Jakob Jochmann

Sarrazin und die normative Kraft von Supermemen in der Öffentlichkeit

Jakob Jochmann | 30 Kommentar(e)


Frei erfun­dene Fak­ten, wie Thilo S. sie in die Welt setzt, sind ein Pro­blem für öffent­li­che Dis­kurse. Denn eine Diskussionskultur des lauteren Argumentes basiert nicht mehr auf Plausibilität. So formen Berufsdemagogen die Realität der Aufmerksamkeitsökonomie.

01.09.2010 | 

Was kön­nen wir von Thilo S. ler­nen? Wir leben in einem Zeit­al­ter der nor­ma­ti­ven Kraft der Öffent­lich­keit. Hin­ter der Wirk­macht von Öffent­lich­keit steht das Fak­ti­sche längst zurück. Schon vor Jah­ren prägte der ame­ri­ka­ni­sche Sati­ri­ker Ste­phen Col­bert das Wort der Trut­hi­ness. Trut­hi­ness (Wahr­heit­lich­keit) bezeich­net »Wahr­hei­ten«, die aus dem Bauch her­aus gefühlt wer­den und kei­ner ratio­na­len, logi­schen oder fak­ti­schen Über­prü­fung stand­hal­ten müs­sen. Wenn sol­che »Wahr­hei­ten« nur oft und laut genug wie­der­holt wer­den, wer­den sie in den Köp­fen der Men­schen zur Rea­li­tät. Dank Trut­hi­ness sind es nicht nur Mei­nun­gen, die jedem Men­schen frei zuste­hen. Mitt­ler­weile scheint auch jeder frei über Fak­ten ver­fü­gen zu dürfen.

Frei erfun­dene Fak­ten, wie Thilo S. sie in die Welt setzt, sind ein Pro­blem für öffent­li­che Dis­kurse. Wenn ein Abgleich mit der Rea­li­tät es nicht mehr erlaubt, Argu­mente zu wider­le­gen, wer­den Dis­kus­sio­nen belie­big. Das stär­kere Argu­ment zeich­net sich nicht län­ger durch Plau­si­bi­li­tät son­dern nur noch durch Laut­stärke aus. Je stär­ker eine Trut­hi­ness im Reso­nanz­kör­per der Öffent­lich­keit wie­der­hallt, je gefüh­li­ger und kna­cki­ger sie viel­leicht Vor­ur­teile bedient, desto mehr wird sie zur Wahr­heit. Schnell wird ein frei erfun­de­nes Dik­tum in den Struk­tu­ren der moder­nen Auf­merk­sam­keits­öko­no­mie tat­säch­lich psy­cho­lo­gi­sche Rea­li­tät. So glaubt ein Groß­teil der ame­ri­ka­ni­schen Bevöl­ke­rung mitt­ler­weile an die absurde Behaup­tung, Barack Obama sei Muslim.

Hier deu­tet sich ein neues Phä­no­men für die Medi­en­theo­rie an: Weil die Emp­fän­ger von Infor­ma­tio­nen den Gehalt der Infor­ma­tion über ihre aktive Suche mit­ge­stal­ten, weil sie zum Bei­spiel in Such­ma­schi­nen nach ein paar Schlüs­sel­wor­ten suchen, ent­steht eine posi­tive Rück­kopp­lung von Framing. Framing bedeu­tet, dass Begriffe ihren Kon­text mit sich tra­gen.

Wenn ein Begriff für ein Ereig­nis geprägt wird, sagen wir »Jahr­hun­dert­flut«, dann ist mit der Bezeich­nung einer sol­chen Flut untrenn­bar der Rah­men oder impli­zite Kon­text ver­bun­den, diese Flut sei die schlimmste Flut unse­res Jahr­hun­derts, selbst wenn es deut­lich grö­ßere Flut­ka­ta­stro­phen in den letz­ten hun­dert Jah­ren gege­ben hat. Nun wird die­ser Rah­men der Infor­ma­tion aber ver­stärkt, weil Leser im Inter­net nach dem Begriff »Jahr­hun­dert­flut« suchen und die Ein­träge zu die­sem Begriff nur die neue, womög­lich schwä­chere Flut zum Inhalt haben.

Die Auf­merk­sam­keits­öko­no­mie tut ihr übri­ges. Alle Medi­en­pro­du­zen­ten, die ihre Inhalte an Leser ver­brei­ten wol­len, müs­sen deren Such­an­fra­gen berück­sich­ti­gen. Wenn sie die aktu­elle Flut nicht als Jahr­hun­dert­flut bezeich­nen und so zur Ver­brei­tung eines kon­traf­ak­ti­schen Rah­mens bei­tra­gen, wer­den sie von den Lesern nicht gefun­den. Such­ma­schi­nen­op­ti­mie­rung bringt »Super­meme« her­vor, Schlüs­sel­worte, die sich in der posi­ti­ven Rück­kopp­lungs­schleife gegen andere Deu­tungs­mus­ter des glei­chen Sach­ver­hal­tes unwei­ger­lich durch­set­zen. Dafür gibt es längst hand­feste Beispiele.

So wurde im ame­ri­ka­ni­schen Som­mer­loch erbit­tert über den Bau einer Moschee an Ground Zero, dem Ort des Anschlags auf das World Trade Cen­ter gestrit­ten. Obwohl sich einige Pres­se­agen­tu­ren gegen diese Rah­mung wand­ten, waren sie macht­los gegen die Fak­ti­zi­tät des Öffent­li­chen. Die Moschee, die nicht wirk­lich an Ground Zero son­dern einige Blocks ent­fernt in New York gebaut wer­den soll, wird nur noch als »mos­que at ground zero« bezeich­net. Von Google wird sie nur als sol­cher­art gesucht auf den vor­de­ren Plät­zen gefun­den und Kraft des Rück­kopp­lungs­ef­fek­tes im kol­lek­ti­ven Gedächt­nis der USA wahr­haf­tig zur Moschee an Ground Zero. Kelly McBride zeich­net den Ver­lauf ver­ständ­lich nach: SEO Makes It Too Late for Truth for ›Ground Zero Mos­que‹.

Wie sich oben­drein Mus­ter in die­sem kol­lek­ti­ven Gedächt­nis einer Öffent­lich­keit auf die Gesetz­mä­ßig­kei­ten der moder­nen Auf­merk­sam­keits­öko­no­mie zurück­füh­ren las­sen, beschreibt David McCand­less von Infor­ma­tion is Beau­ti­ful in Pat­terns in the Group Mind. Pünkt­lich zu Weih­nach­ten und dem Jah­res­tag des Amok­laufs von Colum­bine ver­öf­fent­li­chen ame­ri­ka­ni­sche Medien Arti­kel über Gewalt in Com­pu­ter­spie­len. Warum? Weil sie so die gehäuf­ten Such­an­fra­gen zu die­sen Zeit­punk­ten bedie­nen. Auch das Som­mer­loch ist so ein Reso­nanz­punkt für spe­zi­elle The­men. In Deutsch­land wird in die­ser Zeit regel­mä­ßig über Bil­dung debattiert.

Die modernen Demagogen sind nur noch »in it for the money«

Berufs­dem­ago­gen wie Thilo S. machen sich diese neue Medi­en­wirk­lich­keit zu nutze. Der viel zitierte Meis­ter der Wahr­heit­lich­keit, gerne auch »unbe­queme Wahr­heit« genannt, ist statt Vor­den­ker doch nur Kind des Zeit­geis­tes, denn mit der glei­chen Vir­tuo­si­tät auf der Kla­via­tur der Auf­merk­sam­keits­spi­rale heizt der Selbst­dar­stel­ler Glenn Beck die ame­ri­ka­ni­sche Empö­rungs­kul­tur an.

Dabei geht es die­sen moder­nen Dem­ago­gen über­haupt nicht um poli­ti­sche Fra­gen oder eine inhalt­lich geführte Debatte. Die Auf­merk­sam­keit an sich ist der Wert, auf den es bei­den ankommt. Sie sind »in it for the money« und mit ihnen ihre Platt­for­men aus der Medi­en­öko­no­mie. Das Stroh­man­n­ar­gu­ment haben sie zur Größe Potem­kin­scher Dör­fer auf­ge­bla­sen, Fak­ten erfin­den sie sich nach Belie­ben, die Trut­hi­ness ist ihr wich­tigs­tes Werkzeug.

Es könnte tat­säch­lich etwas Gutes aus dem Anschlag auf die Dis­kus­si­ons­kul­tur sei­tens der Dem­ago­gen erwach­sen. Wenn die Dem­ago­gen als sol­che ent­larvt wür­den und die Mecha­nis­men der Dis­kus­sion hin­ter­fragt wür­den, aus denen Dem­ago­gen ihre Macht schöp­fen, wären inhalt­li­che Debat­ten viel­leicht pro­duk­ti­ver. Die Schwä­che der Debat­ten­kul­tur liegt schließ­lich nicht allein in der Steig­bü­gel­hal­ter­men­ta­li­tät der will­fäh­ri­gen »Qua­li­täts­me­dien« ver­bor­gen.

Natür­lich ist es ein Belas­tungs­test für die Tisch­plat­ten kri­tisch den­ken­der Men­schen, wenn der Spie­gel sich einen Eklat kom­plett selbst insze­niert: Erst bie­tet er eine Platt­form für The­sen, die er selbst sogleich als krude skan­da­li­siert,  und beglei­tet dann die Reso­nanz auf die kru­den The­sen mit empör­ter Dis­tan­zie­rung. Chris­tian Jaku­betz bringt die­sen Abgrund an Jour­na­lis­mus­ver­rat auf den Punkt. Trotz­dem gibt es gerade in der Reso­nanz auf die­ses per­fekt auf das Som­mer­loch abge­stimmte Kon­glo­me­rat aus den The­men Bil­dung und Demo­gra­phie gepaart mit der Trut­hi­ness von Über­frem­dung und schlich­tem Ras­sis­mus eini­ges zu entdecken.

Das Phä­no­men der Empö­rungs­spi­rale bei mora­lisch auf­ge­la­de­nen und seman­tisch ent­leer­ten Reiz­wor­ten wird immer mehr zur Gesetz­mä­ßig­keit, die eine inhalt­li­che Aus­ein­an­der­set­zung ver­hin­dert. Auch jene, die anders als Berufs­dem­ago­gen an sol­chen Debat­ten inter­es­siert sind, müs­sen fest­stel­len: Es fin­det stän­dig Abgren­zung statt inhalt­li­cher Aus­ein­an­der­set­zung mit Begrif­fen statt, die zu Kampf­be­grif­fen gewor­den sind.

Ras­sis­mus oder Sexis­mus sind Bei­spiele für sol­che Kampf­be­griffe, die in Debat­ten nicht mehr zur Refle­xion der eige­nen Posi­tion die­nen, son­dern nur über ihre nega­tive Kon­no­ta­tion wir­ken. Ras­sis­mus ist böse, also will ich nichts damit zu tun haben und dis­tan­ziere mich nach­drück­lich — egal, ob meine Aus­sa­gen womög­lich tat­säch­lich ras­sis­tisch waren.  Die Magie des Bauch­ge­fühls, kein Ras­sist zu sein, ist stär­ker als Argu­mente sein könn­ten. Trut­hi­ness at work.

Wie der Vor­wurf »Sexis­mus« dazu führt, dass sich die Inhalts­leere der blo­ßen Ableh­nung des Wor­tes selbst ent­larvt, lässt sich an Nadine Lantzschs Bei­trag Das Dampf­schiff und den anschlie­ßen­den Kom­men­ta­ren ein­drucks­voll nach­voll­zie­hen. Begriffe wie Demo­kra­tie oder Auf­klä­rung sind umge­kehrt posi­tiv kon­no­tierte Begriffe, die sich jeder gerne attes­tiert, ohne dass dar­über auch nur ein Jota an Klä­rung der eige­nen argu­men­ta­ti­ven Posi­tion erwächst.

Die his­to­risch gewach­se­nen Kate­go­ri­sie­run­gen tun ihr übri­ges zur Ver­klä­rung von Zusam­men­hän­gen und Wirk­me­cha­nis­men. Ras­sis­mus wird dem »rech­ten Spek­trum« zuge­ord­net, Anti­ka­pi­ta­lis­mus ist ein angeb­lich lin­kes Phä­no­men — sol­che Zuord­nun­gen sind Teil der durch Wie­der­ho­lung zum Fak­tum gewor­de­nen Behaup­tun­gen. Ist das linke China anti­ka­pi­ta­lis­tisch? Warum soll Ras­sis­mus ein Pri­vi­leg des kon­ser­va­ti­ven Mil­lieus sein?

Wenn wir aus dem Echo, das auf die kru­den The­sen des Thilo S. folgt, etwas ler­nen kön­nen, dann dass sol­che Kate­go­ri­sie­run­gen längst ihrer Sinn­haf­tig­keit beraubt sind. Der Ras­sis­mus ist quer durch die Gesell­schaft ver­tre­ten, er sucht sich allen­falls ver­schie­dene Opfer, je nach per­sön­li­chen Über­zeu­gun­gen und Ängs­ten. Thilo S. vom Vor­wurf des Ras­sis­mus frei­zu­spre­chen, weil die­ser sich ja bloß auf  einen hun­dert Jahre alten bio­lo­gis­ti­schen Dis­kurs berufe, ist eine Bank­rott­er­klä­rung für die Dis­kurs­macht unse­rer Leit­me­dien. Schirr­ma­cher ist halt auch nur ein wei­te­res Opfer der Truthiness.

Wol­len wir hof­fen, dass wir, die wir über unsere Gesell­schaft dis­ku­tie­ren möch­ten, uns über Wahr­heit­lich­keit und Schein­ar­gu­mente erhe­ben kön­nen und uns unsere Dis­kus­si­ons­kul­tur nicht von Berufs­dem­ago­gen dik­tie­ren lassen.

Nach­trag:
Schirr­ma­cher hat mitt­ler­weile einen deut­lich kri­ti­sche­ren Arti­kel zum Ras­sis­mus­vor­wurf an Sar­ra­zin geschrie­ben und erkennt die Dis­kurse der Sozio­bio­lo­gie und Co. von vor hun­dert Jah­ren als ras­sis­tisch an.

Crosspost von Kontextschmiede.

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30 Kommentare

  1. noName |  01.09.2010 | 20:35 | permalink  

    Wieder so ein gutes Posting auf der Meta-Ebene.

    Der Text am 01.09.2010 musste in der FAZ wohl nachgelegt werden (Stichwort: Ehrenrettung). Das Geschreibsel davor ging ja gar nicht.

    Was wäre es prima, wenn Print mehr die Meta-Ebene für sich entdecken würde. Ist anspruchsvoll, schon klar, bringt nicht unbedingt Auflage, macht sich aber langfristig einfach gut beim Leser. Sonst wandern die Leser noch ab, zu Carta.info und anderen Qualitätsanbietern im Web.

    By the way: Die Analyse von Herrn H. Prothmann hat mir ebenfalls gut gefallen, weitsichtig – und das aus Heddesheim. Oder der Herr Spreng, der spricht es aus, was viele (Analog-)Leser denken. Die Blogs sind im Kommen!

    Es gibt sie zwar nicht, die Online-Presse (Prof. Papier), aber der Rezipient hat was für sich entdeckt, was die (Analog-)Presse vielfach toppt, was zum Lesen, zum Ausdrucken, zum blitzschnellen Informationsaustausch, zum digitalen Merken (Instapaper), zum Mitdiskutieren. Kurzum: die Meta-Ebene isses. Danke.

  2. Jaheira |  01.09.2010 | 22:32 | permalink  

    Es hat mir Freude gemacht, diesen Artikel zu lesen: hochwertig und relevant. Danke.

  3. radierer |  01.09.2010 | 22:46 | permalink  

    Schön, dass dieser sehr substanzielle Text jetzt auch hier zu lesen ist!

    Vielleicht liegt es ja an mir, aber: Den Satz “Denn eine Diskussionskultur des lauteren Argumentes basiert nicht mehr auf Plausibilität.” habe ich drei Mal gelesen und drei Mal nicht verstanden. Erst als mein Blick auf den fettgedruckten Satz im übernächsten Absatz fiel, wurde mir klar, wie “lauter” in diesem Fall zu verstehen ist: halt so wie sonst meist auch.

  4. Christian Edom |  02.09.2010 | 06:49 | permalink  

    Ob es mit Frank Schirrmacher ganz so einfach ist? Da bleiben Fragen. Und es sind nicht nur Stilfragen.

  5. Peter |  02.09.2010 | 08:20 | permalink  

    Trut­hi­ness wird nicht nur in den Köpfen der Menschen zur Realität. Die Folgen sind physisch spürbar. Despoten nutzen dieses Mittel gern, wenn sie ausreichend Claqueure um sich gesammelt haben.

  6. linsenspaeller |  02.09.2010 | 08:53 | permalink  

    Wenn diese, Überwahrheit das wichtigstes Werkzeug aller Demagogen ist, dann wird die Kultur der Menschheit schon seit der Steinzeit so vorbestimmt. Ich denke dabei an die Religionen, Urreligionen, Schamanen usw. Nun frage ich mich: Wie schlimm ist das?

  7. Chat Atkins |  02.09.2010 | 09:30 | permalink  

    Das ‘Framing’ ist tatsächlich das große Problem. Festgefügte, durch ‘Trigger’ oder ‘Reizwörter’ aktivierbare Gehirnstrukturen, stehen tatsächlich der Aufklärung zunehmend im Wege. Alle Sekten, alle Ideologen, alle Religionen, alle ‘Coaches’ bedienen sich zunehmend dieser Methode. Sie haben eher als die bemühten, in diesem Punkt aber ‘falsch-informierten’ Aufklärer verstanden, dass bei der Kommunikation keineswegs ausgesendete Informationen auf ein weltoffenes Gehirn treffen, sondern dass ausgewählte Reize ein immer schon vorab informiertes (‘geframetes’) Gehirn so oder so aktivieren können. Auch die Massenmedien stellen sich zunehmend als Reizvokabellieferanten in den Dienst dieser Verdummung durch fortschreitenden Frame-Verfestigung. Fox TV ist nur ein besonders krasses Beispiel. Die Ursache der Verblödung ist hier zu suchen, nicht in den Genen des Herrn Sarrazin. Intelligenz wäre demnach vielleicht die Fähigkeit, möglichst viele und unterschiedliche Frames in sich aktivieren zu können.

  8. mh |  02.09.2010 | 10:27 | permalink  

    “Frei erfun­dene Fak­ten, wie Thilo S. sie in die Welt setzt, sind ein Pro­blem für öffent­li­che Dis­kurse. Wenn ein Abgleich mit der Rea­li­tät es nicht mehr erlaubt, Argu­mente zu wider­le­gen, wer­den Dis­kus­sio­nen belie­big.”

    das ist die gelebte verkenntnis dessen, dass informationen die sich nicht beweisen lassen, einfach falsch sind.

    der irrglaube, dass unbewiesene informationen richtig seien entspringt lediglich der angst, dass da unwahrscheinlicherweise doch noch eine quelle übersehen wurde und man sich blamiere.

    einfach mal nach einer quelle zu fragen, scheint den meisten nicht möglich… im fall sarrazin gabs ja sogar auch noch die richtige antwort.

    mfg
    mh

  9. Tino Maurus |  02.09.2010 | 10:46 | permalink  

    Sehr guter Text. Danke!

  10. Sarrazin-Debatte: „Ein wahrer Patriot würde zurücktreten“ | ecolot - Wirtschaft erlesen |  02.09.2010 | 12:29 | permalink  

    [...] Autorenblog Carta hofft, dass sich die Diskussionskultur durch die Sarrazin-Affäre verbessern wird. Dabei sollte [...]

  11. Falk D. |  02.09.2010 | 14:17 | permalink  

    Ich finde die Referenz zu “frei erfundene Fakten” etwas dünn.
    In der SZ finde ich keinen Abdruck und Suchmaschinen liefern nur Signaturen, die in den empörten Teil der Blogosphäre verweisen.
    Ich habe das Buch nun zu 90% durch und würde es eher als Fleißarbeit auffassen, da sich Herr Sarrazin regelrecht abmüht, unbelegtes in der Art nicht zu sagen, dass es auch der letzte mitbekommen kann. Somit würde eine solche Ungeschicklichkeit zwar zu seinen ungelenken Live-Auftritten, nicht aber zu der das Buch tragenden Schmetterlingssammlermentalität passen.
    Ich bitte daher um Aufklärung über die originäre Quelle. Bzw. momentan muss ich davon ausgehen, dass diese Begebenheit eher Herrn Carsten Penkella zuzuordnen ist.

    Falk D.

  12. Don |  02.09.2010 | 14:19 | permalink  

    Früher war alles besser.

    Im übrigen bedient dieser Artikel auch das Vorurteil, dass da was demagogisch und falsch ist. Wenn ich das Wort “Vorurteil” schön höre, kriege ich einen Raster. Hier geht es nämlich auch um Truthiness und gefühlte Konsensmacht, mit diesen lächerlichen Exkursen auf Wissenschaftlichkeit.

    Und das alles, während einen Typen. Da hat jemand Unrecht bei den Holzmedien. Was sagt das über die Gesprächskultur in unserem Lande aus.

    Verbieten, bestrafen, verhindern. Glücklich zu schätzen, dass es keine KZs mehr gibt.

  13. Chat Atkins |  02.09.2010 | 15:27 | permalink  

    @ Don: Nun mal halblang: Erst die Massenmedien von Bild bis Spiegel haben doch den Sarrazin mit ihren Vorabdrucken und ihrem ‘Wir-wissen-was-was-ihr-noch-nicht-wisst’ zum großen “Thema” und zum Sugar-Daddy des Boulevards gemacht. Deren mediale Verurteilung läuft doch auch eher hinaus auf das sattsam bekannte: “Wir wollen ja nicht hetzen – aber ksss! ksss!”.

    Das Problem Sarrazins ist dabei das aller Statistiker: Sie verlängern ihre Trends und Linien in Zeiten hinein, von denen sie gar nichts wissen können. Brüche kommen da nicht vor – die gibt’s nur in der Realität. Ein Wolkenkuckucksheimer also, da kann er noch so oft den Taschenrechner anschmeißen.

    Und auch auf anderer Ebene kann ihm allerlei vorwerfen: Dass er die Gesellschaft streng ‘volkswirtschaftlich’ betrachtet zum Beispiel, und sie wie ein Betriebsleiter in nützliche und unnütze Fresser teilt. Das ist blanker Elitarismus bzw. übler Utilitarismus – und sonst auch noch so allerlei, was in meiner Nase arg streng duftet.

  14. ebook leser |  02.09.2010 | 20:02 | permalink  

    So ein Schritt weiter, die Bundesbank hat den Sarrazin entlassen, der Wulf wird ja nix dagegen einzuwenden haben. Jetzt ist der Gabriel am Zuge. Ich bin mal gespannt wie das bei der SPD jetzt vorangeht, denn der Gabriel hat sich ja am Wochende entsprechend geäussert.

  15. Reiner/SB |  02.09.2010 | 20:10 | permalink  

    tagesschau.de hat alle Foren zum Thema “Sarrazin” geschlossen und das schon seit Tagen. Keine Kommentare möglich. Alle anderen Foren (SPON, FAZ, SR, WON) sind selbstverständlich offen.

    Political correctness des ÖR? Sehr merkwürdig.

  16. fritten.cc » Wie haben die Menschen im Heute gelebt? |  03.09.2010 | 05:52 | permalink  

    [...] Deutschen schaffen uns ja angeblich eh [...]

  17. Chat Atkins |  03.09.2010 | 08:39 | permalink  

    @ Reiner/SB: Ich denke eher, ihre Güllegruben drohten überzulaufen.

  18. Thomas Pfeiffer |  03.09.2010 | 10:59 | permalink  

    Hallo,

    inhaltlicher Diskurs ist wichtig. Wenn es Inhalte gibt. Wenn die Fehlen, hilft manchmal nur eine schlagkräftige (im übertragenen Sinne ! :) Erwiderung.

    Die sammeln sich auf
    http://ichkannesnichtmehrhoeren.de/

    Was kann man noch sagen, wenn jmd. immer wieder den gleichen Stuss erzählt?

    Manchmal hilft es dann – wenigstens für sein eigenes infarktgefährdetes Herz – etwas schnelles zu erwidern und hoffentlich kurz Ruhe zu haben.

    Thomas

  19. Ein Drittel von einem Prozent sind 3,3 Promille | Webevangelisten |  03.09.2010 | 11:51 | permalink  

    [...] die normative Kraft von Supermemen und die Perfidie, mit der man immer wieder dieselben leeren Sprüchen wiederholt, schreibt [...]

  20. Das Prinzip Sarrazin | Hanno’s Blog | Hanno Zulla, Hamburg, Germany |  03.09.2010 | 11:57 | permalink  

    [...] finde nicht schlimm, dass er seine Statistiken erfindet, denn im Kern sind 95% seiner Aussagen [...]

  21. Hanno |  03.09.2010 | 12:02 | permalink  

    Sarrazins Motivation wird nicht allein “in it for the money” sein. Das Bedürfnis nach Aufmerksamkeit und unerschütterliche Überzeugung, die Wahrheit gepachtet zu haben, dürfte da schon reichen.

  22. M. Baum |  03.09.2010 | 12:05 | permalink  

    Ein sehr wichtiger Nerv, den der Beitrag trifft. Kaum etwas, außer Lob, hinzuzufügen. Skandalisier-ten/ende Diskussionen wie Thilo S. sie in der Öffentlichkeit startet, rufen – bei mir zumindest – intuitiv das “Das kann er doch nicht ernst meinen”-Gefühl hervor, das leicht alles andere überblendet.
    Die Scheinargumente, hinter denen oft derart stark die Unglaubwürdigkeit durchblickt, dass der menschliche Reflex auslöst, sich über sie zu empören (und gleichzeitig auch leider damit zu befassen), wird mEn eigentlich nur eine Betrachtung auf abstrakter (bzw. Meta)-Ebene gerecht. Aber genau das “triggert” die menschliche Psyche nicht. Den Reflex: “Oh, du vermittelst keine relevanten oder plausiblen Inhalte mit deiner Botschaft und deswegen frage ich mich, was der Effekt ist, den du erzielt willst. Ah, ich glaube, du möchtest, dass ich mich über deine Botschaft aufrege. Warum würdest du daran ein Interesse haben? usw.”
    Ein Buch kann ich empfehlen, auch wenn es nicht mehr ganz aktuell ist, das ich im Laufe des Studiums kennengelernt habe. Half sehr dabei im Angesicht solcher Thesen ein wenig Klarheit zu wahren. http://amzn.to/8ZLZsh

  23. Günter Pfingst |  03.09.2010 | 12:48 | permalink  

    Die Aufregung und die Diskussion zum Thema “Thilo S.” ist so laut, dass still und heimlich dabei die Regierung ihre seit Monaten großartig angekündigten Sparpläne, ohne große Anfeindungen durchbringen konnte. Wieder einmal wurde der Weg des geringsten Wiederstandes, nämlich der, gegen den kleine Mann gewählt. Wie man die Beteiligung des Großkapitales an den Sparplänene mit deren Lobbyisten-Heer hinbekommen will, muß natürlich erst noch einmal sorgfältig geprüft werden. Aus vielen vollmundigen Ankündigungen seit der “Steinzeit” weiss man allerdings, dass es dabei dann wohl bleiben wird.
    Also schlägt man Seitens der Regierung zwei Fliegen mit einer Klappe nämlich zum Einen, dass Herr Sarrazin endlich ruhig gestellt wird, zumindest was seine öffentliche Arbeit angeht und zum Zweiten, dass die eigentliche wichtigere journalistische Arbeit der Medien, die Focusierung auf die Sparpläne, so gut wie unter den Tisch fällt.

  24. Carsten Fricke |  03.09.2010 | 14:52 | permalink  

    Sind nicht die Behauptungen “Frei erfun­dene Fak­ten, wie Thilo S. sie in die Welt setzt” und “Berufsdemagoge” selbst auch frei erfunden bzw. zumindest nicht mit Fakten untermauert? Sind diese Äußerungen dann eventuell selbst demagogisch?

    Im Buch bemüht sich Sarrazin zumindest, seine Thesen mit Fakten zu hinterlegen. Angreifbar sind einige seiner Thesen und Schlussfolgerungen. Hauptangriffspunkt ist ja die These, dass 50% bis 80% der Intelligenz erblich seien. Dies ist eine recht umstrittene These – die Einschätzung dass ein Anteil der Intelligenz erblich bedingt ist wird denke ich heute von allen Wissenschaftlern geteilt. Wie hoch der erbliche Anteil allerdings ist, darüber sind sich wahrscheinlich keine zwei Wissenschaftler einig. Viele andere von Sarrazin genannte Dinge, wie dass es größere Integrationsprobleme bei den in Deutschland lebenden Personen mit muslimisch-türkischem Migrationshintergrund gibt als bei z.B. Russlanddeutschen, sind aber unbestrittene Fakten (jedenfalls habe ich noch keine Fakten gesehen, die dies widerlegen).

    Die heute Definition von “Demagoge” ist laut Wikipedia, “eine Methode, durch Schüren verbreiteter Emotionen und Vorurteile schließlich selbst Macht zu gewinnen”.

    Es ist fraglich, ob Sarrazin nur Vorurteile schürt und nicht eben gerade Fakten beim Namen nennt. Das hängt davon ab, wie hoch der Anteil der Fakten und wie hoch der Anteil der Vorurteile unter seinen Äußerungen ist. Daher sollte man sich zunächst einmal inhaltlich mit den einzelnen Thesen befassen – pauschale Urteile sind vielleicht selbst Vorurteile. Ob Sarrazin selbst Macht gewinnen will, ist ebenfalls zweifelhaft. Die Bezeichnung “Demagoge” halte ich daher nicht für angebracht, sie wird vom Autor hier wohl eher deshalb verwendet, weil sie abwertend ist.

  25. yodahome |  03.09.2010 | 15:28 | permalink  

    Interessante Zusammenfassung der Ereignisse, allerdings fällt es mir schwer daran etwas radikal Neues zu finden. Immerhin war Demagogie und der progressive Umgang mit dem was man selbst für die Wahrheit hält schon im Mittelalter (und wahrscheinlich nicht erst dort) das Tagesgeschäft für die Kirche und bestimmte gleichsam im Kleinen die Kommunikationskultur der Bevölkerung. Das sogenannte ‘Hörensagen’, Klatsch und Tratsch, Legenden oder auch moderne urbane Mythen, sie alle orientieren sich doch an den Interessen ihrer Rezipienten, produzieren dabei Quasifakten und generieren Aufmerksamkeit für die, die sie verbreiten und damit aufrechterhalten. Versucht nicht jeder Mensch diesen Mechanismus zu seinem Vorteil zu nutzen?

    Insofern kann ich hier nicht erkennen, was das mit einer neuen Medienwirklichkeit zu tun hat, ich würde unterstellen, dass jedes Medium der Menschheitsgeschichte diese Funktion mitgetragen hat und tragen wird. Sicher dreht sich die Aufmerksamkeitsspirale heute schneller, die Diskussion wird größer und insgesamt lauter geführt. Aber die wahre Innovation ist doch, dass man sich mit der Wahrheit oder zumindest diversen gängigen Wahrheiten eben auch viel einfacher und schneller vertraut machen kann, wenn man die Werkzeuge (insbesondere das Internet) richtig zu nutzen und interpretieren weiß. Letzteres ist sicherlich auch kein neuer Punkt, auch hier gilt wieder, dass es lediglich schnellere, weiter verbreitete und leichtere Wege für alte Funktionen gibt.
    Die Frage ist doch, ob wir an einem Punkt sind, wo der Desinformation, weil sie so einfach behebbar zumindest aber relativierbar scheint, die gesellschaftliche entzogen werden kann. Dann müssten wir Leute wie Sarrazin einfach nur ignorieren, weil jedem klar sein müßte, was er beabsichtigt.

  26. linsenspaeller |  03.09.2010 | 21:25 | permalink  

    @Carsten Fricke: [Zitat] “Hauptangriffspunkt ist ja die These, dass 50% bis 80% der Intelligenz erblich seien. Dies ist eine recht umstrittene These …”

    Ohne hier so vermessen zu sein, eine Antwort geben zu wollen, möchte ich daran erinnern, daß bei künstlichen Intelligenzen ebenfalls ein Unterschied gemacht wird zwischen der Intelligenz, die in der Hardware steckt, und jener, die dem System über die Software zugeführt wird. Das ist eine Homologie, die bei der Erörterung obiger These vielleicht helfen kann.

  27. OH |  04.09.2010 | 10:46 | permalink  

    @Carsten Fricke:

    “Im Buch bemüht sich Sarrazin zumindest, seine Thesen mit Fakten zu hinterlegen. Angreifbar sind einige seiner Thesen und Schlussfolgerungen. Hauptangriffspunkt ist ja die These, dass 50% bis 80% der Intelligenz erblich seien. Dies ist eine recht umstrittene These – die Einschätzung dass ein Anteil der Intelligenz erblich bedingt ist wird denke ich heute von allen Wissenschaftlern geteilt. Wie hoch der erbliche Anteil allerdings ist, darüber sind sich wahrscheinlich keine zwei Wissenschaftler einig. Viele andere von Sarrazin genannte Dinge, wie dass es größere Integrationsprobleme bei den in Deutschland lebenden Personen mit muslimisch-türkischem Migrationshintergrund gibt als bei z.B. Russlanddeutschen, sind aber unbestrittene Fakten (jedenfalls habe ich noch keine Fakten gesehen, die dies widerlegen).”

    Ich glaube, Du verkennst das Problem. Denn zum einen gibt es keine allgemein akzeptierte Definition von Intelligenz. Zum zweiten sollte man sich schon mit Vererbung auskennen, wenn man sie als Argument heranziehen will – auch da ist bei Sarrazin Fehlanzeige. Dass Aspekte von Intelligenz vererbt werden können heisst im Übrigen mitnichten, dass sich anhand derartiger Aspekte eine ethnische Stratifizierung vornehmen ließe. Erst recht nicht, wenn man Störungen herausrechnet.

    Zum dritten setzt er gerne Bildungserfolg und Intelligenz gleich. Ich empfehle mal, sich mit dem Öffentlichkeitsreferenten von Mensa zu unterhalten. Es gibt zahllose nach IQ-Definition Hochbegabte, die in diesem unserem Lande auf der Strecke bleiben, weil sie mit dem Bildungssystem nicht klar kommen. Weil sie sich im Unterricht intellektuell weder gefordert noch gefördert fühlen schalten sie ab oder beschäftigen sich mit etwas anderem und werden dann als Klassenstörer oder Bildungsverweigerer gebrandmarkt. Weniger IQ-Definition-Intelligente haben dann ggf. einen höheren Bildungserfolg, weil sie den Unterricht als spannend empfinden.

    Und da liegt der Hase im Pfeffer: Weder Sarrazins Konzept von Vererbung noch sein Konzept von Intelligenz noch seine Schlussfolgerungen sind wirklich valide. Und selbst die Quellen, auf die er sich angeblich stützt, haben mittlerweile aufbegehert gegen die missbräuchliche Verwendung ihrer Materialien zur Unterstützung von Aussagen, die von ihren Daten gar nicht getragen werden.

  28. Sarrazin und seine Angst vor Veränderungen « Reflexionsschicht |  08.09.2010 | 00:00 | permalink  

    [...] Soziologische Erklärungsmuster lehnt er ab. Ein weiteres Problem an Sarrazins Thesen ist ihre “gefühlte Richtigkeit”, die sich nicht eben mal so schnell widerlegen lassen. Wenn er Statistiken falsch interpretiert [...]

  29. The Issue with Public Opinion: How the Sarrazin Debate Encourages Socially Accepted Racism | |  08.09.2010 | 13:52 | permalink  

    [...] happening in the United States where one can often find similar examples taken to the extreme. The analytical comment by Jakob Jochmann does just that by relating the current debate to the satirist Stephen Colbert’s concept of [...]

  30. Sascha Stoltenow |  05.11.2010 | 14:04 | permalink  

    Und was, wenn die Behauptung “Truthiness” auch nur eine Truthiness ist, und damit auch dieser Text mit an der Supermeme strickt?

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