Netzlese
Robin Meyer-Lucht | 8 Kommentar(e)
23 Thesen von Jochen Wegner zur weiteren Entwicklung des Journalismus – aufgezeichnet von Dorin Popa.
17.07.2010 |
Auf der Tagung „Umbrüche in der Medienlandschaft“ in der Akademie für politische Bildung in Tutzing hat Focus.de-Chef Jochen Wegner (tw) am Freitag “23 Thesen” zur Zukunft des Journalismus präsentiert – so viele hat zumindest Dorin Popa von “Nice Bastard” gezählt und aufgezeichnet. Hier sind sie:
- Journalistische Qualität ist keine Frage des Substrats. (z.B. Print, Radio, Fernsehen, Online)
- Journalistische Qualität ist eine Frage der Ressourcen.
- Die Reichweite vieler digitaler Töchter übertrifft bald die der analogen Mütter.
- Die Erlöse digital:analog verhalten sich wie 1:10. (Focus Online z.B. verdient ein Zehntel von dem, was die Printredaktion erlöst. International hat Wegner bei anderen Redaktionen ähnliche Zahlenverhältnisse recherchiert.)
- Das Internet hat keinen Geburtsfehler.
- Das Kernprinzip des Internet ist Effizienz.
- Die freie Presse ist nicht gottgegeben. (Sie ist keine Selbstverständlichkeit, sondern man muß darum, dafür kämpfen.)
- Journalisten müssen Unternehmer werden.
- Der Artikel wird zum Geschäftsmodell – und darf es keinesfalls werden. (z.B. Publishing-Sites wie ehow.com, aber auch sonst durch die Verknüpfung mit Google Ads. Das funktioniert hervorragend bei Service-Artikeln, aber wer will in Zusammenhang mit Kriegsberichten aus Afghanistan werben?)
- Nur originäre Inhalte haben eine Zukunft.
- Die neue Ökonomie der Medien gleicht der Ökologie des Regenwalds. (Prächtig gedeihen die Baumriesen und das – teils parasitäre – Kleingewächs am Boden. Wie im Regenwald stirbt aber der Mittelbau in den Medien aus. Das Dumme ist nur, daß dort die meisten Journalisten arbeiten.)
- Zeit, Ort und Substrat verlieren ihre Bedeutung. (Ob man z.B. die Tagesschau um 20 Uhr live im Fernsehen, zeitversetzt am Rechner oder auf dem Handy erlebt, ob man eine Serienepisode im Fernsehen, als VoD oder auf DVD anschaut, spielt immer weniger eine Rolle. Ausnahmen sind Fernsehübertragungen mit Eventcharakter wie der „Tatort“ oder Fußballspiele.)
- Niemand braucht Print, Radio und TV.
- Neue Medien verhalten sich parasitär.
- Print, Radio und TV werden noch lange leben.
- Parasitismus ist kompliziert.
- Es entstehen permanent neue Medien…
- …mit völlig neuen Metaphern.
- …und neue Formen der Monetarisierung.
- Ein Ökosystem digitaler Magazine entsteht…
- Viele Mittelsmänner werden ausgeschaltet. (z.B. Kiosk, Zeitungsausträger)
- Die digitalen Medien haben längst nicht zu sich gefunden…
- …und werden noch sehr oft transformiert.
Meine Lieblingsthesen sind: 11., 5., 8. und 22.


[...] This post was mentioned on Twitter by Carta, Neunetz Firehose, Multimedchen, SilkeLiebigBraunholz, Robin and others. Robin said: “Das Internet hat keinen Geburtsfehler.” – 23 Thesen von @JochenJochen zur Journalismuszukunft http://bit.ly/9xZInP [...]
Ich frag mich, was diese Aufstellung an Thesen bringen soll. Nichts neues und die bekannten Dinge auch nicht weitergedacht. Dabei sehe ich durchaus Potential für Diskussionen: “Journalisten müssen Unternehmer werden” vs. “Artikel sollen nicht zum Geschäftsmodel” werden. Artikel wurden doch von jeher monetarisiert.
Also #13 muss ich mal widersprechen: Wenn eines der “alten” Medien noch Zukunft hat, dann das Radio. Es ist die einzige Möglichkeit, sich passiv mobil zu informieren und zu unterhalten. Allein im Individualverkehr gibt es kein neues Medium, dass die Funktionalität des Radios ersetzen kann.
Ich hab auch zwei Thesen zur Zukunft des Journalismus:
1. Twitter – jipp!
2. Focus – urks.
Was soll übrigens der Link hinter Jochen auf die Trafficstatistik von Focus Online, wenn ich fragen darf? Lustige Klickstrecken zum Besucher anlocken (“Bilder der Woche: Kanibalen-Wurm” steht da direkt auf der Startseite, direkt neben “Badnixen stolzieren in Miami”) und Followerzahlenvergleiche sind seit 2008 sowas von out, outer geht’s nicht mehr.
@stationsarzt: #13 ist vielleicht ein wenig überzogen
@ Sean Kollak: Zumindst #5 und #11 sind nicht so altbacken. Wiederholung hilft doch zudem beim Memorieren…..
@Sean Kollak: Freie Journalisten und Fotografen haben vielleicht bisher schon ihre Beiträge monetarisiert, indem sie sie an Medienunternehmen verkauften und diese wiederum, wenn sie bereits Veröffentlichtes in die Syndication gaben, aber ansosnten hat man bisher in der Regel nur ganze Sendungen oder ganze Zeitschriften- bzw. Zeitungstitel in den old media monetarisiert.
Bei einzelnen Beiträgen war das die große Ausnahme. Im Internet dagegen kann man das jetzt auf jeden einzelnen Beitrag, ja sogar auf jede einzelne Seite eines längeren Artikels, jedes einzelne Bild einer Klickstrecke herunterbrechen und – was die Monetarisierung bzw. deren Folgen noch verstärkt – den Ertrag an Artikelkicks, Verweildauer und Anzeigenerlös in Echtzeit nachvollziehen.
[...] “Das Internet hat keinen Geburtsfehler” “Die neue Ökonomie der Medien gleicht der Ökologie des Regenwalds. (Prächtig gedeihen die Baumriesen und das – teils parasitäre – Kleingewächs am Boden. Wie im Regenwald stirbt aber der Mittelbau in den Medien aus. Das Dumme ist nur, daß dort die meisten Journalisten arbeiten.)” [...]
“Viele Mittelsmänner werden ausgeschaltet.” (These 21)
Damit ist wohl gemeint, dass die Mittelsmänner in ihren Bereichen Monopole bilden – aber nicht, dass sie insgesamt wegfallen. Denn das passiert ja gerade alles nicht. Beispiel Apps: der Mittelsmann kontrolliert nun sogar die Inhalte, (und günstiger wird das Angebot auch nicht).