Tim Renner | 42 Kommentar(e)
Deutschland war beim Grand Prix früher ein Hort der Spießigkeit – der Streber Europas. Lena trat jedoch an, um Spaß zu haben und hat gerade auch deshalb gewonnen. Das ist das neue Deutschland.
31.05.2010 |
Es mag nur ein nettes Poplied sein und Lena eine erfrischend unbekümmerte Gymnasiastin aus Niedersachsen, doch für Deutschland bedeutet der Erfolg in Oslo mehr, als die Summe seiner einzelnen Teile. Vorgestern ging es darum wie Europa und letztlich auch der Rest der Welt Deutschland sehen will und ob wir uns selbst als Land der Vergangenheit oder der Zukunft begreifen.
Der Eurovision Song Contest war ein idealer Rahmen für diesen Schicksalstest. Noch lange vor der Olympiade 1972 und der WM 1974 war es der erste Groß-Event mit dem Deutschland in den Schoß der Weltgemeinschaft zurückkehrte. Gleich der zweite Grand Prix d’Eurovision de la Chanson fand 1957 in Frankfurt am Main statt. Seither hat er für uns Deutsche etwas Kultisches, obwohl die viel erfolgreicheren Nationen wie Großbritannien ihn belächeln oder wie Luxemburg (5 mal gewonnen!) gar nicht mehr teilnehmen.
Deutschland nutzte seither den Sängerwettstreit um sich so darzustellen, wie man sich selbst sehen wollte. Bis 1998 hieß das nett, klein, brav und doch irgendwie international und integrativ. Es wurden nette, kleine Schlager vorgetragen von erfahrenen Schnulzensängern oder perfekt assimilierten Mitbürger aus West- und Ost Europa, die wir ins Rennen schickten. Katja Ebstein war da schon fast die Ausnahme, Mary Roos, Lena Valaitis, Wencke Myhre und Rumänen, die sich als Mongolen ausgaben (Dschingis Khan), die Regel. Deutschland ein einig Schrebergarten mit vielen, bunten Gartenzwergen und exotisch gewürzten Grillspießchen auf Holzkohle.
Dieser Hort der Spießigkeit entstand natürlich in München, der heimlichen Hauptstadt der alten Bundesrepublik. Dort residiert auch der oberste Laubenpieper namens Ralph Siegel. Kurz vor dem Finale in Oslo prophezeite er im Interview Lena noch den Untergang. Die hübsche Kleine könne einfach nicht wirklich singen und das ganze sei der Wettstreit der Besten, so die Sorge des Altmeisters. Er besaß die Deutungshoheit, schließlich hatte er zum einen die absolute Mehrheit aller Songs geschrieben mit den Deutschland teilgenommen hat, zum anderen außer ihm nie einer einen Gewinnersong produziert.
In meiner Erinnerung saß Nicole 1982 im weiten Blümchenkleid mit ihrer Wandergitarre auf der Bühne des englischen Kurorts Harrogate. Mit lässigem Pop hatte das nichts zu tun. Eher mit einer Diskussionsrunde über Entwicklungspolitik in einer christlichen Teestube. In sich gekehrt lächelnd lieferte die 17jährige für Deutschland ein Rührstück in Sachen Friedensliebe ab. Das war Aufarbeitung einer historischen Schuld, aber kein Vergnügen. Europa erkannte das an und belohnte es mit dem ersten Platz.
Lässig kann nur sein, wer locker ist und sich selbst liebt. Wir Deutschen dachten, das dürften wir nach dem zweiten Weltkrieg nicht mehr. Deshalb wurden wir die Streber Europas. Wir feierten Arbeitssiege bei der Weltmeisterschaft und Sängerinnen mit politisch korrektem Schlager fern jedes Sexappeals. Die Stadionrunde mit Flagge ersparten wir uns genauso wie Nicole nicht ein zweites Mal mit schwarz-rot-gold auf die Bühne gekommen wäre. Übersehen haben wir dabei, dass uns die Welt genau deshalb misstraute. Wer sich selbst nicht mag, mag nämlich in Wirklichkeit auch niemand anderen.
Solange der Riese Kohl regierte, konnte dies nicht begriffen werden. Deutschland bückte sich nach der Wiedervereinigung um so mehr, versuchte fast ein Jahrzehnt lang der Welt klarzumachen, dass wir mit 16 Millionen weiteren Bundesbürgern eher noch spießiger und braver geworden sein. International hatten wir keine Meinung, sondern waren bestenfalls Vermittler. Musikalisch setzten wir diese Haltung in Form von Grand Prix-Beiträgen fort. Nur nicht auffallen, nur nicht anecken.
Deshalb war der Auftritt von Guildo Horn 1998 auch so auffällig. Deutschland verließ mit dem Machtwechsel sein angestammtes Konzept und präsentierte sich mit einem durchgedrehten Hippie und einem Ulk-Song namens „Guildo hat Euch lieb“. Das moderne Deutschland wollte witzig sein. Das merkte man und deshalb war es so wenig komisch und locker – wie zwei Jahre darauf auch Stefan Raab mit „Wadde Hadde Dudde Da“. Dazwischen schickten wir lustige, Polonaise tanzende Türken mit „Kudüs’e Seyahat (Reise nach Jerusalem)“, um uns als Einwanderungsland zu zeigen. Relaunch Germany war in der ersten Runde missglückt.
Die Experimente waren vorbei, als die nächste Regierung an die Macht kam. Mit Gracias Einsatz in der Ukraine hielt 2005 der erste Castingstar als deutscher Repräsentant Einzug. In der Ära Merkel ging es damit zurück zu deutschen Tugenden. Wer das Land vertrat, war also – wie Gracia oder die No Angels vorher – von einer Jury geprüft, gedrillt und gedemütigt worden, als wäre Pop so etwas wie eine Grundausbildung der Bundeswehr auf Privatsendern. Alternativ war der Vertreter der Fleißnation Deutschland selbst ein Casting-Show-Schleifer wie Alex Christensen.
Noch nie in der Geschichte des Grand Prix war Deutschland so unerfolgreich. Auf das Land der preußischen Tugenden hatte international keiner mehr Lust. Die BILD beschimpfte zwar noch die „Balkan Mafia“ der Staaten des ehemaligen Jugoslawiens und beklagte Stimmenverschiebereien im früheren Ostblock, das Ergebnis blieb trotzdem bodenlos. Man hatte die Zeichen der Zeit nicht erkannt und das obwohl sie sich schon seit der WM 2006 im eigenen Land abgezeichnet hatten. Egal ob in der Fanmeile oder auf dem Fußballplatz: Deutschland war plötzlich lässig. Es ging nicht mehr nur ums Gewinnen, sondern ums Vergnügen. Man wurde nur Dritter und alle hatten mordsmäßig Spaß.
Lena ist ein Kind der WM 2006 und hat uns das damit einhergehende Gefühl der Lässigkeit zurückgebracht. Deutschland wäre nicht Deutschland, wenn wir uns gleich getraut hätten, eine schlacksige junge Dame ins Rennen zu schicken, die zuvor noch nie gesungen hat. Natürlich musste auch sie durch ein Casting. Dort traf sie aber nicht auf Quälerei und Zynismus von Produzenten und ehemaligen Mitarbeitern der Musikindustrie wie bei „Deutschland sucht den Superstar“ sondern auf gestandene Musiker wie Westernhagen, Jan Delay und andere, die zuhören und das Besondere finden wollten. Ihnen ging es nicht um Effekthascherei und somit Quote, nicht um stimmliches Handwerk und somit kurzfristige Publikumszustimmung, sondern um das Besondere: die Stimme die Person die man wieder erkennt, weil sie Charakter hat.
Diesen Charakter bringt man am besten mit Leichtigkeit rüber. Pop muss lässig sein, auch wenn’s mit Arbeit verbunden ist. Zwischenzeitlich hatten wir es schon wieder vergessen, wie Lässigkeit sich anfühlt: Finanz- und Euro-Krise, die Kanzlerin mit dem grimmigen Mund, van Gaal und Quälix Magath als strenge Vorzeigetrainer. Es zählte nur noch Sieg, es drohte nur noch Untergang. Das unsympathische Deutschland der Extreme war wieder da. Vorgestern wurde es von einer Abiturientin aus Hannover in seine Schranken gewiesen. Sie trat an, um Spaß zu haben und hat deshalb gewonnen. Das ist das neue Deutschland genauso wie Nicole die alte, unsichere BRD war. Es ist nur ein Popsong, nur eine erfrischend unbekümmerte Sängerin, aber es kann auch die Wende zum “cool Germany” sein…
Dieser Text von Tim Renner erscheint auch im Motorblog.


Vorgestern ging es darum wie Europa und letztlich auch der Rest der Welt Deutschland sehen will und ob wir uns selbst als Land der Vergangenheit oder der Zukunft begreifen.
Das scheint mir aber eine starke Überhöhung zu sein. Letztlich war’s doch bloß eine alberne Medienparty, die morgen schon wieder vergessen ist.
[...] This post was mentioned on Twitter by Carta and How2Marketing, Carta. Carta said: Das Lena-Prinzip: Mehr als die Summe der einzelnen Teile http://goo.gl/fb/Z24BU [...]
Sorry, aber muss man das jetzt alles wieder auf Deutschland/Nationalstolz runterbrechen? Kann man sich nicht einfach mal freuen, dass eine sympathische Frau gewonnen hat, die aus Deutschland kommt? Dieses postume Heranwanzen an den Erfolg, und dessen Deutung auf die Befindlichkeiten eines Landes, machen gerade die Unbekümmertheit Lenas wieder kaputt.
Nichts gegen Fähnchen, und anfeuern der eigenen “Mannschaft”, aber wieso muss man immer wieder diese elende Politisiererei betreiben. Das ist nämlich das “unlässige”, was mir bei diesen Debatten immer so auf den Keks geht.
Sich einfach mal zu freuen reicht wohl einfach nicht.
Der olle Siegel heißt übrigens “Ralph”, nicht “Ralf”… Ich hab ja nur mal kurz geguckt am Samstag und war entsetzt, was für ein dünnes Stimmchen Lena hat. Aber darauf kommt es wohl eh nicht an. Mein nationales Selbstwertgefühl ist jedenfalls durch ihren Sieg weder gestiegen noch gesunken. Aber schön, dass wir ein System des öffentlich-rechtlichen Rundfunks haben, das es erlaubt, viele Kamerawagen zu ihrer Rückkehr zu schicken. Weckt mich auf, wenn etwas Wichtiges passt, bitte.
Kann Julian nur zustimmen. Warum immer dieses polit. Rumgedeute? Das soll doch bloss die ständig eingeblendete Deutschlandfahne rechtfertigen. Und das affige “Ich liebe Deutscheland” ist auch daneben. Es geht nicht mehr um Deutschland, es geht schon längst um Europa. Und in diesem Sinne ist jedes Fahnengeschwenke von gestern.
Mir würde es schon reichen, wenn durch Lena der Grand Prix lockerer würde aber eben ohne Gildo Horn und Stefan Raab-Klamauk.
@Matthias Besten Dank! Ist korrigiert.
Katja Ebstein ist nicht die Tochter von Brian Epstein, und Mary Roos ist kein Pferd.
Wir sind Lena? Sorry, aber wir sind Angela!…
Wacht auf, liebe Politiker! Liebe Träumer aller Kommunen, Städte und Landkreise. Liebe Berliner! Liebe Bundespolitiker, Beamte und sonstige Verwalter Verweser dieses Landes. Liebe Medien, liebe Bewahrer des Status Quo. Wenn Ihr meint, Ihr könntet jemal…
Bei Ebstein, Roos und Gracia ist die Rechtschreibprüfung ausgefallen, ansonsten fehlt etwas zu oft die letzte Silbe bei den “angesprochenen” Themen
- wer schreibt, der sollte auch des Schreibens mächtig sein …
[...] Eine Meinung von Tim Renner bei carta.info [...]
“Es ist nur ein Popsong, nur eine erfrischend unbekümmerte Sängerin, aber es …”…
Es ist nur ein Popsong, nur eine erfrischend unbekümmerte Sängerin, aber es kann auch die Wende zum “cool Germany” sein……
@Daniel:
Dankeschön. Hab jetzt jeden Namen gegoogelt, sollte nun passen… Ich schieb es mal auf die “Gnade der späten Geburt” ;)
Manipulation?
Der gesunde Menschenverstand scheint mal wieder auf der Strecke zu bleiben. Zum Einen sollte man nicht übersehen, dass Stimme und Song eher unterdurchschnittlich sind. Zum Anderen bezweifele ich, dass hier alles mit rechten Dingen zugegangen ist. Wer garantiert z. B., dass die Anruferstatistik nicht manipuliert wurde, wie das bei priv. Sendern nicht unüblich ist?
Das Niveau geht hier täglich den Bach runter. Super Leistung carta Team!
Hm. So ein langer Artikel über eine Verkaufsveranstaltung. So viel Zeit verschwendet. Steht “WM” eigentlich immer für “Fußball WM”?
Liebe Leute, das ist doch hoffnungslos überinterpretiert. So bezaubernd Lena aufgetreten ist, sowenig taugt das als allumfassendes Deutschland-Nationalgefühls-Anzeigeinstrument.
Es war ein nicht im allzu ernstzunehmender Liederwettberwerb, und jeder, der da so bedeutungsschwanger daherfabuliert, macht genau den Fehler, den Raab+Co. nicht gemacht haben.
Freut euch doch einfach. Die Griechen werden uns deswegen nicht lieber mögen, China bleibt Exportweltmeister, die FDP bleibt weiter in der Regierung und Hartz IV Empfänger werden weiter als Faulenzer verunglimpft.
Zunächst: die mongolisch aussehenden Rumänen (Dschinghis Khan) sind Ungarn. Nur angemerkt, weil es hier um nationale Identität geht ;) (wobei es das politsche Ungarn im Moment böse übertreibt)
Ansonsten teile ich die Meinung. Auch Herr Siegel hat sich über Lenas Stimme mokiert, nun, Nicols Volumen war ja nun auch nicht deeer Hammer. Auch so ein akademisches Phänomen, Musik nicht als Lebensgefühl, sondern nach Leistungsparamentern zu bewerten. Ich habe mal durch die ESC Beiträge gezappt und viele ausgebildete Stimmen im engen Choreografiekorsett waren zum Gähnen langweilig.
Jemand schrieb im Kommentar, Fahne schwenken sei von gestern, denn es ginge nur noch um Europa. Aber auch Europa ist die Summe seiner Teile, und im Moment bemüht sich Europa z.B. mittels Auffanglagern, unter sich zu bleiben. Soviel nur zur Europäischen Identität. Aber ich schweife ab.
Mich hat die ESC-Entscheidung gefreut, auch weil es eigentlich ein Coup war und eine gewisse Leichtigkeit ausstrahlte.
Ansonsten muss ich auch dem ersten Kommentar zustimmen: Es war eben nur eine Medienparty, deren Ergebnis wohl ausserhalb Deutschlands kaum wahrgenommen wird. Oder erinnert sich irgendwer hier an die ESCs der letzten Jahre?
Bei allem Respekt, aber man sollte die sakralen Bauten doch tunlichst in den dafür vorgesehenen Orten lassen.
DIesen Grand Prix hat eine gewisse Lena Meyer-Landrut gewonnen, und nicht irgend eines Vaters Land. Das ist auch gut so, die ist nämlich einfach mal klasse!
Ach so ich muß es einfach tun, es tut mir leid aber:
Zitat: “Noch lange vor der Olympiade 1972…” Die Olympiade ist die Zeit zwischen zwei Olympischen Spielen.
ikari
Origineller Blick auf die Geschichte der Eurovision vom Anfang bis zu Lena… Und das Ganze in Klammern, … ! Diese träumerisch-spielerische fröhlich-juvenile musikalische Unbekümmertheit hat die selbe schwache Stelle von Millionen erreicht und sie alle überzeugt. Das ist auch Zeitgeist, vielleicht können wir die vielen Krisen jetzt lockerer, aber nicht weniger ernsthaft angehen.
Ich möchte auch eine Wunschliste aufstellen, vielleicht schreibt noch jemand dazu. ++ Während der Punkteverteilung wurde Lena nur ganz wenig gezeigt, ein längerer Schnitt (AKA director’s cut) “Countdown to Victory” wäre willkommen. ++ “Satellite” würde ich gerne hören und auch sehen, mal mit dem MDR-Fernsehbalett… ++ (vor einer Stunde um 14:17 Uhr schrieb jemand auch “Lena for President”…)
Das war ein europäischer Wettbewerb und mir ist es nicht so wichtig welches Land hinter einem Beitrag steht. Gewonnen hat Lena und all die Europäer, die ihren lässig-leichten Auftritt mögen. Sich durch sowas national “wieder Wer” und groß und stolz zu fühlen, halte ich für rückwärtsgewand. Kleinstaaterei sowas. Wir müssen uns nicht gegen andere Abgrenzen. Das verleidet mir wirklich die Leichtigkeit. Schaut Euch nochmal das Motto des ESC an!
Betr. #19, comment-14484, ich vor ein paar Minuten
Au, au! Der HTML-Parser des Blogs hat die Klammer samt Inhalt volatilisiert… Da stand nämlich “Und das Ganze in Klammern, [unbekümmert] … [/unbekümmert]!”, hier nun in eckigen Klammern. ;-(
“cool Germany”! :))
(Allerdings geht mir der Lena-Hype inzwischen auf den Keks. Das liegt nicht an Lena, sondern an dem, was die Medien draus machen. Dass hier eine sympathische, selbstbewusste 19-Jährige mal eben mit Abstand den 1. Platz belegt hat, ist klasse – aber nun ist auch gut. Soll sie doch eine Sendung moderieren oder so. Unterhaltungswert hat sie ja. Singen können andere besser.)
[...] kam – wie Phoenix aus der Asche – die Erlösung in Form von Lena Meyer-Landrut, ein WM-2006-Kind, die der geniale PR-Profi Raab mit ARD-Unterstützung zum Sieg brachte. Die Quote der ARD war [...]
Weder Musik noch Text sind im Übrigen von “Lena” selbst. Sie ist “nur” eine bezahlte Sängerin und fertig.
Lena ist einfach sehr lebensfroh und sympathisch, auch auf der Pressekonferenz heute mit Raab :-) http://krz.ch/Lena
Herr Gallenkamp, Lieber Guido, das ist ja eine Überraschung! Eine Sängerin, die nicht alles selbst schreibt. Ich verrate Ihnen noch ein kleines Geheimnis. All die klassichen Konzerte: die Orchester haben die Musik nicht selbst geschrieben. Sind Sie schockiert – und fertig? Es kommt auch noch immer eine klitzekleines Bisschen auf die Interpretation an. Ich bin sicher, die Version von Raabs Zweitplazierten (Jennifer Braun) hätte nicht so abgeräumt, auch wenn sie technisch die viel bessere Sängerin ist.
Und fertig (das nur noch mal, weil ich diese dümmlich altkluge Kindergartensprache mag)
@Guido Gallenkamp: Der ESC ist ein internationaler Musikwettbewerb von *Komponisten und Songschreibern*. Deswegen verbleibt der Pokal auch bei Julie Frost und John Gordon und nicht bei Lena oder Stefan Raab. Nur in den seltensten Fällen ist der Komponist auch der Interpret.
@kay
Danke, das war mir nicht bewusst. Waren die beiden eigentlich auch im Fernsehen? Ich habe selbst keinen Fernseher und nur gesehen, dass Lena den Pokal in der Hand hielt.
@e.f.
Danke für die Belehrung :) Nee, schockiert bin ich nicht. Die Lorbeeren gehen medial trotzdem an Lena. Für den kreativen Part, der den Sieg ermöglicht hat, muss das ein bisschen frustrierend sein. Und wo anders könnte ich daran erinnern, außer hier? Natürlich ist das bei Klassischen Orchestern das gleiche. Aber da ist es jedem bewusst. Bei Sängern ist das schon was anderes, oder nicht? Also ich jedenfalls weiß nicht immer, vor wem ich für ein schönes Pop-Stück den Hut ziehen muss.
Ich halte es auch für ein kleines Stück von Verarsche, dass sie nun mit einem Album raus kommen könnte, das nur einen einzigen Hit hat. Ich erinnere mich an Natalie Imbruglia. Ein Song auf der Platte war ein Hit (der, der nicht von ihr geschrieben wurde) und der Rest war mehr oder minder Schrott. Ist natürlich Geschmackssache. Aber ich hab’s damals gekauft, weil ich dachte, dass sie was drauf hätte und nicht wusste, dass der eine Hit gar nicht von ihr war.
Ich wollte damit eigentlich gar nicht altklug wirken. Tut mir Leid, wenn das so rüber gekommen ist. Mich fasziniert und erschüttert halt immer wieder die Begeisterung und der Hype um die falschen Leute :)
Beobachte seit Sonntag früh interessiert und amüsiert die Purzelbäume der Kultur- und Feuilletonfuzzis.
Ich finde Lena nicht unsymphatisch. Viele Kinder und Jugendliche mögen das Lied und vor allem es ist einfach nachzusingen. Was will man mehr? Wenn ich nach einem anstrengenden Tag nach Hause komme brauch ich auch nicht nur Hochkultur.
Das schlimmste ist das Argument, das nicht nur hier auftaucht: “Lena kann nicht singen”. Ja und? Von den 60ern bis in die 80er hat eine ganze Generation von Sängern, die nicht singen konnten, die Musik revolutioniert.
Etwas irritierend für mich als Kind der 80er ist, dass eine Sängerin, die sich mit schrägen New-Wave-Klängen vorstellt bei ESC auftritt. Aber diese Grenzen gibt es schon nicht mehr. Alles fließt.
Ob sich aus Lena eine wichtige Sängerin im Musikmarkt entwickelt hängt vor allem vom Netzwerk des Stefan Raab ab. Stefanie Heinzmann ist da schon einige Schritte weiter gewesen. Entscheidend ist für gute Musik ist, dass sich die Künstler auf Augenhöhe begegnen, egal ob sie seit früher Jugend im Bunker ihre Proben machen und ob es ein zusammengestelltes Team aus Berufskünstlern ist. Ob Lena sich auf hohem Niveau durchsetzen kann bleibt abzuwarten.
Solche Interpretationen wie die 2010 von Lena hat es 1982 nicht nur nicht von Deutschland, sondern von keinem anderen europäischen Volk gegeben. Popmusik ist nicht nur eine nationale Sache, sondern der Musikentwicklung insgesamt. In den 80ern haben alle Nation mehr so melodiös und heute etwas behäbig und gebunden wirkend gesungen. Der freie Stil Lenas kam erst ab den 90ern auf. Außerdem befand sich Europa 1982 auf dem Höhepunkt des Wettrüstens und der weitverbreiteten Angst vor einem Atomkrieg. Da traf das Friedenslied natürlich voll den Zeitgeist. Heute gibt es diese Sorge weniger, da können junge Mädels eben mehr ihre Lebensfreude zum Thema eines Liedes machen. Andere Zeiten, andere Lieder und Interpretationen – das hat nicht nur was mit deutsch zu tun.
Es geht doch darum, das mehr zu festigen. Herr Renner möchte sicherlich nichts zerdenken, das machen hier schon andere. Es geht darum, neue Chancen zu erkennen und stark in die Zukunft zu tendieren. Mit Lena haben wir hier aus Deutschland für die Welt einen neuen Stern. Freut Euch !
@Guido Gallenkamp:
Alles klar, mir war im Übrigen auch nicht bewußte, dass es ein Wettbewerb der Songschreiber und -Komponisten ist. Aber egal.
Finde es auch komisch, das diese nicht weiter gewürdigt und vorgestellt werden.
Aber in diesem FAlle (und wie erwähnt, ich habe das Stückchen in zwei Varianten gehört) hat erst die Interpretin daraus etwas etwas ungewöhnlicheres gemacht.
Auch bei Bands ist nicht immer der Sänger der Autor, egal.
Ich habe mir im nachhinein mal die unterschiedlichen Stücke während ihres Castings bei Raab angehört und gesehen. Und ihre Songauswahl war schon recht eigen (bis hin zur Behauptung, das sie auf den Hinweis, doch ein bekannteres Stück zu nehmen gesagt hätte, “dann mache ich eben nicht mit.”)
Und das ist doch auch schon was, was sich ein Interpret aussucht und wie glaubwürdig es dann übertargen wird. Und ich muss sagen, sie hat den Stücken ihren Stil aufgedrückt.
Sie ist eben mal was anderes als die ewigen Ghettokids. Mit anderen Worten ich finde, das die Begeisterung mal die Richtige erwischt hat. Und der Hype, nun ja, der wird ja von anderen gemacht, die ihre eigenen Gründe haben. Und egal, wie es für sie weitergeht, vor einem halben Jahr war von all dem noch nichts zu ahnen.
Das ist mehr, als viele im ganzen Leben schaffen.
Nein, und ich hatte nie vor ihre Musik zu kaufen, aber schalte nun auch nicht gleich ab., wenn was von ihr laufen würde. Denn im Radio (beim einkaufen gehört) läuft wirklich ein Haufen Zeug, das ich kaum ertrage. Weinerliches plattes Gewimmer von Leuten, die sonst den Harten machen.
Aber ich gestehe zu, dass die Menschen körperlich unterschiedlich auf Stimmen reagieren. Beim mir ist es u.a. eine besondere Form der “Rockröhre”, die mir körperliche Schmerzen bereitet.
Schreib ich hier alles voll, oder?
Sehr interessanter Artikel, der über den Tellerrand hinaus schaut!
“Der Eurovision Song Contest war ein idealer Rahmen für diesen Schicksalstest. Noch lange vor der Olympiade 1972 und der WM 1974 war es der erste Groß-Event mit dem Deutschland in den Schoß der Weltgemeinschaft zurückkehrte. ”
? Ich bin ja kein Fußballspezialist, aber gab es nicht vorher noch eine erfolgreiche Weltmeisterschaft?
“Gleich der zweite Grand Prix d’Eurovision de la Chanson fand 1957 in Frankfurt am Main statt.”
? Beim ersten Mal nannte sich die Veranstaltung “Gran Premio Eurovisione della Canzone Europea”, beim zweiten Mal “Großer Preis der Eurovision”. “Grand Prix d’Eurovision de la Chanson” hieß sie nie.
Über den Rest kann man sich natürlich trefflich streiten – ich freue mich für Lena und hoffe, daß sie nicht vom Medienzirkus verheizt wird.
[...] erklärt uns gleich nochmal wie das eigentlich war – mit der Wende und Helmut Kohl. Das „Lena-Prinzip“ stellt demnach eine Art Vexierbild zur deutschen Mentalitätsgeschichtsschreibung dar: [...]
Hier am Ende der Welt in der Wueste von West Texas staune ich: Warum koennen die Deutschen ueberhaupt nicht singen ? Das war wieder eine “Horror Show” in Eurovision! Hier lernen die Tejanos das singen in der Schule: sehe youtube “mariachi halcon zapata high school” (Zapata/Texas, 12.140 Einwohner !)
Ich finde es super, dass wieder jemand aus Deutschland den Wettbewerb gewonnen hat. So wie ich hörte, bekam Lena keine einzige Stimme aus England. Tja was soll ich davon halten. Sie hat doch sogar in englischer Sprache gesungen.
@Tim Renner Kompliment (mal wieder) für diese herrliche Perspektive. Wie viele Kommentare zeigen, ist in D die analytische Betrachtung der Welt durch die Brille der Popkultur seit Mitte der 80er verloren gegangen :-)
ad 22: “Soll sie doch eine Sendung moderieren oder so. (…)” War gar nicht abwegig. :)
Internationale Wettbewerbe – und wie die Politik sie sich zu eigen macht.
Und Jogi Löw kriegt jetzt das Bundesverdienstkreuz.
Herzlichen Glückwunsch.
[...] Eine Meinung von Tim Renner bei carta.info [...]