Robin Meyer-Lucht | 42 Kommentar(e)
Sarrazin passt ins Beuteschema des Journalismus. Es ist aber nicht er die Beute, sondern der Journalismus ist seine Beute.
30.08.2010 |
Die Pressekonferenz von Thilo Sarrazin heute hatte etwas Bedrückendes: Journalisten standen um den halben Block an, um ihn zu sehen. Über 30 Kamerateams und rudelweise Fotoreporter waren gekommen. Als Sarrazin den Raum betrat, wurde er fast fünf Minuten lang zunächst einmal nur fotografiert. Es wirkte wie eine Huldigung in Blitzlichtgewittern.
Keine Frage: Hier saß ein Auflagen- und Aufmerksamkeitsgoldstück. Sarrazin ist aus dem Stoff gemacht, der Auflage bringt: “Bundesbank-Vorstand mit SPD-Vergangenheit schreibt islamfeindliches Buch über das Ende der deutschen Nation.” Außer Sex fehlt dieser Konstellation aus Sicht des Politik-Boulevard-Journalismus: nichts.
Der Journalismus ist so konstituiert, dass er derartigen Aufmerksamkeitsmagneten nahezu nicht aus dem Weg gehen kann. Er rennt sklavisch der Gier des Publikums nach. Journalisten werden in solchen Momenten erkennbar als Getriebene einer Verwertungslogik, der sie häufig kaum etwas entgegenzusetzen haben.
Sarrazin bietet eine Schablone für Vereinfachung, Personalisierung und Thematisierung. Sein Thesen lassen sich leicht ins Zentrum der schrillen Polit-Soap rücken, während beispielsweise die Krise der Gesundheitsversicherung schon lange keinen mehr interessiert. Schon heute ist klar: In zwei Wochen ist Sarrazin durch, als Thema durchgenudelt wie lange schon Westerwelles “spätrömische Dekadenz”.
Sarrazin passt ins Beuteschema des Journalismus. Es ist aber nicht er die Beute, sondern der Journalismus ist seine Beute. Diese mangelnde Souveränität des Journalismus mitzuerleben, die nicht das Versagen Einzelner darstellt, sondern letzlich wohl systemisch ist, verstört.
Den fasziniert heuchelnden Umgang der Leitmedien mit Sarrazin (erst Auszüge drucken, dann echauffieren) hat auch Christian Jakubetz sehr treffend beobachtet:
So geht das also inzwischen: Man schaukelt ein Buch zum Skandälchen hoch, hofft auf einen Eklat, Inhalte machen leicht gemacht. Bei Bild” wundert man sich darüber ja noch nicht mal, das hat dort Methode — und dass man bei “Bild” Sympathien für Sarrazin hegt, ist ebenso wenig verwunderlich wie neu. Insofern ist das, was “Bild” macht, fast noch so was wie ehrlich. Was der “Spiegel” dagegen betreibt, ist die pure Heuchelei, ein Abgrund an Journalismusverrat.


Thilo Sarrazin spielt ein Spiel: er führt unser Land bzw. unsere Gesellschaft gnadenlos vor. Er und sein Verlag schaffen es die Kanzlerin zu einer Buchkritik (wohl ungelesen) zu nötigen (der Autor Henryk M. Broder bezeichnete dies bei Phoenix als Verostlichung Deutschlands). Er und sein Verlag fixen Spiegel und Bild zu Vorabdrucken an. An der daraufhin einsetzenden Empörungswelle kann sich der Spiegel so gut ergötzen, dass heute sogleich ein Liveticker zur Buchpräsentation geschaltet wird.
Sarrazin schafft es die Dramaturgie deutscher Hysterie sehr gut zu spielen. Er weiß die Medien und die Politik auf seiner Seite.
Ich hatte dazu heute kurz geblogged. Für mich steht es 5:0 für Sarrazin. Er ist in der Nachspielzeit, da fallen noch Tore.
@ Georg: Danke für den Hinweis
http://www.konjovic.de/sarrazin-fuhrt-deutschland-vor/
Klasse Posting!
Ich kann mich nur wiederholen: Stampft dieses Buch ein! Sowas zu lesen ist reine Zeitverschwendung.
ich habs gelesen und es ist bei weitem nicht so der aufreger. nach dem tamtam ist es dann eher enttäuschend. natürlich wird aber jeder das darin finden, was er sucht.
thilo weiß als statistikaffiner mensch auch, dass statistiken nur richtungen vorgeben und keine absoluten wahrheiten enthalten und wenn, dann höchstens über die vergangenheit.
mfg
mh
@Beuteschema: Wilde Hühner und alte Gockel. Es geht zu wie beim Moorhuhnschießen (allerdings verdient die Beute nicht schlecht dabei).
Erinnert sich noch jemand an Helene Hegemann?
@RML guter Einwand
Mein Plädoyer an alle Journalisten und Schreiberinnen :-)
Für die nächsten 14 Tage verpflichten wir uns, folgende Vorgabe einzuhalten:
1. wir werden Schluss machen mit der Nazi-Diktion!
2. weder “Gestapo 2.0″ noch “Bücherverbrennung” noch sonstige…… Vergleiche sollen uns in den (mindestens) nächsten 14 Tagen über die Lippen, ähhh, Tastaturen gehen!
3. wir haben genug davon, dass unserer Verfassung zuwiderlaufende und ekelhafte Vergleiche für Propaganda und Kommerz genutzt werden.
4. Das sind wir auch den Opfern einer grässlichen Diktatur und den Nachkommen der Opfer schuldig.
5.Kein Godwins Law mehr! http://de.wikipedia.org/wiki/Godwins_Law
oder, um es britisch zu formulieren,
“Don`t mention the war!”
Ich habe Herrn Sarrazin gebeten, zu meinen Gegenthesen Stellung zu beziehen.
“Gier des Publikums”? Glaube ich nicht. Der so genannte Journalismus hyperventiliert und redet sich das ein.
[...] “Sarrazin passt ins Beuteschema des Journalismus. Es ist aber nicht er die Beute, sondern der Journalismus ist seine Beute. Diese mangelnde Souveränität des Journalismus mitzuerleben, die nicht das Versagen Einzelner darstellt, sondern letzlich wohl systemisch ist, verstört”, meint Robin Meyer-Lucht auf Carta.info. [...]
Danke.
Bei Sarrazin handelt es sich schlicht und ergreifend um das aus Internetforen bekannte Trollphänomen. Das schwierige dabei ist, dem Troll gerade das, was er braucht, nicht zu geben, nämlich Aufmerksamkeit. Leider hat es das Trollen in den letzten Jahren aus dem Internet heraus ins Real Life geschafft. Das Phänomen ist das gleiche geblieben. Es geht dabei nie um Inhalte oder Fakten. Es geht einzig und alleine darum, eine gesellschaftliche Diskussion anzufachen und sich dann, wenn es tüchtig brennt, aus dem Staub zu machen.
Traurig an der ganzen Geschichte ist eigentlich nur, dass Sarrazin (dessen Name mich übrigens immer an die Sarazenen erinnert… komisch) mit dieser Geschichte nicht nur viel zu viel Aufmerksamkeit bekommt, sondern auch noch richtig Geld abräumt.
Don’t feed the trolls!
Guten Tag!
Ich verfolge die Debatte im Urlaub und bin voller Zuversicht, dass sie einen guten Verlauf nehmen wird.
Wer sich die Vielzahl der Blog-Beiträge und der Kommentare anschaut, erkennt, dass in Summe mehr außerhalb der sogenannten “etablierten” Medien über den Biedermann Sarrazin und seine Brandstifter “Bild” und “Spiegel online” über das Thema disktutiert wird.
RML hat zu Recht auf den hervorragenden Blogbeitrag von Herrn Jakubetz hingewiesen, der darauf hinweist, dass sich die Beutegier eines solchen Journalismus sich selbst auffrisst.
Lasst sie machen und vertraut dem gesunden Menschenverstand, der sich vielfältig äußert. Spiegel online und Bild schaffen sich mit dem Sommerloch-Theater Stück für Stück selbst ab. Sie verlieren nämlich durch die plumpe Inszenierung nach und nach an Glaubwürdigkeit. Die Meute macht sich selbst zur Beute.
Angebote wie CARTA, netzpolitik, das Jakblog erreichen im Verhältnis gesehen mittlerweile vermutlich mehr Menschen als die sogenannten “Meinungsführer”.
Die werden über kurz oder lang ihren Verstand wiederfinden müssen, sonst versteht sie keiner mehr.
Die Forderung, Sarrazin und seine Medienschleudern zu ignorieren, ist falsch. Richtig ist, den Schwachsinn als solchen zu benennen. Noch wichtiger ist allerdings, eigene Themen zu setzen, Nischen und Lücken zu füllen und damit das zu gewinnen, was die anderen aufs Spiel setzen: Glaubwürdigkeit, Relevanz und Transparenz.
Die Sorge vieler Politiker und Zeitungen, dass das “böse, böse” Internet ein echtes Problem werden könnte, ist absolut berechtigt.
Über das Internet vernetzen sich immer mehr Menschen, die sich über das hohle Gequatsche und die noch hohlere Inszenierung austauschen. Mit guten Argumenten, mit aufrechten Haltungen, mit klaren Meinungen.
So gesehen kann man sich nur wünschen, dass noch viel mehr Sarrazines sich outen und klar machen, wie man sie zu beurteilen hat.
Ich freue mich darüber, dass Sarrazin dieses Buch veröffentlicht hat. Denn es zeigt mir unzweifelhaft , was ich von Herrn Sarrazin zu halten habe. Und die Reaktionen von Medien und Politikern machen deutlich, was man von denen zu halten hat.
Ein gutes Beispiel ist die ultraschwache “Abrechnung” des SPD-”Rambos” Ralf Stegner zum Thema: http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,714260,00.html
Wenn das alles ist, was die SPD-Intelligenzia zu bieten hat, sagt das viel über inneren Zustand dieser Partei aus. Bei Funktionären anderer Parteien hat es nur für “Zitate” gerecht, was noch enttäuschenderist.
Die konsequenzlose Empörungsheuchelei, die tragische Hilflosigkeit der Bedenkenträger zeigt nämlich eins: Wie armselig es um die Debattenkultur einer selbstgerechten politischen Klasse bestellt ist, die selbst nicht in der Lage ist, nachvollziehbar, glaubwürdig und transparant relevante Themen zu setzen, sondern sich lieber in einer Reihe hinter einer Dreckschleuder anstellt, um selbst ein wenig mit Schmutz zu werfen.
Herr Sarrazin hat sich selbst entlarvt – und mit ihm all die, die sich als schwache und hilflose Spielfiguren outen.
Punkte machen die vielfältigen Netzgemeinschaften und deren Moderatoren. Neue Medien, die nicht nach den althergebrachten Mechanismen des politischen Theaters funktionieren, sondern dessen überdrüssig sind.
Das ist eine gute Entwicklung, der ich hoffnungsvoll entgegensehe. Im Internet ensteht eine neue Debattenkultur, eine, die transparenter als jemals zuvor einerseits für “revolutionäre” Zustände sorgen wird und andererseits gerade deshalb die Demokratie zu stärken in der Lage ist.
Beste Grüße
Hardy Prothmann
1. Mit der Ressource Ignoranz scheint es im Falle Sarrazin nicht weit her zu sein. Warum? Ist der Boulevard inzwischen überall?
2. Ich registriere eine ziemliche Überempfindlichkeit bei Parteien und Medienöffentlichkeit dort, wo die Begriffe Juden und Eugenik interferieren. Vermutlich teilen viele meine Unsicherheit, welche Haltung man dazu einnehmen soll. Schließlich gibt es in der Schweiz ein Institut, wo man Anteil und Herkunft seiner jüdischen Gene bestimmen lassen kann. (Mal leutselig angenommen, daß die keine unseröse Geschäftemacherei betreiben.)
3. Wenn das kritisierte Buch von den Fakten und Schlußfolgerungen her schlecht ist, ich habe es nicht gelesen, dann wird sein Nutzeffekt für die Gesellschaft aus der Qualität der Kritiken erwachsen. Es gibt insofern für niemanden einen Grund, den Autor zu verteufeln. Nicht einmal für seine erbittertsten Gegner.
4. Der Mut, etwas Außergewöhnliches zu behaupten ist weniger verbreitet als die Feigheit, sich lieber im Mainstream zu verstecken. Historisch gesehen, hat das nicht selten den Kopf gekostet. Eugenisch betrachtet haben wir es also mit einer aussterbenden Gattung Mensch zu tun, die schon aus allgemein humanistischen Gründen etwas Fürsorge verdient.
Thilo Sarrazin sollte nicht so pauschal verurteilt werden wie es die Medien in den letzten Tagen gemacht haben. Das Untersichtenproblem, welches er anspricht, muss gelöst werden. Seine Thesen sind ziemlich provokant, aber dies scheint der einzige Weg zu sein, dass sich die Gesellschaft mit diesem Thema einmal wirklich beschäftigt.
@7.: …dass das Blog in dem Sie Herrn Sarrazin “beten” Ihre Gegenthesen zu betrachten ein Satireblog (soll heißen – nicht nicht von ihm) ist, haben Sie wohl offensichtlich übersehen…
Ansonsten volle Zustimmung bzgl. der Heuchelei der “Leitmedien”.
Trotzdem bin ich mir noch nicht sicher, ob ich persönlich ihn nun gut finden soll oder nicht. Teile seiner Argumentation sind schlüssig und spiegeln meine Ansichten wider. Andere überhaupt nicht. Aber das ist vermutlich der Grund warum diese Debatte so vortrefflich zu polarisieren vermag. Sei’s drum – in 2 Wochen redet niemand mehr darüber. (Was sehr Schade ist, da das inhaltliche Thema als solches zu den vielen ungelösten Problemen unseres Landes zählt.)
viele Grüße,
Axel
@linsenspaeller :
“Der Mut, etwas Außergewöhnliches zu behaupten ist weniger verbreitet als die Feigheit, sich lieber im Mainstream zu verstecken.”
Ich finde den Taschenspielertrick immer wieder faszinierend, solche Äußerungen wie die von Herrn S. als “mutig” oder “gegen den Mainstream” zu bezeichnen, womit er bei Gegenwind gleich in die Märtyrerrolle schlüpfen kann.
Migrantenbashing, deutsche Überheblichkeit ist doch genau Mainstream – und um so was zu äußern, braucht man wahrlich keinen Mut!
Hübsches Fundstück, geht in dieselbe Richtung. Berufsstand beschimpfen, das ist dann immer die Metaebene der Metaebene. Dieses Land hat keine Probleme, sonst hätte es keine Zeit für soetwas.
http://www.politplatschquatsch.com/2010/08/der-genosse-der-gosse.html
Aber SEX ist doch vertreten, wenn Sarrazin sagt, dass die Dummen des Landes zu viele Kinder bekommen. :D
@Hasso: Ich habe das starke Gefühl, diese Übung mit der Märtyrerrolle funktioniert im hiesigen Kulturkreis nicht. Das haben in der SPD schon andere erfolglos probiert. Märtyrer ernten eher Schadenfreude und Sarrazin sollte das wissen.
Wenn Überheblichkeit Mainstream ist, dann lese ich wahrscheinlich die falschen Zeitungen. In meinen Augen haben die Deutschen immer noch Schuldkomplexe, die einen normalen Umgang mit nationalen Themen, wie es im übrigen Europa selbstverständlich ist, erschweren. Das ist auch eine Ursache, warum es wieder einen so expressiven Rechtsextremismus gibt. Das ist auch der Grund, warum Sarrazin so eine heftige Resonanz bekommt. Die meißten Kommentare z.B. in der taz sind contra, trotz der 95%-Umfrage bei n-tv. Das heißt: Die meißten Pro`s üben sich in stiller Schadenfreude. Daraus kannst Du jetzt Schlußfolgerungen ziehen.
Ich hatte am Sonntag einen öffentlichen Brief an die Beckmann-Redaktion geschickt. Leider ohne Erfolg:
http://www.sein-und-nicht-sein.de/mediale-exekution-von-thilo-sarrazin/
Das Ergebnis der Sendung war nämlich klar vorherzusehen.
[...] Robin Meyer-Lucht Sarrazin ist aus dem Stoff gemacht, der Auflage bringt: “Bundesbank-Vorstand mit SPD-Vergangenheit schreibt islamfeindliches Buch über das Ende der deutschen Nation.” Außer Sex fehlt dieser Konstellation aus Sicht des Politik-Boulevard-Journalismus: nichts. [...] Diese mangelnde Souveränität des Journalismus mitzuerleben, die nicht das Versagen Einzelner darstellt, sondern letzlich wohl systemisch ist, verstört. [...]
Gut gebrüllt, RML…wir Forscher müssen endlich mal solche Medienhypes genauer unter die Lupe nehmen…
Wir fragen immer mal wieder bei solchen Ereignissen Wissenschaftler an, was denn wohl die Relevanzkriterien für einen Berichterstattungshype sind. Antwort ist stets sinngemäß: Relevant ist halt, was relevant ist. Da werden wir demnächst doch bei SRM anklopfen.
Weiter so T. Sarrazin das ist wahre freie Demokratische Äußerungen nicht wie jetzt
heuchlerische,verdrängende Demokratie:Raus aüs der SPD UND NEUE PARTEI GRÜNDEN !
Pressekonferenz mit Thilo Sarrazin in voller länge:
http://tinyurl.com/3a52xx2
Das eigentliche Thema war ja der Journalismus als Beute. Den muß der Sarrazin nun erst mal verdauen. Aber was war es denn nun für ein Fang? Respektabel oder bloß Haut und Knochen?
“Der Journalismus ist so konstituiert, dass er derartigen Aufmerksamkeitsmagneten nahezu nicht aus dem Weg gehen kann. Er rennt sklavisch der Gier des Publikums nach…”
Lieber Robin,
bitte entschuldige meine Kritik an dieser Stelle. Aber tun Blogger das nicht auch? Es sind doch immer die polarisierenden Beiträge aus dem aktuellen Tagesgeschehen, welche die meisten Kommentare und Backlinks erzeugen.
Wirfst du in diesem Fall den Medien nicht etwas vor, dass du selbst genauso handhabst?
Die eigentliche Macht liegt doch beim Medien-Konsumenten. Er entscheidet ob er Nachrichten diskutiert oder nicht. Sarrazin wurde ausführlich bei Twitter, in Blogs und Social-News Seiten diskutiert. Würden wir als Konsumenten solche Nachrichten garnicht weiter verbreiten und austauschen, so würden sie viel schneller zum Off-Topic werden. Journalisten würden diese Themen schneller sterben lassen.
Das Internet dient den sogenannten Meinungsmachern doch längst als Feedback-Instrument darüber welche Nachrichen angefragt werden, und welche man weiter anheizen kann, um Auflagen und Einschaltquoten zu erhöhen.
Werden wir unserer Verantwortung in Sachen Medien doch einmal bewußter, und schieben die Verantwortung nicht immer den Machern in die Schuhe. Ist doch das selbe mit dem Staat. Jeder beschwert sich über den Staat, und vergisst dabei, dass wir der Staat sind.
Bitte nicht falsch verstehen, das soll keine böse Kritik an dir oder anderen Blogger-Kollegen sein, sondern einmal mehr zum Nachdenken anregen.
Guten Tag!
Nett. Nils Minkmar folgt heute in der FAZ einigen Gedanken meines Kommentars und macht das, was man tun sollte.
Fakten nennen, einordnen und schauen, was vom Sarrazinische Geblubber übrig bleibt.
http://www.faz.net/s/Rub475F682E3FC24868A8A5276D4FB916D7/Doc~E95871FF12ADB4E70A8B6D198F632CF24~ATpl~Ecommon~Scontent.html
Schönen Grüße
Hardy Prothmann
@Schkab: Der Staat ist zwar eine Assoziation von Individuen, zu der wir auch gehören, aber aus der subjektiven Sicht des Individuums ist er sowohl entropisch als auch informationell ein Gegenüber. Und das Streben aller Individuen, sich entropisch gegenseitig auszubeuten, kommt beim einzelnen an, als sei es ein einheitlicher Druck (Sog) eines feindlichen Gegenüber. Diesen Staat gibt es wirklich und es macht nur bei weitergehenden Verallgemeinerungen Sinn, diese Ebene zu verlassen und sich als Individuum im Staat zu sehen.
Warum keine “böse Kritik? Über ein Lob denkt doch niemand länger nach. Metadiskussion würde hier heißen, man spräche nicht über ein Buch und die darin enthaltenen umstrittenen Argumente, sondern man würde erklären, warum die klassischen Medien quasi an der Front sind, seit es das bloggende und kommentierende Internet gibt. Früher, so will ich mal mutmaßen, haben Journalisten weder gewußt, ob sie von überhaupt irgend jemandem gelesen oder gesehen wurden, gechweige ob sie von jemandem verstanden bzw. ernst genommen wurden. Das bescheidene Echo von Leserbriefneurotikern war nämlich niemals als wirkliche rückgratstärkende Resonanz anerkannt. Wer freut sich denn bei einer Auflage von 400000 über zwei wirklich engagierte Leserbriefe, da muß man doch bekennender Masochist sein.
Heute gibt es beinahe nichts, das nicht am Rande dieses Medienhypes mit hochgewirbelt wurde. Das ist Informationsgesellschaft pur. Parteivorstände und Bundesbank tagen wegen eines mittelmäßigen gelungenen Buches, ja man erwägt sogar, die Verabschiedung als Bundesbänker sehr behutsam mit Weiterzahlung des Gehalts vorzunehmen, “um die Aussicht auf eine erfolgreiche Klage durch Herrn S zu verringern.” Die Kanzlerin nimmt Stellung dazu, der Außenminister rückversichert sich besorgt bei Außenminstern befreundeter Staaten, die Linken bedienen das Rassismus-Klischee, die Rechten hoffen auf Wahlprozente. Das alles hätte nicht stattgefunden, wäre das Buch vor dreißig Jahren erschienen, man hätte es einfach in der Buchhandlung in eine hintere Ecke gestellt..
Vieleicht sollte man für eine Polemik, die sich an der Grenze zum Rassismus oder zur Sozialperversion (auch -subversion) bewegt und abarbeitet, künftig dem Begriff Sarrazismus verwenden. Die Gegner könnten sich dann fröhlich des Neuworts sarazoid, das sich dem schizoid annähert, bemächtigen. Darüberhinaus ist es zweifelsfrei erwiesen, daß die männlichen Nachkommen von Ehepaaren mit Doppelnamen bei durchschnittlich höherer Intelligenz Probleme haben, sich sexuell zu reproduzieren. Darüber gibt es eine Studie, ein Link steht mir leider nicht zur Verfügung. Aber was ein einschlägiger Medienexperte ist, der findet sicherlich alles. Sollte es nun aber so sein, daß sich die Gesellschaft sowieso vorwiegend kulturell reproduziert (siehe den Text über die Supermeme), dann ist eine unzureichende Fruchtbarkeit oder Libido sowieso kein Thema mehr.
Ja, und das hat Hendryk Broder heute über S. geschrieben:
Er wird mit den Sünden der Gesellschaft beladen und in die Wüste hinaus gejagt. Wir erleben ein archaisches Ritual im High-Tech-Format. Die Selbstgerechten aller Klassen und Fraktionen treten zur virtuellen Steinigung an.
[aus http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/angie_und_die_brandstifter/ ]
[...] immersatte Journaille reflexhaft auf so ein gefundenes Fressen stürzt, darüber braucht man auch kein Wort zu verlieren. Mich nervt aber in aller Ausdrücklichkeit, daß Spiegel, Bild und Konsorten ihre Auflagen [...]
Sarrazins Buch ist seit 20 Tagen in den Top 100 bei Amazon und auf Platz 2 als Sachbuch unter den Spiegel-Bestsellern.
Das Rezept ist Folgendes:
(1) Person in der Öffentlichkeit schreibt was Extremes!
(2) Print-Medienmacher sagen sich: „Wie gut, was für die Auflage! Wir drucken vorab was und kritisieren dann.“
(3) Fernsehen-Medienmacher sagen sich: „Och, da machen wir doch mit. Die Quote lassen wir uns nicht entgehen.“
(4) Verlag: „Prima wie die alle auf unsere PR-Masche anspringen! Da können wir uns Anzeigen sparen.“
Der wenig reflektierende Bürger, der gerne Nachmittagssendungen bei Privatsendern guckt, denkt: „Ja, da ist was dran, der Sarrazin spricht Klartext.“ und macht einen Gästebucheintrag bei Hart aber Fair. (Irgendwie muss ich mir ja das gestrige im TV vorgetragene Pro-Sarrazin der Zuschauer erklären. Finde es ganz bedenklich.)
Der gebildetere Bürger kann dank Blogs und hintergründigen Artikeln den Zauber um Sarrazin einordnen. Insoweit stimme ich dem Beitrag unter #12 zu.
Beim ungebildeteren Bürger werden Ängste vor Überfremdung und Ausländerfeindlichkeit geschürt. Wer sich schlecht fühlt (Wirtschaftskrise), sucht einen Schuldigen (wer auch immer, hier wären Psychologen gefragt), auf dem rumgehackt wird.
Mein Fazit: Wenn noch mehr Populisten wie Sarrazin durch den Medienkakao gezogen werden, dann fördert das nach meiner Einschätzung NICHT die Demokratie, sondern spaltet die Gesellschaft mehr und mehr.
Hallo,
ich möchte einen Kommentar wiederholen, der mir sehr am Herzen liegt.
Tagesschau.de hat alle Foren zum Thema “Sarrazin” geschlossen und das schon seit Tagen. Keine Kommentare möglich. Alle anderen Foren (SPON, FAZ, SZ, WON) sind selbstverständlich offen.
Political correctness des ÖR? Sehr merkwürdig. Zu allen anderen Themen sind die Tagesschau-Foren geöffnet. Es würde mich ausserordentlich interessieren, wie die Redaktionsverantwortlichen von tagesschau.de diese Angelegenheit begründen.
[...] Wir Deutschen schaffen uns ja angeblich eh ab. [...]
Wer gestern Henryk Broder bei “Maybrit Illner” erlebt hat, der konnte Godwins Albtraum erleben (siehe #6). Der Mann hält es ja keine 5 Minuten mehr aus ohne einen Begriff aus der Nazi-Diktionskiste zu verwenden. Und Frau Illner hört da seelenruhig zu. In diesen Tagen kann man von den und über die Medien sehr viel lernen. Mit Journalismus hat das aber auch gar nichts mehr zu tun.
Korrektur: Godwin`s Albtraum
Ad #35 … Dann war es eine journalistische Fehleistung, dass Frau Illner nicht dazu in der Lage war, auf die missbräuchliche Verwendung der Statistiken von Herrn Sarrazin, wozu Frau Foroutan nun dezidiert ausführte, einzugehen. Was heißt das, wenn ein Autor den Anschein der Wissenschaftlichkeit für sich beansprucht, aber bei den Statistiken nicht sauber, gar manipulativ arbeitet? Immerhin fiel diesem furchtbaren Herrn Köppel nichts mehr ein. Herr Broder glänzte (im Negativen) durch seine rhetorischen Fähigkeiten. Auch Herr Lanz konnte mit dem Statistik-Gerede in seinem Talk sodann nichts anfangen. Hoffentlich bläst Frau Will mit ihrer Quotensendung nicht noch ins gleiche Horn. Ich ärgere mich richtig, dass ich mir diesen Müll gestern noch angeschaut habe.
Und: Supi, dass die Kanzlerin Kante gezeigt hat – ohne dieses überflüssige Buch gelesen zu haben! Jetzt bin ich auf Wulff gespannt. ;(
Jaja, Sarrazin und die Medien: Pure Heuchelei.
Treffend, endlich geht jemand mal auf die problematische Pro-Sarrazin-Stimmung ein:
„Der Politikwissenschaftler Gerd Langguth warnte vor den negativen in der Sarrazin-Debatte. “In der Tat muss die Politik acht geben, dass nicht aus Sarrazin ein Märtyrer wird”, sagte der Professor an der Universität Bonn Handelsblatt Online. “Es fällt ja auf, dass Sarrazin viel Unterstützung in der Bevölkerung bekommt, sich kaum aber jemand von der demokratischen Elite unseres Landes in den Fragen der Migrationspolitik repräsentiert sieht.” Das Verfahren gegen Sarrazin müsse daher “überzeugend und transparent” sein.“
http://www.handelsblatt.com/politik/deutschland/bundesbank-entlassung-wulff-sorgt-im-fall-sarrazin-fuer-zweiten-skandal;2648198
[...] dass sich Thilo Sarrazin da in seiner Oberstube zusammengebraut hat. Und die Presse hierzulande schöpft mal wieder aus den Vollen. Vielen Dank an Uwe Kollwitz für den Blick in die Phrasenküche des [...]
Nein, ich hab’s befürchtet, es geht weiter im TV:
http://annewill.blog.ndr.de/2010/09/03/integrationsproblem-gelost/
Auf das Zitat unter #38 darf ich verweisen. Sarrazin wird noch zum Volks-Märtyrer, wenn die Medienmacher nicht kapieren, welchen Schaden sie anrichten, indem über unhaltbare Bücher von öffentlichen Personen debattiert wird.
Wie hier vorhin treffend geäußert wurde: die aktuelle Haushaltspolitik scheint kaum mehr zu interessieren!
Ich finde es wirklich schlimm, wie Populisten gepusht werden und Print Auflage und TV Quote macht. Flacher geht’s nicht. ‘Deutschland schafft sich ab’, nun hat jemand mal Recht.
[...] Wie sind also die Chancen des Ex-CDU-Hinterbänklers, des Ex-Nicht-Politikers / Ex-Journalisten (Koenig) und des Ex-Karrieristen einzuschätzen? Eigentlich wäre dies eine klar negativ zu beantwortende Fragestellung, gäbe es da nicht ein gewisses Mitglied einer ganz anderen Partei, das in den letzten drei Wochen die durch das Sommerloch gebeutelten Journalisten gesund pflegte. Seit dem Erscheinen der ersten Zitate aus Sarrazins Buch Ende August zeigen uns bekannte Medien wie Bild und Spiegel in vorbildhafter Manier, wie man ein eigentlich irrelavantes, mittelmäßig recherchiertes und mittelmäßig geschriebenes Buch mit vermeintlich kritischer Berichterstattung zum Tagesgespräch machen kann. TV-Runden (Kerner, Beckmann, Will) nahmen sich dies dann auch gleich brav zum Vorbild. (Mehr dazu hier und danke dafür an Robin Meyer-Lucht) [...]
[...] vor allem interessant: http://www.blog-cj.de/blog/2010/08/30/ein-abgrund-an-journalismus-verrat/ , http://carta.info/33122/sarrazin-und-die-medien-pure-heuchelei/ , http://www.sprengsatz.de/?p=3480 [...]