Robin Meyer-Lucht | 25 Kommentar(e)
Stefan Niggemeier hat einen furiosen Text über die “Selbstgerechtigkeit” der Loveparade-Berichterstattung geschrieben. Ein paar differenzierende Ergänzungen.
02.08.2010 |
Stefan Niggemeier hat in der F.A.S. einen schwungvoll grantelnden Niggemeier-Text über die “bemerkenswerte Selbstgerechtigkeit” zahlreicher Berichte zur Loveparade-Katastrophe geschrieben. Hier lasse sich, so Niggemeier, erneut die zynische Haltung “einer Branche” besichtigen, “die hinterher immer alles schon vorher gewusst” haben wolle.
Sein Hauptkritikpunkt:
Jeder Laie schreibt und sendet, dass jeder Laie das unausweichliche Unglück hätte erkennen können, und die Laien, die als Journalisten arbeiten, fragten schnell, warum das niemand von den Verantwortlichen erkannt hat. Weitgehend ungestellt blieb die Frage, warum, wenn die Mängel so unübersehbar waren, all die Journalisten sie vorher übersehen hatten. Und ob man zu den vielen, die ihrer Verantwortung nicht gerecht wurden, nicht auch die Medien zählen muss.
Niggemeier moniert, viele Journalisten würden nun genau jene Verantwortung von Amtsträgern und Veranstaltern einfordern ein, der auch sie selbst zuvor auch nicht gerecht geworden sein.
Als Beispiel lässt Niggmeier Götz Middeldorf, den Duisburger Lokalchef der Neuen Ruhr Zeitung (NRZ), auftreten. Der fordere den Rücktritt des Oberbürgermeistes ohne das eigene Versagen – die “eigenen geschlossenen Augen” – zu thematisieren, so Niggemeier. Weder Middeldorf noch andere Medien hätten das Sicherheitskonzept der Loveparade ausreichend kritisch gewürdigt – letztlich ein “Versagen”.
Niggemeiers Kritik wirkt instantan überzeugend, geschlossen, zustimmungsfähig – aber lässt sich vielleicht noch differenzierend ergänzen.
Die Selbstgerechtigkeit, die Niggemeier zurecht kritisiert, liegt, so meine ich, nicht so sehr in der Lücke zwischen journalistisch wahrgenommener und eingeforderter Verantwortung sondern in einer Berichterstattung, die vor allem dem “Gesetz der Story” folgt.
Das rasche journalistische Urteil einiger Medien (wobei Niggemeier hier bemerkenswert wenig Quellen zu nennen vermag), wonach ein Blick auf die Örtlichkeiten hätte zeigen müssen, “dass das nicht gutgehen konnte”, ist Teil einer Inszenierungen der groben Vereinfachung und flotten Urteile, bei der für die Komplexität des Unglückshergangs wenig Platz blieb.
Die tödlichen Unfälle auf der Loveparade lassen sich letztlich wohl nur als “multiples Organisationsversagen” verstehen. Ein solches ist nicht vorhersehbar. Jeder Journalist, der über eine “Vorhersehbarkeit” der Todesfälle fabuliert, stellt die Unfallursache absurd vereinfacht dar – ganz nach den Gesetzen der Story.
Das “Versagen” einiger Journalisten besteht folglich darin, die Vielschichtigkeit des Unglücks nicht mit der gebotenen Ruhe und Distanz herausgearbeitet und die Vorläufigkeit und Unzulänglichkeiten der eigenen Schlüsse nicht rausreichend thematisiert zu haben – um so letztendlich pointierter urteilen zu können.
Einige Journalisten waren mit Urteilen schnell bei der Hand, die rückblickend wenig fundiert und vor allem Beifall heischend erscheinen. Genau auf diesem Phänomen basiert wohl das beträchtliche Unbehagen mit der journalistischen Berichterstattung zur Loveparade, dessen vorzüglichster Kristallisationspunkt Niggemeiers Text nun darstellt.
Niggemeiers Forderung hingegen, Journalisten hätten doch selbst die Unzulänglichkeiten der Organisation im Vorfeld stärker herausarbeiten sollen, ist löblich, aber letztlich überzogen. Es gab Nachfragen von Lokaljournalisten, die unbeantwortet blieben (“aus einsatztaktischen Gründen”).
Zu erwarten, dass Lokaljournalisten sich unter Verschluss stehende Genehmigungen besorgen und durchrechnen würden, verklärt und überschätzt die Fähigkeiten von Journalismus als gesellschaftliches Frühwarnsystem.
Der Journalismus, einst eine reine Aufschreibe- und Berichterstattungskunst, hat sich in eine Rolle hineinmanövriert, die Korruptionsbekämpfer, Staatsanwalt, Volkstribun und fast allwissender Aufklärer in einer öffentlichen Persona zu vereinen scheint. Auch solch ein Rollenverständnis ist in hohem Maße anmaßend. Aus einer derart verklärten Position heraus werden schnell selbstgerechte Texte produziert.
Von der Loveparade-Berichterstattung bleibt somit der Beigeschmack eines Journalismus zurück, der sich für sehr wichtig hält, schlecht mit Komplexität umzugehen vermag, ständig im Dienste der Story unterwegs ist, um plakative Urteile nicht verlegen – und vor allem: stark unreflektiert über die eigenen Unzulänglichkeiten unterwegs ist.
Ist das selbstgefällig? Absolut.



Der Tunnel hat, nach den Berechnung Schreckensbergs, eine Kapazität von 20.000 Besuchern pro Stunde.
> http://www.rp-online.de/niederrheinnord/duisburg/loveparade/Panikforscher-Sicherheitskonzept-war-schluessig_aid_885801.html
Die Besucher müssen auf das Gelände und wieder zurück über die Rampe und durch die Tunnels. Bereits ab 200.000 Besuchern würde der Zu- und Abfluss unter idealen Bedingungen 20 Stunden dauern.
Wie soll das bitte schön gehen? Ist die Überprüfung dieser Rechenaufgabe wirklich zu komplex für den Journalismus? Wenn man nicht nachrechnen möchte, dann hätte allein der gesunde Menschenverstand ausreichen sollen!
Das passt im weitesten Sinn zum Thema, ein ernsthaftes Anliegen:
http://carta.info/31312/die-acht-lektionen-des-lecks-der-geheimnisverrat-hat-viele-seiten/comment-page-1/#comment-17111
Für mich fing der Flachsinn der Lokalprese schon mit der Frage der bis zur Katastrophe grotesk überhöhten Besucherzahlen an. “1,4 Millionen Besucher” wurde mittags um 15:00 Uhr verbreitet. Mittlerweile wurde die Zahl bis zu realistischen 150.000 heruntergerechnet. Da stellt sich doch die Frage, warum kein Journalist im Vorfeld dazu in der Lage war, diesen jahrelangen Riesenschwindel mal zu benennen? Jeder konnte sich an seinen fünf Fingern ausrechnen, daß die Zahlen schon immer Quatsch gewesen waren: verfügbare Fläche geteilt durch 6 Besucher pro qm mal Verweildauer der Besucher.
Dazu die Frage, warum über verdeckte Kanäle am Ende überhaupt so viel öffentliches Geld in eine private Veranstaltung geflossen ist, die, wie man jetzt weiß, doch nicht Bestandteil der Ruhr 2010 war, auch wenn das im Vorfeld immer ganz anders dargestellt wurde. Gibt es noch mehr so irrwitzige Finanzierungen bei Ruhr 2010? Ich hätte da noch 20 bis 30 weitere Fragen.
All das wird man zumindest über die lokalen Medien nicht erfahren, weil die mit Journalismus nur noch wenig zu tun haben, dafür viel mit Marketing, Politik und Gechäftemacherei. Ich wüßte zu gerne, in welchem Umfang Konzerne wie die WAZ oder RP ihre täglichen Blätter nur noch herausgeben, um ihre tatsächlich gewinnträchtigen Geschäftsfelder publizistisch und politisch unangreifbar zu machen. Da kann man ernsthaften Journalismus wohl nur noch als nicht verhindertes Zufallsprodukt erwarten.
[...] This post was mentioned on Twitter by Jens Krahe and Ulrich Maurach, Carta. Carta said: Wenn Journalisten diese Loveparade organisiert hätten … http://goo.gl/fb/EkIcQ [...]
Die Medienkonzerne sind nicht nur “Korruptionsbekämpfer, Staatsanwalt, Volkstribun und fast allwissender Aufklärer”. Sie sind auch Sponsoren von Veranstaltungen. In der Theorie sollte das heißen, dass sie sich die Sicherheitskonzepte genauer ansehen etc. In der Praxis heißt das, dass sie ihrer Aufschreiber- und Berichterstatterrolle nicht mehr gerecht werden können. Besonders gravierend fällt das beim öffentlich-rechtlichen Radiosender 1live auf, dessen Programm zu einem unangenehm großen Teil aus Lobhudelei, Werbung und im nachhinein verklärende Berichterstattung auf Lokalzeitungsniveau über mitveranstaltete Konzerte besteht. Aber auch über Konzerte, die nicht mitveranstaltet wurden, wird verkitscht berichtet – man will es sich ja mit niemandem verderben. Bei der Loveparade war 1live selbstverständlich mit einem eigenen Tanzwagen dabei.
Die obige Formulierung bringt es auf den Punkt: “Das Gesetz der Story und die Schwierigkeit, mit Komplexität umzugehen. Beides zeichnet den Journalismus nach meiner knapp 20jährigen Berufserfahrung als Journalist aus. Gespeist wird dies aus der wie festgemeißelt bestehenden Überzeugung “der Leser/Zuschauer” sei nur mit extremer Zuspitzung für ein Thema zu gewinnen. So wird die Welt schnell schwarz-weiß, wo tatsächlich Grautöne vorherrschen. An die Stelle des Versuchs, die Komplexität eines Themas geistig zu durchdringen, um dann die bestmögliche Form der Erläuterung zu bringen, tritt dann das Mantra der “Personalisierung”. Das macht die Story schlicht und sorgt für den Themenzugang. Wer sich als Journalist diesem Strickmuster entziehen möchte, kann sich als Angesteller auf lange Diskussionen einstellen und als Freiberufler auf lange Abende als Kellner. (Oh, eine Zuspitzung – muss eine Berufskrankheit sein…)
Man sollte jetzt nicht wieder in den Reflex verfallen, “den” Journalismus in die Pfanne zu hauen. Man könnte ja auch weiter fragen, warum im Netz niemand die Warnhinweise einzelner Kommentatoren im Vorfeld der Veranstaltung aufgegriffen hat.
“Zu erwarten, dass Lokaljournalisten sich unter Verschluss stehende Genehmigungen besorgen und durchrechnen würden, verklärt und überschätzt die Fähigkeiten von Journalismus als gesellschaftliches Frühwarnsystem.”
Wie wäre es damit, das Wort “würden” hier mal durch “können” zu ersetzen? Es stößt mir langsam übel auf, dass von Lokaljournalisten hier Dinge verlangt werden, die schlichtweg nicht möglich sind. Glaubt Ihr denn da draußen alle, wir würden im Falle eines Falles mal eben einen unserer 20 Kumpel in der befreundeten Ratsfraktion bzw. den Ex-Kommilitonen in der Verwaltung anrufen und sagen: Hey, schick doch mal eben die gesammelten Gesprächsprotokolle des letzten Jahres rüber? Wie naiv ist das bitte? Als jemand, der den Job schon ziemlich lange macht, weiß ich, dass genau solche Anliegen in den vergangenen zehn, 15 Jahren immer schwieriger geworden sind. Die Leute, die man um sowas bitten kann, nein, im Prinzip schon die Leute, die nur mal eine kritische Aussage machen sollen, werden immer weniger und weniger, weil sie das Risiko scheuen. Zitieren sie mich da jetzt bloß nicht! heißt es immer wieder. Das wird auch im Vorfeld der Loveparade durchaus so gewesen sein. Aber soll man darauf eine Berichterstattung aufbauen? Ich finde, die Selbstgefälligkeit fällt jetzt gerade besonders bei jenen auf, die kluge Worte für jene Leute übrig haben, als deren Journalistenkollegen sie sich begreifen sollten, auf diese aber stattdessen nur abschätzig herabblicken.
@ Marc: Natürlich wäre es toll gewesen, wenn ein Journalist das vorher durchgerechnet hätte. Vermessen ist hingegen zu erwarten, dass Journalismus solche Fehler durchgängig aufdecken könnte. Hier in Berlin erlebe ich täglich, wie selten Journalisten die Dokumente tatsächlich durcharbeiten, über die sie berichten.
Zudem bitte nicht vergessen: Das Unglück in diesem Ausmaß war kein zwangsläufiges Ergebnis der Örtlichkeiten – hinzu kamen grobe Fehler im Crowd Management.
@ ttm: merci.
@ Wolfgang: Genau – die gesellschaftliche Kontrollfunktion nimmt nicht der Journalismus allein war, sondern die gesamte Zivilgesellschaft – da hätten sich wahrlich auch mehr zu Wort melden können.
Zu berücksichtigen ist, dass im Zuge des reformierten Verwaltungsaufbau in NRW die Stadt Duisburg sich eine solche die Veranstaltung sich selbst genehmigen konnte und keine Verwaltungsinstanz noch den “Daumen drauf” hatte. Dieser mögliche Anteil wäre nochmal genau zu prüfen. Warum ist keine Bezirksregierung oder Regierungspräsidium noch zuständig? Warum ist nach dem neuen Modell der Bürgermeister ein Laie und “Chef” der Verwaltung, aber kein qualifizierter Verwaltungsbeamter und Fachmann? Ohne eigenen Direktor hat die Verwaltung keine Stimme gegen die Politik.
Vielleicht ist weniger die Frage der Schuld – Schuld im Sinne eines Geheimnisses zu aufzudecken – als das Rätsel des Ursachenbündels verständlich zu lösen. Die tragische Situation erscheint hermetisch undurchsichtig, was ein wenig zu einfachen und schnellen Deutungen animiert und anstachelt. Zudem existieren viele gute Deutungsmuster und aufgreifbare kritische Stimmen.
Die entscheidende Frage ist nicht, was lief schief oder warum lief es nicht korrekt, sondern wie hätte es konkret ablaufen müssen, damit nichts schief läuft, keine Gefahren bestehen und die Riskien beherrschbar sind.
Und wo wir schon gerade dabei sind, noch ein kleiner Off-topic-Zusatz: Es ist schon ein bisschen grotesk, wie mancherorts darauf abgehoben wird, dass gewisse Artikel aus der Vor-Loveparade-Zeit nun nicht mehr online zu recherchieren seien, weil “Technikprobleme” aufgetreten seien (wobei die Anführungszeichen im Original durchaus als Mittel der Süffisanz gelten dürfen).
Ja und??
Für alle, die sich nicht mehr erinnern: Bis etwa zum Jahr 2000 war Lokaljournalismus eine reine Sache des Printsektors. Und so schwierig es auch vorzustellen ist: Es lässt sich kein vermeintlich missliebiger Artikel wirklich “vertuschen”, weil er GEDRUCKT worden ist und somit in einem permanenteren Medium vorliegt als es das WWW je sein kann. Doch egal, wo man jetzt etwas liest: Bezogen wird sich ausschließlich auf das, was online zu lesen war. Es wäre wirklich wunderbar, wenn man nur einmal irgendwo auf einen ausschließlich gedruckten Beitrag Bezug nehmen würde. Denn indem man eine Zeitung kauft, hilft man jenen Kollegen, die immer mehr um ihre Arbeitsplätze bangen müssen, am besten. Solange es kein Erfolgsmodell gibt, mit dem Journalisten dafür entlohnt werden, dass sie Online-Artikel verfassen, kann ich zumindest nicht mehr als ein Beiprodukt darin sehen.
@ Realista: Sie bestätigen meine These, dass die Kontrollfunktion von Journalismus hier verklärt und idealisiert wird – Niggemeier geht da nicht gerade zimperlich mit den Lokalkollegen ins Gericht.
@Realista & RML:
Bei aller Liebe, aber genau das ist die Aufgabe von Lokaljournalismus. Die 500. Pressemitteilung der Verwaltung umschreiben und mit ein paar Telefonanten anreichern, die X-te Grundsteinlegung, das Vereinstfest, das kann es nicht sein.
Kollege Hardy Prothmann hat die wunderbare Bezeichnung des “Bratwurstjournalismus” dafür entwickelt.
Mit seinem Hyperlokalen Heddesheimblog und seinen Artikeln rund um eine umstrittene Unternehemensansiedlung in einem 10.000 Seelen-Dorf, zeigt er, wie es im Lokalen mit berharrlicher Rechechere und Dokumentation auch investigativ geht und gehen sollte…
Anders als bei anderen Unglücken in unseren modernen Zeiten (Challenger-Katastrophe, Eschede oder jüngst Deep Water Horizon), ist dieses Unglück ja gerade bemerkenswert unkomplex. Das ist das eigentlich Unbegreifliche.
Es gab bei der ganzen Katastrophe kein seltenes, nur schwer zu kalkulierendes und schwer vorhersehbares Ereignis, wie es sonst üblicherweise die Ursache ist bei ähnlichen Katastrophen. Und es gab kaum mehrere Sicherheits-”Schichten”, die dann in einer Verkettung unglücklicher Umstände durchbrochen wurden und so zur Katastrophe führten.
Denn die einzige Sicherheitsschicht rund um die Lenkung der Menschenmasse vor den Tunneleingängen scheint ein kaum ausgearbeitetes und noch dazu fehleranfälliges Konzept gewesen zu sein, mit dem einige Ordner die Massen lenken sollten. Das ist fahrlässig.
Experten warnen eindringlich vor Nadelöhren (1), zusammenfließenden (2) und gar noch aufeinanderprallenden (3) Menschenmassen. Sie fordern, dass man jeden einzelnen dieser drei Punkte möglichst gänzlich vermeidet. Und wenn es sich nicht verhindern lässt, dann fordern sie zumindest, dass es sehr gut ausgearbeitete Konzepte gibt, mit denen die Menschenmassen effektiv kontrolliert und gelenkt werden können. Aber anscheinend gab es vor Ort nicht genug Ordner, keine stabilen Einrichtungen, um die Ströme zu trennen oder zu lenken, keine funktionierende Kommunikation unter den Ordnern und keine zuverlässige Beobachtung der Anzahl und Verteilung der Menschen (was in modernen Stadien z.B. längst Stand der Kunst ist).
Die Katastrophe war also tatsächlich einmal wirklich vorhersehbar. Die Laien haben mit ihrer “vorschnellen” Einschätzung dieses Mal tatsächlich Recht.
Das einzig Rätselhafte bleibt, wie jetzt im Nachhinein (bis jetzt) kein klarer Verantwortlicher auszumachen ist. Das hat aber weniger mit einer vermeintlichen technischen Komplexität des Geschehenen zu tun, sondern eher mit eventuellen rechtlichen Lücken, die es bereits im Vorfeld bei der Planung den Beteiligten erlaubt haben mögen, ihre Augen ganz fest zuzumachen vor dem nur allzu deutlich erkennbaren Nadelöhr.
Mich erstaunt, wie selbst die kritischen Kommentatoren hier offenbar stillschweigend vorraussetzen, daß solche Massenphänomene umfassend vorraussehbar oder gar berechenbar sein könnten. Schaut Euch doch mal die Bilder oder Videos, soweit sie im Web vefügbar sind, genau an. Was ist mit dem allgegenwärtigen Voyeurismus der vieltausend Kamera- und Handybesitzer, die man überall sieht, wie sie ihre Geräte hoch halten, um bessere Aufnahmen zu bekommen? Was geschieht denn in so einer Umgebung, wenn irgendwo jemand Drogen anbietet, wenn welche in handgreiflichen Streit geraten oder wenn da vielleicht eine nackte Brust zu sehen ist? Oder wenn Menschen im Pulk vor Angst schreien oder in vier Lagen bewußtlos übereinanderliegen? Glaubt jemand, man könnte das noch in gültigen Theorien abbilden und als Szenario im Lageplan durchspielen lassen? Nein, ich glaube, da wird ein Vorwurf gemacht, der weder die Presse noch diesen unglücklichen Bürgermeister zu Recht trifft. Im Prinzip kann so ein Unglück jederzeit und überall passieren, auch auf einem Kirchentag in völlig freiem Gelände. Die Frage freilich, warum die Polizei dort unterrepräsentiert war, läßt sich nur systemintern beantworten. Da hat irgendwo jemand im gehobenen Dienst wohl seinen Job nicht ernst genommen. Das sind leider die Leute, denen nie etwas passiert.
@RML
Die Frage ist, ob auch mit einem optimalen “crowded management” die Örtlichkeit ein unkalkulierbares Risiko für die Besucher darstellt. Ich meine ja und ich weiß, ich kann das nicht beweisen.
Diese Frage hätten aber vor der Veranstaltung geklärt werden müssen und der (Lokal-)journalismus muss diese Fragen aufgreifen und verfolgen. Macht er das nicht, ist er überflüssig.
@ Marc: “Macht er das nicht, ist er überflüssig.” >> Hm, das macht mich nachdenklich.
Ähmmm…
ich sag mal so: Dieser Text hier hat 2 Tage vorher sehr genau vorhergesehen, was passieren würde…
http://www.xtranews.de/2010/07/22/drama-im-duisburger-kessel/
Insofern stimmen die Pauschalurteile nur bedingt.
(Mal abgesehen davon, dass selbst die Polizei lt. Ralf Jäger erst am Samstag(!) das Sicherheitskonzept in der finalen Version bekam und offensichtlich nicht mal dieses umgesetzt wurde. Wer hätte es also von außen beurteilen sollen?
Es gibt ja noch verschiedene Ebenen, wie ich über so eine Veranstaltung berichte. Auf derwesten.de gibt es ja tatsächlich auch Berichte, die vor dem Gelände warnen – wenn auch mit so einfachen Hinweisen wie dem, dass das Gelände für FlipFlops ungeeignet ist. Man hätte sich zumindest die geplanten Wege und die Größe des Geländes anschauen können. Dann hätte man daraus zwei Schlussfolgerungen ziehen können. a) Dass es an der Rampe eng werden wird, weil es der einzige Ein- und Ausgang ist. b) Dass das Gelände für die vielen erwarteten Personen eng werden könnte.
Das heißt nicht, dass man dicke Überschriften nach dem Motto “Geht nicht zur Loveparade da werden Leute sterben weil es so eng ist!” veröffentlichen muss. Aber zwischen dieser reinen Werbeartikeln und eben genannter Warnung ist noch sehr viel Spielraum für kritische Betrachtungen – auch ohne interne Protokolle.
Ich wohne hier im Ruhrgebiet, war damals in Essen, wo es auch schon recht voll war. Als ich gehört habe, dass nur 15 (?) Floats fahren werden, weil für mehr nicht Platz ist und somit das ganze “kleiner” geplant ist, habe ich für mich entschieden nicht hinzugehen. So eine Veranstaltung kleiner zu planen geht einfach nicht, weil die gleichen Massen an Menschen kommen werden. Dass es jedoch so endet habe ich natürlich auch nicht erwartet…
@ Stefan: Danke für den Texthinweis. Ich kenne xtranews.de nicht so gut und kann es daher nicht so gut einordnen.
Der Text macht aber klar, dass man als Journalist durchaus bereichtige Zweifel haben konnte.
[...] Berichterstatter, Journalisten und Medien sind auch überhitzt in diesem Sommer. Robin Meyer-Lucht auf CARTA und Stefan Niggermeier mit der F.A.Z. fragen [...]
das sind ja nun ganz intelligente kommentare. natürlich hat die lokalpresse zu hocvh gejubelt und gegriffen, offenbar auch auf druck von pleitgen, ho,bach und Co., die ja in schöner einigkeit bei ruhr 2010 sitzen, aber für das unglück sind sie nicht verantwortlich. spätestens nach der a40-stille, verbunden mit einer ebensolch katastrophalen organisation war das abzusehen – nur, dass da gottlob nicht viel passiert ist.
hätte man die warnungen von rainer wendt, von drk, feuerwehr und polisei beachtet und alles abgesagt…
Als Medienjournalist muß Herr Niggemeier sowas schreiben, das ist sein Brot. Ich finde seine Attitüde als Medienkritiker (nicht nur) in diesem Artikel auch recht selbstgerecht und selbstgefällig und wenig objektiv.
Ich halte jeden Beitrag, durch den die Diskussion über Duisburg und die Medien an Tiefe gewinnt für wichtig. Niggemeier hat einen wirklich guten Aufschlag gemacht. Ich meine dennoch, Journalismus muss sich mit Fehlern auch nach einer Katastrophe auseinandersetzen, selbst wenn er zuvor auch keine Fehler erkannt hat. Das ist und bleibt seine Aufgabe. Es geht lediglich um das Wie dieser journalistischen Nachbereitung, zu der eben gerade Selbsterkenntnis gehören muss. Ziel ist es doch, vorbeugend zu wirken, sowohl für Großveranstaltungen, als auch für den Journalismus.
[...] Love-Parade: Wenn Journalisten diese Love-Parade organisiert… carta.info/Stefan Niggemeier [...]