Netzlese
Robin Meyer-Lucht | 41 Kommentar(e)
Die Veröffentlichung des Irak-Videos durch Wikileaks ist keine “Schande” für die klassischen Medien, sondern eine logische Folge des veränderten Öffentlichkeitssystems.
07.04.2010 |
Peter Sennhauser schreibt auf Netzwertig:
Ich habe nicht die geringsten Zweifel, dass das Video, welches Wikileaks nach eigenen Angaben von mehreren Seiten aus Militärkreisen zugespielt wurde, auch grossen Zeitungen und TV-Ketten vorlag. Denn wer Kopf und Karriere riskiert, weil er oder sie es nicht ertragen kann, dass die Wahrheit vertuscht wird, wendet sich an die grössten und vertrauenswürdigsten Outlets.
Das macht die Veröffentlichung des Videos auf Wikileaks zur Schande für die Mainstreammedien: Entweder sie hatten das Video nicht – weil ihnen die Whistleblower nicht mehr trauen –, oder sie hatten es und veröffentlichten es nicht. Beides ist eine journalistische Bankrotterklärung.
“Schande” und “Bankrotterklärung” sind wohl zu harsche Formulierungen. Ganz sicher aber steht auch die Veröffentlichung am Montag auf Wikileaks für ein Institutionenbeben in der Medienlandschaft. Jahrzehntelang hatten hierzulande etwa der Spiegel und wenige andere ein Oligopol auf Whistleblowing. Informanten konnten nur zu ihnen gehen. Diese Medien saßen am Flaschenhals der Veröffentlichung indiskreter Dokumente. Das ist nun vorbei. Die Zahl der Stellen, bei denen man derartige Videos abgeben kann, ist explodiert. Und viele der neuen “Outlets” haben sogar noch den Vorteil größerer Unabhängigkeit von der Macht als die klassischen Medien. Damit ist der Nimbus der Whistleblower- und Recherchemedien dahin. Der Fall vom Montag macht dies nur noch einmal sehr deutlich. Er ist daher keine “Schande” für die klasssichen Medien, sondern eine logische Folge der Systemveränderungen durch das Internet – und damit auch sein Anzeiger.
Merkenswert ist, wie souverän Kai Gniffke – als Vertreter der “Mainstreammedien” – mit dem Material umgeht. Er nahm das Video nicht nur in die 20-Uhr-Tagesschau (während viele öffentlich-rechtliche Sender in ihrer Berichterstattungsneigung zu offiziellen Politik-Statements davon nicht berichteten), sondern lobt auch die Authentizität der neuen Internetquellen. Sehr gut – Gniffke ist so gesehen schon in der seiner neuen Rolle angekommen.
Nachtrag: Fulminanter Text von Michael Seemann zu dem Thema bei der FAZ:
Die Ironie an der Geschichte ist, dass die Kameras, die in den Helikoptern installiert sind und alle Missionen genaustens protokollieren, eigentlich Teil eines riesigen Kontrollapparates sind. Jedes Militär ist streng hierarchisch aufgebaut. Was unten passiert, musste bisher durch eine wohlgeordnete aber lange Befehlskette von unten nach oben herauf gereicht werden. Dank neuster Technologie fliegt das Oberkommando heute bei jedem Einsatz mit. Und jetzt sind auch wir dabei. Denn der Kontrollaparat wird zum Kontrollverlust.
Sobald Daten existieren, ist ihre Reichweite nicht mehr sicher eingrenzbar. Der Kontrollverlust weitet sich aus, je mehr Medien zum Einsatz kommen. Von den Journalisten, über die Soldaten, über die Opfer bis hin zu jenen stummen Zeugen des Oberkommandos, die kalt und unbewegt alles aufzeichnen, werden sich die Medien multiplizieren. Und das einzige, was es dann noch braucht, ist ein klitzekleines Leck.
Der Kontrollverlust hat einen Kulminationspunkt gefunden: Wikileaks. Wikileaks ist für den Kontrollverlust das, was die New York Times für den Journalismus war ist. Die wichtigste Institution und das Paradebeispiel seiner Funktionsweise. Kein Monopol, aber ein Sinnbild.


Moment mal. Werden hier wirklich pauschal Mainstreammedien mit dem Argument verunglimpft, dass man davon ausgeht irgendwelchen “grossen Zeitungen und TV-Ketten” liege dieses Material vor?
Ist wirklich die Einschätzung dass ein Peter Sennhauser “keinen Zweifel” hegt, Beleg für ein Versagen der konventionellen Medien? Auch Carta springt mit der Behauptung, die konventionellen Mediien seien ein “Flaschenhals” gewesen auf den Zug der Berichterstatter auf, die hier ein angebliches “Versagen” oder “Institutionenbeben” konventioneller Medien sehen.
Liegen irgendwelche Beweise oder auch nur Indizien vor, dass Spiegel, die Washington Post, NYT, CNN oder wer auch immer wichtige Whistleblowerdoumente NICHT veröffentlicht haben?
Oder wird das hier nur wieder als Stellungskrieg der “neuen Medien” gegen die “alten Medien” misbraucht, wie es vor nun immer häufiger vorkommt.
Damit diskreditieren sich die “neuen Medien” wie Netzwertig und in abgeschwächter Form leider auch Carta wieder selbst mit unhaltbaren Rückschlüssen und Spekulationen, womit wir wieder beim Pferdefuss der ganzen Affäre wären: Als Aufmacher für Posts dienen erneut selbstgedrehte Spekulationen und ungesicherte Rückschlüsse.
Schöne neue Welt.
Wenn die Regierung die Chefredakteure einlädt um sie von zu heftiger Berichterstattung abzuhalten, hätte ich von richtigen Journalisten erwartet dass sie sofort hellhörig werden und hinterfragen. Was ist passiert? Nichts dergleichen. Artig hat man Schlagzeilen vermieden.
Die Presse hat es sich längst unter dem Pantoffel gemütlich gemacht. Das wird sich nicht mehr ändern, will sie sich doch ein “Leistungsschutzrecht” erhecheln. Sie ist nicht mehr vertrauenswürdig für Geheimnisträger mit Gewissen, auch wenn die Öffentlich-Rechtlichen sich einmal aus der Deckung trauen.
WikiLeaks ging das Geld aus und sie baten öffentlich um Spenden. So schafft man Vertrauen in die eigene Integrität.
Zustimmung, was die Interpretation des aktuellen Falls angeht. Ich finde aber “Schande” und “Bankrotterklärung” durchaus angemessene Berichte.
Ich möchte noch einen Gedanken etwas weiterspinnen: Wenn man in die Vergangenheit zurückschaut und sich den Teil des Journalismus anschaut, auf den die Journalisten so unglaublich stolz sind, muss man sich mal fragen, wie viel dieses investigativen Journalismus zurückging und wie viel auf das “Oligopol für Whistleblowing”. Ich befürchte, dass am Ende nur ziemlich wenige Geschichten übrig bleiben, wo der Journalist die entscheidende Idee hatte und seine Untersuchungen gestartet hat. Der überwiegende Teil wird wohl eher darauf zurückgehen, dass dem Journalisten diese Story mehr oder weniger fertig “gesteckt” wurde. Klar, auch in diesem Fall hat der Journalist noch eine wichtige Funktion, nämlich die Verifikation der Story. Allerdings ist das Bild des investigativen Journalisten, der in der Manier eines Privatdetektivs die spannenden Stroies recherchiert, wohl fast immer ein Zerrbild …
@2.
Entschuldigung, aber Regierungen laden täglich seit Jahrzehnten Pressevertreter zu Berichterstattungen und Pressekonferenzen ein. Was sollten Medien Ihrer Meinung nach man berichten, wenn man kein entsprechendes Material in der Hand hat? “Die Regierung hat uns eingeladen, also will sie was verbergen!”
Ausserdem finde ich es wirklich befremdlich, wie in ihrem Post SÄMTLICHE Presseorgane über einen Kamm geschoren werden. Von politikfreundlicher Berichterstattung ist in den großen deutschen Nachrichtenmagazinen nichts zu lesen, eher im Gegenteil.
Wenn mangelnde Medienkompetenz mit einem ungesunden Verallgemeinerungsdrang zusammentreffen. Dann kommen so Aussagen zustande wie: “Sie (die Presse) ist nicht mehr vertrauenswürdig für Geheimnisträger mit Gewissen.”
Dabei wird komplett vergessen, dass diese Aussage eine reine Spekulation ist.
Wikileaks hat mal einen RICHTIGEN Skandal enthüllt. Schön für Wikileaks. Darauf kann man hinweisen. Daraus aber wilde Spekulationen abzuleiten, fällt nur auf das Medium – beziehungsweise auf den Verfassser – zurück.
Leider scheint das kaum noch jemand zu bemerken, denn Medienkompetenz ist in unserer Gesellschaft ascheinbar überflüssige Mangelware geworden.
@3
“Ich befürchte, dass am Ende nur ziemlich wenige Geschichten übrig bleiben, wo der Journalist die entscheidende Idee hatte und seine Untersuchungen gestartet hat. Der überwiegende Teil wird wohl eher darauf zurückgehen, dass dem Journalisten diese Story mehr oder weniger fertig “gesteckt” wurde. Klar, auch in diesem Fall hat der Journalist noch eine wichtige Funktion, nämlich die Verifikation der Story. Allerdings ist das Bild des investigativen Journalisten, der in der Manier eines Privatdetektivs die spannenden Stroies recherchiert, wohl fast immer ein Zerrbild …”
Könnten wir für heute vielleicht das “Befürchten” und “wohl eher” sein lassen, und zu belegbaren Fakten zurückkehren? Dass der Mehrzahl von investigativen Journalisten nahezu im Rundumschlag nachträglich noch ihre Leistung auf Basis ihrer Befürchtungen aberkannt wird hat der Berufsstand “Journalist” wirklich nicht verdient.
Reicht es nicht für den Tag mit unbelegten Spekulationen?
“Ganz sicher aber steht auch die Veröffentlichung am Montag auf Wikileaks für ein Institutionenbeben in der Medienlandschaft. Jahrzehntelang hatten hierzulande etwa der Spiegel und wenige andere ein Oligopol auf Whistleblowing. Informanten konnten nur zu ihnen gehen.”
FALSCH!
Zum einen: interne Informationen nahm fast jede Lokalredaktion immer an. Spiegel, Stern und BILD waren aber diejenigen, die für solche Dokumente (und Hitler-Tagebücher) auch gute Preise zahlten.
Was noch peinlicher ist: Wikileaks hat eben nicht die Zahl der Abgabestellen für Whistleblower erhöht, sondern versucht im Gegenteil sich als eine zentralisierte Abgabestation für interne Dokumente zu etablieren, die sich zudem gerne von Medien dafür bezahlen lassen würde. Nicht Diversifikation, sondern Konzentration ist das erklärte Ziel von Wikileaks.
Ulrich Voß: Wo ist der Unterschied zwischen investigativem Journalismus und Whistle-Blowing? In den wenigsten Fällen wird eine Sensation frei Haus geliefert, die man nur aufschreiben muss. Geleakte Dokumente müssen nicht nur verifiziert werden, sondern sind oft erst der erste Anstoß einer langwierigen Recherche.
Warum in die (aktuelle) Ferne schweifen?
Das Verschweigen und Vertuschen durch die “maßgebenden”, seriösen Medien ist doch spätestens seit Chomsky’s Propagandamodell den elitären, intellekuellen, gern auch schon mal verschwörungsbehafteten Kreisen entwachsen. Die großen Medien, ob öffentlich-rechtlich oder “irgendwie” privat haben nun mal große Archive und viele Hinweisgeber, die sie sehr selektiv nutzen können; oder eben nicht.
Ein sehr einfaches Beispiel gefällig? Wohl beinahe jedem, mindestens seit einigen Jahren politisch denkenden Menschen ist noch bekannt, noch in Erinnerung, wie die damalige Oppositionsführerin – ja, 2003-Merkel eben damals – Bush und seine Irak-Invasion sehr intensiv und absolut positiv begleitete. Als dann die schreckliche Wahrheit, die Lügen zu den Gründen des Einmarsches nicht mehr zu vertuschen waren, ja ab dieser Zeit und bis heute anhaltend liegt der Mantel des medialen Vergessens über der (nunmehr) Bundeskanzlerin.
Wir Bürger – like me – haben da nur unseren Kopf, unsere Erinnerung, ggf. einige Medienausschnitte oder gar einige, diesbezügliche Links gesammelt; mehr in der Regel wohl kaum. Und abschließend, obwohl kein Frog “kein friend of gerd”, möge sich jeder anlässlich dieses Videos nur mal vorstellen, wo wir heute und ganz real agierten, wenn Merkel damals Kanzlerin gewesen wäre.
Genau, eben dort…und vielleicht mit “unseren Jungs”, würg, im Helicopter…
@8:
“Wohl beinahe jedem, mindestens seit einigen Jahren politisch denkenden Menschen ist noch bekannt, noch in Erinnerung, wie die damalige Oppositionsführerin – ja, 2003-Merkel eben damals – Bush und seine Irak-Invasion sehr intensiv und absolut positiv begleitete. Als dann die schreckliche Wahrheit, die Lügen zu den Gründen des Einmarsches nicht mehr zu vertuschen waren, ja ab dieser Zeit und bis heute anhaltend liegt der Mantel des medialen Vergessens über der (nunmehr) Bundeskanzlerin. ”
Was genau gibt es da noch zu enthüllen? Die (in der Tat zweifelhaften) Positionen von Merkel haben nicht einmal ihre erfolgreiche Wahl zur Bundeskanzlerin verhindern können. Wieso soll man als Presse dann noch Jahre später darüber berichten, zumal der Umstand – wie sie ja selber schreiben – den meisten durchaus noch präsent ist?
Zu #6, Torsten: Gibt es Belege für die Aussage, dass sich Wikileaks gerne von den Medien bezahlen lassen möchte? Ich sehe nur, dass Wikileaks Spenden sammelt. Die können auch von den Medien kommen, keine Frage. Aber eine Geldforderung von Wikileaks an “die Medien” ist mir nicht bekannt. –Detlef
Detlef:
http://carta.info/21005/wikileaks-finanzierung-julian-assange-interview/
@ Alle: Ups, was für eine lebhafte Diskussion – merci.
@ Stefan Herwig: Es ist in der Tat merkwürdig, wie freihändig Peter Sennhauser hier nicht den “geringsten Zweifel” hat.
@ Ulrich Voß: Es gehört in der Tat zur Inszenierung von Qualitätsjournalismus, die eigene Rechercheleistung derart zu betonen – dabei waren in der Vergangenheit viele Geschichten einfach zugesteckt. Und die erscheinen jetzt eben nicht mehr notwendigerweise beim Qualitätsjournalimus auf. Die gefühlte Quote von Skandalen, die von klassischen Medien aufgedeckt wird, sinkt bei mir zumindest.
zu #11, Torsten: In dem verlinkten Text steht, dass Wikileaks von bestimmten Medien Anwälte zur Verfügung gestellt wird. Mehr nicht. Und dann ist da noch die Rede von einem Exklusivitäts-Deal mit Heise und Stern beim Toll Collect-Leak. Da ich daran beteiligt war: es ist kein Geld geflossen, wir haben nur den Wust dieser Dokumente vorab bekommen und lange recherchiert. Als Berichterstatter zur LKW-Maut bei Heise konnte ich Experten vermitteln, denn Wikileaks hatte zunächst, als es diese Dokumente bekam, überhaupt keine Ahnung, wie die verifiziert werden können. Das war der “Deal”.
Das ist auch der eigentliche Knackpunkt hier beim Thema. Wikileaks hat beim Video auch 3 Monate gebraucht, die Echtheit zu überprüfen, sie wurden dabei ja auch noch von US-Geheimdienstlern beschattet. Daraus ein Versagen der herkömmlichen Medien zu machen, ist ungefähr das albernste, was ich bislang über WL gelesen habe. –Detlef
Detlef: Einfach weiter lesen, der interessante Teil mit den Auktionen kommt später.
Wozu denn die Aufregung? Das Video war angeblich verschlüsselt, es musste also erst von Wikileaks entschlüsselt werden. Vielleicht befinden sich im Umfeld der _Internetplattform_ Wikileaks (Computer und son Zeug, wissenschon) genau die Leute, die dazu in der Lage sind, im Gegensatz zu alten Medien, die sich damit immer noch schwertun.
So oder so, es lohnt nicht, darüber zu spekulieren. Mich hat besonders der lange Bericht in der 20h Tagesschau gefreut. PR für Wikileaks ist willkommen und gerechtfertigt.
@Robin Meyer-Lucht
Wikileaks will nicht Journalismus betreiben. Wikileaks sieht sich als Ausgangspunkt für Journalismus, Wikileaks will Recherchematerial liefern, mehr nicht. Ich sehe die Konkurrenzsituation nicht.
Guten Tag!
Ich möchte und muss Ihrer Aussage, “Spiegel und wenige andere” hätten ein “Oligopol auf Whistleblowing” deutlich widersprechen, Herr Meyer-Lucht.
Spiegel und wenige andere haben sich einfach mehr Mühe gegeben und Informationen waren früher schwerer zu beschaffen und zu verifizieren.
Das Internet hat diese Situation extrem verändert: Informationen sind als Bild, Ton, Text schneller und umfassender verfügbar denn je zuvor.
Die Veröffentlichung auf Wikileads ist auch keine journalistische Leistung, sondern eine Dokumentation.
Was aussteht, ist die Verifizierung und die journalistische Einordnung: Also Bericht, Hintergrund, Kommentar. Und weitere Recherche, was die Veröffentlichung politisch bewirkt und daraus die Pflicht zur demokratischen Debatte.
Informanten gab es schon immer und wird es auch weiterhin geben – zu den großen und den kleinen Themen, international und lokal.
Die kleine Lokalredaktion wird es nicht leisten können, das Video zu verifizieren. Das ist zudem eher Aufgabe von Spiegel und wenigen anderen, die die große, weite Welt beackern.
Eine Schande und eine “Bankrotterklärung” der Lokalmedien lässt sich aber fast täglich fast überall feststellen, weil wichtige und interessante Informationen im Sumpf der gegenseitigen Abhängigkeiten und Interessen untergehen.
Manchmal hängt es auch an den Ressourcen, viel zu oft aber an den mangelnden Fähigkeiten von selbstverliebten Journalisten, die immer häufiger gezeigt bekommen, was “Nicht-Journalisten” zu leisten in der Lage sind, wenn sie ein Interesse verfolgen.
Richtig eklig wird es, wenn selbstverliebte Journalisten auf veröffentlichte Informationen nicht mehr reagieren, weil sie eingeschnappt sind und denken, nur was sie veröffentlichen, habe eine “Relevanz”.
Informanten müssen auch gepflegt und geschützt werden – das leisteten bislang eher Spiegel und wenige andere.
Informanten achten auch genau darauf, wem sie sich anvertrauen, weil oft ihre berufliche und persönliche Reputation auf dem Spiel steht.
Das haben früher schon die meisten Medien nicht leisten können oder wollen und tun es auch heute nicht.
Es gibt keinen medialen Skandal – es wird nur immer klarer, dass das frühere Meinungsmonopol der “alten Medien” unaufhaltsam zerfällt.
Ich sehe auch keinen Konflikt zwischen den alten und neuen Medien – die alten Medien haben Zugang zu den neuen Medien und könnten diese entsprechend nutzen.
Was ich sehe, ist eine Art kommunistische Bericht- und Meinungsrevolution: Der Zugang zu den “Produktionsmitteln” war früher kapitalintensiv und ist es heute nicht mehr.
Damit hat das “Proletariat” selbst die Möglichkeit, Meinungsmacht herzustellen. Das übrigens ist der eigentliche Schrecken, der Herrn Schirrmacher treibt, Bücher zu schreiben.
Beste Grüße
Hardy Prothmann
@Hardy Prothmann (#17)
Sie formulieren ein paar steile Thesen. Aber es stimmt schon: Wikileaks liefert das Material, Journalismus muss sich um die weiteren Aufgaben kümmern.
Aber wie Robin Meyer-Lucht andeutet, scheinen sich so genannte Qualitätsmedien zu weigern, auf Recherchematerial von Wikileaks zurückzugreifen. Stolz und Exklusivität spielen hierbei sicher eine Rolle.
#16 Das mit den Auktionen ist eine Idee. Meines Wissens ist bisher noch keine Auktion gelaufen und ich glaube auch nicht, dass so etwas praktikabel ist. Die andere Idee, dass über bezahlte Links der Medien von Wikileaks auf die Medienhäuser verlinkt wird, halte ich für praktikabler.
Detlef: Genau das meinte ich damit, dass sich Wikileaks sich “gerne von Medien dafür bezahlen lassen würde.”
Das Modell hatte ja der FoeBuD auch schon ausprobiert: die Einrichtung eines neutralen RFID-Beirates erzwingen, der von der RFID-Industrie bezahlt und zur Finanzierung des Vereins beitragen würde. Hat nicht besonders gut geklappt. Trotzdem floriert der Verein jetzt richtiggehend.
#20 Stehe auf dem Schlauch: Bezieht sich das jetzt auf WL oder den Foebud? Die Auktion in Venezuela (die nach den Worten von Assange mir gegenüber eher eine Notlösung war) hat nicht “nicht besonders gut geklappt”, sondern war ein Reinfall.
Detlef: Es ist eigentlich ziemlich eindeutig: Der Satz mit “Wikileaks” bezieht sich auf “Wikileaks”. Der Satz mit “FoeBuD” bezieht sich auf den “FoeBuD”.
Und das Interview geht nach dem Reinfall in Venezuela noch weiter…
Ich möchte den Dialog mit Torsten nicht in ein Klein-Klein abgleiten lassen, sondern lieber noch einmal auf das Institutionenbeben kommen, das Robin in seinem Artikel spürt. Ich sehe es nicht ganz so dramatisch, schließlich hat jede Zeit ihre eigenen Technologien entwickelt, mit denen Whistleblower Geheimnisse flöten konnten. Vor Wikileaks hat bekanntlich der CCC diverse Dokumente “befreit”, mein erstes hoch brisantes Dokument zuckelte vor vielen Jahren vor dem Internet aus einem Fax-Gerät heraus usw. Die für mich wichtige Frage ist, wer die Veröffentlichung aufgreift, ob das Journalisten sind oder eben “alle” bzw. “das Netz”.
Die Frage ist bei dem Video vielleicht etwas fehl am Platz, da zählt wohl eher die Fähigkeit der WL-Programmierer, in monatelanger Arbeit den Schlüssel zu jagen und zu rekonstruieren, mit dem das Video verschlüsselt war. Bei den von WL veröffentlichten Maut-Dateien kann ich sagen, dass sich zwar viele das eine oder andere PDF von WL besorgten aber dann….. Mag sein, dass einige von der schlechten Qualität der Scans abgeschreckt wurden, andere vor der schieren Menge kapitulierten. Aber es sind nur ganz, ganz wenige übriggeblieben, die sich reingekniet haben. Zu wenige, um wirklich eine Alternative zum “Oligopol” zu bilden. –Detlef
Detlef: Ja, das ist ein ganz wichtiger Punkt! Die Arbeit mit den Dokumenten ist viel Arbeit. Den Punkt hat ja auch Hardy eingebracht.
Das Whistleblower-Netzwerk versuchte mit Hilfe eines Patenschafts-Modell zu erreichen, dass ein interessierter und engagierter Journalist die Quelle kompetent berät und begleitet – und durch die Exklusivität sollte dann auch dessen Arbeit finanzierbar sein. Inwieweit dieses Modell in der Praxis funktioniert, weiß ich leider nicht.
Inwieweit die Organisation Wikileaks diese Arbeit jenseits des reinen Hostens von Daten organisieren kann, bleibt abzuwarten.
@ Detlef Borchers:
Die Entschlüsselungsarbeit wurde noch gar nicht ausführlich genug gewürdigt – ich wusste gar nicht, dass dafür monatelange Arbeit erforderlich war.
Michael Seemann (nun oben verlinkt) hat sehr treffend analysiert, dass sich mit dem Wikileaks-Video etwas paradigmatisch verändert hat. Die Selektionmacht journalistischer Institutionen wird paradigmatisch geschwächt. Übrigens auch dadurch, dass – wie Seeman sehr richtig betont – ja nun jeder Soldat und jeder Helikopter ein Medium ist. Es gibt nun ein neues, nicht journalistisch eingefasstes Modell von Unabhängigkeit, Quellenscreening, Quellenrelevanz und Quellenschutz – versehen mit Erreichbarkeit durch jeden Endnutzer.
Natürlich steckt in all dem auch ein wenig Überinterpretation – da will ich Dir gerne Recht geben.
PS: Grade läuft eine Dokumentation auf arte über Starfighter-Abstürze. Hier waren es nicht die Journalisten, die Whistleblower betreuten, sondern ein US-Anwalt, der gegen Lockheed klagte.
http://opalkatze.wordpress.com/2009/11/01/gedankenblitz/ Just my two cents.
Übrigens, dürfen wir Wikileaks jetzt endlich gefahrlos verlinken?
Was bebt denn da? Bei uns treten Verteidigungspolitiker immer gleich in Serie zurück. In den USA ist das nicht zu erwarten. Und die großen amerikanischen Fernsehnetzwerke boykottieren das Video. Im übrigen, warum das Drama: Es gibt tausende Videos auf Youtube, die zeigen wie sich die Besatzungsstreitkräfte merkwürdig daneben benehmen. Es gibt möglicherweise gute Gründe, warum ein solches Video nicht der Öffentlichkeit zugänglich sein sollte. Wer sich über den Inhalt erschrocken zeigt, der wirkt reichlich naiv.
[...] Robin Meyer-Lucht auf Carta: [...]
Das Ende der ‘etablierten’ Medien: wikileaks & Social Media als neue 4.Gewalt…
2010 wird wohl in die Mediengeschichte eingehen als das Jahr, in dem die ‘etablierten’ Medien sich endgültig den Todesstoß versetzten.Diagnose Die Geschichte des wikileaks-Videos ist nur der Tropfen auf den heißen Stein, der das Faß zum Überlaufen br…
#25, Robin: das Enrschlüsseln war nach meiner Kenntnis die etwas aufwendigere Suche nach dem gemeinsamen Key für diese AES-Verschlüsselung, mit der alle Hubschrauber- (und Drohnen-) Videos gesichert sind. Bei der Entschlüsselung wurden Wikileaks-Mitarbeiter von einem US-Geheimdienst beschattet, das habe ich bei Heise Online gemeldet.
Und wenn man schon in Zeiträumen denkt, dann sollte man auch noch hinzufügen, dass wir “Reporter ohne Grenzen” seit 2007 die Veröffentlichung dieses Videos fordert (womit übrigens auch zu sehen ist, dass die Presse IMHO nicht versagt hat):
http://www.rsf.org/spip.php?page=article&id_article=22911
(Disclaimer natürlich: Bin RSF/ROG-Mitglied) –Detlef
[...] Wikileaks: Institutionenbeben durch Video-Veröffentlichung – CARTA weist auf zweierlei hin: Die großen Medien haben als Anlaufstelle für Wistleblower anscheinend ausgedient. Andererseits gibt es auch keinen Datenschutz mehr für geheime Aufzeichnungen. [...]
Sehr interessant übrigens, wie gut informiert die Süddeutsche heute beleuchtet, wie das Video in den USA von CNN nur verstümmelt gezeigt wird, und wie zögerlich die US-Medienlandschaft auf das Video reagiert.
Ich setze mal bewusst keinen Link. :-)
@ 33: Wieso nicht, der Gag entgeht mir.
Löst das jetzt auch ein Institutionenbeben aus, wen ich sage: Wer wissen will, was die Suedeutsche dazu schreibt muss heute mal zum Kiosk?
;-)
Zögerlich hat auch die deutsche Presse reagiert. Und wieder einmal covert NDR Zapp auch dieses Thema.
@Stefan Herwig (#35) Im Zapp-Beitrag sind diverse deutsche Zeitungen zu sehen, die dieses Thema – sagt man eigentlich covern? Ich muss an meinen Anglizismen arbeiten, scheint mir.
@37/Tharben
Den NDR-ZApp Beitrag meinte ich aber nicht, auch wenn er recht gut ist.
Es geht darum, dass die Sueddeutsche heute intellgent reflektiert, wie wenig die großen US Medien das Video thematisieren. Wenn Wikileaks das alles überflüssig macht, wo bleibt dann der Aufschrei der amerikanischen Öffentlichkeit?
Ich finde den Artikel in der Sueddeutschn deswegen relevant, weil er zeigt, dass beide Seiten recht haben. Die amerikanische Presse versagt (größtenteils), oder spielt den Vorfall sogar herunter, aber die deutsche Presse bildet dieses wenigstens ab.
Außerdem widersprechen sie der Unterstellung, dass dieses Video jahre lang geheimgehalten wurden. Ein amerikanischer Buchautor hatte dieses Video bereits vor drei Jahren gesehen und in einem Buch darüber berichtet.
Wenn das Video bekannt war, dann wundert mich in der Tat, dass darüber in den drei Jahren nicht berichtet wurde. Zumal offenbar selbst Reuters nichts Konkretes wusste.
Also, das scheint mir doch sehr dubios. Da kann man schon Verständnis für Peter Sennhausers Entrüstung haben. Aber es bleibt dabei: Wikileaks != Presse.
Nicht das Video war bekannt, sondern die Ermordung der beiden Reuters-Mitarbeiter. Seit 2007 versuchte Reuters, unter Verweis auf den Freedom of Information Act die Details des Angriffes aufzuklären. Nach wie vor wiegelt die US-Regierung ab. Daher dieser Presseerkllärung von heute:
http://www.reporter-ohne-grenzen.de/presse/pressemitteilungen/news-nachrichten-single/article/1/wikileaks-veroeffentlicht-us-militaer-video-obama-administration-zu-mehr-transparenz-aufgefordert.html
Wikileaks hat das Video vor 3 Monaten bekommen. Wenn eines Tages mal die Details darüber veröffentlicht werden, was dann alles passierte, wird man das unter “humoristischen Geheimdienstthriller mit einem ernsten Hintergrund” verbuchen. Oder so. –Detlef
Manueller Trackback
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