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Wolfgang Michal

Das Libroid ist ein Weblog, das man um 90 Grad drehen kann

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Worin besteht eigentlich die „Erfindung“ des in der vergangenen Woche von Jürgen Neffe vorgestellten Libroids? Es ist eine E-Book-App im Blogformat für das iPad. Der Clou ist sein Doppelcharakter: Es will das Bildungsbürgertum mit der Surfgeneration versöhnen.

06.10.2010 | 

Das Libroid heißt Libroid, weil es „buchähnlich“ ist. Es nimmt Abschied von der alten Welt des Buches, indem es die alte Welt aufhebt (das heißt: ablöst und gleichzeitig aufbewahrt). Und es passt in die neue Welt, deren Begrifflichkeit noch immer so unsicher ist, dass es lieber an den Bezeichnungen der bekannten Welt festhält – siehe Android.

Aber was ist nun das Erstaunliche an dieser „Erfindung“, die laut ihrem Erfinder „eine neue Ära des multimedialen Lesens und Schreibens” eröffnet? Das Libroid funktioniert eigentlich wie ein ganz normales Blog – mit einer breiten Lesespalte in der Mitte und zwei Randspalten links und rechts, die dem Leser allerlei zusätzliche Informationen anbieten.

Jürgen Neffe bei der Libroid-Präsentation: "Vor Dir liegen noch 63 Prozent."

Texte auf dem Libroid können gescrollt werden (Wow! Wie aufregend!). Sie haben keine Seitenzahlen wie ein Buch, sondern Prozentzahlen: Du hast jetzt 37 Prozent des vorliegenden Textes gelesen. Vor Dir liegen noch 63 Prozent.

Die Verweise und Ergänzungen in den Randspalten des Libroids liefern die internetüblichen Vertiefungen (mit und ohne Verlinkung), belegen oder erschließen die vom Autor des Buches verwendeten Quellen, führen den Leser in angrenzende Sachgebiete und ermöglichen ihm Kommentare (Wow! Auch das kannten wir noch nicht ;-).

All diese Blognormalitäten „erfindet“ das Libroid nun noch einmal für das Buch. Willkommen im digitalen Zeitalter!

Andererseits: Der hybride Mix aus Buch und Blog hat auch etwas Vielversprechendes. Denn der Charme des Libroids resultiert aus seinem Doppelcharakter. Es versöhnt das strenge Bildungsbürgertum mit der ablenkungsbereiten Surfgeneration. Es integriert und desintegriert – je nach Bedarf und persönlicher Neigung.

So integriert es die Vorteile der modernen Lesegeräte und die Vorteile des Blogaufbaus (also Navigation und CMS): Durch einfaches Drehen des Geräts verändert sich das Leseformat, so dass jedes Detail aus den Randspalten herangezoomt, und das Wissen vertieft und verbreitert werden kann. Das Libroid ist eine Multimedia-App, die (wie bei Amazons Kindle) mund- und augengerecht serviert, was aktivere Internet-User lieber nach eigenem Gutdünken aus dem Netz fischen würden.

Die wirklich interessante Funktion ist jedoch die Möglichkeit zur Desintegration von Buch und Vernetzung. Das Libroid hält dem Leser den Multimedia-Schnickschnack vom Leib: Durch einfaches Drehen des Geräts verschwinden die Randspalten, und der Leser kann sich auf den puren Text konzentrieren. Es fehlen sogar die Verlinkungen im Text. Beim Libroid laufen sie in den Randspalten mit und verschandeln nicht das Schriftbild.

Das Überraschende an der Libroid-App ist also die Möglichkeit, Text und Verknüpfung mittels einfacher Veränderung des Bildschirmformats optisch zu entkoppeln. Eine Drehung vom Quer- ins Hochformat – schon erscheint das dreispaltige Weblog wieder als unbeflecktes Buch.

Das ist eine hübsche Idee. Eine Übergangsidee, die – wie viele Ideen in dieser Zeit – von einem neugierigen und mutigen Autor umgesetzt wird, nicht von einem Verlag. Vermutlich wird sie aber weder den harten Kern des Bildungsbürgertums noch die digital natives überzeugen.

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6 Kommentare

  1. Hanoi |  07.10.2010 | 09:30 | permalink  

    Interessant, in der Tat.

    Sehr hegelianisch auch der Begriff aufheben, der zudem ja auch “etwas auf eine höhere Ebene hieven” (elevare) bedeuten kann. Und dazu noch der Rückgriff auf eine alte Technik (Schriftrolle). Hach. GWFH wäre so stolz!

  2. ebertus |  07.10.2010 | 09:43 | permalink  

    Hört sich gut an, wenn man weder dem multimedialen Schnickschnack etwas abgewinnen kann, noch so gern an der Hand und eher selektiv geführt werden wollte. Würde mich als – mal unterstellt – Teil dieses “harten Kern(s) des Bildungsbürgertums” schon überzeugen lassen.

    Dennoch, für mich gibt es nach wie vor nur zwei primäre Kriterien bezüglich der Akzeptanz. Und dies ist a) die völlig freie und plattformunabhängige Verfügungsgewalt über den legal erworbenen Inhalt im Rahmen der privaten Nutzung – analog einem Buch eben, und b) die konsequente Abkoppelung von Kauf und Käufer – ebenfalls analog einem Buch, welches ich anonym kaufe und bar bezahle.

    Ergo: Weder DRM und ähnlichen Gängeleien noch die fürsorgliche Belagerung des Käufers via dessen Kauf- und Lesegewohnheiten sind zu akzeptieren, technisch mögliche Modifizierung und gar Löschung von legal erworbenem Kontent ebenfalls nicht. Oder hat man schon mal von einem Buchhändler gehört, der bei seinen Kunden einbricht, den Kunden legal verkaufte Bücher wieder entwendet?

    Habe mir letztens und nach Jahrzehnten nochmals neu den Klassiker “Fahrenheit 451″ gekauft. Da gibt es viele mediale Analogien zur Jetztzeit, die beim ersten Lesen in den 70ern noch nicht diese Bedeutung hatten. Und…eine Feuerwehr zum Verbrennen der Bücher würde ja aktuell – und erst recht zukünftig – dann auch nicht mehr gebraucht; solange relativ einfach der entsprechende Löschcode für den sowieso eingesperrten Content übermittelt werden kann.

  3. André |  07.10.2010 | 20:16 | permalink  

    Also eine Software, die per “Klick” vermeintlich unnützes Zeug ausblendet?
    Die Idee ist sicherlich nett, nur bin ich nicht von der (künftigen) Einzigartigkeit überzeugt. Anders gesagt: Was sollte die großen Verlage davon abhalten, in Zukunft ähnliche Programme anzubieten?

    Davon abgesehen meine ich in einer jüngst erschienenen Umfrage gelesen zu haben, dass das “Bildungsbürgertum” eher Produkte wie den Kindle bevorzugt.
    (Und das liegt sicher nicht daran, dass es für das iPad keine normalen Bücher gibt.)
    Insofern scheint mir die angesprochene Zielgruppe recht weit außerhalb des Fadenkreuzes zu stehen.

  4. Breitband - Das Buch, multimedial |  09.10.2010 | 16:51 | permalink  

    [...] iPad-App “Libroid” zeigen. Deren Erfinder Jürgen Neffe hat die Anwendung zur Buchmesse vorab-präsentiert und schwärmt von “einer neue Ära des multimedialen Lesens und Schreibens”. Wir haben [...]

  5. e-book-news.de » Libroid, oder: so ähnlich wie ein Buch - Jürgen Neffes multimediale E-Book-Alternative |  11.10.2010 | 16:44 | permalink  

    [...] mit der „ablenkungsbereiten Surfgeneration“ versöhnen soll, wie Wolfgang Michal auf CARTA schrieb. Letztlich steckt Libroid während der Startphase nämlich im selben Dilemma wie die [...]

  6. W. Winter |  12.10.2010 | 18:14 | permalink  

    Herr Neffe (er war mir ehrlich gesagt nicht bekannt) scheint ein kluger Mann zu sein. Dass er hier allerdings mit seinem Libroid die “Erfindung” einer mehrere Jahrhunderte alten Technologie (nämlich der Marginalie) für sich in Anspruch nimmt, finde ich nun doch etwas kurios. Nicht einmal Ted Nelson (Vater des Hypertext-Begriffs/-Konzepts) oder Tim Berners-Lee hatten die Chuzpe, sich als “Erfinder” des Hyperlinks (= Querverweises) zu rühmen.

    In der konkreten Umsetzung handelt es sich wohl um eine Kombination von Konzepten und Techniken, die mir teilweise seit zehn Jahren bekannt sind: per JavaScript und CSS “mitlaufende” Textergänzungen und Navigationshilfen sowie Tools wie das wundervolle “Readability” von Arc90, das Webseiten auf den eigentlichen Inhalt in leserfreundlichem Format reduziert. Auch “fluide”, nicht mehr seitenstarre Layouts kennt man bereits seit den Neunzigern des vergangenen Jahrhunderts.

    All das ist also schon seit längerem vorhanden – wenn auch nicht bekannt, da die meisten Content-Anbieter (Verleger, Redaktionen, Blogger) aus Tradition und merkantilem Interesse ihre Inhalte nach wie vor in eher traditioneller Form aufbereiten. Es ist schwer genug, sich seine Brötchen im entgrenzten digitalen Raum zu verdienen.

    Während mich (ich arbeite an einem vergleichbaren Projekt, wenn auch mit anderem Schwerpunkt im Anwendungsmodell) nun Aspekte wie bidirektionale Links und lesefreundliche Präsentation mehr interessieren als Geschäftsmodelle, fürchte ich doch, dass Herr Neffe zunächst einmal auf dem freien Markt beweisen muss, dass derart “befreite” Inhalte vom Leser akzeptiert und vom Anbieter (Autor/Verlag) verkauft werden können. Die Erfahrung zeigt, dass die Akzeptanz eines Mediums mindestens eine Generation in Anspruch nimmt. Erst, wenn es nicht mehr als “novelty” wahrgenommen wird, kann es von Anbietern und Nutzern wirklich souverän und effizient eingesetzt werden.

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