Tim Renner

Hannovernication: “Nichts” ist bei weitem nicht genug.

Tim Renner | 13 Kommentar(e)


Was wird ein Bundespräsident Wulff aus Hannover verändern? – Nichts! Das ist das Problem und das Prinzip.

11.06.2010 | 

War Lena das trojanische Pferd Hannovers? Vor zwei Wochen haben wir sie noch bejubelt. Die Unbekümmertheit, die Natürlichkeit, die erfrischende Naivität, mit der sie uns und Europa überraschte, wurde in Blogs und Artikeln gefeiert. Auch von mir. Spätestens als sie bei Ankunft in Hannover in den Armen von Christian Wulff lag, sich ins goldene Buch der Stadt eintrug und Universal Music Manager unter Einfluss von Restalkohol in Hannovers Fußgängerzone auf der Pro 7 Bühne “So ein Tag, so wunderschön wie heute” grölten, hätten wir gewarnt sein müssen: Nach der Feier kommt der Kater und es droht die Hannoveranisierung der Republik. Nicht mehr lang und “Wind Of Change” könnte unsere zweite Nationalhymne werden.

Vor der Wiedervereinigung wurde Deutschland von München als Metropole bestimmt. Auch ohne bayerischen Kanzler war die Republik krachledernd, manchmal polternd, aber immer am Ergebnis und an Effizienz orientiert. Deutschland war als Land, wie Bayern München als Fußballverein: Meist erfolgreich, aber dabei immer wenig sympathisch. Eine Vision hatte dieses Deutschland bestenfalls wenn es darum ging, etwas Gutes noch besser zu machen. Alle anderen Visionen kurierte man, wie ein Altkanzler empfahl, beim Arzt.

Hannover ist spektakulär langweilig, denn in Hannover regiert Pragmatismus.

Hannover ist spektakulär langweilig, denn in Hannover regiert Pragmatismus.

Nach der Wiedervereinigung versuchte die alte Republik zu überleben in dem sie die Veränderung des Status Quo ignorierte. Das ging nur so lange gut, wie man die neuen Bundesländer mit dem Märchen von den “blühenden Landschaften” betäuben konnte. Als denen auffiel, dass sie verarscht wurden, änderte sich das role model. Berlin wurde nicht nur Hauptstadt, sondern auch Vorbild. Die Republik wollte nicht mehr perfekt sein, sondern frei, schmutzig und neugierig. Die Musik dazu kam erstaunlich frech und lässig von Peter Fox, Wir sind Helden, Mia, Whitest Boy Alive, Polarkreis, Bonaparte und all den anderen aus Berlin oder dem Rest des Ostens. Dass Hertha in einer Saison fast Meister wird und direkt danach absteigt, war typisch aber erstmal auch egal.

Nun also Hannover. Das Schlimme an Hannover ist, dass Hannover nicht einmal schlimm ist. Hannover ist spektakulär langweilig, denn in Hannover regiert Pragmatismus. Egal ob gesichtsloser Städtebau, vor sich hin dümpelnder Fußballclub, ein Komiker wie Pocher, der lacht bevor die Pointe kommt, Hardrocker wie Skorpions, die damit erfolgreich werden, dass sie als Aerosmith-Imitatoren vor Volkshochschullehrern auftreten: Aufregen mag man sich darüber nicht, hingucken aber auch nicht. Logischer Reflex ist die Stadt und ihren Output einfach zu ignorieren.

Wahrscheinlich kommt Hannover dabei raus, wenn man Hamburg und Rostock miteinander kreuzt. Wenn das stimmt, werden wir bereits seit 2005 von Hannover in fleischgewordener Form regiert. Angela Merkel, biografisch geprägt von beiden Städten, gibt sich mit purem Machterhalt zufrieden – Hannover mit der Karmarschstrasse (eine Fußgängerzone) als Boulevard. Daraus erwuchs auch die unverhoffte Chance für den nächsten Hannoveraner: Bislang war ein Bundespräsident ein elder statesman, der ob Alter und Würde über den Parteien steht (von Weizsäcker, Rau…), oder eine Persönlichkeit, die zumindest nicht direkt aus den Partei-Apparat stammte (Herzog und Köhler). Jetzt ist es jemand den Merkel entsorgen muss, der Hannoveraner Wulff.

Der weiche Ministerpräsident mit dem Dauerlächeln und gern gesehene Gast auf Hamburger Yuppie-Parties ist der letzte Mann in den Reihen der CDU, der Merkel noch gefährlich werden könnte. Kein großer Opponent, aber – nach Rüttgers und Müllers Niederlagen, Öttingers Wegbeförderung, Kochs Abdankung, Merz’ Aufgabe, Althaus’ Skiunfall und Schäubles krankheitsbedingter Schwächung – schlichtweg der letzte Mohikaner als potentieller Nachfolger im Kanzleramt. Mit der Wahl zum Bundespräsidenten hat sich auch dieses Thema für immer erledigt. Danach darf er nicht einmal mehr in die Wirtschaft gehen, von der Politik mal ganz zu schweigen…

Was wird ein Bundespräsident Wulff aus Hannover verändern? Nichts, das ist das Problem und das Prinzip. Wenn die Weltwirtschaft kollabiert, das Klima zur Bedrohung wird, im Digitalen neue Realitäten entstehen und sich in Parlamenten keine klaren Mehrheiten mehr bilden lassen, ist Nichts bei weitem nicht genug. Entweder an der Spitze des Staates steht eine Person, die eine breite Akzeptanz besitzt und in der Lage ist ihre Autorität stützend oder lenkend einzusetzen, oder es braucht den Job Bundespräsident schlichtweg nicht. Ihn im Sinne von Partei- und Machtpolitik besetzen zu wollen ist die größte Missachtung der Würde des Amtes seit Gründung der Bundesrepublik.

Wenn die Scorpions vom Gorky Park singen, hat das nichts mit den Gefühlen der Menschen beim Überwinden der Unfreiheit zu tun, kapitalisiert diese aber im Nachhinein als “Wind Of Change”. Das ist Pose. Damit Geld zu verdienen ist langweilig aber nicht illegitim. Politik darf jedoch nicht zur Pose verkommen. Der letzte der das begriffen hat, hat sich ausgerechnet nach Hannover ins Reihenhaus zurückgezogen. Dort sitzt der Altkanzler aus Ostwestfalen, der ob seines Muts zur Veränderung abgewählt wurde, gießt Begonien, wirbt für Pipelines, steht für Politik aber nicht mehr zur Verfügung. Hannovernication!

Dieser Text von Tim Renner erscheint auch im Motorblog.

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13 Kommentare

  1. Tweets that mention Hannovernication: “Nichts” ist bei weitem nicht genug. — CARTA -- Topsy.com |  11.06.2010 | 11:40 | permalink  

    [...] This post was mentioned on Twitter by Carta, Torben K. Torben K said: RT @carta_: Hannovernication: “Nichts” ist bei weitem nicht genug. — Carta http://bit.ly/aA3pnD #wulff #bundespräsident [...]

  2. Carsten |  11.06.2010 | 12:40 | permalink  

    “Hannover ist spektakulär langweilig, denn in Hannover regiert Pragmatismus. Egal ob gesichtsloser Städtebau, vor sich hin dümpelnder Fußballclub, ein Komiker wie Pocher, der lacht bevor die Pointe kommt, [...]”

    Man ersetze Oliver Pocher durch Mario Barth, und es liest sich wie eine Charakterisierung Berlins. ;-)

    Die Hilflosigkeit der Medien vor den eigenen Scheuklappen merkt man in diesem Artikel besonders deutlich: da muss ein (in der Tat gesichtsloser) Präsidentschaftskandidat aus Osnabrück als Synonym für Hannover herhalten, während sämtliche anderen genannten Personen so gar nicht dem Klischee entsprechen wollen: Scorpions und Pocher mögen nerven, aber sie polarisieren – und das ist dem Image zufolge so gar nicht typisch hannöversch. Von Schröder und Lena ganz zu schweigen.

    Ich denke, Hannover ist vor allem deswegen beliebtes Angriffsziel, weil es den Durchschnittsdeutschen in der ganzen Republik den Spiegel vorhält. Hannover-Bashing ist für 90% der Deutschen Selbstkritik, die man sich nicht als solche verkaufen muss.

    Pragmatismus, Ehrgeiz, Hadern mit dem eigenen Image. Das ist typisch hannöversch. Aber eben auch typisch deutsch. Es gibt also mitnichten eine ‘Hannovernication’, im Gegenteil: in Hannover war Deutschland schon immer ‘am deutschesten’. Nicht nur, was die Sprache angeht.

    Aber ist deutscher Durchschnitt per se schlecht? Macht das nicht vielmehr den Erfolg Deutschlands aus? Was kann ich mir denn beispielsweise vom Berliner Image kaufen? Arm aber sexy, das sind auch Portugal und Griechenland.

    Btw: die Karmarschstraße ist nur auf rund einem Viertel ihrer Länge Fußgängerzone und gemäß Mietniveau auch nicht unter den wichtigsten Innenstadtstraßen Hannovers. Aber das kommt eben im Internet-Zeitalter dabei heraus, wenn man einen Blick auf Google Maps als Recherche missversteht. Dann lieber auf den für Unkundige durchblitzenden Anschein von Ahnung verzichten – aber dann wäre man ja glatt hannoverisiert. ;-)

  3. robin |  11.06.2010 | 14:15 | permalink  

    Natürlich ist der Versuch, das Phänomen Wulff mit Hilfe des Ortes Hannover zu erklären, mindestens so sehr feuilletonistische Akrobatik wie wirklichkeitsbezogene Analyse – also: Tempo-Journalismus.

    Herrlich.

  4. sven |  11.06.2010 | 18:19 | permalink  

    “Feuilletonistische Akrobatik wie wirklichkeitsbezogene Analyse”? Mir erscheint der Text eher als ein Paradebeispiel kognitiver Dissonanz: Meinung/Vorstellung -> neue, dissonante Information -> selektive Faktensammlung -> Meinung, und zwar die ursprüngliche.

    Hier scheint das alte Problem der Blogger durch. Was kümmern mich Fakten, was kümmert mich eine eigene Wahrnehmung, solange ich mit spitzen, lustigen, akrobatischen Worten eine Meinung raushauen kann?
    Stil statt Substanz, aber das ist ja nichts neues beim Tempo-Journalismus.

  5. Tim |  13.06.2010 | 10:38 | permalink  

    Manche mögen das ja für eine gelungene Polemik halten, aber IMHO sollte Carta die Meßlatte höher legen.

  6. JoJo |  13.06.2010 | 12:12 | permalink  

    Die Verbindung zwischen Lena und Wulff und der Stadt Hannover ist sinnlose Hirnakrobatik. Es wäre lohnenswerter darüber zu schreiben, dass im tagtäglichen Politschacher jeglicher Bezug zu der ursprünglichen Idee eine Amtes, wie z.B. dem des Bundespräsidenten, verloren geht. Es wird nur noch taktiert, verschoben, entsorgt, verschachert, weggelobt. Merkel und Konsorten – und das meine ich überparteilich – haben sobald sie irgendwo im Amt sind nur noch ihre Eitelkeiten und Karrieren im Sinne. Würdelos, pfui!!! Aber mit Hannover als Stadt hat das alles nichts zu tun, denn die beschriebenen Klischees sind an den Haaren herbeigezogen.

  7. schonGEZahlt |  13.06.2010 | 17:13 | permalink  

    Der Artikel ist ärgerlich, weil er durch Oberflächlichkeit Tiefsinn vorgaukelt. Er ist niveaulos, weil er so plump personalisiert. Vielleicht wäre es mal wieder an der Zeit, auf Strukturen zu hinterfragen und sich nicht mit selbstgefälliger Wortakrobatik zufrieden zu geben.

  8. Dete |  13.06.2010 | 17:53 | permalink  

    Kleiner Faktencheck:

    Wulff: Christian Wulff verbindet mit Hannover faktisch nichts. Er ist Osnabrücker durch und durch und wohnt auch nach seinem Amtsantritt als MP nicht mal in Hannover, sondern in Großburgwedel, ca. 25 km von Hannover entfernt. Seine scheinbare “Weichheit” ist Methode, nicht Charaktereigenschaft. Den haben schon ganz andere unterschätzt. Merkel nicht, weswegen sie ihn ja auch wegloben will.

    Zum Amtsverständnis des Bundespräsidenten: Es hat eben keine gestaltende Funktion wie in der Weimarer Republik. Das war ja auch das große Missverständnis, dem Köhler aufgesessen war. Er hat versucht, auf eine Art politisch zu wirken, wo es schlichtweg nicht vorgesehen ist.

    Gefühlte Überparteilichkeit der Bundespräsidenten: Die Besetzung dieses Amtes war fast immer Gegenstand parteipolitischer Interessen. Heuss war Landtagsabgeordneter und Gründer der DVP und der FDP und gerade Bundestagsabgeordneter geworden, als er Bundespräsident wurde. Also ein Mann mitten aus dem Parteiapparat. Alt war er allerdings, wenn das als Qualitätskriterium gelten soll. Lübke war Landwirtschaftsminister im Kabinett Adenauer, als er Bundespräsident wurde. Mitten aus der Regierung also. Na ja, die anderen könnt ihr gern selbst nachschauen.

    “Berliner” Bands: Die aufgezählten “Berliner” Bands (im Falle von “Wir sind Helden” stimmt das nicht mal -> in Hamburg gegründet mit einem Keyboarder aus der Region Hannover…) sind alle WEIT nach der Wiedervereinigung relevant geworden. Keine anderen gefunden, die gepasst hätten? Weil es kaum welche gibt!? Die Neunziger, als der Osten gemerkt hat, dass die Landschaften blühen, die ortsansässige Wirtschaft aber nicht, war Techno in Berlin, da hätte man sicher andere Anknüpfungspunkte finden können.

    Architektur: Ein Standard im Hannover-Bashing. Der “langweilige Städtebau” ist Folge der totalen Verheerung der hannoverschen Innenstadt im Zweiten Weltkrieg, die dann zweckmäßig und im Stil der Zeit wiederaufgebaut wurde. Analoge Architektur findet man in Berlin übrigens zuhauf. Vermutlich kommt es darauf an, was man sehen will. Wer Hannover natürlich nur vom Hauptbahnhof bis zum Kröpcke kennt, wird auch kaum bereit sein, sich in die Feinheiten der Stadtteile einzuschauen. Genau wie in Berlin übrigens.

    Karmarschstraße: Die Karmarschstraße ist nur zur Hälfte eine Fußgängerzone und wird in Hannover sich nicht als “Boulevard” erkannt. Vermutlich war nur der Name total komisch, weil “ARSCH” drin vorkommt, oder?

    Die Scorpions: Vier Jahre vor Aerosmith gegründet und das nicht mal in Hannover. In Hannover sind die übrigens kaum beliebter als im Rest Deutschlands. Aber sei’s drum: Eine Band und einen drittklassigen Komiker (Pocher) als Sinnbild für eine Stadt hinzustellen, ist schon fast peinlich. Berlin hat Mario Barth und Detlef D! Soost hervorgebracht. Aber was sagt das über Berlin aus?!? Nix? Eben.

  9. Mauerblümch.en |  13.06.2010 | 19:45 | permalink  

    Erschreckend, das hier wirklich keine einzige Person in den Kommentaren auf den vorherrschenden Sinn des Textes eingeht. Hier wird, vom Autor doch persönlich dargelegt, aktueller problematischer Sachverhalt dargestellt. Für alle die es nicht begreifen: die Regierung ist angespannt. Das spürt man hier in Berlin, wo man auf Deutschland sehr stolz ist, nicht als sozialistischer Nazi angesehen werden möchte und gegen die Geschichte kämpft. Was solls, ist eben für etliche leichter einen Text zu zerreissen, ohne ihn verstanden zu haben, weil man nicht möchte, keine Meinung hat und / oder mehr zum Nerdtum tendiert. Wie langweilig.

  10. Dete |  13.06.2010 | 20:26 | permalink  

    Kein bisschen. Der Autor hätte das Problem einfach konkret benennen können, ohne lächerliche Referenz auf eine vermeintlich langweilige Stadt, die er nicht mal zu kennen scheint. Entkleidet man den Text von seiner Polemik, bleibt nichts übrig als die üblichen Politplatittüde, das ewige Klagelied vom Niedergang der Politik. So gesungen seit alten Zeiten. Ewig billig.

  11. A. roth |  14.06.2010 | 00:27 | permalink  

    Verehrter Herr Renner, Ihr Artikel ist, mit Verlaub, wneig mehr als ein blasser Abklatsch von gutem Journalismus. Nichts gegen böse Artikel über die niedersächsische Landeshauptstadt. Nur, gerade wenn es so einfach ist, sollte man sich doch besondere Mühe geben. Daher empfehle ich Ihnen die folgende Lektüre: dieser Autor weiss, wie es geht: http://www.sueddeutsche.de/politik/hannover-blueht-auf-phaenomen-an-der-leine-1.954222

  12. Leptien |  24.06.2010 | 20:56 | permalink  

    Nichts anderes kennt man doch von Renner. Des Brot ich fress, des Lied ich sing – wenn Hannover sein Unternehmen subventionieren würde (und nicht Berlin), wäre er im Nu dort und würde auf Berlin schimpfen, so wie er es lange gegen Hamburg getan hat. Und wenn er sich über Universal-Mitarbeiter lustig macht, schwingt immer noch der Groll des Gefeuerten mit: Er wäre sonst nämlich selbst der erste gewesen, der eitel die Bühne erklommen hätte.

  13. Linktipps zum Wochenende | wasserboot.net |  26.06.2010 | 14:40 | permalink  

    [...] Hannover-Bashing: Hannover ist irgendwie in aller Munde: Die Scorpions hören auf, Lena fängt gerade erst an, und jetzt hat auch der (voraussichtlich) neue Bundespräsident seinen Wohnsitz (fast) in Hannover. Grund genug für Leute, die wohl soinst nichts zu tun haben, mal ihre Meinung über Hannover abzulassen. Tim Renner, der offensichtlich noch nie in Hannover war, schreibt für carta einen Artikel, dessen Motivation sich mir nicht erschließt, ausser, dass es ihm tatsächlich darum geht, Hannover irgendwie doof zu finden, weil da einige Leute herkommen, die er irgendwie doof findet. Der Artikel findet sich hier. [...]

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