Stephan Ruß-Mohl | 8 Kommentar(e)
Ein Viertel der Zeitungsredakteure und Journalisten wurde in den letzten 3 Jahren in den USA eingespart – das bedeutet Existenzgefährdung für ein ganzes “Ökosystem” voneinander abhängiger Redaktionen. Jetzt müssen Verlage die Leser davon überzeugen, dass journalistische Qualität und Unabhängigkeit auf Dauer nicht gratis zu haben sind.
08.04.2010 |
Vom Wunschdenken war mehrfach die Rede, als sich jüngst bei einer vom Medienhaus Wien veranstalteten Konferenz Experten aus aller Welt über die Zukunft des Journalismus die Köpfe heiß redeten.
Phil Meyer, der Grandseigneur der US-amerikanischen Journalismus-Forschung, setzt große Hoffnungen in die Spendenbereitschaft seiner Landsleute und in philanthropische Aktivitäten. Sie sollen dafür sorgen, dass der Journalismus auch dann überlebt, wenn er sich nicht mehr – wie bisher – weitgehend aus den Werbeerlösen der Verlage finanzieren lässt. Denn absehbar fließen die Werbe-Milliarden künftig entweder zu Suchmaschinen wie Google und in soziale Netzwerke wie Facebook oder Youtube. Andere einst einträgliche Werbemärkte lösen sich ganz und gar in Luft auf, weil beispielsweise Kleinanzeigen online gratis zu haben sind.
Alan Rusbridger, der als Chefredakteur des Guardian zu den Wegbereitern eines hochwertigen Online-Journalismus zählt, hofft als ultima ratio auf Subventionen für die notleidenden News-Websites – wobei offen blieb, ob der Staat den ohnehin unter hohen Steuer- und Schuldenlasten stöhnenden Bürgern direkt in die leeren Taschen greifen oder die Gebührengelder für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk umverteilen soll, wenn die traditionellen Einkünfte aus Printmedien nicht mehr sprudeln.
Derweil hat das Project for Excellence in Journalism in seinem neuen Jahresbericht vorgerechnet, dass allein in den USA die Zeitungsredaktionen in den letzten drei Jahren um 15 000 Journalisten geschrumpft sind – das sind mehr als ein Viertel aller Jobs, die es 2007 noch gab. 1,6 Milliarden Dollar haben die Verlage seither in ihren Redaktionen an Personalkosten eingespart.
Machen wir uns nichts vor: Das bedeutet Existenzgefährdung für das „Ökosystem“ Journalismus, in dem auch die besten Redaktionen auf die Vorleistungen von tausendundein anderen Newsrooms angewiesen bleiben. Solch massive Einschnitte lassen sich weder durch Spenden noch durch Subventionen auffangen. Weshalb ich Meyer und Rusbridger nur mein eigenes Wunschdenken entgegenzusetzen vermag:
Mögen die Verlage, statt alles gratis ins Netz zu stellen, was sie gedruckt noch verkaufen möchten, endlich Vernunft annehmen und – wie Le Monde und Times das jetzt in Europa ausprobieren – ihre Online-Leserinnen und Leser davon überzeugen, dass journalistische Qualität und Unabhängigkeit auf Dauer nicht gratis zu haben sind. Schon die Wortschöpfung „Paywall“ ist eine Absurdität: Kein Limonadenhersteller, kein Bäckermeister käme auf die Idee, von einer „Bezahlschranke“ zu reden, nur weil er von seinen Kunden für die Ware, die er liefert, eine faire, angemessene Gegenleistung erwartet.
Diese Kolumne hat Stephan Ruß-Mohl für die österreichische Wochenzeitung Die Furche und Carta geschrieben.



Das Problem ist, dass die Werbebranche genauso betroffen ist. Der Großteil der Werbeagenturen war und ist auch heute noch auf Fernsehen und Print ausgelegt, obwohl das neue Massenmedium das Internet ist. Das sieht man – immer noch – an Dingen wie den ADC Award, wo Webprojekte eine Seltenheit sind.
Google und Facebook geben diesen das Gefühl, Kompetent zu handeln. Tatsächlich wird aber ein gutes Webangebot Leute länger auf der Seite haben. Ich verbringe insgesamt mehr Zeit auf CARTA, Zeit Online und Spiegel Online als auf google (wohlgemerkt nicht zusammengenommen, sondern jeder für sich). Die Werbung muss wieder neues Vertrauen in die Webangebote bekommen. Auch das Marketing orientiert sich an Zahlenwerten: Klickraten, Anzahl der Twitter Follower etc. anstatt die Möglichkeiten des Netzes, Konsument und Produzent direkt ins Gespräch zu bringen, wirklich zu unterstützen.
Der Journalismus war und ist abhängig von der Werbung. Von den paar Euros, die eine Zeitung kostet, konnten Zeitungen abzüglich der Druckkosten ihre Leute auch nicht bezahlen. Die Frage ist, ob einfache Neuigkeiten gedruckt überhaupt noch eine Daseinsberechtigung haben.
Es ist verkürzt, dieses Problem lediglich auf die Digitalisierung der Medien zu verschieben, die nicht rechtzeitig auf Bezahl-Inhalte umgestellt hätten.
Tatsächlich ist es meiner Meinung nach so, dass der Zeitungsmarkt sich nicht nur in einer finanziellen sondern auch in einer inhaltlichen Krise befindet.
Einen kurzen Überblick zu dieser Problematik in den USA kann man bspw. durch die Dokumentation “Orwell rolls in his grave” gewinnen.
Das tut den Absatzzahlen der “Bild” vielleicht keinen Abbruch, aber an einer halbwegs gebildeten Leserschaft von ehemaligen Qualitätsmedien wie Spiegel, Zeit geht diese Entwicklung nicht spurlos vorrüber.
Das mag bei vielen nicht zu einer klaren Formulierung reichen, worin genau sich dieser Umstand ausdrückt, aber er ist fühlbar.
Wenn Sie auf das eingesparte Personal verweisen, müssen Sie neben dem reinen Kostenmotiv auch andere Ursachen nennen. Bspw. die fortschreitenden Monopolisierung und Vergesellschaftung und die daran gebundenen Renditeerwartungen und politischen Interessen. Sie müssen ebenfalls anerkennen, dass als Konsequenz verkleinerter Redaktion, Artikel nun überwiegend anders entstehen als früher. Das blosse Abdrucken von Pressemeldungen und eine massive Zunahme an PR-Texten, die wohlgemerkt selten bis gar nicht als solche gekennzeichnet sind, führt das journalistische Prinzip und die angedachte Rolle der Medien als 4th Estate ad absurdum.
Diese wachsende Diskrepanz zwischen öffentlicher und veröffentlichter Meinung muss zwangsläufig zu sinkenden Verkaufszahlen führen bzw. zu einem sinkenden Anreiz Geld für etwas zu zahlen, das nicht hält was es verspricht.
In Anbetracht dessen bleibt es mehr als fraglich, dass sich diese Krise allein durch einen Umstellung auf bezahlten Inhalt überwinden lässt.
Vielmehr gilt es für die angestellten Journalisten ihrem Beruf wieder Profil zu verleihen. Wenn dies gelingt, wird der Leser auch bereit sein dafür zu zahlen, ob in Form einer Spende, eines Beitrags für einen konkreten Artikel oder einer wie auch immer gearteten Flatrate. Ob das mit den derzeitigen Medienkonzernen gemeinsam möglich ist, muss jeder für sich selbst entscheiden.
Interessant: Stephan Ruß-Mohl spricht von “Existenzgefährdung für das Ökosystem Journalismus”.
Beinahe zeitgleich weist Springer-Chef Matthias Döpfner diesen Gedanken entrüstet von sich: “Ich weiß nicht, warum die Geschäftsmodelle von Journalismus bedroht sein sollen in der digitalen Ära. Im Gegenteil. Man kann die Intelligenz der Nutzer integrieren. Professioneller Journalismus und Nutzer-Beteiligung schließen sich nicht aus, sondern bereichern sich gegenseitig. Wir sollten viel optimistischer sein, was Journalismus im Web betrifft.”
(meedia-Übersetzung des Interviews mit Charlie Rose, http://meedia.de/nc/details-topstory/article/dpfner–beten-und-steve-jobs-danken_100027294.html?tx_ttnewsbackPid=23&cHash=176fbde4ca)
Worauf gründet sich Döpfners Optimismus? Auf das Leistungsschutzrecht und den herbeigesehnten Erfolg der hauseigenen iPad-Apps?
Was Ruß-Mohl aber wohl eigentlich meint, ist die Existenzgefährung der Verlage (oder einiger Verlage). Denen hilft allerdings auch kein hinkender Vergleich mit Limonadeverkäufern. Die Limonade verliert nicht an Wert, nur weil ich die Flasche schon im Internet gesehen habe, die gedruckte Nachricht schon. Und der Vergleich mit den Bäckern ist geradezu eine Beleidigung für deren Zunft. Brötchen vom Ostersamstag am Osterdienstag als “Neuigkeit” zu verkaufen, das würde sich kein Bäcker erlauben.
Spannend – Ihre beiden Rückmeldungen…
Ich empfinde es als ein grosses Manko, dass sich die Kommunikationswissenschaften im deutschen Sprachraum bisher zwar intensiv mit dem Einfluss von PR auf Journalismus (und umgekehrt…) auseinandergesetzt haben, aber kaum mit der Rolle der Werbung und deren Einfluss auf Journalismus.
Und ich befürchte (für den Journalismus), dass Werbeerlöse als Finanzierungsquelle schnell weiter wegbrechen werden. Auch wenn die Umstellungsphase länger dauert als angenommen, weil auch die Werbebranche erstmal in ihren tradtionellen Strukturen verhaftet bleibt: Natürlich spielt die Zukunftsmusik der Werbung online – aber keineswegs zwingend auf Newssites.
Was den Journalismus anlangt: So wunderbar Spenden und philanthropische Aktivitäten sind – damit lässt sich Journalismus leider nicht kontinuierlich und verlässlich finanzieren. Da genügt ein Blick auf Statistiken zum Spendenaufkommen und zu den verschiedenen Feldern, in denen Spenden zum Einsatz kommen.
Wenn aber die Spendenbereitschaft nicht ausreicht und Werbeeinnahmen als Finanzierungsquelle wegbrechen – wie von Ihnen prognostiziert – , wie sollen dann in Zukunft die Kosten gedeckt werden?
Wie bringt man den Leser dazu, für Online-Inhalte zu bezahlen, die er auch anderswo kostenfrei bekommt?
Meiner Meinung nach kann Online-Journalismus nicht einfach die gleiche Form wie Print-Journalismus haben, nur das er eben nicht auf Papier stattfindet. Wenn jemand dafür bezahlt wird, dass er Ordnung in unübersichtliche Meldungen bringt und gesicherte Fakten liefert, muss dieser Jemand auch dem Medium entsprechend agieren. Besonders die zunehmende Informationsflut, die mit der Internet-Nutzung einhergeht, erfordert dringend die Arbeit von Journalisten, die das ständig verfügbare, hoch aktuelle Material in konsumierbare Häppchen zerlegen.
Dafür müssten auf den Webpräsenzen etablierter Zeitungen/Magazinen eine sinnvolle Kombination aus aktuellen Bildern, aussagekräftigen Videos, gut recherchierten Artikeln und sinnvollen Links, die das Thema weiter spezifizieren oder hingründig erklären, geboten werden. Sollten diese Bedingungen gegeben sein, schafft der zuständige Redakteur einen Mehrwert, der nicht mit den irgendwelchem Pressemeldungen im Feedreader vergleichbar ist. Dieser inhaltliche Aspekt (der ja auch schon weiter oben von Robert thematisiert wurde) gepaart mit sinnvollem Zugreifen auf die zahllosen Kommunikationskanäle, die das Internet bietet, würden die Berichterstattung qualitativ aufwerten und dadurch auch hoffentlich für mehr Rezipienten (Leser klingt bei diesen Ansprüchen nicht unbedingt zeitgemäß;-)) “bezahlenswert” machen.
Leider verlinken die genannten Online-Portale größtenteils gar nicht oder nur auf ihre eigenen Artikel und lassen dabei die Möglichkeit des Internets, eine Vielzahl an Meinungen und Betrachtungsweisen abzubilden, ungenutzt. Anstatt über grundlegende Veränderungen im eigenen Selbstverständnis nachzudenken, suchen die Verlagshäuser bloß neue Möglichkeiten, um altbekanntes zu verkaufen. Dieser Weg schafft es vielleicht, die Lage kurzzeitig zu stabilisieren. Im Endeffekt bleibt es aber das Aufschieben eines Problems, das täglich größer wird.
[...] Subventionen und andere Ideen, wie man den Qualitätsjournalismus retten könnte in unserem Blick des Tages vom 10. April 2010 >> Einen Kommentar [...]
@Stephan Ruß-Mohl
Sie sollten sich folgender zwei Tatsachen bewusst werden:
# Die Qualität journalistischer Inhalte sinkt, der Anteil der durch PR gesteuerter Inhalte in journalistischen Publikationen wächst. Das Verhältnis liegt bereits bei fast 1:1 (lt. Christoph Lütgert, NDR-Zapp vom 17.02.2010, Video, Transcript).
# Sie können – und das ist verblüffend offensichtlich – materielle Güter mit immateriellen Gütern nicht vergleichen. Brötchen müssen Stück für Stück aus Mehl, Wasser und mit Bäckerhänden produziert werden. Einen journalistischen Text können sie zu den Kosten von zwei Mausklicks millionenfach verbreiten. Klick, klick. So ist das mit digitalen Computernetzen: eine 0 ist wie die andere, das gilt ebenso für die 1. Das Konzept Urheberrecht ist Computer nicht beizubringen.
Eine dritte Sache wäre vielleicht noch, dass sich kein Mensch mit Internetanschluss Werbeeinblendungen ansehen muss, wenn er dies nicht unbedingt möchte. Kennen Sie jemanden, der dies gerne tut? Sehen Sie: Die Website hier, carta.info, wird in Form von Dateien auf mein Netbook geladen. Ich als Nutzer entscheide darüber, welche Dateien mir mein Webbrowser anzeigt und welche nicht. Kurz gesagt: Vergessen Sie Onlinewerbung – zumindest solche, die als Werbung zu erkennen ist. Weniger versierte Anwender haben zumindest einen Werbeblocker installiert.
Vielleicht überrascht es Sie nicht, dass ich persönlich nur einen Ausweg sehe: Eine die gesamten über das Netz verbreiteten Inhalte umfassende “Leermedienabgabe”. Einige sagen dazu Kulturflatrate.
Falls Ihnen – nach gründlichem Nachdenken – eine Alternative zur Kulturflatrate eingefallen ist, würde ich mich freuen, wenn Sie etwas dazu schreiben.
Ja, kopieren und verteilen koennen wir wertvolle Inhalte alle quasi gratis – aber sie erstellen kostet nunmal aehnlich Geld wie das Backen von Broetchen, insofern ist der Vergleich eben doch nicht ganz daneben.
Apropos Altbackenes, liebe Frau Langer (wir haben da offenbar zeitgleich an der “Maschine” gesessen, und deshalb bin ich in meinem ersten Statement auf Ihr Posting noch nicht eingegangen: Zugegeben, ich moechte keine Ostersamstagsbroetchen am Osterdienstag angeboten kriegen. Aber ich trinke doch lieber ausgereiften WEin – und das meiste, was es im Netz schnell und gratis gibt, ist notgedrungen unausgegoren…
Soweit ich das Konzept der Kulturflatrate richtig verstehe, heisst das doch einmal mehr, dass alle fuer alles bezahlen sollen. Das Prinzip funktioniert schon beim oeffentlich-rechtlichen Rundfunk mehr schlecht als recht, und man kann dort auch recht gut studieren, wer dann letztlich ueber die Verteilung meiner Gebuehr entscheidet – und auch, wer den Loewenanteil davon bekommt….