Robin Meyer-Lucht

Kilz: Die Süddeutsche Zeitung sollte auch Beratung anbieten

Robin Meyer-Lucht | 11 Kommentar(e)


SZ-Chefredakteur Hans Werner Kilz mit einem überraschenden Vorschlag für zusätzliche qualitätsjournalistische Einnahmen: Beratung und Informationsdienste anbieten.

03.05.2010 | 

Stellen Sie sich vor, ein Blog-Betreiber würde folgendes sagen:

Unser journalistisches Geschäft soll in Zukunft auch als Rohstoff für neue Informationsdienstleistungen dienen. Wir wollen den Sachverstand unserer Autoren nicht nur journalistisch, sondern auch für Servicepakete nutzen, die wir an Geschäftskunden verkaufen. Wer in Zukunft einen wichtigen Vortrag zu halten hat, kann sich an uns wenden. Die Bekanntheit unseres Blogs bürgt für unsere Kompetenz.

Wie würde der Qualitätsjournalismus ein derartigen Hybridmodell aus Journalismus und Beratung kommentieren? Gut möglich, er würden den Blog-Betreiber als “Schelmenexperten” abkanzeln und vor der merkwürdigen Verquickung von selbstdarstellerischer Publizistik und selbsternannten Beratertum warnen.

Aber was passiert, wenn Sie oben statt Blog-Betreiber den Namen “Hans Werner Kilz” einsetzen? Der Chefredakteur der Süddeutschen Zeitung hat nämlich am vergangenen Montag seinem Haus sinngemäß vorgeschlagen, doch auch eine Beratungs- und Intelligence-Abteilung zu gründen – das Wall Street Journal habe ähnliches nämlich schon. Hier könnte ein neuer Geschäfts- und Erlöszweig für Qualitätsjournalismus entstehen.

Das wäre in der Tat ein Treppenwitz – wenn der beraterkrittelnde Qualitätsjournalismus plötzlich selbst eine Beraterzukunft für sich entdecken würde. Vielleicht sind Blogs doch viel näher an den zukünftigen Praktiken des Qualitätsjournalismus dran, als es sich dieser derzeit noch eingestehen möchte. Vielleicht eskaliert das Thema aber auch demnächst nach dem Motto: Journalisten sind keine Berater.

Kurzvideo mit der Passage aus dem Kilz-Auftritt am Institut für Medienpolitik:


(youtube)

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11 Kommentare

  1. Chris |  03.05.2010 | 12:36 | permalink  

    Wuerde mich da nicht so sehr freuen. Die graben naemlich den freien beratern das wasser ab. Die nyt hat es vorgemacht http://www.nytco.com/company/Innovation_and_Technology/ResearchandDevelopment.html
    Ich sehe schwarz. Die schicken ihre anzeigenbataillone in die maerkte.

  2. recipient |  03.05.2010 | 12:48 | permalink  

    Früher nannte man das PR. Und die wurde auch zumeist von Journalisten gemacht.
    Es war ja im Grunde nur eine Frage der Zeit, dass auch die Verlage selbst auf den Zug springen. Man sieht Herrn Kilz aber das Unbehagen an, mit dem er darüber spricht.

  3. noName |  03.05.2010 | 13:38 | permalink  

    Gar keine schlechte Idee. Würd’s nur etwas anders aufziehen…

  4. JF |  03.05.2010 | 21:52 | permalink  

    @ Chris: danke fuer diesen Hinweis.

    Um der sicherlich gerechtfertigten Skepsis gegenueber solchen
    “Modellen” noch nachzuhelfen, ein Blick auf die wirtschaftlichen Suenden
    der Medien, der NYT mit eingeschlossen ( Suenden der Vergangenheit
    die die Medien regelrecht romanhaft freilich jetzt einholen, insbes. in den USA):
    http://rinf.com/alt-news/media-news/where-was-media-when-sub-prime-disaster-unfolded/2854/

  5. egghat |  03.05.2010 | 22:48 | permalink  

    Hmmm, die Süddeutsche Zeitung, über die letzte Woche jemand schrieb, dass sie eine gute Zeitung sein könnte, wenn sie keinen Wirtschaftsteil hätte?

    http://www.spiegelfechter.com/wordpress/2507/worte-wie-schleichendes-gift

    Hmmm, ick wees nich …

    Und juristische Beratung? Ist in Deutschland auch schwierig, weil die Juristen darauf ein Monopol haben.

    Klar, den Journalisten als Sprecher buchen, der dann ein Thema vorträgt, geht. Aber das wird doch schon heute gemacht.

  6. Dirk Landau |  03.05.2010 | 23:42 | permalink  

    Kurze Wortklauberei:
    “selbsternannten Beratertum ” – Die die Berufsbezeichung “Berater” oder deren Pendant “Consultant” tragenden Menschen, sind sie nicht alle “selbsternannt”?

  7. Tim |  04.05.2010 | 09:53 | permalink  

    Das könnte für eine Reihe von Freiberuflern eine echte Konkurrenz werden. Der Markt sind Beratungs- und Text-Dienstleistungen auf einem überschaubaren fachlichen Niveau. Das Lumpenproleteriat der Berater und Kreativen, das die Freiberuflichkeit aus Mangel an Alternativen gewählt hat und nicht wegen die besseren Perspektiven die eine Selbstständigkeit dank ihrer Qualifikation, ihres Wissen und ihrer Erfahrung gegenüber einem Angestelltendasein ermöglicht.

    Bei diesen “Dienstleistungen auf bescheidenen Niveau” ist einiges an Effizienzreserven zu heben. Das fängt mit dem Zugang zu Datenbanken und Archiven an, geht über Knwledge Management und standardisierte Produkte, bis zu der leidlichen Frage der Termintreue.

    Ein Bereich, der für die grossen Beratungskonzerne und die spezialisierten Boutique-Beratungsagenturen nicht interessant ist.

  8. robin |  04.05.2010 | 11:30 | permalink  

    @ 6. Dirk Landau: Sicher, alle “selbsternannt”. Umso genuesslicher kann man das ggf. hervorheben…

  9. Frank Niederländer |  04.05.2010 | 18:08 | permalink  

    Ausgerechnet als Kommunikationsberater. Da muss die Not aber groß sein. Man sieht Herrn Kilz in der Tat das Unbehagen an … Andererseits – es geht doch eigentlich nur um den Verlust der Blauäugigkeit, die Anzeigenleiter und Geschäftsführer bei den großen überregionalen Titeln ihren Redaktionen bislang noch lassen konnten.

  10. vera |  04.05.2010 | 22:43 | permalink  

    Ist das nun ein Versuch, bereits in Teilen gängige Praxis nett verpackt zu verkaufen, oder ein weiterer Teil der Reihe ‘Wie bringen wir möglichst viele Gruppen gegen uns auf’?

  11. Wittkewitz |  05.05.2010 | 23:15 | permalink  

    Wenn die FAZ nicht das FAZ Institut hätte, wäre sie schon tot. Dort werden schniecke PR-Leute von schnieckeren PR-Leuten für schniecke Kohle über den Tisch gezogen. Da sind die vielen Nachahmer (private PR-Unis und private PR-Schulen) echte Schnäppchen. Insofern ist die SZ nur konsequent, wenn sie 15 Jahre später auch anfängt, den PR-beratern PR beizubringen. Wie entstehen noch mal die FAZ-Beilagen? #ähem Jedenfalls nicht wirklich auf dem festen Grundsätzen journalistischer Ethik. Oder machen das nicht mehr die Communications Consultants? Welche Agentur macht das denn jetzt? Irgendein kleines Journalistenbüro mit eingebauter Textschmiede?

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