das Recht, auf diese App (oder andere Apps) zu verzichten. Ihre Überschrift ist daher zwar hübscher Link-Bait, inhaltlich aber Humbug. Zudem ist “The Daily” ist nicht nur Boulevard. Aber das wissen Sie wahrscheinlich auch.
Woher nehmen Sie sich das Recht, für die 17 Millionen Besitzer von iPads zu entscheiden, welche Apps und Inhalte “iPad konform” sind?
@heiko helbig: Die Leistung einer Tageszeitungs-Redaktion besteht im Sortieren, Aufbereiten und Einordnen des Weltgeschehens für die Leser. So wird es in den Debatten über das Leistungsschutzrecht von Verlagsseite immer wieder beschrieben. Dieser Anspruch wird aber m.E. bei den Boulevardzeitungen kaum erfüllt. Die bringen (um ein Beispiel zu nennen) Nichtigkeiten groß und Wichtiges ganz klein. Deshalb passen m.E. eine abonnierbare App und der Boulevard nicht wirklich zusammen. Es war im übrigen schon immer so, dass die so genannten Straßenverkaufszeitungen (Bild, AZ, tz, Express etc.) nur sehr wenige Abonnenten hatten.
Im übrigen “entscheide” ich gar nichts, sondern äußere eine Meinung, für die ich Gründe anführe.
@Torsten: Jetzt übertreiben Sie aber gewaltig (was Monopolisierung und Bezahlung angeht ;-)
Wolfgang Michal: Der Titel “Der Boulevard hat absolut kein Recht, die Welt für uns zu sortieren” ist emotional, skandalisierend, macht sich mit dem Leser gemein und blendet Kontext aus. Kurz: das hier ist ein Stück Boulevardjournalismus.
@Torsten: Hätten Sie die Überschrift “The Daily – Stärken und Schwächen eines Versuchs” besser gefunden?
Wolfgang Michal: Das wäre zwar keine Boulevardüberschrift – aber es ändert ja nichts am Artikel, der ja ganz auf die Ursprungsüberschrift zugeschnitten war.
@Torsten: Nee, es war umgekehrt. Ich habe mir aus dem fertigen Beitrag die beste Überschrift rausgesucht.
Es ist wirklich traurig, was bei den Verlegern passiert! Die verstehen einfach nicht und haben an den „alten Zöpfen“ zu lange festgehalten!
Die Zeit hat sich gewandelt – Informationen sind heute für jeden zugänglich, ob aus Blogs oder aus Zeitungen. Ich habe schon lange keine Tageszeitung mehr. Die Informationen, die ich früh morgens und den ganzen Tag über aus dem Internet erhalte, reichen mir.
Ich habe viele Jahre für einen großen Verlag gearbeitet. Dort war das Hauptthema nicht Innovation sondern Bestandssicherung. Jetzt ist die „Karre im Dreck“ – Verlorene Abonnenten bekommt man in der Regel nicht mehr zurück, wahrscheinlich auch nicht mit dem iPad….
Die Verlage wollen nicht einsehen dass Ihre Zeit gekommen ist!
Viele Grüße
Hubert Pflumm (hpf)
http://www.pflumm.de
Die Überschrift ist doch absolut Blogger-gemäß. Man muss halt etwas boulevardesk headlinen um in übervollen Feedreadern wahrgenommen zu werden. ;)
zum Thema: Die Kritik an der App passt ganz gut zum Longtail-Leseverhalten der heutigen Leser. Eine Auswertung des Bookmark-Tools Instapaper ( http://www.instapaper.com/ ) ergab, dass die meisten Leser im Netz “springen”. Sie bleiben nicht einem Blatt treu sondern suchen sich je nach Thema ihre Quelle.
Jetzt nehmen Sie den 17 Millionen iPad Usern doch nicht auch noch die letzte Hoffnung auf eine sinnvolle Anwendung für ihren Sofa-Mac…
[...] could at least have gotten something a little more up-to-date — with, say, the mid-90s?” Wolfgang Michal wählt bei Carta einen medienkritischen Standpunkt: “Die bizarre Annahme, der unaufhörliche Nachrichtenstrom würde nur einmal am Tag in Form [...]
michal:
Da liebe ich doch mein „…museumsreifes…“, „…innerlich widersprüchliches…“ und „…rückwärtsgewandtes…“ SPIEGEL-Abo. Zugegebenerweise hänge ich an diesem widerlichen „…Ganzheits-Konzept…“ von diesem „…einzigen Produkt…“, da ich wohl „…letztlich…“ doch nur ein „…unmündiger Leser…“ bin, der die „…Medienangebote nur selten mit anderen Medienangeboten vergleicht…“. Skandalöserweise kaufe ich nicht nur „…die Nachrichten-Auswahl einer bestimmten Redaktion, sondern auch die übrigen Ressort-Inhalte…“. Zusätzlich bin ich offensichtlich auch noch einer „…dieser Leser der alten Schule…“, die „orientiert werden…“ wollen, „…weil sie nicht in der Lage (oder nicht willens) sind, das für sie Interessante selbstständig aus dem Nachrichtenstrom zu fischen…“.
„…Solche Medienkonsumenten gibt es zweifellos…“, auch unter den regelmäßigen Carta-Lesern, vielleicht sollte man sie mehr schätzen. Solch ein undurchdachtes Bashing kann schnell mal nach hinten losgehen…
Wenn Boulevard wirklich so „…überflüssig…“ und „…chaotisch…“ ist, wie sie schreiben, was hat er dann auf carta.info überhaupt zu suchen?
Eine vernünftige Initiative gegen Apple: http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/0,1518,744105,00.html
quolol: (Ich nehme an, uni ist der Vorname ;-)
Das wäre ja wirklich zu viel verlangt, dass Sie hier mal kein “undurchdachtes Carta-Bashing” veranstalten. Ich will Ihnen doch den Spiegel gar nicht madig machen, aber was hat der bitte mit der Daily-App zu tun?
@michal:
„…Das wäre ja wirklich zu viel verlangt, dass Sie hier mal kein “undurchdachtes Carta-Bashing” veranstalten…“
Wie soll ich das verstehen? Mein Punkt war, dass sich die gleichen Argumente, welche Sie für Ihre Boulevard-Kritik vorgebracht haben, sich ebenso gut gegen carta.info oder den Spiegel richten lassen. Was hat dies mit Carta-Bashing zu tun? Bitte um Aufklärung!
Ich denke, die gleichen Argumente lassen sich eben nicht auf Äpfel, Birnen und Tomaten gleichermaßen anwenden. Der “Spiegel” ist ein gedrucktes Leit-Medium (und aufgrund seines umfassenden Angebots natürlich auch App-fähig). Carta ist eine offene Autoren-Plattform und kostenlos, The Daily ist eine geschlossene Boulevard-iPad-App. Ich habe dargelegt, dass und warum eine Boulevard-Zeitung und ein App-Abo nicht besonders gut zusammenpassen. Diese Argumentation hat Sie aber offensichtlich nicht interessiert…
[...] kontrollfreaks. Carta zählt passend dazu Stärken und Schwächen des iPad Magazins The Daily auf: “The Daily”: Der Boulevard hat absolut kein Recht, die Welt für uns zu sortieren Eine Erklärung warum das mit den Magazinen auf dem iPad nicht funktionieren kann und warum das [...]
[...] Carta: Der Boulevard hat absolut kein Recht, die Welt für uns zu sortieren Scharfsinnige Pro-und-Kontra-Analyse von „The Daily“. [...]