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Felix Neumann

Die Burka der Anderen

Felix Neumann | 19 Kommentar(e)


Ein Burkaverbot ist ein typischer Akt von Scheinpolitik: Anstatt dass an echten Lösungen gearbeitet wird, wird einfach etwas getan, was Handlungsfähigkeit und Entschlussfreude simuliert.

01.05.2010 | 

Belgien hat ein Burka-Verbot beschlossen, in vielen anderen europäischen Ländern kommt das Thema auch auf die Tagesordnung, und Silvana Koch-Mehrin macht sich für ein europäisches Burka-Verbot stark.

Eine Randerscheinung wird eine zentrale politische Frage: Das Schicksal des Abendlandes scheint am seidenen Faden von Gesichtsschleiern zu hängen. Die Debatte ist aber eine Stellvertreterdebatte: Vordergründig geht es um die Burka, hintergründig um »den« Islam. Vordergründig geht es um die Würde der Frau, hintergründig um eine abendländische Leitkultur. Vordergründig um liberale Werte – hintergründig um konservative Ausschlussmechanismen. Um die burkatragenden Frauen geht es zuletzt.

Dass sich ausgerechnet die Liberale Koch-Mehrin für ein Burkaverbot stark macht, ist umso unverständlicher. Ihre Argumente finden sich ähnlich auch bei den belgischen Befürwortern des Gesetzes. Laut Frankfurter Rundschau sagt sie: »Wer Frauen verhüllt, nimmt ihnen das Gesicht und damit ihre Persönlichkeit«, und »Die Burka ist ein massiver Angriff auf die Rechte der Frau, sie ist ein mobiles Gefängnis.«

Ich verstehe den religiösen Sinn der muslimischen Verschleierung nicht (auf Basis der heiligen Schriften im Islam noch weniger als die christliche), und ich verstehe den Sinn der Vollverschleierung noch weniger. Vollverschleierung ist für mich ein Ärgernis (dazu auch eine sehr gut begründete Position im Blog liberalprogressiv, die ich weitgehend teile): Gesellschaftlich scheint mir das sehr eindeutig eine misogyne Zielrichtung zu haben: Die Frau wird qua Geschlecht als sündhaft, verführerisch, als Objekt des Mannes und eigentlich nicht in die öffentliche Sphäre gehörig betrachtet. (Und andererseits gibt es genügend Frauen, die glaubhaft versichern, dass sie das freiwillig und sehr reflektiert tun, und ich kenne genügend katholische Ordensfrauen, die ihren Schleier selbstbewusst und stolz tragen.) Eng verknüpft mit einer gesellschaftlichen Begründung ist das Argument des Schamgefühls: Für mich als westlich geprägten Mann (der deutsche Saunen, Strände und Werbung im Spätprogramm von MTV kennt) wirkt es zwar seltsam, dass das Zeigen von Haaren schamhaft verhindert wird – aber will man kulturübergreifend einen Standard festlegen, was legitim schamhaft verborgen werden darf und was nicht? (Eine sehr koloniale Vorstellung: »Der Buschneger soll seine Blöße bedecken, die Frau vom Muselman ihr Haar entblößen.«) Schon daran sieht man: Burka per Basta zu verbieten ist eine unterkomplexe Reaktion.

Die feministische Argumentation für ein Burkaverbot scheint mir nur vorgeschoben, weil so politisch korrekt die Furcht vor dem Fremden zur Politik gemacht werden kann. Erstaunlich, wer plötzlich alles ein Interesse an Rechten für Frauen hat. (So wie die baden-württembergische CDU erst dann ein Interesse an Rechten von Homosexuellen hat, wenn man sie gegen Muslime ausspielen kann.) Hilal Sezgin schrieb dazu in der Süddeutschen:

[D]ie meisten deutschen Männer und Frauen [erkennen] ein Opfer des Patriarchats nur, wenn es unterm Kopftuch daherkommt; dann allerdings völlig unabhängig davon, ob dieses sich selbst als Opfer fühlt oder was an eigenen Gedanken in dem Kopf unterm Tuch vorgehen mag. Mit Kopftuchfrauen spricht man nicht, man bemitleidet sie einfach. […] Argumente des Feminismus als gesellschaftlich breit akzeptierte Benutzeroberfläche für die Abgrenzung eines “Wir” contra “die Fremden”.

Sezgin spricht hier auch an, dass die Debatte nur scheinbar mit feministischen Argumenten geführt wird: Die betroffenen Frauen sind zuallererst Objekt. Objekt der Debatte (anstatt dass versucht wird, sie selbst zu Wort kommen zu lassen), Objekt in den Argumenten (immer werden sie primär in Abhängigkeit von ihrem Mann dargestellt; sie verhüllen sich nicht, sie werden verhüllt).

Folgerichtig sind die Burkaträgerinnen auch Objekt in den Antworten auf die Frage, was daraus politisch folgen soll: Die Burka wird (meines Erachtens zurecht) als patriarchale Praxis erkannt. Die interessiert aber weniger als patriarchale als vielmehr als fremde kulturelle Praxis. Indem der Andere als das Andere schlechthin gekennzeichnet wird; und wenn eine Gruppe, eine Religion, so anders ist, dann kann man sie als Feind behandeln. Auf die Individuen kommt es dann gar nicht mehr an – wie Carl Schmitt (»Der Begriff des Politischen«) es beschreibt:

Feind ist […] nicht der Konkurrent oder der Gegner im allgemeinen, Feind ist auch nicht der private Gegner, den man unter Antipathiegefühlen haßt. Feind ist nur eine wenigstens eventuell, d. h. der realen Möglichkeit nach Gesamtheit von Menschen, die einer ebensolchen Gesamtheit gegenübersteht. Feind ist nur der öffentliche Feind, weil alles, was auf eine solche Gesamtheit von Menschen, insbesondere auf ein ganzes Volk Bezug hat, dadurch öffentlich wird.

Die Gruppe wird pauschal getroffen und damit die Ressentiments der eigenen Klientel bedient. Mit einem freiheitlichen Rechtsstaat freilich hat das nichts mehr zu tun: »Vielmehr müssen wir uns auf die Grundrechte besinnen, die unsere freie westliche Welt ausmachen. Auch wenn dies bedeutet, dass Menschen in unserem Land Dinge tun, die wir nicht verstehen oder gar ablehnen.«

Das verhindert nicht deutliche Kritik an der Vollverschleierung: Eine ernsthafte feministische Kritik müsste entsexualisierende wie sexualisierende Praktiken kritisieren aus einer Subjektperspektive: Scham wie Freizügigkeit sind völlig legitim. Die Frage ist Freiwilligkeit oder Zwang.

Burkaverbote sind nichts anderes als einfach eine andere fremdbestimmte Körperpolitik, mit symbolpolitischer Zielsetzung.

Mit Verboten kommt man dem Problem der Rolle der Frau im Islam nicht bei. Amnesty International kritisiert völlig zurecht:

“Far from upholding the rights of women, such a general ban would violate the rights of those who choose to wear full face veils, while doing little to protect those who do so against their will, who risk even greater confinement as a result. The obligation to combat discrimination cannot be fulfilled by imposing a measure that is itself discriminatory,” said John Dalhuisen.

Ein Burkaverbot ist ein typischer Akt von Scheinpolitik: Anstatt dass an echten Lösungen gearbeitet wird, wird einfach etwas getan, was Handlungsfähigkeit und Entschlussfreude simuliert. Naiv wird so getan, als ließe sich die Wirklichkeit etwas von Gesetzen vorschreiben. Antje Schrupp hat das auf den Punkt gebracht:

Die Alternative ist nicht: Entweder Gesetze dagegen machen oder Verständnis zeigen. Sondern die eigentliche politische Frage ist: Wie können wir dieses Verhältnis so gestalten, dass sich wirklich eine nachhaltige Verbesserung im Sinne eines guten Lebens für alle entwickeln kann?

Dazu müsste man diskutieren, wie man mit den Burkaträgerinnen und ihren Männern, Vätern und Brüdern ins Gespräch kommt, wie man gegebenenfalls dieses Sprachfähigkeit erst herstellt. Wie man mit diesen Frauen (und erst recht mit diesen Männern) durch Bildung, Inklusion, Freiräume eine Emanzipation von kulturellen Zwängen ermöglicht.

Aber das wäre ja Arbeit.

crosspost von fxneumann.de.

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19 Kommentare

  1. susann |  02.05.2010 | 10:06 | permalink  

    Ich werde das Gefühl nicht los, das bei der ganzen Burga-Debatte eigentlich nur eins im Vordergrund steht: die Vollverschleierung kann allgemein bei der Identifikation zu Problemen führen. Wer sich verhüllt, wird nicht erkannt.
    Das schmeckt denen da oben nicht, denn deren Ziel ist es doch endlich jeden identifizieren (und somit kontrollieren) zu können.

    Dass sehr viele Frauen aus religiösen Gründen ein Kopftuch oder eine Burga tragen und 100% damit hinter ihrem Glauben stehen, wird wegdiskutiert.
    Warum besagt die Religion: es ist besser deine weiblichen Vorzüge zu verschleiern, damit du die Männer nicht in Versuchung bringst und vom Glauben wegführst?
    Diese Frage wird dabei auch nicht offenherzig beleuchtet.

    Der Koran zwingt nicht zu solch einer Verschleierung, dass sollte doch mal langsam in den Köpfen ankommen. Die Frauen tun das für Gott und den Glauben (um eine “gute” Muslimen zu sein), nicht für die Bestimmung im Land oder gar der Männer selbst. Unterdrückt wird hier selten.

    Wer darüber entscheiden und diskutieren will, sollte vorher den Koran richtig gelesen und vor allem richtig verstanden haben.

    Aber wie oben schon eingeleitet, das eigentliche Thema ist ja eh ein Anderes.

  2. Paul Ney |  02.05.2010 | 13:34 | permalink  

    Wenn das “Burkaverbot” nur als Vermummungsverbot gemeint bzw. zu verstehen ist, dann frage ich mich über den Grund, Argumente zur Freiheit der Frau anzuführen. Im öffentlichem Raum will man die Mitmenschen ein bißchen einschätzen können, nach allg. Verständnis reicht dazu das Gesicht. Wann der Sitz einer vollverschleierten Person anzubieten sei, steht bei Knigge freilich nicht.

    Bei Wiki ist die Seite http://de.wikipedia.org/wiki/Burka in Hinsicht auf Belgien bereits aktualisiert. Nützliches ist auch auf den Seiten “../Burnus”, “../Habit” oder “../Kutte” zu lesen. (Übrigens, kürzlich ist eine Ehe geschieden worden, weil die Braut ein vollverschleierter Mann war.)

  3. noName |  02.05.2010 | 14:22 | permalink  

    Verbote sind schlecht. Sich von oben herab, von außen zum Thema Burka zu äußern, halte ich für problematisch. Mit wie vielen Burka-Trägerinnen hat sich Frau Koch-Mehrin unterhalten?

    Zugegeben, es ist befremdlich, wenn eine Frau mit Burka vor einem sitzt und aus ihrem Leben erzählt. Es gibt durchaus Frauen, die dies aus innerer Überzeugung – wie auch immer – tun und sich dennoch von Vorurteilen, die mit der Burka verbunden sind, freimachen. Ein reines Verbot der Burka trägt nicht zu einem versöhnlichen Verhältnis von westlichen und islamischen Lebensweisen in Europa bei.

    Die „Deutschen“ haben wenig Nachwuchs, bei unseren islamischen Mitbürgern ist das anders. Integrationspolitik funktioniert nicht mit Verboten. Verbote provozieren Konflikte. Das Posting endet mit vernünftigen Vorschlägen.

  4. Tharben |  02.05.2010 | 14:34 | permalink  

    Sieh mal einer an, Silvana Koch-Mehrin macht sich also für ein europäisches Burka-Verbot stark. In Sachen Rechtspopulismus steht sie ihrem Parteifreund Guido Westerwelle in nichts nach.

    Ich finde, das Etikett “liberal” der FDP anzudichten, ist als würde man auf einer Dreierpackung Glühbirnen, die EUR 10,- kostet, das Etikett “günstig” kleben, obwohl eine einzelne Birne beim selben Händler EUR 2,50 kostet.

  5. Felix Neumann |  02.05.2010 | 20:14 | permalink  

    @susann: »Wer darüber entscheiden und diskutieren will, sollte vorher den Koran richtig gelesen und vor allem richtig verstanden haben« – welche Instanz entscheidet denn, wie der Koran richtig gelesen und verstanden wird? Von Hadithen, verschiedenen Rechtsschulen und so weiter braucht man erst gar nicht anzufangen – ein »richtiges« Verständnis läßt sich nicht objektiv feststellen. (Zur hochkomplexen Textform des Korans, die noch erschwerend dazu kommt, war dieser Tage ein sehr interessanter Artikel in Gestalt einer Koranübersetzungsrezension in der FAZ.)

    Für das politische Handeln eines säkularen Staates hat die Binnendiskussion über Auslegung religiöser Schriften keine Rolle zu spielen – damit würde sich ein Staat eine Kompetenz anmaßen, die ihm nicht zusteht. (Deshalb ist es auch in der Diskussion um Minarette politisch nicht relevant, ob der Minarettbau eine religiöse Pflicht und Notwendigkeit ist.)

    In Sachen Vermummungsverbot stimme ich Paul Ney zu: Ginge es darum, hätten sich mildere Eingriffsmittel finden lassen. Zudem wurde das belgische Gesetz ja vorgeblich neutral als Vermummungsverbot verabschiedet (um wenigstens den Anschein eines allgemeinen Gesetzes zu wahren), diskutiert wurde es aber als Burkaverbot.

  6. Der Ruhrpilot | Ruhrbarone |  03.05.2010 | 11:06 | permalink  

    [...] Debatte: Die Burka der Anderen…Carta [...]

  7. Pragmatischer Blick auf ein Burka-Verbotsgesetz |  03.05.2010 | 11:30 | permalink  

    [...] weiterlesen: Antje Schrupp – Die Politik der Macht und die Notwendigkeit der Vermittlung Felix Neumann – Die Burka der anderen Jörg Lau – Warum ein Burkaverbot in Deutschland falsch wäre Ähnliche BeiträgeAngst [...]

  8. Ingo Vogelmann |  03.05.2010 | 11:37 | permalink  

    Man verzeihe mir den Vergleich: Ein Pferd (beispielsweise) in Gefangenschaft kehrt immer gern in seinen Stall zurück.

    Ich stehe immer auf der Seite von Toleranz, Offenheit und Vielfältigkeit. So lange das umgekehrt auch so ist. Sonst bekomme ich ein Problem.

  9. Hyperboreas |  03.05.2010 | 14:03 | permalink  

    @Susann:

    “Der Koran zwingt nicht zu solch einer Verschleierung, dass sollte doch mal langsam in den Köpfen ankommen.”
    Zu diesem leider viel zu häufig gebrauchten Argument zwei Anmerkungen:

    1. Ist das wirklich so? Wer entscheidet, welche Vorschriften sich dem Koran entnehmen lassen und welche nicht? In der islamischen Kultur gibt es eine über tausendjährige Tradition der Koran-Exegese mit unzähligen Schulen und Richtungen, die bei weitem nicht in allen Punkten einig sind. Worauf gründen Sie ihr Urteil? Die eigene Lektüre kann nicht die letzte Autorität sein; mit welchem Recht will man die jahrhundertelange Arbeit unzähliger Korangelehrter einfach wegwischen?

    2. Selbst wenn es stimmte: Der Islam ist nicht einfach gleich der Koran, genausowenig wie das Christentum die Bibel ist. Viele Menschen neigen heutzutage dazu, heilige Schriften wie das BGB zu behandeln und in allen Fragen immer darauf zu referieren. Aber Religionen sind nicht nur ihre Texte, sondern hochkomplexe Phänomene, in die sich Elemente aller Kulturbereiche einmischen. Auch wenn der Koran möglicherweise keine Verschleierung vorsieht (es läßt sich bestimmt leicht jemand finden, der das Gegenteil behaupten und begründen kann) – es gibt nun mal in der islamischen und arabischen Kultur eine Tradition der Verschleierung, die man nicht einfach ignorieren und als nicht-islamisch abtun kann.

    @Artikel
    Gut gesprochen, insbesondere die Bemerkung, daß die Konservativen die Rechte von Homosexuellen oder Frauen erst dann entdecken, wenn man damit gegen die Muslime angehen kann. Ich würde noch hinzufügen: und christliche Werte entdecken sie erst, wenn es darum geht, Kruzifixe in Schulen und kirchliche Privilegien zu schützen – aber wer hätte je etwas von “Liebet Eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen!” (Mt 5, 44) in der Afghanistan-Debatte gehört?

  10. Felix Neumann |  03.05.2010 | 14:46 | permalink  

    @Ingo Vogelmann: Diese Haltung teile ich. Nur bin ich nicht der Ansicht, daß daraus dann ein Verbot als sinnvollste politische Reaktion folgt. Zur Frage, ob es tatsächlich nur zwei Alternativen gibt, nämlich Verbot oder Verständnis zeigen, schreibt Antje Schrupp in dem Artikel, den ich oben bereits zitiert habe ausführlich.

    @Hyperboreas: Zu christlichen Werten und kirchlichen Privilegien habe ich in meinem Blog etwas geschrieben: Deutschland unterm Kreuz

  11. susann |  03.05.2010 | 18:08 | permalink  

    @Hyperboreas
    In Sure 2 Vers 256 heißt es “Es gibt keinen Zwang in der Religion …”.
    Man kann einen Menschen also nicht zu bestimmten Handlungen zwingen, auch wenn es seine Religion vorschreibt. Er muss es aus Überzeugung tun. Wenn er nicht vollkommen überzeugt ist und deswegen kein Kopftuch trägt, dann macht er es unter sich und Allah aus.
    Es wird als Pflicht vorgeschrieben, aber nicht erzwungen.

    Das ist das “…viel zu häufig gebrauchten Argument…” mit der Erklärung dazu.
    Ich hoffe, ihr wisst jetzt was ich meine.

    Ich selbst trage auch kein Kopftuch und muss mich später vor Allah “rechtfertigen”. Da kann weder ein Gestz oder ein Mensch an sich etwas daran ändern. Also gehört diese Einmischung auch nicht in die Hände von anderen Menschen.

  12. Hannes |  03.05.2010 | 19:00 | permalink  

    Danke für diesen Beitrag. Er hat mich dazu gebracht, das erste Mal online für Journalismus zu zahlen. Qualität hat eben immer einen Preis – auch wenn ich ihn selbst bestimmen kann.

    Grüße aus Frankfurt an die Redaktion,

    Hannes.

  13. Hyperboreas |  04.05.2010 | 09:36 | permalink  

    @Susann:
    Der zitierte Vers ist ein gutes Beispiel. So wie er da steht, könnte man ja meinen, er würde behaupten, daß in religiösen Fragen keinerlei Zwang ausgeübt werden darf. Wirft man aber einen Blick in die Kommentare, so liest man da z.B.:

    “Zwang ist unvereinbar mit dem Diin. Denn erstens ist die Diin abhängig vom Imaan und Willen und diese wären sinnlos, wenn sie dem Menschen aufgezwungen würden. Zweitens sind Wahrheit und Irrtum durch Allahs Barmherzigkeit so klar dargelegt worden, dass kein Zweifel über die Aqiida bei irgendeinem Menschen guten Willens zurückbleiben sollte. [...] (Juusuf ‘Allii)

    Das arabische Wort “Ad-Diin” ???????? bedeutet die Lebensweise. Hier bezieht es sich auf den Imaan, der im Vorangegangenen erwähnt wird. Dieser Aja besagt, dass der Imaan an den Islam und seine Lebensweise niemandem aufgezwungen wird. (Mauduudi)”

    Das legt eine ganz andere Deutung der Stelle dar, nämlich daß niemand gezwungen werden kann, sich zur islamischen Religion zu bekennen, sondern dies freiwillig tun muß. Von Kopftüchern im Speziellen ist da nicht die Rede und auch nicht ganz allgemein von Geboten innerhalb der Religion, sondern nur vom Eintritt in die Religion. Die Kommentartradition nötigt uns hier eine andere Lesart auf – ob das die “richtige” ist, ist natürlich eine andere Frage…

  14. Alien59 |  04.05.2010 | 12:02 | permalink  

    Danke für den Artikel. Vor allem auch dafür, dass gesehen wird, dass die verschleierten Frauen als Objekt behandelt werden – keine wurde gefragt, ob sie dieserart zwangsbeglückt werden will. Ich habe auch keinen der Befürworter eines Burka-Verbots je sagen hören, dass er/sie mal mit einer der Frauen geredet hätte.

    Im Gegensatz zu mir. Ich kenne etliche Frauen, die Vollverschleierung tragen – aber keine, die dazu gezwungen wäre. Ich persönlich trage sie nicht, wäre ich allerdings noch in Europa, würde ich das jetzt wohl schon aus Solidarität tun.

    Was oft nicht gesehen wird: es geht hier nicht um die religiöse Begründung oder nicht. Die geht, mit Verlaub, den Gesetzgeber nichts an. Hier geht es darum, dass per Gesetz ein Entblößungszwang verordnet werden soll.

    Für Deutschland wäre das, wie nun auch öffentlich festgestellt wurde, wohl verfassungswidrig:
    http://www.tagesspiegel.de/politik/burka-verbot-waere-verfassungswidrig/1813524.html;jsessionid=C7A93EAD91388E645AEDABB2E1381F40

    Interessanterweise gibt es mengenweise sogenannter “Liberaler”, die, wenn es um Rechte muslimischer Frauen geht, nicht auf die Idee kommen, vorher mal übers GG nachzudenken. Von Belgien und Frankreich will ich da gar nicht reden.

    Jedoch: der Hintersinn dieser Gesamtdiskussion ist eher ein anderer. Ablenkung von wichtigeren Problemen einerseits, langsame Gewöhnung der Muslime an Entrechtung andererseits. Leider lassen da die Reaktionen der muslimischen Community in meinen Augen zu wünschen übrig:
    http://alienineurope.wordpress.com/2010/04/30/burkaverbot-offener-brief-an-meine-muslimischen-geschwister/

  15. Ein Schuh für Schäuble » Kommentar zur Scheinpolitik | |  04.05.2010 | 17:21 | permalink  

    [...] Die Burka der Anderen [...]

  16. vera |  04.05.2010 | 21:26 | permalink  

    Mir fällt auf, daß (außer @Alien, von der ich es weiß) anscheinend niemand über die Konsequenzen einer derartigen Gesetzgebung nachdenkt.

    Die betroffenen Frauen werden damit gezwungen sein, im Haus zu bleiben. Unverschleiert auszugehen, käme für sie überhaupt nicht in Frage. Ganz abgesehen von ganz verschiedenen anderen Gründen, verlören viele Frauen damit auch einen Schutz, denn auch dafür kann eine Burka stehen.

    Mir jedenfalls wäre wohler, wenn mehr Burkaträgerinnen sich zu dem Thema äußerten und nicht die gesamte Debatte aus der ‘Draufsicht’ geführt würde.

    Übrigens interessiert mich eine ganz andere Frage brennend, die auch schon in verschiedenen Blättern gestellt wurde : Wenn das Gesetz auch in Frankreich durchgeht, wie sollen es die Ordnungshüter gegenüber shoppenden reichen Araberinnen durchsetzen, die beispielsweise in Paris oder Nizza kleine Vermögen ausgeben?

  17. Alien59 |  05.05.2010 | 08:14 | permalink  

    Opalkatze: die letztere Frage hat dazu geführt, dass man in der Schweiz trotz der Stimmung in der Bevölkerung dem Problem “Burka” recht zwiespältig gegenüber steht. Seit der Minarett-Frage ist der Ruf der Schweiz in arabischen Ländern ohnehin schon angekratzt, eine Verschleierungsverbot würde das noch verschlimmern – und die Schweiz tatsächlich am Portemonnaie zu treffen drohen.

    Auch in Paris, hörte ich, denkt man über diese Seite des Problems nach. In arabischen Medien wird für diesen Fall offen über Boykott nachgedacht – London ist auch schön zum shopping. Amman wiederum denke ich, würde profitieren – in den letzten Jahren nahm hier der Tourismus aus arabischen Ländern ohnehin zu, weil es die ständigen Schikanen bei der Visaerteilung spart, hierher zu reisen. Auch für den sog. Medizintourismus.
    Einige Länder Europas geben sich offensichtlich Mühe, auch für Geld nicht mehr anziehend zu sein.

    Was die Konsequenzen angeht, danke für deine Erwähnung. Tatsächlich gehe ich davon aus, dass solche Gesetze zu einer massiven Verschlechterung der Lebensqualität muslimischer Frauen mit Verschleierung führen würde – die meisten würden nur noch im äußersten Notfall das Haus verlassen, also auch auf nicht lebensnotwendige Arztbesuche verzichten. Mit darunter leiden würden Kinder, die nicht mehr von ihren Müttern begleitet werden könnten….

  18. Maedchenmannschaft » Blog Archive » Burka-Verbot in Belgien: Wer wird eigentlich bestraft? |  05.05.2010 | 10:18 | permalink  

    [...] seinem Kommentar fasst Felix Neumann treffend zusammen: Vordergründig geht es um die Burka, hintergründig um »den« Islam. [...]

  19. Alien59 |  20.05.2010 | 09:57 | permalink  

    Ein Nachtrag, der hoffentlich noch gelesen wird:
    In einem Artikel des Tagesanzeigers kommen schleiertragende Frauen zu Wort:
    “Das Gesetz stellt nicht wie angenommen Sicherheitsfragen, sondern die «Würde des Menschen» in den Mittelpunkt. Ob es damit unter Verfassungsgesichtspunkten angreifbarer wird, ist unklar. Die französische Regierung hat sich entschieden, einen Verfassungsverstoss zu riskieren, obwohl der Staatsrat bereits Ende März mahnte, dass ein vollständiges Verschleierungsverbot wahrscheinlich nicht durchgehen würde. In seiner abschliessenden Stellungnahme vorige Woche bekräftigte das Gremium der Tageszeitung «Le Figaro» zufolge seine ablehnende Meinung.

    Vollverschleierung ist im Islam nicht vorgeschrieben. Führende muslimische Persönlichkeiten warnen dennoch davor, dass ein Verbot alle Muslime unter Generalverdacht stellen könnte. Für Kritiker verstösst der Schleier gegen die Gleichberechtigung der Frau und gegen die säkularen Grundlagen des Staates, andere halten ihn für einen Wegbereiter des radikalen Islamismus.

    Die Frauen in der Runde weisen solche Argumente zurück. Ihre Würde werde nicht vom Staat diktiert, sie stellten keine terroristische Gefahr dar, und sie wollten ihre Religion ausüben können, wie sie es für richtig hielten. «Sie sagen, sie wollen uns befreien», sagt Drider. Aber «der Staat wird uns in die Abgeschiedenheit zwingen». Karima, Geschäftsfrau mit eigener Import-Export-Firma, trägt seit 16 Jahren einen Burka-ähnlichen Schleier. Das sei beinahe ihr halbes Leben lang, sagt sie: «Ich wüsste nicht mal, wie ich ihn ablegen sollte.» ”

    http://www.tagesanzeiger.ch/ausland/europa/Wir-sind-schon-jetzt-nicht-frei/story/23021966

    Am Besten ganz lesen….

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