Stefan Heidenreich | 10 Kommentar(e)
Die Hinweise darauf, was den Dow Jones am Donnerstag zu Fall brachte, verdichten sich. Offenbar war das plötzliche Aussetzen des computergenerierten High-Frequency-Handels verantwortlich. Die Standfestigkeit der Märkte steht damit einmal mehr in Zweifel.
10.05.2010 |
Die US-Börsenbetreiber werden heute der Aufsicht SEC Fragen zu beantworten haben, morgen gibt es eine Anhörung beim Kongress, meldet Reuters. Noch herrscht keine Klarheit, aber die Hinweise verdichten sich, dass weder ein Vertipper noch die Euro-Krise den 15-minütigen freien Fall der Kurse verursacht haben.
Der Grund scheint in den elektronischen Handelssystemen zu liegen, und genauer gesagt, in derem überraschenden Abschalten, wie bereits hier vermutet. Die NY Times schreibt:
That could mean that the computers first flooded the market with sell orders that could not be matched with buyers. Then, just as quickly, many of these networks withdrew from trading.
Eine entscheidende Bruchstelle lag offenbar darin, dass sich verschiedene Handelsnetzwerke zu verschiedenen Zeiten zurückzogen, was die eigentlich vorgesehenen Notfall-Verlangsamungs-Schranken aushebelte.
Naked Capitalism dokumentiert eine ausführliche Analyse eines Händlers vor Ort. Vor dem Crash wurde bei sehr hohem Volumen und fallenden Kursen gehandelt. Damit wurden weitere Verkaufsorders aufgelöst. Über die Klippe fällt das System erst, als sich die High-Frequency Trader (HFT) plötzlich zurückziehen, so der anonyme Händler:
Bids disappeared, spreads blew out, and no one was trading except a handful of orphaned algo orders, stop sell orders, and maybe a few opportunists who had loaded up the order book with low ball bids (“just in case”). High frequency accounts and electronic market makers were, by all accounts, nowhere to be found.
Damit fehlte am Markt die Liquidität, das heißt Verkaufsorders fanden keine entsprechenden Käufer und fielen ins Bodenlose. Dieser Fall wiederum war offenbar nur möglich, weil viele Trader keine Limits gesetzt hatten, in der Annahme, der computergestützte Handel würde jederzeit genügend Liquidität zur Verfügung stellen. Tatsächlich wird das auch immer als Argument für die Vorteile des Rechnerhandels angeführt. Nur im Unterschied zum herkömmlichen Spezialisten, der am Markt die Aufgabe hat, für einen liquiden Handel zu sorgen, handeln HFT-Programme allein zum Wohl der Großbanken und scheren sich einen Teufel um das Funktionieren des Marktes.



schirrmacher hat recht!!
ein auszug aus der heutigen böz… sie verzeihen mir meine zitate im regelfall.^^
Börsen-Zeitung, 12.5.2010 Im Wirtschafts-Bestseller “Der Schwarze Schwan” warnte Nassim Nicholas Taleb vor unerwarteten, verheerenden Ereignissen, doch nun könnte er selbst zu einem solchen beigetragen haben. Es wird vermutet, dass der von ihm beratene Hedgefonds Universa Investments eine Mitschuld am überraschenden Einbruch des Index Dow Jones Industrial Average trug, der am Donnerstag vergangener Woche kurzfristig fast 1 000 Punkte verlor. US-Medienberichten zufolge platzierte der Universa-Fonds etwa 20 Minuten vor dem Crash eine 7,5 Mill. Dollar schwere Wette auf Aktienkursverluste. Mit 50 000 Optionen spekulierte er darauf, dass der S & P 500 bis Juni um etwa 30 % auf 800 Punkte abstürzen würde. Dieses Volumen gilt zwar nicht als außerordentlich groß, doch zusammen mit Kursrückgängen im früheren Tagesverlauf – die unter anderem auf die Furcht der Marktteilnehmer vor einem griechischen Staatsbankrott zurückgeführt wurden – könnte es einen Massenexodus aus Dividendentiteln ausgelöst haben. Automatisierte Handelssysteme interpretierten die Kursentwicklung vermutlich als Signal, ebenfalls Verkaufsorders zu platzieren, um sich gegen mögliche weitere Verluste abzusichern. Universa weist die Vermutungen, Hauptauslöser des Sturzes gewesen zu sein, allerdings vehement zurück.
die auflösung:
DOW-Absturz Terminkontrakte waren Auslöser >> http://is.gd/c6bT8
[...] Donnerstag Crash: Hinweise auf Ursache verdichten sich — CARTA [...]
@mh
danke! das macht sinn. und passt gut zum rest.
sh
The Black Swan Returns
http://www.cnbc.com/id/15840232?video=1492023574&play=1
@mh
lustiges interview. danke!
“i have no idea about thursdays events.” sagt er und: “rise of complextiy coupled with a rise of debt.” dann redet er über kredit. wichtiges thema, hat aber wenig mit donnerstag zu tun.
super interessant, minute 10:10: “The black swan depends on the observer. for some it might have been a grey swan or a white swan.” also genau das, was zu erwarten war.
mir hat die “schwarzer schwan”-these nie gefallen. sie kam den investoren, die 2008 übers ohr gehauen wurden, als ausrede grade recht und war deshalb so beliebt. es zeigt sich ja jetzt, dass die banken genau auf den fall am amerikanischen häusermarkt gewettet haben, während sie gleichzeitig investoren ins sinkende boot holten – es handelte sich also für die Gold- und Ackermänner ganz und gar nicht um einen “schwarzen schwan”.
auch im fall des “flash-crash” würde ich eher nach strukturellen ursachen suchen. dabei ist mir die die rolle der “dark pools” aufgefallen, die nur deshalb so grosse marktanteile haben, weil institutionelle trader nicht mehr gewillt sind, die nachteile des HFT an den normalen märkten hinzunehmen. (dark pool ist keine namensgebung von verschwörungs-spinnern, sondern eine halb-amtliche bezeichnung für diese märkte.)
das werde ich mir bei gelegenheit mal genauer ansehen …
sh
große pakete platziert man nunmal lieber anonym.
mfg
mh
@mh
Die Futures scheinen es nach dem Bericht der CSI-Chicago, wo sie gehandelt werden nicht gewesen zu sein. Sie haben den MArkt offenbar eher stabilisert.
“Conclusion? HFT and futures are innocent.”
kommentiert.
http://ftalphaville.ft.com/blog/2010/05/14/231601/csi-chicago/
Auch die HFT-Trades haben offenbar zum Stabilisierung beitragen. Nachdem sie wieder loslegten. Leider nichts dazu, ob der temporäre Ausfal eines Teils des HFT-Trading & das Ausweichen auf andere Märkte war. Ich würde bei der Vermutung bleiben. Aber die Lage wird komplizierter…
sh
jett ist es eine hedgingstrategie…
http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,695123,00.html