Wolfgang Michal | 11 Kommentar(e)
Die Bestseller der letzten Jahre entwickeln eine gewisse Monotonie: Junge dekadente Frauen und alte autoritäre Spießer lösen sich auf den vorderen Plätzen ab. Ihr gemeinsames Lieblingsthema: das total versaute Abendland.
02.09.2010 |
Die eloquentesten Vertreter des Bürgertums waren schon immer der Meinung, dass ihre ganz speziellen Sorgen alle Menschen betreffen. Denn wenn es den europäischen und nordamerikanischen Bildungsbürgern unbehaglich wird, geht meist das ganze Abendland unter, mindestens aber der Westen, die Kultur, eine Epoche, eine Ära, die Gene – oder das eigene Land.
Das Bürgertum, das muss man zu seiner Ehrenrettung allerdings sagen, ist ein empfindlicher und verlässlicher Seismograph für tektonische Bewegungen in der Gesellschaft. Mehr noch: In seinem Innern schlummern auch jene Kräfte, deren Eruptionen so einfühlsam vorhergesagt werden. Das Bürgertum ist sozusagen doppelt involviert: Es bereitet exakt jene Trends vor, die es anschließend alarmistisch anzeigt. Dieser Doppelcharakter lässt es lebendig und interessant erscheinen – macht es aber auch unberechenbar und anfällig.
Seit geraumer Zeit fühlt sich das Bürgertum wieder bedroht: von der Unterschicht, vom Islam, vom Osten, vom Internet, von der Zügellosigkeit der Frauen und der Jugend.
Am deutlichsten zeigt sich das auf den Bestsellerlisten. Dort gibt es seit einigen Jahren eine auffallende Doppel-Herrschaft junger wilder Frauen und alter spießiger Männer. Sie bilden die Pole der öffentlichen Erregung. Mal schildert eine Jung-Frau ihr zügelloses Leben, dann wieder schreibt ein Alt-Mann über die Notwendigkeit des Zügel-Anlegens. In diesem Wechselbad der Medien-Hypes (einer Art geistigem Waterboarding) schnappen wir nach Luft.
Einerseits präsentieren die Verlage mit viel Getöse Helene Hegemanns nihilistische Provokation „Axolotl Roadkill“ oder Charlotte Roches unverschämt offene „Feuchtgebiete“, andererseits servieren sie mit dem gleichen Radau die fast schon hysterischen Ordnungsrufe eines Bernhard Bueb („Lob der Disziplin“), Michael Winterhoff („Warum unsere Kinder Tyrannen werden“) oder Thilo Sarrazin („Deutschland schafft sich ab“).
Wie dieses Wechselspiel bürgerlicher Radikalisierung weiter geht (und wo es eines Tages enden wird), wissen wir nicht. Vermutlich ist das Spiel noch eine ganze Weile steigerbar. (Ich habe es hier und hier ein bisschen auf die Schippe genommen.)
Zur Zeit erleben wir wieder Plot 2, das heißt: Alter autoritärer Mann fordert Disziplin und Rückkehr zu Zucht und Ordnung. Er ist zutiefst verstört von den Dingen, die um ihn herum vorgehen und sucht nach möglichst einfachen Erklärungen: Also überträgt er den Zerfall seines Weltbilds auf die reale Welt und schreibt ein zorniges Abrechnungs-Buch (= Entlastungsangriff). Es geht ihm wie den alten Haudegen im Film „The Expendables“. Aber schon morgen sind wieder die jungen wilden Frauen am Zug.
Und die (bürgerlichen) Leitmedien? Sie leisten über weite Strecken keine Aufklärung mehr – oder viel zu spät. Sie sind vor allem Resonanzböden, also genau das, was sie dem Internet so gerne vorwerfen. Sie besorgen die PR-Arbeit, während das Netz die filternde Kritik übernimmt.



Tja, der Bürger scheint sich eben immer in der Matrix aufzuhalten, und die wäre mit Cyberspace nur unzureichend beschrieben, eher vielleicht mit den Wohnzimmern der Nebenkriegsschauplätze, Mode- und Feuilletontrends und Selbstüberschreitungsversuche. Schöner Text!
Das ist stimmig und wäre zu diskutieren. Es ist plausibel!
Ach, nachdem nun selbst Konstantin Neven DuMont Verlinkung zwischen den Verlagen nicht mehr für ausgeschlossen, sondern sogar für ratsam hält, läßt sich der Untergang vielleicht doch noch ein wenig aufschieben. Andernfalls schreibe ich mal als alte wilde Frau irgendwas.
[...] CARTA, unten in der Seitenleiste der Artikelseiten, gibt es neuerdings eine Mini-Rubrik ‘Zuletzt bei‘, in der man aktuelle, spannende [...]
Jetzt, im Nachhinein, erörtern die Medien das Medien-Problem:
http://sz-magazin.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/34607
Und die bürgerliche ZEIT will in Zukunft viele Arbeiterkinder einstellen:
http://www.zeit.de/2010/36/Sarrazin-Thesen?page=all
Hans Hütt weist in seinem Rhetorik-Blog auf eine interessante Parallele hin:
http://de.wikipedia.org/wiki/Berliner_Antisemitismusstreit
Sarrazins Ein-Mann-Partei: Die Revolution verlässt ihre Kinder…
Die Berichterstattung über die Causa Sarrazin hat eines außer Acht gelassen: Der Noch-Bundesbanker bedient ein urdeutsches Phänomen: Der konservative Revolutionär als Sprachrohr der Enttäuschten. Nur: Die Enttäuschten sind…
@Michal
einen kurzen Abriss zu Treitschke und dem ersten deutschen Historikerstreit gibts hier:
Uffa Jensen ZEITLÄUFE: http://www.zeit.de/2002/25/200225_a-treitschke_xml
und einige Parallelen sind da schon erstaunlich. f.luebberding hat Treitschke bei weissgarnix auch ausführlicher zitiert:
“Ueberblickt man alle diese Verhältnisse — und wie Vieles ließe sich noch sagen! — so erscheint die laute Agitation des Augenblicks doch nur als eine brutale und gehässige, aber natürliche Reaction des germanischen Volksgefühls gegen ein fremdes Element, das in unserem Leben einen allzu breiten Raum eingenommen hat. Sie hat zum Mindesten das unfreiwillige Verdienst, den Bann einer stillen Unwahrheit von uns genommen zu haben; es ist schon ein Gewinn, daß ein Uebel, das Jeder fühlte und Niemand berühren wollte, jetzt offen besprochen wird. Täuschen wir uns nicht: die Bewegung ist sehr tief und stark; einige Scherze über die Weisheitssprüche christlich-socialer Stump-Redner genügen nicht sie zu bezwingen. Bis in die Kreise der höchsten Bildung hinauf, unter Männern, die jeden Gedanken kirchlicher Unduldsamkeit oder nationalen Hochmuths mit Abscheu von sich weisen würden, ertönt es heute wie aus einem Munde: die Juden sind unser Unglück!”
Treitschke 1879.
http://www.weissgarnix.de/2010/09/02/heinz-kuhn-statt-thilo-sarazzin/#comment-76622
Aber auch dieses Propagandaschaubild aus dem Jahre 1926 scheint von den demographischen/eugenischen Phantastereien des Herrn S. nicht allzuweit entfernt.
“Die Minderwertigen vermehren sich stärker als die gesunde Bevölkerungen”
http://www.ghwk.de/2006-neu/minderwertige.jpg
Propaganda-Schaubild aus der
Zeitschrift für Volksaufartung und Erbkunde, Band 1, 1926
Thilo – find ich gut.
Er hat es geschafft, dass sich die Bundeskanzlerin, der Oppositionsführer, der Bundesbankpräsident, der Bundespräsident, Reinhold Speckmann u.v.a in kürzester Zeit und vollkommen freiwillig zu Idioten gemacht haben.
Vom Buchwesen mag man ja halten, was man will – aber dass Verlage nun mit ihren Büchern selbst dezidiert Meinungen vertreten, wäre mir neu. Sie verlegen sie nur – und davon eben die unzähligsten Meinungen. Die Diskussions- und Meinungskultur wäre um einiges ärmer, wenn Verlage zu jedem Thema nur einen einzigen Standpunkt verbreiten dürften.
Verlage wollen ja auch keine Standpunkte verbreiten, sondern Bücher verkaufen.
Irgendwann in grauer Vorzeit soll es mal Verlegerpersönlichkeiten gegeben haben. Das ist aber schon sehr lange her. Seit mindestens 10 Jahren erklären die McKinseys den Verlagen nämlich, wie das mit dem Geld verdienen funktioniert.