Roland Ernst

Sarrazins Ein-Mann-Partei: Die Revolution verlässt ihre Kinder

Roland Ernst | 6 Kommentar(e)


Die Berichterstattung über die Causa Sarrazin hat eines außer Acht gelassen: Der Noch-Bundesbanker bedient ein urdeutsches Phänomen: Der konservative Revolutionär als Sprachrohr der Enttäuschten. Nur: Die Enttäuschten sind zur Zeit die Mehrheit.

03.09.2010 | 

Der Fall Sarrazin ist noch lange nicht ausgestanden. Auch wenn er jetzt für immer aus der Bundesbank verbannt werden sollte, als Stichwortgeber wird er dennoch lange auf einer Bank am Spielfeldrand der öffentlichen Meinung sitzen bleiben.

Denn beim Stammtischgeschwätz ist es wie bei der Nationalmannschaft. Die Fans warten nach dem Spiel auf den Kommentator, der ihnen das Spiel mit seinem Wissen auseinander pflückt. Aber ein Netzer ist Sarrazin eben nicht. In Talkshows wirkt er wie ein spröder Finanzbeamter, der nebenbei nach Dienstschluss ein philosophisch-populistisches Buch geschrieben hat, das sich als perfektes Labsal für eine geschundene Nation blendend verkauft.

Thilo Sarrazin ist kein Pausenclown für ein genervtes, vielleicht sogar verängstigtes Bürgertum, das sich von der Regierung verraten und verkauft und um ihre Interessen betrogen fühlt. Er ist kein Möllemann und auch keine Eva Herman.

Vielmehr ist Sarrazins Haltung eine deutsche Tradition und damit gleichzeitig ungewollt ein sonderbar urdeutsches Phänomen: Der Bürger als selbsternannter Revolutionär. Der Enttäuschte, der das längst Erodierte zurückholen will. Und der eben nicht wie der liberale Revolutionär Tancredi in dem glanzvollen Roman „Der Leopard“ von Tomaso die Lampedusa stolz formuliert: “Wenn wir wollen, dass alles bleibt, wie es ist, dann ist es nötig, dass alles sich verändert.” Aber es ist eben nicht die Veränderung, die das Thema dieses Romans ist. Sondern die Vergeblichkeit. Die Auflehnung gegen diese Vergeblichkeit ist für Konservative eine Revolution. Für Linke spießiges Querulantentum. Und für Liberale eine nervöse, geisterhafte Irritation.

Eben Thilo – nicht Thomas Mann

Dieses große, seit mehr als neunzig Jahren wirkungsvolle Paradoxon von der „konservativen Revolution“, die Thomas Mann in seinen „Betrachtungen eines Unpolitischen“ 1918 politromantisch formulierte, dass eben nur durch etwas revolutionär Neues die alten Ideale erhalten werden könnten, ist der lauwarme, heute eher namenlose Traum praktizierender Privatanarchisten, die Stubenhockerei für innere Einkehr und Revolution als lautstarke Debatte unter verunglückten Bildungsbürgern halten.

Die große Ergänzung zu Manns Werk erschien im gleichen Jahr: Oswald Spenglers „Der Untergang des Abendlandes“, in dem der ehemalige Gymnasiallehrer über die Unfähigkeiten von Kulturen – also auch Staaten – doziert, so hinreichend kreativ zu wirken, den eigenen Verfall aufzuhalten. Das alles sind eben jene Themen, die von Sarrazin auf seine Weise aufgeköchelt werden. Mit einiger Wahrheit, mit falschen Zahlen und sonderbaren Schlussfolgerungen, wie man inzwischen weiß. Richtige Fragen mit falschen Antworten zu garnieren, musste giftig wirken.

Willkommen im Untergang

Deutschland schafft sich ab – es ist ein altes Lied und man singt es immer wieder neu. Und der Tenor dieser allzu frommen, missionarischen Denkart feiert alle Jubeljahre seine mitunter pointierte Reinkarnation. Diesmal hat der Thilo zugeschlagen. Mit medialem Feuerwerk, Talkshowauftritten, Titelthemen und einer Extraportion Pfeffer in das Getriebe der öffentlichen Meinungsbildung.

Es kommt einem fast so vor, dass seit den „Satanischen Versen“ von Salman Rushdie kein Buch soviel Entsetzen und Begeisterung gleichermaßen auslöste. Henryk M. Broder entdeckte eine Hatz auf Sarrazin und nannte sie sogar „Hexenjagd“.

Sarrazins Bekenntnisbuch „Deutschland schafft sich ab“ soll satanisch sein. Instrumentalisiert als Untergangspolka. Und die wird auf einer Bühne gespielt, in der die schwarzgelbe Regierung unter Angela Merkel in eine gefühlte Bedeutungslosigkeit versunken ist und die gesamte Opposition in der Spätphase der Sommerpause wie eine Armee konturloser Pappkameraden wirkt.

Und nun ist er da: Thilo, die Ein-Mann-Partei. Er war immerhin Führungskraft der SPD. Nun sind seine Thesen „nah an der Rassenhygiene“, wie Sigmar Gabriel urteilt. Doch der Erzengel der SPD vergisst dabei, dass sein Kollege Sarrazin immer schon ein bisschen der Luzifer der Sozialdemokratie war. Als Finanzsenator von Berlin schreckte er vor nichts zurück.

Fällt so ein Rassenhygieniker eigentlich vom Himmel, möchte man fragen. Der muss doch schon vorher so gewesen sein. Oder?

Ob das Krisenmanagement der SPD, die sich ja gerade im Aufwind der Umfragen wähnt, dem Verdacht “Ex-Führungskraft brilliert als Antisemit und wird Deutschlands wortmächtigste Außerparlamentarische Generalopposition” überhaupt etwas entgegen zu setzen hat, muss bezweifelt werden. Wie auch? Sie war es doch schließlich, die Sarrazin erst in Führungspositionen brachte. Ihn jetzt als das zu entlarven, was er zu sein scheint, entlarvt vor allem eine Partei, deren Mitglied er noch ist.

Die Volksparteien gehen – Sarrazin kommt

Den besten Boden für Sarrazin haben die beiden großen Volksparteien gleichermaßen bereitet. Sie haben sich komplett von ihren Mitgliedern und Stammwählern entkoppelt: Innerhalb von zwanzig Jahren hat die SPD 46% und die CDU immerhin 33% ihrer Mitglieder verloren. Das hat seine Gründe.

„Die CDU, ob sie es wahrhaben will oder nicht, ist längst eine genauso sozialdemokratische Partei geworden wie die SPD“, schrieb Sebastian Haffner bereits 1980 in seinem Essay „Überlegungen eines Wechselwählers“. Eine langwährende Erosion also, bei der konservative Wähler vor den Kopf gestoßen, liberaler denkende Zielgruppen aber nicht langfristig an die Union gebunden werden konnten. Angela Merkel hat diesen Prozess beschleunigt, in Gang gesetzt hat sie ihn gewiss nicht. Gleiches gilt für die SPD, die antisozialistischer ist, als Linksbündler der Partei suggerieren mögen.

Sarrazin: SPD-Mitglied, Bundesbanker – und im Nebenberuf Ein-Mann-Partei.

Laut einer Emnid-Umfrage stimmen 69% der Wähler ihm zu: 39% von der CDU, satte 30% der Sozialdemokraten. Der Bundesbanker hat damit Werte, von der andere nur träumen können. Er war damit schon fast eine Ein-Mann-Klientel-Partei. Bei den Enttäuschten fand Sarrazin seine Befürworter. Nun hat ihn der Antisemitismusvorwurf zu Fall gebracht. Gestürzt ist Sarrazin allerdings noch lange nicht. Diese Revolution hat ihre Kinder längst verlassen. Der Phantomschmerz aber bleibt. Wann kommt Thilo wieder?

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6 Kommentare

  1. Christian Edom |  03.09.2010 | 16:16 | permalink  

    Sarrazin bleibt ein Sozialist. Das darf über den Terminus “konservative Revolution” nicht übersehen werden. Deren “junge” Freunde,die nach der “Teilnehmung dem Wunsche nach” (Kant über die Französische Revolution) sinnen, sie sitzen Belle Etage. Ist das die Gruppe, gegen die einst Friedbert Pflüger mahnte?

  2. Andrea Kamphuis |  03.09.2010 | 16:56 | permalink  

    “Laut einer Emnid-Umfrage stimmen 69% der Wähler ihm zu: 39% von der CDU, satte 30% der Sozialdemokraten.”

    Lieber Roland Ernst, war das jetzt Satire? Andernfalls würde ich dringend zu einem Statistik-Grundkurs raten. Prozentuale Zustimmungen von Bevölkerungsteilen addiert man nicht.

  3. Redaktion Carta |  03.09.2010 | 17:54 | permalink  

    Möglicherweise sind da Zahlen drcheinander gekommen. Hier die “Bild”-Ergebnisse:

    Auf die Frage, ob der Bundesbankvorstand und ehemalige Berliner SPD-Finanzsenator mit seiner Aussage recht habe, ein Großteil der arabischen und türkischen Einwanderer sei „weder integrationswillig noch integrationsfähig“, antworteten 51 Prozent der Deutschen mit Ja, nur 39 Prozent mit Nein. Das ergab eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Emnid für BILD am SONNTAG.

    Nur bei den Grünen-Wählern stößt Sarrazins These auf Ablehnung (Ja: 24 %; Nein: 64 %). Zustimmung kommt von den Anhängern von SPD (Ja: 50 %; Nein: 42 %), CDU/CSU (Ja: 59 %; Nein: 31 %), FDP (Ja: 54 %; Nein: 42 %) und der Linken (Ja: 55 %; Nein: 36 %). 69 Prozent der Bundesbürger finden sogar, es sei richtig, dass Sarrazin eine Debatte über Integration angestoßen hat. Nur 22 Prozent meinen, er hätte besser seinen Mund gehalten. (betz)

  4. Andrea Kamphuis |  03.09.2010 | 18:44 | permalink  

    Danke für die Bild-Zahlen. Die Aussage “69 Prozent der Bundesbürger finden sogar, es sei richtig, dass Sarrazin eine Debatte über Integration angestoßen hat” ist allerdings eine andere als die, dass 69% der Wähler ihm zustimmen.

    Quelle der beiden anderen Zahlen, 39% und 30%, ist wohl die N24-Emnid-Umfrage:

    “Inhaltlich stimmen die meisten Deutschen Sarrazin aber dennoch nicht zu. So lehnen 35 Prozent der Befragten seine Thesen eher ab, nur 30 Prozent stimmen Sarrazins Theorien eher zu. Bei den Wählern seiner eigenen Partei genießt Sarrazin noch weniger Sympathien: 41 Prozent der SPD-Wähler lehnen seine Thesen ab, nur 30 Prozent stimmen ihm zu. Bei den Unionswählern ist der Trend allerdings anders: Hier stimmen 39 Prozent Sarrazin zu, nur 33 Prozent lehnen seine Thesen ab.”
    (http://www.hagalil.com/archiv/2010/09/02/sarrazin-8/)

  5. Aufmerksamkeit! |  03.09.2010 | 21:35 | permalink  

    Interessanter Beitrag. Ich dachte bei der ganzen Debatte auch öfter an die “Konservative Revolution”, besonders mit ihren Bezügen zum Neoliberalismus:
    http://de.wikipedia.org/wiki/Konservative_Revolution.
    Lag für mich noch näher, als der “Berliner Antisemitismusstreit” http://de.wikipedia.org/wiki/Berliner_Antisemitismusstreit , den @Wolfgang Michal als Beitrag von @Hans Hütt an anderer Stelle
    http://carta.info/33260/junge-huehner-alte-gockel-und-der-untergang-des-abendlands/
    erwähnt hat:
    http://www.reden-fuer-eine-neue-welt.de/?p=5420
    Wahrscheinlich ist es eine Mischung aus beidem, wie Herr Sarrazin sich wohl an so einigem bedient hat.
    Das ist per se erstmal nicht vorwerfbar, sondern der Umstand, dass er sich nur das aus den jeweiligen Thesen und Theorien herausgepickt hat, was ihm zu passe kam. Besonders im Weglassen des aktuellen Forschungsstandes liegt sein Versäumnis, neben anderen…

  6. bandler |  04.09.2010 | 08:33 | permalink  

    In Sachen Sarrazin ist jetzt der Gabriel von der SPD dran, mal klare Kante zu zeigen. Was ist jetzt nicht verstehe ist, warum der Wulff erstmal die Merkel fragen muss, denn er hat doch vor dem Antrag der Bundesbank gesagt, dass der Sarrazin weg soll. Ist er sich jetzt auf einmal nicht mehr so sicher und wir erlebe eine Überraschung, aber vielleicht ist das nur Alibi.

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