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Enno Park

Hinter Sarrazins Zuchtphantasien steckt purer Ökonomismus

 | 9 Kommentar(e)


Thilo Sarrazin vertritt ein zutiefst utilitaristisches Menschenbild: Einwanderung muss sich für die Mehrheitbevölkerung vor allem auch “rechnen”. Seine biologistischen Ansätze sind verwurzelt in einem “survival of the fittest”-Ökonomismus. Eine Polemik.

04.09.2010 | 

Thilo Sarrazin ist Ökonom. Damit hat er sich einer Sozialwissenschaft verschrieben, die viele Thesen kennt und wenige Beweise und die in einem großen Maße von politischen Moden abhängig ist.

Es war der Neoliberalismus, der weniger die Freiheit des Individuums im Blick hatte als die philosophische Grundhaltung, den Märkten freien Lauf zu lassen und auf so viele Regeln wie möglich zu verzichten, was auf ein freies Spiel der Mächte und damit de facto auf das Recht des Stärkeren hinausläuft.

Im Zuge der Neoliberalisierung des Zeitgeistes wurde der Gedanke des Unternehmertums auf immer mehr Lebensbereiche übertragen. Nicht nur wurden öffentliche Einrichtungen privatisiert und damit gezwungen, am Hauen und Stechen auf den Märkten teilzunehmen – auch der einzelne Mensch wurde immer mehr als Unternehmer in eigener Sache gesehen, der sich selbst zu vermarkten hat. Es ist zum Beispiel erklärtes Ziel einiger bolognareformierter Universitäten, genau solche markgängigen Absolventen heranzuzüchten.

Es ist zynisch, dass ökonomisches Denken immer mehr Lebensbereiche bestimmt, obwohl ausgerechnet die Ökonomie selbst im Menschen entweder einen utopischen Homo Oeconomicus sieht – oder aber schlicht „Humankapital“. Besonders das Wort „Humankapital“ ist entlarvend für den Wert, den der Ökonom einem Menschen beimisst.

Nun will ich selbstverständlich Ökonomen nicht unter den Generalverdacht der Gefühlskälte stellen, kenne aber aus eigener Anschauung etliche Akademiker einschlägiger Fachbereiche, die ein tendenziell deformiertes und utilitaristisches Menschenbild pflegen.

In der Ökonomie wie in der Betriebswirtschaftslehre ist trotz einiger anders lautender Lippenbekenntnisse in den Vorworten der Lehrbücher der Nutzen des Menschen in Form von Arbeitskraft der einzige ihm beizumessende Wert, dem sich alle seine anderen Interessen unterzuordnen haben.

Ein unternehmerisches Interesse, gut mit Mitarbeitern umzugehen, ist ökonomisch nur dann gerechtfertigt, wenn dies zu einer höheren Motivation und damit zu höherer Ausbeute oder Sicherung der Arbeitskraft des betreffenden Mitarbeiters dient. Selbstverständlich heißt das nicht, dass es nicht auch menschenfreundliche Chefs gibt oder solche mit ethischen Grundsätzen – allerdings handeln sie streng genommen nicht ökonomisch.

Für einen Bundesbanker wie Thilo Sarrazin ist der einzelne Mensch offenbar nur noch eine statistische Zahl, an der man herumoptimieren kann. Betrachtet man seine Äußerungen unter diesem Blickwinkel, werden seine Statements zu Hartz IV und Unterschicht verständlich.

Das wesentliche Problem des ökonomischen Denkens ist, dass es seine darwinistische Grundhaltung des Survival of the Fittest vom Marktgeschehen auf die Gesellschaft und den Menschen an sich projiziert. Vor diesem Hintergrund erscheint es unökonomisch, ineffiziente Menschen zu unterstützen. Es erscheint unökonomisch, dem Hartz-IV-Empfänger Raum für ein menschenwürdiges Leben zu lassen.

Es erscheint unökonomisch, für die aufwendige Integration von Migranten zu sorgen. Der neoliberale Ökonom Sarrazin sieht sich weiterhin als Sozialdemokrat, der durch ökonomische Optimierungen am Rand der Gesellschaft selbiger etwas Gutes tun will. Derzeit sind viele geneigt, ihn als durchgeknalltes Einzelphänomen zu betrachten.

Die eigentliche politische Gefahr besteht jedoch nicht in Sarrazin, sondern in der Selbstverständlichkeit, mit der wir die Ökonomisierung unserer Gesellschaft erlauben und damit dafür sorgen, dass eine breite Zustimmung des „hat ja irgendwie auch Recht“ in der Gesellschaft überhaupt möglich ist.

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9 Kommentare

  1. theofriedrich |  04.09.2010 | 19:24 | permalink  

    Wie wahr, wie wahr.
    Ich bitte zu bedenken, daß gesellschaftliche Entwicklung weder ein Ziel hat, noch geradlinig verläuft. Nun haben wir es einmal so wie es ist und wir waren alle dabei. Mitte des letzten Jahrhunderts geboren kann ich mich an Zeiten erinnern, die mir wesentlich besser gefallen haben. Da war halt das Geschrei von der anderen Seite groß und wir haben uns einen gefeixt. :-))
    Sind schlechte Zeiten, kommen bessere.
    Auch dieser Herr ist nur Ausdruck, des Zeitgeistes, der den Menschen nicht in seiner Ganzheit sondern nur in selektierten Funktionen wahrnimmt. Ich glaube das nennt man Entfremdung. Das Pendel schwingt zurück, die Frage ist nur ob es dazu wieder eine der großen politischen Katastrophen des letzten Jahrhunderts braucht.
    Das ” hat irgendwie auch Recht ” und die erhöhte Strohfeuer-Bereitschaft über Integration zu reden (wie oft eigentlich schon?) ist denke ich nur der Ausdruck dafür, daß den Menschen in diesem Land ständig vermittelt wird, daß “die Ausländer” sich integrieren müssen, aber nicht, daß sie selbst auch die Bereitschaft zeigen müssen die Menschen sich integrieren zu lassen.

    Gruß und schönes Wochenende
    Theo F.

  2. Chat Atkins |  05.09.2010 | 10:21 | permalink  

    Alles richtig – nur will das keiner von denen wissen.

    Man könnte übrigens auch folgenden Einwand gegen Sarrazins Verfallspanorama historisch belegen: Zeiten des Bevölkerungsschwunds waren immer großartige Zeiten für den Lebensstandard des kleinen Manns: Spätmittelalter (mit exorbitanten Dienstbotenlöhnen), die Barockzeit nach dem Dreißigjährigen Krieg (als die Fürsten sich verzweifelt an einer ‘Peuplierungspolitik’ versuchten und wechselseitig sich die Bauern abjagten), die Go-West-Zeiten der USA, als man vor dem Bevölkerungsdruck einfach in die Prärie auswich, oder nach dem zweiten Weltkrieg in Deutschland (‘Wirtschaftswunder’) usw. usf. Und heute wieder die neue Lohndebatte, die sich auf Grund der ‘demographischen Krise’ überall schon andeutet. Demographische Krisen haben immer ‘Konsumismus’ zur Folge, sie sind stets nur schlecht für die dort oben …

  3. die ennomane » Blog Archive » Links der Woche |  05.09.2010 | 12:02 | permalink  

    [...] mal was bei Carta über Sarrazin geschrieben und den viel zu wenig beachteten Aspekt, dass er Ökonom [...]

  4. Tharben |  05.09.2010 | 12:30 | permalink  

    Ausgezeichneter Eintrag, Enno. Wort für Wort volle Zustimmung.

  5. weissgarnix |  06.09.2010 | 07:28 | permalink  

    Du hättest vielleicht deine Begriffswelt abklären sollen -Neoliberalismus, Freiheit, Markt, Ökonomie-, dann wäre bei diesem Beitrag mehr herausgekommen, als moralinsaures Geschwurbel.

  6. 50hz – Werkstatt für Netzkommunikation » Blogarchiv » Integrationsdebatte: Nicht jetzt! Nicht mit dem! |  07.09.2010 | 12:01 | permalink  

    [...] Enno Park: Hinter Sarrazins Zuchtphantasien steckt purer Ökonomismus [...]

  7. TheEconomicScribbler |  16.09.2010 | 16:03 | permalink  

    Es ist zynisch, dass ökonomisches Denken immer mehr Lebensbereiche bestimmt, obwohl ausgerechnet die Ökonomie selbst im Menschen entweder einen utopischen Homo Oeconomicus sieht – oder aber schlicht „Humankapital“. Besonders das Wort „Humankapital“ ist entlarvend für den Wert, den der Ökonom einem Menschen beimisst.

    Der Abschnitt ist grober Unfug. Und der Rest des Artikels ist leider nicht viel besser.

  8. German Psycho |  17.11.2010 | 15:56 | permalink  

    Mal ganz konkret gefragt: Was ist denn an diesem „Markt” so schlimm? Was ist denn besser, wenn dieselbe Dienstleistung nicht von Unternehmen sondern vom (zentralistischen und per Definition monopolistischen) Staat übernommen wird? Warum ist ein Beamter in seiner Entscheidung weniger kalt als ein Unternehmer?

    Warum sprechen Sie einer ganzen Gruppe von Menschen pauschal zu, gefühlskalt zu sein, nur weil Sie einige Beispiele dafür kennen? Und wie würden Sie das nennen, wenn man dasselbe in bezug auf Nationalitäten machen würde?

  9. Enno |  17.11.2010 | 16:30 | permalink  

    Am Markt ist gar nichts schlimm und ich schreibe auch nicht einer Gruppe von Menschen Gefühlskälte zu. Unter Ökonomismus verstehe ich den Denkansatz, alle Lebenbereiche ökonomischen Prinizpien zu unterwerfen. Es gibt Lebensbereiche, die nicht dem Gewinnstreben unterworfen werden sollten, oder suchen Sie sich die nächste Frau, die Sie heiraten, nach der Höhe ihres Vermögens aus? Ökonomisch wäre das sinnvoll…

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