Stefan Heidenreich | 15 Kommentar(e)
Die Börse stand am Donnerstag unter Schock. Schuld daran war offenbar der Ausfall des computergestützten Hochfrequenz-Handels.
08.05.2010 |
Die deutschsprachige Presse hat bis jetzt kaum befriedigende Erklärungen für den Börsenschock vom Donnnerstag gegeben. Die FTD spricht von bizarren Ausschlägen, das Handelsblatt gibt sich gänzlich ahnungslos und titelt, dass der Crash aus dem Nichts kam. Die FAZ macht immerhin auf Computer-Trading als mögliche Ursache aufmerksam, scheint aber die Gründe ganz falsch zu sehen.
Schuld am Crash hatte offenbar nicht der Einsatz, sondern im Gegenteil das Abschalten des computergestützten Hochfrequenz-Handels. Jedenfalls wenn man dem Blog Zerohedge folgen will, wo Tyler Durden die Ereignisse einigermaßen plausibel erklärt. (Ich frage mich immer, ob die Leute in den Wirtschaftsredaktionen das nicht lesen, nicht verstehen wollen oder können, oder es nicht schreiben, weil es ihnen zu kompliziert ist.)
Sein Kommentar vom Donnerstag sucht die Ursache im Abstellen der High-Frequency-Trades und der dadurch ausgebliebenen Liquidität. Diese Handelssysteme machen etwas ganz anderes, als uns die FAZ mit ihrer Zwischenüberschrift “Die Hochfrequenztrader schlagen zu, bevor andere die Trades auch nur erahnen” erzählt. Blödsinn. Die Hochfrequenz-Trades leben von zeitnahen Rohdaten, die sie direkt von den Börsen kaufen. Dabei nutzen sie die Differenz zwischen Angebots- und Nachfrage-Preisen aus (nicht die einzige Strategie, aber doch verbreitetste. Wie der Betrug am normalen Aktienkäufer im Detail funktioniert, hat Karl Denninger auf SeekingAlpha beschrieben.)
Einmal mehr steht hier die Bank Goldmann-Sachs im Zentrum, die sich in New York beinahe ein Monopol auf die schnellen Trades gesichert hat, die weit mehr als die Hälfte aller Order ausmachen. Offenbar wurden nach zu starken Kursbewegungen am frühen Nachmittag die Programme ausgesetzt, die normalerweise den Markt machen, indem sie immer genügend Ware, also Aktien zum Kauf oder Verkauf anbieten. Dadurch ergab sich ein Überhang von Angeboten, die durch das Fernbleiben des Computerhandels keine Abnehmer mehr fanden. Und die Kurse brachen mit historisch nie gesehener Geschwindigkeit ein.
Soweit eine grobe Zusammenfassung der wahrscheinlichsten Ursache. Ich werde es ein wenig verfolgen und genaueres melden, sobald sich mehr herausstellt.
Ein erstes Fazit könnte lauten: die Börse hat sich an den Hochfrequenz-Computerhandel so gewöhnt, dass sie ohne ihn nicht mehr ordnungsgemäß funktioniert. So viel fürs Erste entgegen aller Theorie zur Praxis effizienter Märkte.



Sehr spannender Ansatz sollte im Auge behalten.
Musste man das Aussetzen des Hochfrequenzhandels nicht an einem niedrigeren Handelsvolumen an dem Tag erkennen?
Das sollte doch öffentlich sein – zur Transparenz der Märkte…
Interessant, auch was in Klammern gesetzt wurde.
Ohne PC setzt es aus. Dann bitte komplett aussetzen – den Handel. Handeln ohne Hirn und gute Software ist wie Zocken mit gezinkten Karten eines Mitspielers. Zockertricks haben einige drauf und verdienen (?) Milliarden.
Regulierung ist angesagt. Aber bitte schnell. Es ist immer wieder erstaunlich, wie vorausschauend Politiker handeln, SPON von heute: http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,693713,00.html
“Es ist immer wieder erstaunlich, wie vorausschauend Politiker handeln,…”
Klarstellung: Das war ironisch gemeint.
ich finde es immer bedenklich, wenn erst die medien gebasht werden und dann selbst eine ungenügende erklärung geliefert wird.
was hier nicht erwähnt wird ist:
- der aktienhandel wurde teilweise ausgesetzt .. volaunterbrechung
- in der folge wurde über alternative plattformen verkauft, die wenig umsätze hatten und entsprechend miese kurse stellten
- zerohedge neigt zu verschwörungstheorien
- die “fat finger”-theorie ist noch nicht aus dem spiel
- die umsätze an der nyse waren zum zeitpunkt des crashs weit über normalmaß. genauer gesagt: 140% über dem gleitenden durchschnitt .. das spricht gegen fehlende liquidität im handel
- handelsprogramme beschleunigen kursbewegungen. wenn erstmal diverse widerstandslinien fallen, dann gibt es nur noch einen weg.
- dass noch genügend handelsprogramme aktiv waren zeigt übrigens auch der verlauf des verfalls .. er ging so ziemlich genau zum charttechnisch möglichen und ab da wurde wie blöde gekauft und die anschlusskäufe waren ebenfalls vorhanden.
mfg
mh
@mh: Danke, sehr interessante Einwände – da muss der Autor jetzt ran.
lässt eigentlich nur mich der Name “Tyler Durden” an der Seriösität des genannten Blogs zweifeln? Oder ist das der Deckmantel der Anonymität?
@mh @egeck:
Stimmt schon, niemand mit dem Nickname Tyler Durden setzt einen offiziellen Untersuchungsbericht ab. Sollten wir mit Blog-Posts lieber warten, bis er rauskommt? 2011 oder so? Dass das nur den Status einer begründeten Vermutung hat, will ich gar nicht bestreiten. Trotzdem schein mir seine Erklärung von allen, die ich bisher gelesen habe, am ehesten als plausibel. Zumal mit Daten gut unterfüttert.
- das Verschwörungstheorie-Argument ist natürlich ein Totschlag-Hammer, der im übrigen auf Zerohedge nicht unbedingt zutrifft. Aber ich bin auch neugierig, was die “seriöseren” Blogs schreiben.
- die Fat-Finger Theorie ist ein Witz. Wenn die Börsen kein MIttel gegen Vertipper hätten, gäbs solche Crashs alle zwei Wochen.
- Natürlich schnellen bei solchen Bewegungen die Umsätze hoch. Und trotzdem hat die Liquidität, an die sich Marktteilnehmer dank des Computerhandels gewöhnt haben, gefehlt, um die Sell-Orders zu normalen Preisen zu bedienen.
- Die Sache mit den Handelsprogrammen und dem einen Weg stimmt natürlich so auch nicht. Wo die einen Positionen schließen, machen anderen welche auf – eins so halbautomatisch wie das andere. Wenn’s nicht so wäre, würden Aktien entweder Null oder Unendlich viel kosten.
- die sogenannte Chart-Technik halte ich nun wieder für einen Aberglauben, der nur als Self-fullfilling prophecy funktioniert.
- Welche Computertrades zu welchem Zeitpunkt auf welcher Plattform abgestellt wurden, und welche weiter gehandelt haben .. das muss sicher im Einzelnen untersucht werden und auf die Ergebnisse bin ich auch neugierig.
Grüsse,
Stefan
fakt ist, dass der vorfall bisher ungeklärt ist. alles was man darüber schreiben kann, ist somit spekulation.
ebenfalls fakt ist, dass es bereits diverse kursabstürze wegen fehleingaben gab und diese bei den amis dann unter “human error” laufen. d.h. pech gehabt. in deutschland ist das alles etwas anders, da wird gerne mal storniert… bevorzugt dann, wenn makler einen fehler machen.
obs nun umbedingt die 16b statt 16m waren .. darüber kann gerätselt werden. auch wenn es manchem als abwegig erscheint, es gibt durchaus händler mit so nem limit… also keinem. was auch technisch bedingt ist, denn zu einem handelslimit gehören dann auch immer die eingegeben orders in verschiedenen werten und das sprengt schnell mal einen vermeintlich vernüftigen rahmen .. auch wenn solche orders nicht ausgeführt würden.
“- die sogenannte Chart-Technik halte ich nun wieder für einen Aberglauben, der nur als Self-fullfilling prophecy funktioniert.”
soviel zum thema totschlagargumente. fakt ist, diesbezüglich, dass der us-handel extrem technikaffin ist und handelsprogramme oftmals ihre grundlage im chart haben. dies auf dem mathematischen umweg der kurs- und tickanalyse .. ein chart ist simplerweise ja nur eine visualisierte darstellung dieses verhaltens, im sinne ausgeführter orders. die arbitrageprogramme kümmert solcherlei natürlich weniger.
“- das Verschwörungstheorie-Argument ist natürlich ein Totschlag-Hammer, der im übrigen auf Zerohedge nicht unbedingt zutrifft. Aber ich bin auch neugierig, was die “seriöseren” Blogs schreiben.”
ich schreibe zur zeit gar nix darüber, da ich mich seriöserweise darauf beschränken müsste die fakten zusammenzutragen und daraus ein szeanrio nach dem muster zu entwickeln: “am wahrscheinlichsten ist …” .. tatsächlich hilft das niemanden weiter, was am wahrscheinlichsten passiert. es gibt zur zeit keine antwort.
eine antwort gibt es lediglich in bezug auf das marktverhalten: wenn die kurse fallen, wird verkauft und wenn das am primärmarkt nicht geht, dann eben über die nebenmärkte. es ist und bleibt das ziel jeden händlers, in solchen momenten, das risiko raus zu nehmen. das die gegenbewegung mitgezockt wird, steht dann auf einem anderen blatt papier.
“- Natürlich schnellen bei solchen Bewegungen die Umsätze hoch. Und trotzdem hat die Liquidität, an die sich Marktteilnehmer dank des Computerhandels gewöhnt haben, gefehlt, um die Sell-Orders zu normalen Preisen zu bedienen.”
die kauforders haben gefehlt. das unter liquidität abzutun… nunja. und ja, wenn die kurse fallen, dann gehen die kauforders aus dem markt und das beschleunigt den kursverfall. da ist das handeln der systeme nicht anders als das der menschen.. da wird einfach alles markiert und deaktiviert. va dann, wenn absolut unklar ist, was gerade passiert. es gab schlichtweg keine news, auf deren basis man die lage hätte einschätzen können.
zugleich gab es aber auch handelsunterbrechungen in einzelnen werten .. daher das ausweichen auf die nebenmärkte, die dann immerhin noch verkaufskurse angeboten haben. ob gut oder schlecht .. sag ich mal ganz frei .. ist in solchen momenten scheissegal.
das marktverhalten ist als normal anzusehen. der auslöser… das ist die große frage. diesbezüglich sind wir aber auch kein stück weitergekommen.
mfg
mh
@mh
vielleicht gilt ja David White auf Seeking Alpha als eine seriösere Quelle. Er bestätigt meine Vermutung.
http://seekingalpha.com/article/203606-one-theory-about-what-happened-in-thursday-s-market?source=hp_wc
“What is more likely is that HFT traders turned off their programs, which usually pushes the market to the up side, in order to avoid losses. This caused a problem because the liquidity was no longer there. This meant that bid prices could fall quickly and dramatically. They did.
Of course, HFT traders started to turn their programs back on when they realized people would soon be bargain hunting. I am sure most made tons of money quickly as the market quickly pushed back up hundreds of points.”
Er tut’s im übrigen auch unter Liquidität ab …
Aber das kann man diskutieren. Wie den Rest auch. Ich sehe es als einen wirklich großen Vorteil von Blogs, Vermutungen äußern zu können, um sich dann über deren Stichhaltigkeit zu streiten. Macht Sinn.
Abgesehen davon: natürlich ist der Zacken nicht ein isoliertes Phänomen, das etwa durch Regulierung der HFT-Systeme zu beheben wäre. Im Hintergrund stehen systemische Risiken.
Schon eine Weile her, dass Trichet dazu gesprochen hat.
http://www.ecb.int/press/key/date/2009/html/sp091210_1.en.html
“Sizable amounts of debt relative to capital and short-term funding have more dramatic effects in situations of stress. For example, intermediaries’ losses can trigger “fire sales” of already largely illiquid assets”
Und der sollte als Quelle ja nun wirklich mit triple AAA geratet sein.
More to come.
Stefan
“vielleicht gilt ja David White auf Seeking Alpha als eine seriösere Quelle. Er bestätigt meine Vermutung. [..] Er tut’s im übrigen auch unter Liquidität ab …”
tut er nicht… zitierst du ja selbst
“This meant that bid prices could fall quickly and dramatically. They did.”
da sagt er das, was ich sagte:
“die kauforders haben gefehlt.” = bid prices
also ich bleib dabei, hier wird die wirkung mit der ursache verwechselt und die handelssysteme funktionieren da auch nicht anders als die menschen .. zumal die menschen die systeme dann teilweise abschalteten.
was will man denn da regulieren? als mensch stören mich die system absolut gar nicht… sie machen die märkte effizient, trends ausgeprägt … da ist der handel viel einfacher.
sie sind schneller… geschenkt. arbitrage, eh zu stressig und in den nebenmärkten ohnehin jederzeit machbar.
ein problem ist eher, dass sie kapital aus den nebenmärkten abziehen und damit die refinanzierungsfunktion der börsen ad absurdum führen. das thema hab ich hier aber nicht gesehen.
das ausgeprägtere trends nach oben ebenso ausgeprägt nach unten sind… klar. nach oben hin meckert trichet dann aber auch nicht mehr, das finden alle gut.
“Ich sehe es als einen wirklich großen Vorteil von Blogs, Vermutungen äußern zu können, um sich dann über deren Stichhaltigkeit zu streiten. Macht Sinn.”
alles eine frage des selbstanspruches. ich wills dir ja nicht nehmen… wirklich nicht. :P
mfg
mh
Die NZZ schreibt jetzt auch von fehlender Liquidität, aufgrund vom Rückzug des Computerhandels:
http://www.nzz.ch/nachrichten/wirtschaft/aktuell/waren_computer_schuld_am_crash_1.5665565.html
“Einige haben sich zudem ab einem gewissen Zeitpunkt aus dem Handel zurückgezogen. Aus Sicht des Investors war das sinnvoll, aus Sicht des Marktes war es fatal: So brach teilweise die Liquidität zusammen. Orders gingen ins Leere.”
Das nenne ich fehlende Liquidität, Seekingalpha auch und die NZZ auch. Ich glaube wir müssen das nicht weiter diskutieren.
Bestimmt warten viele gerne und mit bangem Herzen auf nächsten Monat, wenn die ersten Kommentare – gerne auch im Amtsblattstil – zu den wasserdichten Artikeln über den hochoffiziösen Untersuchungsbericht herauskommen.
Vielleicht sehen wir ja bis dahin die so wunderbar effizienten Märkte noch ein paar Mal rotieren. So haben alle ihre Vergnügen !
;-)
S
Fakt ist dass wir eine Götterdämmerung erleben !
Früher haben wir uns in der Asienkrise darüber gewundert, dass Spekulanten es schaffen ganze Länder in den Abgrund zu stossen.
Es hat seinerzeit die Länder mit schwachen Währungen erwischt.
Nun inzwischen wird seit Jahrzehnten von den Notenbanken massenhaft Liquidität in den Markt gepumpt, die allerdings häufig in der realen Wirtschaft nicht mehr ankommt. Sie geistert in immer giganischeren Summen rund um den Globus um einmal eine Blase hier und dann wieder eine andere Blase dort auszulösen.
Irgendwann platzt die Spekulation und die Kurse purzeln.
Inzwischen sind aber die Verschuldungen so angestiegen und die Märkte so kapitalstark dass diese sich auch vor Europa nicht mehr fürchten müssen.
Die Märkte werden den Kampf gewinnen. Aber in einem solchen Szenario ist doch Europa noch lange nicht das Ende der Fahnenstange. Schliesslich ist die Verschuldung der Amerikaner und Japaner doch mindestens genauso gravierend.
Was also passiert…. keiner weiss es mehr…. Am Ende werden die kleinen Leute wieder die Dummen sein.
Verschwörungstheorien hin oder her..
ja ich denke auch, dass wir das nicht weiter diskutieren brauchen, wenn du nicht den unterschied zwischen kauforders und umsatz verstehen willst. seeking alpha verstehts ja.. aber nicht mal das willst du verstehen.
der nzz artikel war übrigens schon veröffentlichtlicht, als du da oben noch zum bashing der deutschsprachigen presse angesetzt hast.
“Bestimmt warten viele gerne und mit bangem Herzen auf nächsten Monat, wenn die ersten Kommentare – gerne auch im Amtsblattstil – zu den wasserdichten Artikeln über den hochoffiziösen Untersuchungsbericht herauskommen.”
überflüssiger kommentar. würde ich dir in dem stil antworten, müsste ich zunächst feststellen, dass du keinerlei ahnung vom handel hast, dich schlussendlcih auf die berufst, die du vorher angezweifelst hast und nicht mal kapiert hast, dass ich die erste quelle nie angezweifelt habe, sondern lediglich ihren status kommentierte.
aber hey, zum glück waren wir fertig.
mfg
mh
ach eins noch ..
“My Crash: wie es zum Einbruch der Kurse kam”
hätte die überschrift nicht verkündet, dass man hier die absolute wahrheit und nichts als wahrheit findet, hätte ich mir tatsächlich nicht die mühe gemacht, diesen unsinn zu entlarven… bei dem zunächst alle anderen als doof bezeichnet werden.
mfg
mh
Stimmt, es hätte heissen müssen:
Einige plausbile Vermutungen darüber, wie es zum Einbruch der Kurse kam.
Mein Fehler, ich gelobe Besserung …
Hier noch eine Vermutung, die Sinn macht und in dieselbe Richtung geht:
http://paul.kedrosky.com/archives/2010/05/run_on_the_shad.html schreibt:
“For the first time we have large providers of this shadow liquidity, algorithms and high-frequency sorts, that individually account for large percentages of daily trading activity, and, at the same time, that can be turned off with a switch, or at an algorithmic whim. As a result, in market crises, when liquidity was always hardest to find, it now doesn’t just become hard to find, it disappears altogether.”
Unterdessen zirkulieren die erste Berichte der Börsenaufsicht, die das Ausweichen auf illiquide elektronische Handelsplätze verantwortlich machen, aber sie zirkulieren nicht öffentlich, deshalb auch nur Vermutungen auch bei http://www.bloomberg.com/apps/news?pid=20601087&sid=aRxPqkzPF3G8&pos=4