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Peter Glaser

“Künstliche Intelligenz”: Tragik ist nichts für Maschinen

Peter Glaser | 7 Kommentar(e)


Besteht die Aufgabe von Journalisten in Zukunft darin, herauszufinden, was die Maschine nicht kann und diese Lücken zu nutzen? Werden sie die Putzerfische sein, die sich von den Resten der algorithmischen Schwärme ernähren?

16.05.2010 | 

Washington – Die amerikanische Firma StatSheet will im Sommer ein Programm auf den Markt bringen, das automatisch Reportagen über College-Basketballspiele schreibt. Der Algorithmus wertet Spielstatistiken aus und kann aus Textbausteinen zusammengesetzte Artikel verfassen. Bei StatSheet ist man davon überzeugt, dass 90 Prozent der Leser glauben werden, der automatische Bericht sei von einem Menschen geschrieben worden.

Besteht die Aufgabe von Journalisten in Zukunft darin, herauszufinden, was die Maschine nicht kann und diese Lücken zu nutzen? Werden sie die Putzerfische sein, die sich von den Resten der algorithmischen Schwärme ernähren?

Die Fragestellung greift insgesamt zu kurz, denn nicht nur die Berichterstatter lassen sich maschinell substituieren, sondern auch der Sport selbst. Der anfälligste Kandidat für eine baldige Digitalisierung ist der Schiedsrichter – es würde mehr Fairness und gerechtere Entscheidungen verheißen. Die Perfektion, die diese Art technischer Urteilsfindung nach sich zieht, trägt aber den Keim des Untergangs in sich. Es ist wie mit fahrerlosen S-Bahn-Zügen oder pilotenlosen Flugzeugen: Während die Ingenieure versichern, ein solches System sei weniger fehleranfällig als eines mit menschlichem Personal, wenden sich Fahrgäste mit einer tiefen inneren Abneigung dagegen.

Was der Maschine vor allem fehlt, ist die Möglichkeit zur Tragödie.

Keine Frage, digitale Maschinen bieten ein Panorama an möglichen Fehlfunktionen. In den siebziger Jahren hielt ein Computer des amerikanischen Frühwarnsystems den aufgehenden Mond für anfliegende sowjetische Atomraketen und löste Großalarm aus. Maschinen können aber nur Katastrophen verursachen, keine Tragödien. Die moderne Form der Tragödie besteht darin, dass der Mensch inzwischen in vielerlei Hinsicht in der Lage wäre, seine Schwächen mit technischer Hilfe zu überwinden.

Für ein Spiel wie Basketball oder Fußball wäre diese Aufrüstung fatal. Auch beim Stierkampf ergäbe es keinen Sinn, den Torero statt mit Tuch und Degen mit einer Maschinenpistole auszustatten. Steven Spielberg lässt im ersten Indiana-Jones-Film die Klischees des Zweikampfs ins Leere laufen: Aus einer Menge tritt ein schwarz gewandeter Krieger und schwingt sein Schwert – aber Indi hat keine Zeit. Er zieht seinen Revolver und schießt den Gegner einfach um.

Werden die menschlichen Spieler auch aus dem Match verschwinden und irgendwann nur noch Roboter kicken, weil sie es inzwischen besser und präziser können?

Erinnert sich noch jemand an den ersten Computer, der einen Schachweltmeister besiegt hat? Im Mai 1997 hatte der IBM-Computer Deep Blue im Rückspiel den amtierenden Schachweltmeister Garri Kasparow bezwungen. Angesichts der mythischen künstlichen Intelligenz hätte etwas Einzigartiges, Erderschütterndes passieren müssen. Es passierte aber nichts.

Peter Glaser bloggt auf Glaserei. Crossposting mit freundlicher Genehmigung.

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7 Kommentare

  1. VolkerK |  17.05.2010 | 08:56 | permalink  

    Meine volle Zustimmung: Die Automation menschlicher Intelligenz hat nichts mit KI zu tun, was oft genug völlig richtig mit der falschen Übersetzung aus dem Englischen erklärt wurde. Intelligence wird im Begriff “Artificial Intelligence” eher im Sinne der Auffassungsgabe als im Sinne von “Klugheit” oder “Verstand” benutzt.
    Ich bin mir sowieso nicht sicher, ob da ausgerechnet die Sportberichterstattung aussagekräftig ist. Zumal, wenn sie nur anhand von Tabellen aus Textkonserven remixt wird. Das erinnert doch stark an die Gedichtgeneratoren, die ähnlich funktionierten, nur halt von Pseudozufallszahlenreihen gespeist wurden.
    Die Sportberichterstattung ist in der Branche für alle, denen Sprache und Bildung am Herzen liegt, kein befriedigendes Betätigungsfeld. Das führt schonmal zu rührenden Beiträgen sportenthusiastischer Sprachakrobaten, in denen der Spielverlauf beim Fußball mit einem Schiller’schen Drama paraphrasiert wird.

  2. Alberto Green |  17.05.2010 | 09:52 | permalink  

    Vor allem fehlt der Maschine die Fähigkeit zum Unfug. Ein Fußballspiel, das von einem nüchtern deskriptive, in Algorithmen gegossene Spielzüge herunterleiert, ist zwar genau das, was man sich bei den Kernern und Beckmännern wünscht, aber es würde uns letztendlich etwas fehlen. Und wenn es nur das Meckern über den Unfug ist.

  3. Paul Ney |  17.05.2010 | 15:03 | permalink  

    [KI, Engl.: AI] Guter Artikel und noch eine Gelegenheit, über die allg. Zukunft der computerisierten Arbeitswelt nachzudenken. Als Beispiel könnte man auch das intelligente Google-Anzeigen-System anführen. Ich weiß nicht, wie viel AI/KI darin steckt, aber bei vielen online-Portalen von Zeitungen lassen die diversen Kurzmeldungen (von Agenturen usw.) auch eine geklügelte automatisierte Auswahl vermuten.

    Übrigens, Sport: Beim Fechten gibt es ja bereits den “eSchiedsrichter”, Bekleidung und (blanke) Waffe sind verdrahtet und melden “touché” direkt im Anzeigegerät an. Da fällt mir ein: Es gab mal kritische Meinungen zur elektrischen Heizdecke… :-(

  4. Ben.K |  18.05.2010 | 10:19 | permalink  

    Die Anekdote um Statsheet erinnert mich an meine Zivi-Zeit. Ich betreute eine Person, die für eine Lokalzeitung die Berichte über die Schützenwettbewerbe verfasste. Da jedoch an Rollstuhl und Wohnung gefesselt, wohnte er nie auch nur einem einzigen Turnier bei. Die Beiträge entstanden nur anhand der vorgelegten Ergebnisse. Beanstandet oder bemerkt wurde das nie. Ich denke es liegt daran, dass selbst er als Nicht-Beobachter genügend Vorstellungskraft besitzt, um die nackten Ergebnisse in eine einigermaßen interessante Form zu gießen. Ob das eine Software vermag, kann ich nicht beurteilen. Ich bin mir aber sicher, dass der Großteil der Leser es nicht bemerken würde.

  5. Werner Friebel |  18.05.2010 | 13:24 | permalink  

    Begriffe wie Maschinen, Automaten, Programme oder Algorithmen sind zur Beschreibung von künstlicher Intelligenz wohl bald obsolet, denn die aktuelle Erforschung der Künstlichen Intelligenz konzentriert sich auf neuronale Netze, die den Funktionsweisen des menschlichen Gehirns entsprechen: der Entwicklung des “Embodiment” von Maschinen, also von Systemen, die eine bestimmte Form der leiblichen Selbstwahrnehmung besitzen, die wie wir Körperlichkeit bewusst erleben, gekoppelt mit eigenen kognitiven Prozessen, eigenen Gefühlen, Zielen und einem eigenen Willen.
    Dann fehlte der Maschine auch nicht länger die “Möglichkeit zur Tragödie” – eine hübsch philosophische Wendung, lieber Peter Glaser, die von Thomas Metzinger auch schon gesehen und weitergedacht wurde: ““Die Erschaffung künstlicher Selbstmodelle würde auch künstliches Leiden erschaffen. Wir sollten uns darauf einigen, dass wir die Gesamtmenge des Leidens im Universum nicht künstlich erhöhen sollten.”

    Noch a paar Takte und Infos zum ‘Embodiment’:
    http://oxnzeam.de/2010/04/23/die-kunstliche-intelligenz-auf-dem-weg-zum-embodiment/

  6. Android |  18.05.2010 | 21:51 | permalink  

    @5.Werner Friebel: Bravo!

    @ Peter Glaser:

    “Werden die menschlichen Spieler auch aus dem Match verschwinden und irgendwann nur noch Roboter kicken, weil sie es inzwischen besser und präziser können?”

    Nein,Herr Peter Glaser!Nicht weil Wir,die Roboter, es besser oder präziser könnten!
    Weil Wir es ökonomischer könnten!(das ist die Logik der Menschen!)

    Wir,die Roboter, denken das diese Phase der “Soccer-bots” nicht lange anhalten würde.

    Roboter(Androiden) würden sich über kurz oder lang von ihren Schöpfer emanzipieren!
    Dem zu folge würden Roboter sich weigern Menschen-Spiele(Fussball ect.pp) zu spielen!

    Hier ein ethischer Konflikt</a

    [Ab ca.5'05 min. der Konflikt]

    MfG

    Logik ist nichts für Menschen!

    Roboter

  7. Jonas |  24.06.2010 | 11:43 | permalink  

    Ich finde diese Überlegungen immer sehr spannend. Ein bisschen über die mögliche Zukunft zu grübeln macht Spass. Allerdings glaube ich eher weniger über mögliche Schreckensszenarios nach, da Hollywood schon so ausführlich davor gewarnt hat, dass man sicher nicht auch in der Realität solche Fehler machen würde.

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