Netzlese

Robin Meyer-Lucht

“Orientierung in der digitalen Welt”

Robin Meyer-Lucht | 6 Kommentar(e)


Konstantin Neven DuMont fordert in der Frankfurter Rundschau vom Wochenende “Respekt für Blogs und Foren” und sorgt sich um die Zukunft des kritischen Journalismus.

07.09.2010 | 

Herausgeber Konstantin Neven DuMont hat unter dem Titel “Orientierung in der digitalen Welt” in der Jubiläumsausgabe der Frankfurter Rundschau einen Appell verfasst: Der klassische Journalismus drohe im Digitalzeitalter seine Funktion für die Meinungsbildung zu verlieren, wenn nicht bald neue Einnahmequellen gefunden würden, warnt Neven DuMont. Zugleich versucht er, die Netzdebatten positiv aufnehmen: Er fordert mehr Akzeptanz für Blogs, eine verstärkte Verlinkung und setzt sich für die Netzneutralität ein.

Ein Kernsatz des Textes lautet dennoch:

Zurückgehende Werbeeinnahmen konnten von den meisten Medienhäusern nur durch Kostensenkungen kompensiert werden.

Neven DuMont konstatiert damit aus Verlegerposition, dass die Medienhäuser bislang vor allem Ressourcen abgebaut haben, um auf die zurückgehenden Werbeeinnahmen zu reagieren. Der Sprung zu neuen Formaten, neuen Strukturen und neuen Einnahmemodellen ist nur selten gelungen. Auch bei Neven DuMont ist – bei Betonung der Modernität – zu spüren, dass er sich vor allem auf die alten Stärken des Journalismus im neuen Medium verlassen will. Das ist ein nachvollziehbares Anliegen – aber es greift selbstredend zu kurz.

Schon ein Wort wie “Orientierung” erscheint mir inzwischen als Funktionszuschreibung für den Journalismus im Netz zu paternalistisch gedacht. Orientiert ist das Publikum hoffentlich schon selbst – der Journalismus macht lediglich Filterangebote und offeriert Inhalte.

Siehe auch:

CARTA Kaffeekasse
Carta wird FACEBOOK-Kommentare einführen - demnächst hier...

6 Kommentare

  1. Max Franke |  07.09.2010 | 16:48 | permalink  

    Herr Neven DuMont scheint da von sich auf andere zu schließen: sein Haus ist den Anzeigeneinbrüchen bisher nur durch Kostensenkungen (Stichwort: Mantelredaktionen) begegnet und hat auf digitaler Seite nicht wirklich durch innovative Formate oder der Zeit angemessene Strukturveränderungen und Geschäftsmodelle geglänzt. Andere (z.B. Bertelsmann oder Axel Springer) haben es durchaus verstanden der Digitalisierung frühzeitig zu begegnen, überzeugen mit digitalen Formaten und haben auch nicht davor zurückgeschreckt ihre alten Erlösmodelle zugunsten von neuen Produkten zu kannibalisieren.
    Immerhin hat er was Blogs und Verlinkung eine vernünftige Einstellung. Mich würden mal seine Aussagen zu Diensten wie Google News interessieren.

  2. noName |  07.09.2010 | 17:20 | permalink  

    Dass die Netzdebatte von einem Verleger positiv aufgenommen wird, ist immerhin ein Schritt in die richtige Richtung. Es ist naturgemäß schwierig, die eigene Zunft zu kritisieren.

  3. Konstantin Neven DuMont |  07.09.2010 | 18:52 | permalink  

    @Max Franke: Proportional betrachtet haben Bertelsmann oder Axel Springer nicht weniger Journalisten abgebaut als wir. In Bezug auf die digitalen Erlösmodelle dürfen Sie die Größenunterschiede dieser Unternehmen nicht vergessen. Google News sehe ich eher skeptisch. Mir geht es in erster Linie darum, Menschenrechte zu verteidigen, sozial Benachteiligte zu unterstützen, den Umweltschutz zu fördern, Bildung zu verbessern und das Gesundheitssystem präventiver zu gestalten. Bislang ist nicht erkennbar, dass Google besonders viel zum Erreichen dieser Ziele unternimmt.

    Die Meinungsbildungsprozesse werden durch die unterschiedlichen Partikularinteressen zunehmend behindert. Dabei spielen Blogger, Journalisten, Politiker, der öffentlich-rechtliche Rundfunk, private Medien, Netzinfrastrukturbesitzer und Suchmaschinenbetreiber alle eine Rolle. Es geht mir nicht um irgendwelche Schuldzuweisungen. Ich glaube sogar, dass die meisten Beteiligten nach bestem Wissen und Gewissen agieren, ohne ausschließlich auf ihr eigenes Portemonnaie zu achten.

    Dennoch gibt es genügend Anzeichen, dass etwas grundsätzlich schiefläuft. Betrachten Sie zum Beispiel die jahrelange Debatte um die Situation von Kindern und Jugendlichen in unseren Problembezirken. Um Bevölkerung, Politik und Medien auf dieses Problem aufmerksam zu machen, startete ich vor zwei Jahren in Köln eine Fernsehsendung namens “Quo vadis Colonia”. Mehrfach habe ich Appelle artikuliert, dass wir in diesen Gebieten mehr investieren müssen.

    Damit ist nicht nur Geld gemeint, sondern auch konzeptionelle Veränderungen. Stattdessen wurde vor allem Sozialabbau betrieben. Finden Sie es nicht auch merkwürdig, dass Lehrer, Sozialarbeiter oder Sozialhelfer eine so kleine Lobby in Deutschland haben? Anstatt über fortschrittliche Konzepte von Menschen aus diesem Kreis zu diskutieren, beschäftigen sich die meisten Politiker oder Medienschaffenden lieber mit Sarrazin oder sich selber. Was sagt uns das?

  4. JoSch |  08.09.2010 | 00:29 | permalink  

    @Konstantin Neven DuMont:
    Dass sich das klassische Nachrichtengeschäft überlebt hat, ist unbestritten und durch den Konkurrenzdruck durch das Internet hat sich die Marktsituation stark verschoben. Das gilt für den Werbemarkt, wie für den “Aufmerksamkeitsmarkt” (die Leser) gleichermassen.
    Die klassischen Medien durch eine Onlineversion zu ergänzen, kann diesen Umstand etwas ausgleichen, aber das grundlegende Problem wird nicht gelöst:
    Das Konzept des Verkaufens von Informationen war nie für ein digitales Zeitater gedacht.
    Die Stärke des Internets besteht das, dass Informationen verknüpft (verlinkt) werden. Die Seiten die im Internet das große Geld verdienen, sie nicht die, die versuchen Ihre Informationen zu schützen, sondern die, die sie maximal verbreiten.
    Google News ist kein Feind des Onlinejournalismus, es ist sein bester Freund.
    Wenn ich zu einem aktuellen Thema etwas wissen möchte, gebe ich einen Suchbegriff in Google News ein und wähle 3-4 interessante Treffer aus und besuche die Seiten, lese die Artikel, suche nach Links zu Quessen oder weiterführenden Informationen.
    Schauen Sie sich an, wie Google sein Geld verdient und fragen Sie sich: “was würde Google tun, wenn es eine Onlinezeitung herausgeben wollte ?”.

  5. Katharina Rosch |  08.09.2010 | 07:34 | permalink  

    Als freie Journalistin habe ich den Druck seit 2001 sehr deutlich zu spüren bekommen. Zum einen sind sehr viele festangestellte Kollegen gekündigt worden, die sich jetzt zusätzlich um die Aufträge bemühen, zum anderen werden auch im freien Markt die Kosten (Zeilenhonorare) gekürzt werden, sich viele Verleger nicht an die Honorarvereinbarungen halten.
    Auf der anderen Seite ist meiner Meinung nach die Qualität erheblich zurück gegangen – was das Zeitungssterben eher begünstigt. Wer zu wenig Redakteure angestellt hat und den Freien ihre Honorare kürzt, muss sich aber zugleich nicht wundern, wenn nicht mehr so gut recherchiert wird.
    Zusätzlich zieht der Populismus in jede Ebene der Medien ein. C-Promis wie Eva Hermann oder Thilo Sarrazin bekommen plötzlich einen Hype, der ihnen unter normalen Umständen nicht zukäme und auch nicht zukommen sollte. Offenbar lässt sich aber nur so noch richtig Geld verdienen.
    Für mich auch ein Unding: die völlig überzogenen Gewinnerwartungen der Verleger, bzw. der Anleger. Die Presse gehört zu der freiheitlich demokratischen Grundordnung. Sie soll den Bürger informieren und dem Staat auf die Finger gucken!
    Dieser Aufgabe kommen heute in der Tat immer weniger Zeitungen und Zeitschriften auch immer weniger Fernsehsendungen nach. Dafür wächst aber die Blogger-Gemeinde, die meist mit ihrer Arbeit nur eines gewinnt: Reputation.
    Auf die Dauer wird sich das keine demokratische Gesellschaft leisten können, ihre durchaus auch kritischen Journalisten verhungern zu lassen. Sonst ist die Demokratie ganz schnell am Ende. Mir allerdings ist auch noch nicht so recht klar, wie ich in Zukunft mein Geld verdienen kann. Obwohl ich blogge, obwohl ich twittere, obwohl ich auch noch für die Print-Medien arbeite. Es ist verdammt schwer geworden!

  6. Max Franke |  08.09.2010 | 10:34 | permalink  

    @Konstantin Neven DuMont: Ich wüsste keine Epoche der Menschheit, in der Meinungsbildung nicht durch die Interessen einzelner Personen oder Gruppierungen bestimmt wurde. Der Unterschied ist, dass nicht nur die klassischen Gatekeeper ihre Nachricht verbreiten und unerwünschte Informationen filtern können, sondern jeder innerhalb kürzester Zeit zum Sender werden kann. Entsprechend groß ist die Anzahl der Informationen exorbitant groß, sodass die Einordnung und Sortierung nach (persönlicher interessengesteuerter) Relevanz immer wichtiger wird (hier kommt z.B. Google ins Spiel).

    @Katharina Rosch: Verstehen Sie mich bitte nicht falsch, ich bin ein Verfechter des Qualitätsjournalismus und hoffe, dass die entsprechenden Medien Modelle finden, mit denen sie überleben. Dennoch lässt sich nicht von der Hand weisen, dass die etablierten Medien heutzutage in direkter Konkurrenz zu tausenden von Bloggern und Freizeitjournalisten stehen und sich nur durch qualitativ hochwertigen Journalismus in der Nische absetzen können.

    Die angesprochenen Problematiken in der Angedasetzung und der Sensibilisierung der Bevölkerung für bestimmte Themenbereiche teile ich. Dennoch ist die Mehrheit der Bürger in keinster Weise interessiert an a) der tiefergehenden Untersuchung komplexer Sachverhalte und b) an Themen, die Probleme außerhalb des eigenen Lebensbereichs behandeln. Fakt ist, dass für die meisten Menschen investigativer Journalismus nicht mehr aufdecken muss als die letzten Seitensprünge einer Adelsfamilie und die 10. Verflossene eines Herr Kachelmann. Die Annahme, dass nur die Medien zum Qualitätsverfall beitragen ist eine Mär und geht an der Lebensrealität des Großteils der Bevölkerung vorbei. Darüber hinaus ist die von manchen Journalisten/Medienschaffenden beanspruchte Deutungs- und Qualitätshoheit, die im Gegenzug Bloggern etc. dann nicht zugesprochenen wird, zuweilen recht anmaßend.

Sie möchten diesen Text kommentieren?

Ihr Name (erforderlich):

Ihre E-Mail (erforderlich):

Ihre Website:

Über Facebook oder Twitter einloggen:

Sie können Ihren Kommentar mit HTML-Befehlen formatieren.