Wolfgang Michal | 22 Kommentar(e)
Erneut ist Carta aus dunklen Quellen Material zugespielt worden. Diesmal: Das Strategiehandbuch „WikiPushout“, ein geheimer Leitfaden der National Security Agency in Fort Meade und des Pentagon.
21.08.2010 |
Wir drucken (bzw. rundfunken) ohne jede Gewähr eine erste Zusammenfassung der Vorschläge dieses Handbuchs, das den bezeichnenden Untertitel trägt: „War on Wikileaks. Maßnahmen & Operationen“. Im Kern handelt es sich um sieben PR-Maßnahmen und -aktionen, die – zusammen genommen – ein klassisches Abwehrprogramm ergeben. Hier das brisante Dokument (in Auszügen):
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1. Die Aktion „Blut klebt an euren Händen“
Wir müssen sofort nach einer Enthüllung massiv und mit glaubwürdigem Entsetzen vermitteln, dass die kriminellen Methoden von Wikileaks dramatische Konsequenzen haben werden. Nach einer angemessenen Karenzzeit sollte das Pentagon auch ein überzeugendes Beispiel für diese Befürchtungen präsentieren können. Wir müssen demonstrieren (etwa bei Fox News), dass das Blut eines jungen Soldaten (Old Shoe? Private James Ryan?) oder einer afghanischen Familie an den Händen von Wikileaks-Protagonisten klebt.
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2. Die Aktion „Menschenrechtsorganisationen klagen an“
Wir müssen davon ausgehen, dass unsere Kritik an Wikileaks in Unterstützer- und Sympathisantenkreisen der Organisation nicht auf fruchtbaren Boden fällt. Die Empörung muss deshalb von Leuten kommen, die als ‚Die Guten’ gelten. Wir brauchen eine Koalition williger NGOs, Blogger und Menschenrechtsorganisationen, die sagen: Der Schutz der armen unschuldigen Afghanen ist durch die Veröffentlichungen nicht ausreichend gewährleistet. Wir haben dabei lediglich sicherzustellen, dass die afghanischen Helfer, die uns die Koordinaten für das taliban-targeting liefern, neutral als Informanten und nicht als Spitzel bezeichnet werden. Im Übrigen sind Gesuche von Wikileaks, das Pentagon solle dabei helfen, die Namen von afghanischen Informanten zu schwärzen, abzulehnen oder zu ignorieren.
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3. Die Aktion „Geschändete Frauen blicken dich an“
Wie wir wissen, lässt sich die weibliche Öffentlichkeit besonders stark durch Bilder beeinflussen. Wir kennen dieses Erfolgsprinzip aus dem in der NSA-Ausbildung verwendeten Lehrfilm Wag the Dog. Um den angestrebten Effekt zu erreichen, ist es sinnvoll, eine schöne junge Frau zu zeigen, die von islamistischen Fundamentalisten grausam verstümmelt wurde. Wir verweisen in diesem Zusammenhang auch auf eine Aussage unserer Kollegen im so genannten Red Cell-Paper: „Afghanische Frauen könnten als ideale Botschafterinnen dienen und die Rolle der ISAF im Kampf gegen die Taliban menschlich darstellen, weil die Frauen persönlich und glaubhaft über ihre Erfahrungen unter den Taliban, ihre Sehnsüchte für die Zukunft und ihre Angst vor einem Sieg der Taliban sprechen könnten“.
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4. Die PR-Maßnahme: „Leistung schlecht reden“
Um eine nachhaltige Beeinflussung der Öffentlichkeit zu erreichen, ist es unerlässlich, immer wieder darauf hinzuweisen, dass das veröffentlichte Material langweilig, veraltet, unverständlich und inhaltlich höchst fragwürdig ist. Es sollte betont werden, dass die Dokumente von niederen Chargen unter dem Eindruck der Gefechtslage verfasst wurden. Konkrete Maßnahme unsererseits muss es sein, in vertraulichen Hintergrundgesprächen mit hochrangigen Journalisten deutlich zu machen, dass jeder Vergleich mit den Pentagon-Papieren abwegig und lächerlich ist, und nur zur Folge haben würde, dass die Kompetenz und das Ansehen von Journalisten, die dies behaupten, ernsten Schaden nimmt.
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5. Die Aktion „Integrität zerstören“
Das Robin Hood-Image von Wikileaks (in einigen europäischen fucking Blogs wird bereits der Friedensnobelpreis gefordert!) können wir nur erfolgreich zerstören, wenn es uns gelingt, das Luxusleben der Aktivisten als Thema zu lancieren. Informationen über den aufwändigen Lebensstil der Kerngruppe sowie Gerüchte über die Veruntreuung von Spendengeldern sind zügig zu streuen. Unsere Aufgabe ist es, die Zielpersonen als heuchlerische Moralapostel zu enttarnen, die unablässig Wasser predigen, aber selbst Champagner trinken. Unterstützend sollten wir ausgewählten Medienpartnern entsprechend instruierte Wikileaks-Aussteiger als Exklusiv-Quellen zur Verfügung stellen. Es dürfte nicht schwer sein, derartige Personality-Geschichten zu platzieren und dadurch Misstrauen in der Organisation und in den Unterstützer-Kreisen zu säen.
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6. Die PR-Maßnahme: „Moralisch entwerten“
Die moralische Entwertung einer Organisation wie Wikileaks muss auf breiter Front erfolgen – und zwar von unten. Wir brauchen Freiwillige, die in Internet-Foren Stimmung machen und die Rädelsführer als clevere Geschäftsleute und begnadete Selbstdarsteller kritisieren, die nur PR in eigener Sache betreiben, Geld abgreifen und auf Kosten anderer ihre verantwortungslosen Versteckspiele treiben. Auch Medienjournalisten sollten ermuntert werden, sich ausführlich mit der cleveren PR-Strategie von Wikileaks zu beschäftigen. Je mehr über Wikileaks geredet wird, desto weniger wird über uns geredet.
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7. Die Aktion „Informanten verunsichern“
Einer der wichtigsten Aspekte der Operativen Psychologie ist die gezielte Verunsicherung von Nachahmungstätern. Das Vertrauen in den Informantenschutz muss nachhaltig unterminiert werden. Es muss sich die Meinung festsetzen: Wir kriegen sie alle! Wir können Druck ausüben: auf andere Länder, auf Provider, auf Hacker, auf jeden! Potentiellen Informanten ist zu vermitteln: Wikileaks arbeitet schlampig und unprofessionell. Im Ernstfall seid ihr nicht geschützt. Für eine solche Verunsicherungs-Kampagne wäre es überdies hilfreich, Autoritäten zu rekrutieren, die ein hohes Ansehen in der Öffentlichkeit genießen. Prominente könnten potentiellen Unterstützern in Talkshows und ausgewählten Interviews scharf ins Gewissen reden und in der Bevölkerung mit rabiaten Vorschlägen eine Art Pogromstimmung gegen unamerikanische Umtriebe erzeugen…
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So weit das Dokument. Die hier auszugsweise geschilderten Methoden laufen sämtlich unter dem Codenamenkürzel: „Aggr.U/jAkt.E“, was – rückübersetzt – so viel heißt wie „Aggressive Untersuchung jüngster Aktenenthüllungen“.
Carta weist ausdrücklich darauf hin, dass der in diesem Leitfaden enthaltene Zynismus gegenüber Frauen, Hilfsorganisationen, Informanten und Medien von Herausgebern und Redaktion nicht geteilt, sondern mit Abscheu und Empörung zurückgewiesen wird.
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P.S. Das uns zugesandte Geheim-Material werden wir nach Gebrauch selbstverständlich unversehrt (per Einschreiben und Nachnahme) an die NSA und das Pentagon zurückschicken (denn auch Carta möchte, dass dieses Handbuch wieder geheim ist).



Ich hätte da noch einen konstruktiven Vorschlag:
Sobald die oben erläuterten Massnahmen im öffentlichen Meinungsbild zu greifen beginnen, könnte man noch ein Gesetz nachschieben, durch das es ermöglicht wird, die Wikileaks-Seite und solche Seiten, die darauf verlinken, mit Internetsprerren zu versehen bzw. die Zugriffe darauf zu registrieren.
Vielleicht könnte Carta meinen Vorschlag freundlicherweise an die geheimen Verfasser von “Wikipushout” weiterleiten. Für ein angemessenes Honorar wäre ich durchaus empfänglich.
Schon notiert!
Meine Güte, wie dicht da der erlassene und wieder zurückgezogene Haftbefehl gegen Assange wegen Vergewaltigungsvorwürfen heute dazupassen würde. Es gruselt einen fast, daß die satirische Übertreibung so weit weggeholt nicht zu sein scheint.
[...] Sieben todsichere Methoden, Wikileaks zu erledigen. Eine Satire [...]
todsicher ins “Schwarze” getroffen…
Dieses alte Buch (frei online lesbar über link) fand ich sehr interessant, gab spannende Einblicke in den Lebenslauf des Herrn Assange. Soviel digitale Kompetenz und auch Geschichte habe ich ihm vorher nicht zugetraut.
http://en.wikipedia.org/wiki/Underground:_Tales_of_Hacking,_Madness_and_Obsession_on_the_Electronic_Frontier
Nette Satire btw, danke. :)
Schaltet endlich das Internet ab! Ist besser so!…
Wenn Vadda Staat endlich das Internet abstellen würde, dann wäre alles besser und einfacher. Zum Beispiel müßte sich niemand damit auseinandersetzen, ob Seiten von Kinderfickern gelöscht werden sollen……
[...] [...]
“Wag the Dog” gehört zu meinen Lieblingsfilmen.
@3 (brenrhad):
methoden drei, fünf und sechs so elegant verschränkt zu sehen, ist schon enorm.
.~.
Versenkt. Klasse.
Klasse! Ich frage mich in Zusammenhang mit wikileaks auch, wo eigentlich die Gruppen bleiben, die auf das Trittbrett springen und mit ein bisschen whistleblowing jetzt prominent werden wollen?
Den Punkt 3 „Geschändete Frauen blicken dich an“ finde ich ziemlich zynisch. Es mag ja sein, dass die Frauen instrumentalisiert werden. Das ändert aber nichts an ihren Leiden.
Wir haben sehr viele afghanische Flüchtlinge in Hamburg, von denen sich einige wenige trauen, zu berichten, was sie zur Flucht getrieben hat. Da schlackern einem die Ohren ! Ich würde das nicht verharmlosen wollen …
@Ludowika
Satire habe ich eigentlich noch nie als verharmlosend empfunden – im Gegenteil. Wenn deutlich wird, wie Instrumentalisierung von Leid funktioniert, ist das dann nicht eher aufklärend als zynisch?
@Ludowika: Ja, es ist zynisch, die Grausamkeit gegen eine Frau zu instrumentalisieren. Neben dem Titelbild stand ja die Zeile: Das passiert, wenn wir aus Afghanistan rausgehen.
Wer die Instrumentalisierung kritisiert, billigt keineswegs die Gewalt.
http://thomasknapp.at/kriegspornographie/
Schöner Artikel.
Gab es vielleicht doch nicht noch eine Kapitel 8 :
“Das Ansehen der öffentlichen Köpfe von Wikileads durch inszenierte Vergewaltungsvorwürfe diskreditieren”
@Staterkid: Ist in Punkt 5 (siehe Links) enthalten.
[...] Sieben todsichere Methoden, Wikileaks zu erledigen. [...]
[trouvez une femme!] Diese Umwandlung des bekannten französischen Spruchs “cherchez la femme!” könnte auf die “8. Methode” zutreffen; siehe auch
#3, comment-18174, Brenrhad am 21.08.2010 22:44
[...] auf dessen Gründer Julian Assange übergeht, beschreibt Wolfgang Michal in Carta: Sieben todsichere Methoden, Wikileaks zu erledigen. Eine Satire . Stahl und Michal stehen mit ihren Beiträgen in der Suchmaschine Forestle direkt an [...]
[...] An dieser Stelle verläuft die Trennlinie zwischen Open- und WikiLeaks. Während vielerorts so getan wird, als schlügen da nur zwei übergroße Egos aus privaten Rachegelüsten aufeinander ein, geht es in Wahrheit um einen Streit von allgemeinem Interesse: Die aktuelle Entpolitisierung des Konflikts arbeitet nur denen in die Hände, die den Streit als günstige Gelegenheit begreifen, das Whistleblowing insgesamt zu diskreditieren. [...]