Robin Meyer-Lucht | 32 Kommentar(e)
Wenig aus der Kritik gelernt: Beim ARD-Brennpunkt zu Griechenland dominierten wirre Expertenstatements und der Transport von Regierungspositionen.
26.04.2010 |
Anfang März stellten die Publizisten Wolfgang Storz und Hans-Jürgen Arlt Teilen des Wirtschaftsjournalismus hierzulande ein verheerendes Zeugnis aus. Der Wirtschaftsjournalismus komme regelmäßig seiner Aufklärungspflicht nicht nach, so das Ergebnis ihrer Studie für die gewerkschaftsnahe Otto Brenner Stiftung.
Storz und Arlt kritisierten neben der Nachrichtenagentur dpa insbesondere auch die Berichterstattung von ARD-Aktuell in Tagesschau und Tagesthemen. ARD-Aktuell habe “journalistisch sensationell schlecht” über die Wirtschaftskrise berichtet.
Anders als die dpa, die sich öffentlich gegen die Vorwürfe wehrte, hat die ARD bis heute zu den Studienergebnissen öffentlich keine Stellung bezogen. ARD-Hauptstadtstudiochef Ulrich Deppendorf ließ sich bei der Diskussionsveranstaltung zu den Studienthesen von seinem Chef vom Dienst Andreas Werner vertreten.
In der Hauptsache kommen Storz und Arlt in Bezug auf die ARD zu dem Schluss: “Die Beiträge bestehen oft aus einer Aneinanderreihung von Statements, so dass das Publikum mit inhaltlichen Widersprüchen alleine gelassen wird. Die Redaktion ist faktisch Transporteur von Statements, Pressemitteilungen und Redeausschnitten, aber selten journalistischer Verarbeiter und Orientierungs-Geber.” (Seite 133) Die ARD betreibe wenig “eigenständige journalistische Arbeit” und transportiere vornehmlich “die Positionen der Regierung” (Seite 134).
Wie zutreffend die Kritik von Storz/Arlt ist und wie wenig sich die ARD-Berichterstattung seit der Kritik verändert hat, war am vergangenen Freitag im zehnminütigen ARD-Brennpunkt “Ruiniert Griechenland Europa?” zu besichtigen. Immerhin: Die ARD sendete einen Brennpunkt zu diesem Finanzthema, während sie nach Zählung von Storz/Arlt in den beiden Jahren zuvor gerade einmal zwei Brennpunkte der Wirtschaftskrise gewidmet hatte.
Der Brennpunkt beginnt mit einem 2:30-Minuten-Stück von Marcus Bornheim, das leider keine “komplexen Sachverhalte klar darstellt” (vgl. hier), sondern eher eine notdürftig zusammengehaltene Aneinanderreihung von Statements und Fakten ist:

Enderlein: "Griechenland-Bankrott ist kaum zu vermeiden" – wie das zu verstehen ist, erklärt die ARD nicht.
Zu Beginn des Beitrags darf sich beispielhaft die exportorientierte bayrische (Bornheim wird vom BR bezahlt) Maschinenbaufirma Hawe – dank niedrigem Eurokurs – ein bisschen als Gewinner “der griechischen Tragödie” freuen. Anschließend erläutert Bornheim, dass die 8 Mrd. Euro an Griechenland als Kredit von der KfW kommen sollen.
Es folgt der Auftritt des Ökonomieprofessors Henrik Enderlein: “Ich gehe davon aus, dass ein griechischer Staatsbankrott kaum noch zu meiden ist.” Es geht weiter mit Ausführungen zu höheren Risikoaufschlägen auf deutsche Staatsanleihen. Der SPD-Haushaltsexperte Carsten Schneider erklärt, dies könne 3,5 bis 4 Mrd. Euro pro Jahr zusätzlich kosten. Schlussakkord Bornemann: “Die Kapitalmärkte haben mal wieder die besseren Nerven.”
Was der Otto-Normalzuschauer danach wohl verstanden hat? Gar nichts. Wie kann es sein, dass Enderlein prognostiziert, Griechenland werde wohl Bankrott gehen – und die KfW dem Land trotzdem Milliarden im Namen des Steuerzahlers gibt? Der Zuschauer bleibt mit diesem Widerspruch allein.
Welche Handlungsoptionen hat Deutschland? Welche Auswirkungen wären jeweils auf die Währungsunion zu erwarten? Wieviel Geld wird Griechenland insgesamt zur Überwindung der akuten Krise brauchen?
Der Zuschauer – er erfährt es nicht. Lediglich eine magere Kuchen-Infografik nutzt Bornheim. Der Autor flüchtet sich in so erkenntnisreiche Metapher-Kalauer, wie: “Der Ouzo hat an den Finanzmärkten einen faden Beigeschmack.”
Der Bornheim-Film ist ein verstörend treffsicheres Beispiel für den ersten zentralen Kritikpunkt von Storz und Arlt: Die ARD versendet Aneinanderreihungen von Statements, die wenig erklären und den Zuschauern mit unaufgelösten Widersprüchen alleine lassen. Kohärenz wird weitgehend nur mit Hilfe von Gestaltungsmitteln, wie Bildschnitt und Off-Kommentar, simuliert.
Es folgt ein Studio-Interview von Ulrich Deppendorf mit Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble, das sich mit Unterbrechungen über fast sechs Minuten zieht. Schäuble erhält ausgiebig Platz, um zu fordern, dass Griechenland den Stabilitätspakt nun wirklich ernst nehmen und sich an die Regeln halten müsse. Dann werde die Griechenland-Rettung auch “erfolgreich gelingen”.
Der Finanzminister verbreitet amtstüchtig die Kernbotschaft, es bestehe kein Grund zur Unruhe, die Regierung handele abgewogen, vernünftig und besonnen. Deppendorf ist dabei mindestens so sehr Adjutant wie kritischer Nachfrager.
Problematisch ist nicht so sehr, dass Schäuble hier weitgehend unwidersprochen mit seinen Botschaften durchkommt – obwohl Enderlein wenige Minuten zuvor das Gegenteil behaupten durfte. Journalistisch problematisch ist, dass die ARD zwei Drittel ihres Brennpunkts einem Regierungsvertreter einräumt, der qua Amt besänftigen muss und – um den Eurokurs nicht zu gefährden - wenig Klartext sprechen kann.
Durch das ausgiebige Schäuble-Interview bekommt der Brennpunkt eine Choreografie von:
Akt 1) Ein paar Fakten und Statements werden in einem kurzen Beitrag hin- und hergewirbelt.
Akt 2) Auftritt des Finanzministers, der erklärt, die Lage sei unter Kontrolle und Bedenken unbegründet.
Die Dramaturgie folgt der Systematik von Rauschen und Beruhigung. Erst kommt die Verwirrung, dann die konsensorientierte Schließung durch eine vertrauenswürdige Amtsperson.
Eine solche Dramaturgie bestätigt leider bestürzend deutlich den zweiten zentralen Kritikpunkt von Storz und Arlt: Die ARD transportiert die Positionen der Regierung häufig kommentar- und kritiklos. Die Regierungslesart bestimmt auch die ARD-Lesart der Dinge. Die Darstellung erfolgt wenig kontrovers – die Bandbreite möglicher Deutungsansätze wird nicht deutlich.
Es gibt im Griechenland-Brennpunkt kritische Nachfragen – aber offenbar vor allem zu dem Zweck, dass Schäuble sie entkräften kann. Der Minister hat – real wie symbolisch – das letzte Wort. Dabei muss man einem Minister nicht über den Mund fahren, man muss ihm aber nicht derart viel Platz in einer Informationssendung einräumen, die keine Interview-Sendung ist.
Im Ergebnis ist dieser ARD-Brennpunkt sehr nah dran an der offiziellen Interpretationsmaschinerie der Bundesregierung. Er findet keinen eigenen Standpunkt, er leistet keinen eigenen Aufklärungs- und Orientierungsbeitrag, sondern er gibt Wolfgang Schäuble eine Bühne für seine beschwichtigenden Botschaften. Ulrich Deppendorf sitzt daneben und spielt die Rolle des journalistischen Hofberichterstattungsonkels der Nation, der die journalistischen Defizite seiner Sendung kaum noch zu spüren scheint.
Eine orientierende Darstellung auf dem Komplexitätsniveau von: “Griechenland ist mit erheblicher Wahrscheinlichkeit nicht zu retten – aber es ist vorerst wohl das Beste, es trotzdem zu versuchen.” – Die ARD scheint damit und mit dem Aufgebot unterschiedlicher ökonomischer Experten überfordert.
Storz und Arlt schreiben in ihrer Studie von redaktionellen Praktiken bei der ARD, die “fachkundige Konsumenten in die Depression treiben” könnten (Seite 134).
Mir ist es beim ARD-Brennpunkt am Freitag so gegangen.






Hi,
mal ehrlich: Bei welchem Thema, ob es Umweltpolitik oder Steuerpolitik oder Gesundheitspolitik etc. ist, blickt denn ein Normalsterblicher noch durch? Egal zu welchem dieser Themen, es werden ständig Experten interviewt, mit teilweise diametralen Untersuchungsergebnissen, deren Aussagen gar nicht mehr nachzuvollziehen sind.
Das ist eben das Dilemma einer dermaßen komplexen Welt, denn jeder möchte über alles informiert sein, aber so richtig verstehen tut es keiner.
[...] April 2010 Verstanden? Gewusst? Während Frau Merkel selbst in der Beurteilung treuer Anhänger Schaden nimmt [...]
Trotzdem wäre es doch die Aufgabe solch einer Sendung, diametral entgegenstehende Aussagen einzuordnen und zu erklären. Nachdem ich den Brennpunkt auch angeschaut habe, bin ich erschüttert, dass die Einschätzung/harsche Kritik auch für mich als Laie so nachvollziehbar ist. Und gerade das Interview mit Schäuble hilft mE. überhaupt nicht.
Auch der Brennpunkt zur Vulkanaschewolke (lief glaube ich am 18.04.) war meiner Ansicht nach unterirdisch – überrascht mich also kein bisschen.
…mhmh, vielleicht haben die Macher und Gäste ja selber überhaupt keine Ahnung was nun wirklich los ist und wie es weiter geht?
Man kann ja nur das wirklich verständlich erklären, was man selber auch verstanden hat. Denke ich.
Bei Herrn Prof. Enderlein darf nicht außer Acht gelassen werden, dass er eine alleinige Lösung über den IWF präferierte – wie so viele andere Wirtschaftsfachleute. Mir stellt sich die Frage, ob nicht weiterhin eine Lösung über den IWF in Betracht kommt.
Herr Schäuble hatte kürzlich im heute-journal von einer „freiwilligen Beistandsleistung“ gesprochen. Die ZDF-Moderatorin war – anders als der Interviewer im obigen Brennpunkt – spitz und hakte kompetent nach.
Dann finde ich es auch immer wieder erstaunlich, dass in teuren ARD-Talkshows Journalisten von Stern und Bunte u.a. als Gäste eingeladen werden, die keine echten Experten sind. Muss Journalismus-Förderung hier betrieben werden?
Bei schwierigen Themen sind Experten zu hören! Neben Herrn Enderlein kommen beim Thema Griechenland Sinn, Homburg und Gerke u.a. als Fachleute in Betracht.
Die KfW war doch die Bank, die an Lehman in Kenntnis der Insolvenz noch 320.000,00 € überwiesen hatte. Welche Sicherheiten bekommt die KfW bei einer Kreditgewährung in Höhe von 8 Milliarden € an Griechenland? Abwegig sind Inseln als Sicherheit nicht. Allerdings ist das griechische Grundbruchrecht in keiner Weise so ausgereift wie das deutsche. Sicherungsvermerke sind dort ein Buch mit sieben Siegeln.
Warum wird nicht geprüft, inwieweit die Banken, die bei Nichtzahlung durch Griechenland ausfallen, wirtschaftlich getroffen werden? Die Gläubigerbanken sollten über Reserven verfügen, die sie einzusetzen haben – wie jeder andere Gläubiger, der sein Geld wegen Zahlungsunfähigkeit des Schuldners nicht bekommt. Es kann nicht sein, dass der Steuerzahler über die BRD eine fette Bürgschaft hergibt, bei denen keine hinreichenden Sicherheiten beim Kreditgeber vorliegen.
Herr Schäuble ist wenigstens so ehrlich und spricht von Haushaltskonsolidierung. Hier erwarte ich von Journalisten, dass nachgehakt wird, dass gefragt wird, welche Auswirkungen Einsparungen auf das Bildungs-, Gesundheitswesen etc. haben.
Die Bundesregierung darf nicht – wie bei der Bankenrettung – einen weiteren Schnellschuss unternehmen, der mittelbar wieder der Bankenrettung dient; unser eigenes Sozialsystem dabei aushölt.
Wie eingangs erwähnt, eine Lösung über den IWF ist immer noch drin – muss nur kompetent diskutiert werden.
Das war mal fällig. Um die Kritik konstruktiv zu ergänzen, einige Fragen, die die ARD-Kollegen das nächste mal stellen sollten, wenn sie Herrn Schäuble interviewen:
- Vergleichbar verschuldete Länder haben den Weg einer Umschuldung gewählt. Daran beteiligen sich Gläubiger mit Abschlägen auf ihre Forderungen. Warum ist das kein Weg für Griechenland? Welche Folgen hätte das für die Hypo Real State Bank und die Commerzbank AG? Welche Folgen für die französischen Banken und Versicherungen? Diktieren der deutsche und französische Egoismus den Plan für die Griechenlandrettung?
- George Soros hat erfolgreich gegen die Bank von England spekuliert. Das Vereinigte Königreich war damals ein gewichtigerer Akteur als Griechenland heute. Die Hedgefonds wetten auf ein Scheitern der Griechenlandpläne. Warum glauben Sie, dass diese Wetten nicht aufgehen? Wie wollen Sie der internationalen Währungsspekulation einen Riegel vorschieben?
- Die Zinsaufschläge für Spanien, Portugal und Irland haben sich seit letzter Woche deutlich erhöht. Wenn Griechenland nicht gerettet wird, geraten diese Länder unter noch stärkeren Druck. Die Schulden dieser Länder sind viel höher als die griechischen Schulden. Können die Euro-Länder effektiv helfen? Und was ist, wenn das Bundesverfassungsgericht die Bürgschaft der Bundesregierung für einen Griechenlandkredit als unzulässigen Bailout kassiert?
Der medienkritische Blicklog hat etwas genauer hingesehen und
nachvollziehbar nachgerechnet. Das Risiko und die Kosten fuer
Deutschland sind nicht allzu hoch. Da machen die Medien zuviel auf
Pleite – Sensation.(Zu finden in diesem Blog auch ein Buchtipp
Acht Jahrhundertefinanzkrise Finanzkrise.
http://www.blicklog.com/
@ Alle: Danke für die Kommentare und Ergänzungen
@ JF: Die Blicklog-Rechngung stimmt aber nur, wenn Deutschland die Kredite tatsächlich versichert. Ist irgendwo nachzulesen, ob das geplant ist? Ich bin mir da nicht sicher…
@ RML: Ich denke der Bliclog hat darauf hingewiesen, das es Irrsinn
waere, wuerden diese Kredite nicht versichert.
Zu hrer Medienkritik laesst sich zudem noch ein weiteres Beispiel
hinzufuegen. Die Huffington Post und der Berichterstattung punkto Politik
und Banken, da geht es jetzt wieder mal um ziemlich viel in der Politik
und die ganz allgemeine Berichterstattung aus den USA zu diesem
Themenkomplex. Da wird wohl die Huffington Post immer mehr zur
Blamage fuer die allgemeinen Medien.bedenkt wie leicht es ist sich
da direkt einzuklicken und ganz andere Information und Einblicke zu
erhalten.
@rml: eine Bürgschaft ist nichts anderes als eine Kreditausfallversicherung. Gehen die Marktzinsen für griechische Staatsanleihen weiter in die Höhe, das heißt, rechnet der Markt mit einem höheren Risiko eines Totalausfalls, könnten die Kosten für die Bürgschaft wg. des Urteils des Bundesverfassungsgerichts zum Maastricht-Vertrag selbst als unzulässiger Beitrag zu einem verbotenen Bailout gewertet werden. Einer der damaligen Kläger, Prof. Starbatty, hat bereits Klage beim BVerfG angekündigt.
Es ist erstaunlich, wie wenig hierzulande seriöse und sehr gut informierte Blogs zur Kenntnis genommen werden. Ich denke dabei besonders an http://baselinescenario.com/ (die Autoren haben eine sehr gute Studie über die Entstehung der Finanzkrise vorgelegt; Simon Johnson war früher Chefvolkswirt des IWF und ist Prof am MIT) und den Blog von Yves Smith http://www.nakedcapitalism.com/
@rml: die Kosten für die Bürgschaft richten sich nach den Refinanzierungskosten des Bundes, plus einem Risikozuschlag für das höhere Ausfallrisiko Griechenlands, dürften also zwischen 3 und 5 Prozent des auf Deutschland entfallenden Kredits liegen. Das wären bei 8,4 Mrd. € zwischen 252 bzw. 420 Mio €
Bravo! Endlich einmal ein Schuss von carta.info gegen die ARD, der gesessen hat. Unterscheibe ich sofort.
Eine Frage hätte ich aber noch: Kann mir jemand irgendeine Sendung im Privatfernsehen nennen, die zumindest ein winziges, wirklich nur mikroskopisch kleines Stücken besser ist?
Was zur Vertiefung aus März 2010 vom IWF: „Germany: 2010 Article IV Consultation—Staff Report; Public Information Notice on the Executive Board Discussion; and Statement by the Executive Director for Germany”
“22. The authorities agree that fiscal consolidation needs to start as soon as the
recovery has firmed up—which is projected for 2011. With public debt on a rising path, contingent liabilities associated with financial support measures, and private sector growth expected to become self sustaining by 2011, fiscal consolidation should become a priority.”
aus: http://www.imf.org/external/pubs/ft/scr/2010/cr1085.pdf
Das Risiko, welches mit der Gewährung einer voraussichtlich wackeligen (wäre vertiefend zu prüfen) Bürgschaft in Milliardenhöhe verbunden wäre, kann hiernach nicht eingegangen werden.
Es darf vielleicht nicht vergessen werden, dass der Wahlkampf in NRW auf Hochtouren läuft. Auf Details, eine fundierte Aufklärung durch die ARD uns Bürgern gegenüber kommt es nicht an, wenn Politik und ÖR als sich beflügelnde, funktionierende Symbiose angesehen wird.
“Finance Minister Wolfgang Schaeuble said this month the government would announce proposals for tax cuts between mid-May and the end of June, but not before a key May 9 state election.”
aus http://www.reuters.com/article/idUSLDE62T1PG20100330 am 30.03.2010.
Danke für die Diskussion des heutigen Beitrags im Blick Log. Der Beitrag war einfach als Gegengewicht zu verstehen zu der zum Teil absurden öffentlichen Debatte. Tatsächlich weiß ich nicht, ob der Bund wirklich die Schulden versichert. Ich halte es nicht für ausgeschlossen und wie geschrieben, es wäre verantwortungsvoll gegenüber dem Steuerzahler. Ob eine solche Versicherung auch “politisch vermittelbar” ist, ist fraglich.
Beste Grüße
dels
@ Tharben: das mit dem Fernsehen und Wirtschaftsjournalismus ist
tatsaechlich ueberall eher eine Katastrophe denn sonst was.
Vielleicht interessant fuer Sie:
ein ziemlich bekanntes Video mit Peter Schiff und einer Handvoll weiterer
“pundits” in den USA. Ich persoenlich bin ein Fan der Aphorismen von
Karl Kraus und dessen herrlicher Schimpferei ueber die Journalisten.
http://www.youtube.com/watch?v=2I0QN-FYkpw
Auf Journalismus der als sogenannter “Orientierungsgeber” fungiert, kann ich bestens verzichten.
Denn der Begriff “Orientierungsgeber”, ist nichts anderes als ein Euphemismus und beschreibt den Wunsch nach Journalisten, die als mediale Volkspädagogen fungieren und die eine ganz bestimmte Denkrichtung vorgeben.
Von genau der Sorte, gibt es aber bereits viel zu viele Journalisten.
Und wer kein Gleicher in deren Mainstream sein will, der wird ausgegrenzt.
“Der Ouzo hat an den Finanzmärkten einen faden Beigeschmack.”
Als Slogan ist es aber fantastisch. Bei den Finanzthemen gelangt Berichterstattung immer schnell an ihre Grenzen. Vielleicht werden da ganz andere Formate und Bildungsprogramme benötigt. Grundsätzlich trifft die vernichtende Kritik doch auf die allermeisten Formate im Fernsehen zu. Es gibt für alle Bereiche der Wirtschaftspolitik ein oft dominates populäres Narrativ, das vereinfachen muss. Es ist normal, dass sich Experten die Haare raufen. Medienberichterstattung kann aber immer nur “second best” sein. Sie muss ein Thema in das erzählbare Format zwängen.
Ich kann jedem die Lektüre von Lyotards Bericht “Das postmoderne Wissen” empfehlen, insbesondere das, was er zu konkurrierenden “Sprachspielen” schreibt. Wissen ist immer auch Mythologie, das heisst ein Kampf der Narrative. Naiv wäre es zu glauben, dass irgendwer aus diesem Spiel aussteigen darf. “Die positive Wissenschaft”, merkt er an, sei “kein Wissen. Und die Spekulation nährt sich von ihrer Beseitigung. Derart beinhaltet die Hegelsche spekulative Erzählung in sich selbst und nach Hegels eigenem Zugeständnis einen Skeptizismus hinsichtlich der positiven Erkenntnis.”
Politik und der allgemeine öffentliche Diskurs in einer Demokratie, die beide keine Wissenschaft sein wollen und sein sollen, sind erst recht stets imperfekt. Es ist ihr Wesen, ihre Offenheit. Es bleibt also nur die Aufgabe, “bessere” Kontroversen zu ermöglichen ohne in eine positive Finalität der Entscheidung umzuschlagen, die den selbstzufriedenen Technokraten kennzeichnet, der eine verdeckte Elimination der Entscheidung betreibt. Währungspolitik wurde viel zu lange dem Fachmann überlassen, erst jetzt findet sie den Weg zurück in die demokratische Arena. Das Entsetzen des Experten ist garantiert.
“Bei gleicher Kompetenz hängt der Zuwachs an Performität… also letztendlich von dieser “Phantasie” (“imagination”) ab, die entweder erlaubt, einen neuen Spielzug durchzuführen, oder die Regeln des Spiels zu verändern”.
Genau dieses Herausfallen aus dem Mechanismus kennzeichnet die derzeitige Krise, es ist die Chance der Gestaltung. Derzeit sagt ein Narrativ, die Deutschen sind verantwortlich, wenn die Griechen gegen den gemeinsamen Plan handeln. Was ist eigentlich mit den anderen Staaten der Währungsgemeinschaft? Wie ist das Prinzip der Gerechtigkeit im Währungssystem realisierbar, wo alles mit allem “auf Gedeih und Verderb” verbunden ist?
[...] einen faden Beigeschmack.”, solche plakativen Phrasen aus der Fernsehdebatte nimmt sich ein CARTA-Artikel von Meyer-Lucht aufs Korn. Der Vorwurf ist eine Orientierung der ARD-Berichterstattung und Diskussion an der [...]
[...] ARD Griechenland-Brennpunkt: “Sensationell schlecht” geht weiter — CARTA – Analyse eines "Brennpunkts" (Tags: Journalismus ÖR TV ARD ) [...]
Schön beobachtet. Das ZDF war übrigens an jenem Tag auch nicht besser. Da durfte Euro-Kritiker Hankel seine kruden Thesen unwidersprochen unters Volk bringen.
„Umschuldung erscheint unausweichlich“, FAZ von heute: http://tinyurl.com/2une8jx
Ein guter Artikel.
Interessante Beiträge hier. Die aktuelle Wirtschaftskrise ruft zu schnellen Maßnahmen auf.
Es ist auch interessant fest zu stellen, dass die globale Wirtschaftskrise sich auch einzeln negativ auf das dafür nicht vorbereitete Griechenland ausgewirkt hat.
Danke dem öffentlich Rechtlichen TV dass meine Gebühren auch immer schön pünktlich abgebucht werden…aber wie wär es mal das viele Geld auch sinnvoll einzusetzen gerade was Moderatoren angeht..!Augenkrebs und Ohrentrombose bezahlt mir doch keine Krankenkasse!? ….In diesem Sinne
[...] Krise beschleunigt sich. Kaum wurde bekannt, dass das griechische Defizit noch höher war als bisher bekannt – und selbst diese Zahl [...]
@sausi:
Man mag ja Hankel vor 10 Jahren für einen Spinner gehalten haben, aber jetzt, wo genau das passiert ist, was er zehn Jahren prophezeit hat (die Euroländer sind zu unterschiedlich, um mit einer Währung = einem Zins = einer Inflation klarzukommen), den noch für einen Spinner zu halten, hat eine gewisse Abgebrühtheit …
Dass dem Hankel im TV niemand widersprechen kann, zeigt ja auch nur, wie schwach der Journalismus ist. Die Journalisten kennen sich halt nicht genügend gut aus, um in einem in wenigen Stunden zusammengehämmerten Special kompetente Gegenfragen stellen zu können. Meistens schaffen sie ja nicht einmal mehr kompetente Fragen. Oder die richtigen Leute zu fragen.
Brauchbar sind dann höchstens so Sendungen wir Quarks & Co, wo sich ein ganzes Team dann in eine Materie frisst.
Aufgelesen und kommentiert 2010-04-27…
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ARD Griechenland-Brennpunkt: “Sensationell schlecht” geht weiter « CARTA…
…
[...] ist von einer selbst für diese fast beispiellosen Inkompetenz geprägt, oft besteht sie nur im Nachplappern der von Wahlkampfmanövern bestimmten Positionen der Bundesregierung bis zu offener Hetze, [...]
Man muss in diesem Zusammenhang auch die strukturellen Hintergründe erwähnen: ARD aktuell hat nach eigenem Bekunden keine Wirtschaftsredaktion. Wenn ich richtig orientiert bin, verfügt in der gesamten ARD einzig der WDR über ein ausgewiesenes Wirtschaftsressort.
[...] Artikel lesen (carta.info, Robin Meyer-Lucht) function copySosoBz() { var SosoBz=document.getElementById("SosoBz"); SosoBz.select(); document.execCommand("Copy"); alert("Have been copied!"); } [...]