Jakob Jochmann | 30 Kommentar(e)
Frei erfundene Fakten, wie Thilo S. sie in die Welt setzt, sind ein Problem für öffentliche Diskurse. Denn eine Diskussionskultur des lauteren Argumentes basiert nicht mehr auf Plausibilität. So formen Berufsdemagogen die Realität der Aufmerksamkeitsökonomie.
01.09.2010 |
Was können wir von Thilo S. lernen? Wir leben in einem Zeitalter der normativen Kraft der Öffentlichkeit. Hinter der Wirkmacht von Öffentlichkeit steht das Faktische längst zurück. Schon vor Jahren prägte der amerikanische Satiriker Stephen Colbert das Wort der Truthiness. Truthiness (Wahrheitlichkeit) bezeichnet »Wahrheiten«, die aus dem Bauch heraus gefühlt werden und keiner rationalen, logischen oder faktischen Überprüfung standhalten müssen. Wenn solche »Wahrheiten« nur oft und laut genug wiederholt werden, werden sie in den Köpfen der Menschen zur Realität. Dank Truthiness sind es nicht nur Meinungen, die jedem Menschen frei zustehen. Mittlerweile scheint auch jeder frei über Fakten verfügen zu dürfen.
Frei erfundene Fakten, wie Thilo S. sie in die Welt setzt, sind ein Problem für öffentliche Diskurse. Wenn ein Abgleich mit der Realität es nicht mehr erlaubt, Argumente zu widerlegen, werden Diskussionen beliebig. Das stärkere Argument zeichnet sich nicht länger durch Plausibilität sondern nur noch durch Lautstärke aus. Je stärker eine Truthiness im Resonanzkörper der Öffentlichkeit wiederhallt, je gefühliger und knackiger sie vielleicht Vorurteile bedient, desto mehr wird sie zur Wahrheit. Schnell wird ein frei erfundenes Diktum in den Strukturen der modernen Aufmerksamkeitsökonomie tatsächlich psychologische Realität. So glaubt ein Großteil der amerikanischen Bevölkerung mittlerweile an die absurde Behauptung, Barack Obama sei Muslim.
Hier deutet sich ein neues Phänomen für die Medientheorie an: Weil die Empfänger von Informationen den Gehalt der Information über ihre aktive Suche mitgestalten, weil sie zum Beispiel in Suchmaschinen nach ein paar Schlüsselworten suchen, entsteht eine positive Rückkopplung von Framing. Framing bedeutet, dass Begriffe ihren Kontext mit sich tragen.
Wenn ein Begriff für ein Ereignis geprägt wird, sagen wir »Jahrhundertflut«, dann ist mit der Bezeichnung einer solchen Flut untrennbar der Rahmen oder implizite Kontext verbunden, diese Flut sei die schlimmste Flut unseres Jahrhunderts, selbst wenn es deutlich größere Flutkatastrophen in den letzten hundert Jahren gegeben hat. Nun wird dieser Rahmen der Information aber verstärkt, weil Leser im Internet nach dem Begriff »Jahrhundertflut« suchen und die Einträge zu diesem Begriff nur die neue, womöglich schwächere Flut zum Inhalt haben.
Die Aufmerksamkeitsökonomie tut ihr übriges. Alle Medienproduzenten, die ihre Inhalte an Leser verbreiten wollen, müssen deren Suchanfragen berücksichtigen. Wenn sie die aktuelle Flut nicht als Jahrhundertflut bezeichnen und so zur Verbreitung eines kontrafaktischen Rahmens beitragen, werden sie von den Lesern nicht gefunden. Suchmaschinenoptimierung bringt »Supermeme« hervor, Schlüsselworte, die sich in der positiven Rückkopplungsschleife gegen andere Deutungsmuster des gleichen Sachverhaltes unweigerlich durchsetzen. Dafür gibt es längst handfeste Beispiele.
So wurde im amerikanischen Sommerloch erbittert über den Bau einer Moschee an Ground Zero, dem Ort des Anschlags auf das World Trade Center gestritten. Obwohl sich einige Presseagenturen gegen diese Rahmung wandten, waren sie machtlos gegen die Faktizität des Öffentlichen. Die Moschee, die nicht wirklich an Ground Zero sondern einige Blocks entfernt in New York gebaut werden soll, wird nur noch als »mosque at ground zero« bezeichnet. Von Google wird sie nur als solcherart gesucht auf den vorderen Plätzen gefunden und Kraft des Rückkopplungseffektes im kollektiven Gedächtnis der USA wahrhaftig zur Moschee an Ground Zero. Kelly McBride zeichnet den Verlauf verständlich nach: SEO Makes It Too Late for Truth for ›Ground Zero Mosque‹.
Wie sich obendrein Muster in diesem kollektiven Gedächtnis einer Öffentlichkeit auf die Gesetzmäßigkeiten der modernen Aufmerksamkeitsökonomie zurückführen lassen, beschreibt David McCandless von Information is Beautiful in Patterns in the Group Mind. Pünktlich zu Weihnachten und dem Jahrestag des Amoklaufs von Columbine veröffentlichen amerikanische Medien Artikel über Gewalt in Computerspielen. Warum? Weil sie so die gehäuften Suchanfragen zu diesen Zeitpunkten bedienen. Auch das Sommerloch ist so ein Resonanzpunkt für spezielle Themen. In Deutschland wird in dieser Zeit regelmäßig über Bildung debattiert.
Die modernen Demagogen sind nur noch »in it for the money«
Berufsdemagogen wie Thilo S. machen sich diese neue Medienwirklichkeit zu nutze. Der viel zitierte Meister der Wahrheitlichkeit, gerne auch »unbequeme Wahrheit« genannt, ist statt Vordenker doch nur Kind des Zeitgeistes, denn mit der gleichen Virtuosität auf der Klaviatur der Aufmerksamkeitsspirale heizt der Selbstdarsteller Glenn Beck die amerikanische Empörungskultur an.
Dabei geht es diesen modernen Demagogen überhaupt nicht um politische Fragen oder eine inhaltlich geführte Debatte. Die Aufmerksamkeit an sich ist der Wert, auf den es beiden ankommt. Sie sind »in it for the money« und mit ihnen ihre Plattformen aus der Medienökonomie. Das Strohmannargument haben sie zur Größe Potemkinscher Dörfer aufgeblasen, Fakten erfinden sie sich nach Belieben, die Truthiness ist ihr wichtigstes Werkzeug.
Es könnte tatsächlich etwas Gutes aus dem Anschlag auf die Diskussionskultur seitens der Demagogen erwachsen. Wenn die Demagogen als solche entlarvt würden und die Mechanismen der Diskussion hinterfragt würden, aus denen Demagogen ihre Macht schöpfen, wären inhaltliche Debatten vielleicht produktiver. Die Schwäche der Debattenkultur liegt schließlich nicht allein in der Steigbügelhaltermentalität der willfährigen »Qualitätsmedien« verborgen.
Natürlich ist es ein Belastungstest für die Tischplatten kritisch denkender Menschen, wenn der Spiegel sich einen Eklat komplett selbst inszeniert: Erst bietet er eine Plattform für Thesen, die er selbst sogleich als krude skandalisiert, und begleitet dann die Resonanz auf die kruden Thesen mit empörter Distanzierung. Christian Jakubetz bringt diesen Abgrund an Journalismusverrat auf den Punkt. Trotzdem gibt es gerade in der Resonanz auf dieses perfekt auf das Sommerloch abgestimmte Konglomerat aus den Themen Bildung und Demographie gepaart mit der Truthiness von Überfremdung und schlichtem Rassismus einiges zu entdecken.
Das Phänomen der Empörungsspirale bei moralisch aufgeladenen und semantisch entleerten Reizworten wird immer mehr zur Gesetzmäßigkeit, die eine inhaltliche Auseinandersetzung verhindert. Auch jene, die anders als Berufsdemagogen an solchen Debatten interessiert sind, müssen feststellen: Es findet ständig Abgrenzung statt inhaltlicher Auseinandersetzung mit Begriffen statt, die zu Kampfbegriffen geworden sind.
Rassismus oder Sexismus sind Beispiele für solche Kampfbegriffe, die in Debatten nicht mehr zur Reflexion der eigenen Position dienen, sondern nur über ihre negative Konnotation wirken. Rassismus ist böse, also will ich nichts damit zu tun haben und distanziere mich nachdrücklich — egal, ob meine Aussagen womöglich tatsächlich rassistisch waren. Die Magie des Bauchgefühls, kein Rassist zu sein, ist stärker als Argumente sein könnten. Truthiness at work.
Wie der Vorwurf »Sexismus« dazu führt, dass sich die Inhaltsleere der bloßen Ablehnung des Wortes selbst entlarvt, lässt sich an Nadine Lantzschs Beitrag Das Dampfschiff und den anschließenden Kommentaren eindrucksvoll nachvollziehen. Begriffe wie Demokratie oder Aufklärung sind umgekehrt positiv konnotierte Begriffe, die sich jeder gerne attestiert, ohne dass darüber auch nur ein Jota an Klärung der eigenen argumentativen Position erwächst.
Die historisch gewachsenen Kategorisierungen tun ihr übriges zur Verklärung von Zusammenhängen und Wirkmechanismen. Rassismus wird dem »rechten Spektrum« zugeordnet, Antikapitalismus ist ein angeblich linkes Phänomen — solche Zuordnungen sind Teil der durch Wiederholung zum Faktum gewordenen Behauptungen. Ist das linke China antikapitalistisch? Warum soll Rassismus ein Privileg des konservativen Millieus sein?
Wenn wir aus dem Echo, das auf die kruden Thesen des Thilo S. folgt, etwas lernen können, dann dass solche Kategorisierungen längst ihrer Sinnhaftigkeit beraubt sind. Der Rassismus ist quer durch die Gesellschaft vertreten, er sucht sich allenfalls verschiedene Opfer, je nach persönlichen Überzeugungen und Ängsten. Thilo S. vom Vorwurf des Rassismus freizusprechen, weil dieser sich ja bloß auf einen hundert Jahre alten biologistischen Diskurs berufe, ist eine Bankrotterklärung für die Diskursmacht unserer Leitmedien. Schirrmacher ist halt auch nur ein weiteres Opfer der Truthiness.
Wollen wir hoffen, dass wir, die wir über unsere Gesellschaft diskutieren möchten, uns über Wahrheitlichkeit und Scheinargumente erheben können und uns unsere Diskussionskultur nicht von Berufsdemagogen diktieren lassen.
Nachtrag:
Schirrmacher hat mittlerweile einen deutlich kritischeren Artikel zum Rassismusvorwurf an Sarrazin geschrieben und erkennt die Diskurse der Soziobiologie und Co. von vor hundert Jahren als rassistisch an.


Wieder so ein gutes Posting auf der Meta-Ebene.
Der Text am 01.09.2010 musste in der FAZ wohl nachgelegt werden (Stichwort: Ehrenrettung). Das Geschreibsel davor ging ja gar nicht.
Was wäre es prima, wenn Print mehr die Meta-Ebene für sich entdecken würde. Ist anspruchsvoll, schon klar, bringt nicht unbedingt Auflage, macht sich aber langfristig einfach gut beim Leser. Sonst wandern die Leser noch ab, zu Carta.info und anderen Qualitätsanbietern im Web.
By the way: Die Analyse von Herrn H. Prothmann hat mir ebenfalls gut gefallen, weitsichtig – und das aus Heddesheim. Oder der Herr Spreng, der spricht es aus, was viele (Analog-)Leser denken. Die Blogs sind im Kommen!
Es gibt sie zwar nicht, die Online-Presse (Prof. Papier), aber der Rezipient hat was für sich entdeckt, was die (Analog-)Presse vielfach toppt, was zum Lesen, zum Ausdrucken, zum blitzschnellen Informationsaustausch, zum digitalen Merken (Instapaper), zum Mitdiskutieren. Kurzum: die Meta-Ebene isses. Danke.
Es hat mir Freude gemacht, diesen Artikel zu lesen: hochwertig und relevant. Danke.
Schön, dass dieser sehr substanzielle Text jetzt auch hier zu lesen ist!
Vielleicht liegt es ja an mir, aber: Den Satz “Denn eine Diskussionskultur des lauteren Argumentes basiert nicht mehr auf Plausibilität.” habe ich drei Mal gelesen und drei Mal nicht verstanden. Erst als mein Blick auf den fettgedruckten Satz im übernächsten Absatz fiel, wurde mir klar, wie “lauter” in diesem Fall zu verstehen ist: halt so wie sonst meist auch.
Ob es mit Frank Schirrmacher ganz so einfach ist? Da bleiben Fragen. Und es sind nicht nur Stilfragen.
Truthiness wird nicht nur in den Köpfen der Menschen zur Realität. Die Folgen sind physisch spürbar. Despoten nutzen dieses Mittel gern, wenn sie ausreichend Claqueure um sich gesammelt haben.
Wenn diese, Überwahrheit das wichtigstes Werkzeug aller Demagogen ist, dann wird die Kultur der Menschheit schon seit der Steinzeit so vorbestimmt. Ich denke dabei an die Religionen, Urreligionen, Schamanen usw. Nun frage ich mich: Wie schlimm ist das?
Das ‘Framing’ ist tatsächlich das große Problem. Festgefügte, durch ‘Trigger’ oder ‘Reizwörter’ aktivierbare Gehirnstrukturen, stehen tatsächlich der Aufklärung zunehmend im Wege. Alle Sekten, alle Ideologen, alle Religionen, alle ‘Coaches’ bedienen sich zunehmend dieser Methode. Sie haben eher als die bemühten, in diesem Punkt aber ‘falsch-informierten’ Aufklärer verstanden, dass bei der Kommunikation keineswegs ausgesendete Informationen auf ein weltoffenes Gehirn treffen, sondern dass ausgewählte Reize ein immer schon vorab informiertes (‘geframetes’) Gehirn so oder so aktivieren können. Auch die Massenmedien stellen sich zunehmend als Reizvokabellieferanten in den Dienst dieser Verdummung durch fortschreitenden Frame-Verfestigung. Fox TV ist nur ein besonders krasses Beispiel. Die Ursache der Verblödung ist hier zu suchen, nicht in den Genen des Herrn Sarrazin. Intelligenz wäre demnach vielleicht die Fähigkeit, möglichst viele und unterschiedliche Frames in sich aktivieren zu können.
“Frei erfundene Fakten, wie Thilo S. sie in die Welt setzt, sind ein Problem für öffentliche Diskurse. Wenn ein Abgleich mit der Realität es nicht mehr erlaubt, Argumente zu widerlegen, werden Diskussionen beliebig.”
das ist die gelebte verkenntnis dessen, dass informationen die sich nicht beweisen lassen, einfach falsch sind.
der irrglaube, dass unbewiesene informationen richtig seien entspringt lediglich der angst, dass da unwahrscheinlicherweise doch noch eine quelle übersehen wurde und man sich blamiere.
einfach mal nach einer quelle zu fragen, scheint den meisten nicht möglich… im fall sarrazin gabs ja sogar auch noch die richtige antwort.
mfg
mh
Sehr guter Text. Danke!
[...] Autorenblog Carta hofft, dass sich die Diskussionskultur durch die Sarrazin-Affäre verbessern wird. Dabei sollte [...]
Ich finde die Referenz zu “frei erfundene Fakten” etwas dünn.
In der SZ finde ich keinen Abdruck und Suchmaschinen liefern nur Signaturen, die in den empörten Teil der Blogosphäre verweisen.
Ich habe das Buch nun zu 90% durch und würde es eher als Fleißarbeit auffassen, da sich Herr Sarrazin regelrecht abmüht, unbelegtes in der Art nicht zu sagen, dass es auch der letzte mitbekommen kann. Somit würde eine solche Ungeschicklichkeit zwar zu seinen ungelenken Live-Auftritten, nicht aber zu der das Buch tragenden Schmetterlingssammlermentalität passen.
Ich bitte daher um Aufklärung über die originäre Quelle. Bzw. momentan muss ich davon ausgehen, dass diese Begebenheit eher Herrn Carsten Penkella zuzuordnen ist.
Falk D.
Früher war alles besser.
Im übrigen bedient dieser Artikel auch das Vorurteil, dass da was demagogisch und falsch ist. Wenn ich das Wort “Vorurteil” schön höre, kriege ich einen Raster. Hier geht es nämlich auch um Truthiness und gefühlte Konsensmacht, mit diesen lächerlichen Exkursen auf Wissenschaftlichkeit.
Und das alles, während einen Typen. Da hat jemand Unrecht bei den Holzmedien. Was sagt das über die Gesprächskultur in unserem Lande aus.
Verbieten, bestrafen, verhindern. Glücklich zu schätzen, dass es keine KZs mehr gibt.
@ Don: Nun mal halblang: Erst die Massenmedien von Bild bis Spiegel haben doch den Sarrazin mit ihren Vorabdrucken und ihrem ‘Wir-wissen-was-was-ihr-noch-nicht-wisst’ zum großen “Thema” und zum Sugar-Daddy des Boulevards gemacht. Deren mediale Verurteilung läuft doch auch eher hinaus auf das sattsam bekannte: “Wir wollen ja nicht hetzen – aber ksss! ksss!”.
Das Problem Sarrazins ist dabei das aller Statistiker: Sie verlängern ihre Trends und Linien in Zeiten hinein, von denen sie gar nichts wissen können. Brüche kommen da nicht vor – die gibt’s nur in der Realität. Ein Wolkenkuckucksheimer also, da kann er noch so oft den Taschenrechner anschmeißen.
Und auch auf anderer Ebene kann ihm allerlei vorwerfen: Dass er die Gesellschaft streng ‘volkswirtschaftlich’ betrachtet zum Beispiel, und sie wie ein Betriebsleiter in nützliche und unnütze Fresser teilt. Das ist blanker Elitarismus bzw. übler Utilitarismus – und sonst auch noch so allerlei, was in meiner Nase arg streng duftet.
So ein Schritt weiter, die Bundesbank hat den Sarrazin entlassen, der Wulf wird ja nix dagegen einzuwenden haben. Jetzt ist der Gabriel am Zuge. Ich bin mal gespannt wie das bei der SPD jetzt vorangeht, denn der Gabriel hat sich ja am Wochende entsprechend geäussert.
tagesschau.de hat alle Foren zum Thema “Sarrazin” geschlossen und das schon seit Tagen. Keine Kommentare möglich. Alle anderen Foren (SPON, FAZ, SR, WON) sind selbstverständlich offen.
Political correctness des ÖR? Sehr merkwürdig.
[...] Deutschen schaffen uns ja angeblich eh [...]
@ Reiner/SB: Ich denke eher, ihre Güllegruben drohten überzulaufen.
Hallo,
inhaltlicher Diskurs ist wichtig. Wenn es Inhalte gibt. Wenn die Fehlen, hilft manchmal nur eine schlagkräftige (im übertragenen Sinne ! :) Erwiderung.
Die sammeln sich auf
http://ichkannesnichtmehrhoeren.de/
Was kann man noch sagen, wenn jmd. immer wieder den gleichen Stuss erzählt?
Manchmal hilft es dann – wenigstens für sein eigenes infarktgefährdetes Herz – etwas schnelles zu erwidern und hoffentlich kurz Ruhe zu haben.
Thomas
[...] die normative Kraft von Supermemen und die Perfidie, mit der man immer wieder dieselben leeren Sprüchen wiederholt, schreibt [...]
[...] finde nicht schlimm, dass er seine Statistiken erfindet, denn im Kern sind 95% seiner Aussagen [...]
Sarrazins Motivation wird nicht allein “in it for the money” sein. Das Bedürfnis nach Aufmerksamkeit und unerschütterliche Überzeugung, die Wahrheit gepachtet zu haben, dürfte da schon reichen.
Ein sehr wichtiger Nerv, den der Beitrag trifft. Kaum etwas, außer Lob, hinzuzufügen. Skandalisier-ten/ende Diskussionen wie Thilo S. sie in der Öffentlichkeit startet, rufen – bei mir zumindest – intuitiv das “Das kann er doch nicht ernst meinen”-Gefühl hervor, das leicht alles andere überblendet.
Die Scheinargumente, hinter denen oft derart stark die Unglaubwürdigkeit durchblickt, dass der menschliche Reflex auslöst, sich über sie zu empören (und gleichzeitig auch leider damit zu befassen), wird mEn eigentlich nur eine Betrachtung auf abstrakter (bzw. Meta)-Ebene gerecht. Aber genau das “triggert” die menschliche Psyche nicht. Den Reflex: “Oh, du vermittelst keine relevanten oder plausiblen Inhalte mit deiner Botschaft und deswegen frage ich mich, was der Effekt ist, den du erzielt willst. Ah, ich glaube, du möchtest, dass ich mich über deine Botschaft aufrege. Warum würdest du daran ein Interesse haben? usw.”
Ein Buch kann ich empfehlen, auch wenn es nicht mehr ganz aktuell ist, das ich im Laufe des Studiums kennengelernt habe. Half sehr dabei im Angesicht solcher Thesen ein wenig Klarheit zu wahren. http://amzn.to/8ZLZsh
Die Aufregung und die Diskussion zum Thema “Thilo S.” ist so laut, dass still und heimlich dabei die Regierung ihre seit Monaten großartig angekündigten Sparpläne, ohne große Anfeindungen durchbringen konnte. Wieder einmal wurde der Weg des geringsten Wiederstandes, nämlich der, gegen den kleine Mann gewählt. Wie man die Beteiligung des Großkapitales an den Sparplänene mit deren Lobbyisten-Heer hinbekommen will, muß natürlich erst noch einmal sorgfältig geprüft werden. Aus vielen vollmundigen Ankündigungen seit der “Steinzeit” weiss man allerdings, dass es dabei dann wohl bleiben wird.
Also schlägt man Seitens der Regierung zwei Fliegen mit einer Klappe nämlich zum Einen, dass Herr Sarrazin endlich ruhig gestellt wird, zumindest was seine öffentliche Arbeit angeht und zum Zweiten, dass die eigentliche wichtigere journalistische Arbeit der Medien, die Focusierung auf die Sparpläne, so gut wie unter den Tisch fällt.
Sind nicht die Behauptungen “Frei erfundene Fakten, wie Thilo S. sie in die Welt setzt” und “Berufsdemagoge” selbst auch frei erfunden bzw. zumindest nicht mit Fakten untermauert? Sind diese Äußerungen dann eventuell selbst demagogisch?
Im Buch bemüht sich Sarrazin zumindest, seine Thesen mit Fakten zu hinterlegen. Angreifbar sind einige seiner Thesen und Schlussfolgerungen. Hauptangriffspunkt ist ja die These, dass 50% bis 80% der Intelligenz erblich seien. Dies ist eine recht umstrittene These – die Einschätzung dass ein Anteil der Intelligenz erblich bedingt ist wird denke ich heute von allen Wissenschaftlern geteilt. Wie hoch der erbliche Anteil allerdings ist, darüber sind sich wahrscheinlich keine zwei Wissenschaftler einig. Viele andere von Sarrazin genannte Dinge, wie dass es größere Integrationsprobleme bei den in Deutschland lebenden Personen mit muslimisch-türkischem Migrationshintergrund gibt als bei z.B. Russlanddeutschen, sind aber unbestrittene Fakten (jedenfalls habe ich noch keine Fakten gesehen, die dies widerlegen).
Die heute Definition von “Demagoge” ist laut Wikipedia, “eine Methode, durch Schüren verbreiteter Emotionen und Vorurteile schließlich selbst Macht zu gewinnen”.
Es ist fraglich, ob Sarrazin nur Vorurteile schürt und nicht eben gerade Fakten beim Namen nennt. Das hängt davon ab, wie hoch der Anteil der Fakten und wie hoch der Anteil der Vorurteile unter seinen Äußerungen ist. Daher sollte man sich zunächst einmal inhaltlich mit den einzelnen Thesen befassen – pauschale Urteile sind vielleicht selbst Vorurteile. Ob Sarrazin selbst Macht gewinnen will, ist ebenfalls zweifelhaft. Die Bezeichnung “Demagoge” halte ich daher nicht für angebracht, sie wird vom Autor hier wohl eher deshalb verwendet, weil sie abwertend ist.
Interessante Zusammenfassung der Ereignisse, allerdings fällt es mir schwer daran etwas radikal Neues zu finden. Immerhin war Demagogie und der progressive Umgang mit dem was man selbst für die Wahrheit hält schon im Mittelalter (und wahrscheinlich nicht erst dort) das Tagesgeschäft für die Kirche und bestimmte gleichsam im Kleinen die Kommunikationskultur der Bevölkerung. Das sogenannte ‘Hörensagen’, Klatsch und Tratsch, Legenden oder auch moderne urbane Mythen, sie alle orientieren sich doch an den Interessen ihrer Rezipienten, produzieren dabei Quasifakten und generieren Aufmerksamkeit für die, die sie verbreiten und damit aufrechterhalten. Versucht nicht jeder Mensch diesen Mechanismus zu seinem Vorteil zu nutzen?
Insofern kann ich hier nicht erkennen, was das mit einer neuen Medienwirklichkeit zu tun hat, ich würde unterstellen, dass jedes Medium der Menschheitsgeschichte diese Funktion mitgetragen hat und tragen wird. Sicher dreht sich die Aufmerksamkeitsspirale heute schneller, die Diskussion wird größer und insgesamt lauter geführt. Aber die wahre Innovation ist doch, dass man sich mit der Wahrheit oder zumindest diversen gängigen Wahrheiten eben auch viel einfacher und schneller vertraut machen kann, wenn man die Werkzeuge (insbesondere das Internet) richtig zu nutzen und interpretieren weiß. Letzteres ist sicherlich auch kein neuer Punkt, auch hier gilt wieder, dass es lediglich schnellere, weiter verbreitete und leichtere Wege für alte Funktionen gibt.
Die Frage ist doch, ob wir an einem Punkt sind, wo der Desinformation, weil sie so einfach behebbar zumindest aber relativierbar scheint, die gesellschaftliche entzogen werden kann. Dann müssten wir Leute wie Sarrazin einfach nur ignorieren, weil jedem klar sein müßte, was er beabsichtigt.
@Carsten Fricke: [Zitat] “Hauptangriffspunkt ist ja die These, dass 50% bis 80% der Intelligenz erblich seien. Dies ist eine recht umstrittene These …”
Ohne hier so vermessen zu sein, eine Antwort geben zu wollen, möchte ich daran erinnern, daß bei künstlichen Intelligenzen ebenfalls ein Unterschied gemacht wird zwischen der Intelligenz, die in der Hardware steckt, und jener, die dem System über die Software zugeführt wird. Das ist eine Homologie, die bei der Erörterung obiger These vielleicht helfen kann.
@Carsten Fricke:
“Im Buch bemüht sich Sarrazin zumindest, seine Thesen mit Fakten zu hinterlegen. Angreifbar sind einige seiner Thesen und Schlussfolgerungen. Hauptangriffspunkt ist ja die These, dass 50% bis 80% der Intelligenz erblich seien. Dies ist eine recht umstrittene These – die Einschätzung dass ein Anteil der Intelligenz erblich bedingt ist wird denke ich heute von allen Wissenschaftlern geteilt. Wie hoch der erbliche Anteil allerdings ist, darüber sind sich wahrscheinlich keine zwei Wissenschaftler einig. Viele andere von Sarrazin genannte Dinge, wie dass es größere Integrationsprobleme bei den in Deutschland lebenden Personen mit muslimisch-türkischem Migrationshintergrund gibt als bei z.B. Russlanddeutschen, sind aber unbestrittene Fakten (jedenfalls habe ich noch keine Fakten gesehen, die dies widerlegen).”
Ich glaube, Du verkennst das Problem. Denn zum einen gibt es keine allgemein akzeptierte Definition von Intelligenz. Zum zweiten sollte man sich schon mit Vererbung auskennen, wenn man sie als Argument heranziehen will – auch da ist bei Sarrazin Fehlanzeige. Dass Aspekte von Intelligenz vererbt werden können heisst im Übrigen mitnichten, dass sich anhand derartiger Aspekte eine ethnische Stratifizierung vornehmen ließe. Erst recht nicht, wenn man Störungen herausrechnet.
Zum dritten setzt er gerne Bildungserfolg und Intelligenz gleich. Ich empfehle mal, sich mit dem Öffentlichkeitsreferenten von Mensa zu unterhalten. Es gibt zahllose nach IQ-Definition Hochbegabte, die in diesem unserem Lande auf der Strecke bleiben, weil sie mit dem Bildungssystem nicht klar kommen. Weil sie sich im Unterricht intellektuell weder gefordert noch gefördert fühlen schalten sie ab oder beschäftigen sich mit etwas anderem und werden dann als Klassenstörer oder Bildungsverweigerer gebrandmarkt. Weniger IQ-Definition-Intelligente haben dann ggf. einen höheren Bildungserfolg, weil sie den Unterricht als spannend empfinden.
Und da liegt der Hase im Pfeffer: Weder Sarrazins Konzept von Vererbung noch sein Konzept von Intelligenz noch seine Schlussfolgerungen sind wirklich valide. Und selbst die Quellen, auf die er sich angeblich stützt, haben mittlerweile aufbegehert gegen die missbräuchliche Verwendung ihrer Materialien zur Unterstützung von Aussagen, die von ihren Daten gar nicht getragen werden.
[...] Soziologische Erklärungsmuster lehnt er ab. Ein weiteres Problem an Sarrazins Thesen ist ihre “gefühlte Richtigkeit”, die sich nicht eben mal so schnell widerlegen lassen. Wenn er Statistiken falsch interpretiert [...]
[...] happening in the United States where one can often find similar examples taken to the extreme. The analytical comment by Jakob Jochmann does just that by relating the current debate to the satirist Stephen Colbert’s concept of [...]
Und was, wenn die Behauptung “Truthiness” auch nur eine Truthiness ist, und damit auch dieser Text mit an der Supermeme strickt?