Wolfgang Michal | 16 Kommentar(e)
Die Affäre um die Bildbeschaffungsmethoden der Münchner Illustrierten BUNTE nimmt allmählich groteske Formen an. „Meedia“ warnt bereits vor einer beispiellosen „Selbstzerfleischung“ der Branche. Wir ahnen: Es ist die Spitze einer gigantischen Mediensatire.
03.03.2010 |
Vor einigen Tagen wurde einem Carta-Mitarbeiter das Transkript eines Telefongesprächs zugespielt, das die prominente Journalistin Patricia R. im Februar 2010 mit dem prominenten Journalisten Helmut M. geführt haben soll. Nach Angaben eines Spurensicherungs-Experten des BKA befand sich das Transkript in einem Aktenordner der Berliner Rechercheagentur „LBÜ-Research & Report GmbH“. LBÜ ist eine in der Fotografen-Branche übliche Abkürzung für „Leitbildüberprüfung“.
Den Deckel des anonym eingesandten Ordners, der Carta vorliegt, ziert ein auffällig bunter Sperrvermerk: „Spätrömische Dekadenz. Nur für den Hausgebrauch“. Auf dem Transkript selbst findet sich der Stempelaufdruck VAP (offenbar ein presse-internes Geheimkürzel für „Verhaltensauffällige Politiker“).
Dem kurzen Text beigeheftet sind Quittungen über ausbezahlte Informationshonorare sowie zahlreiche Kaufbelege: für Richtmikrophone, Keylogger, Spycam, Bewegungsmelder, Elektropick, Peilsender, Leuchtspurmunition, Gummistiefel, Gartenspaten, Alu-Leiter, Karnevalskostüm, Nylonstrümpfe, Fußmatten – sowie einen silberfarbenen Aston Martin DBS V12 Vantage. In einer Klarsichthülle fanden sich mehrere auf den gleichen Namen ausgestellte Reisepässe sowie unterschiedliche Visitenkarten und ein Blindenarmband. Lose im Ordner lag ein Exemplar des Journalisten-Handbuchs „Geheimwissen Schlüsseldienst“.
Die Carta-Redaktion hat sich nach langen internen Diskussionen entschlossen, das Transkript des (möglicherweise gefälschten) Telefongesprächs im Wortlaut zu publizieren, um dem gesteigerten Interesse der Öffentlichkeit an der leitbildhaften Privatsphäre prominenter Journalisten Genüge zu tun. Wir handeln dabei nicht nur im Einklang mit den jüngsten Entscheidungen des Bundesverfassungsgerichts, sondern stellen uns auch ganz bewusst in die Tradition der angelsächsischen Revolverpresse, für die es schon immer zur journalistischen Sorgfaltspflicht gehörte, die Bevölkerung rückhaltlos und tele-objektiv über das sittliche Betragen ihrer Leitfiguren ins Bild zu setzen.
Hier das Transkript des mutmaßlichen Telefonats (das allem Anschein nach in einem Münchner Verlagsgebäude geführt worden ist):
Helmut: Machst länger heut’, Mausi?
Patricia: Du, ich hab hier noch die Blaupausen vom Berghain auf’m Tisch. Wird bestimmt spät.
Helmut: Macht nix. Ich muss sowieso gleich nüber zum FC Bayern, der Uli will die Neuner-Position neu besetzen. Hast Probleme mit der Künast?
Patricia: Total. Die is völlig unscharf. Unsere LBÜler sind nicht nah genug an sie rangekommen. Aber die Rechnung für den Bagger, die war gleich da…
Helmut: Was?? Wozu brauch’n die einen Bagger?
Patricia: Na für den Tunnel, du Depp.
Helmut (scharf): Also, Mausi, das sagst nicht mehr zu mir!
Patricia: Ohne Tunnel wär’n die nie in’s Berghain gekommen.
Helmut: Und wieso sind die Bilder net scharf?
Patricia (genervt): Herrgott, Bärli, im Berghain is alles stockdunkel!
Helmut: Ja, ham die denn keine Nachtsichtgeräte?? Die ham doch erst letzte Woch’n bei uns Wärmebildkameras und unbemannte Drohnen abgerechnet… Wenn der Hubsi das spitz kriegt! Dem hängt doch d’Maria dauernd im Ohr, dass mir sparn solln…
Patricia: Scheiß auf den Hubsi, wir ham schließlich a Aufklärungspflicht!
Helmut: Also, i versteh’s net. Warum müssen mir immer zu dene nach Berlin nauf, mir ham doch den Dings da in Pullach.
Patricia (genervt): Bärli, du und ich, wir zwei, wir sind doch JOURNALISTEN! Wir recherchieren MIT JOURNALISTISCHEN MITTELN. Wir halten uns immer streng an diesen Pressedings, diesen Kodex…
Helmut: Du Mausi, ich muss Schluss machen, der Uli simst grad, die Weißwürscht wern kalt…
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P. S. Lesen Sie – zum besseren Verständnis des operativen Vorgangs – auch den Offenen Brief der BUNTE-Chefredakteurin Patricia Riekel an die Fraktionsvorsitzende der GRÜNEN, Renate Künast (Künast hatte Verleger Hubert Burda unlängst aufgefordert, sich für das Verhalten der BUNTEN zu entschuldigen).
Ebenfalls interessant: Das Interview mit der vormaligen BUNTE-Chefredakteurin Beate Wedekind sowie weitere Reaktionen




Sehr schön. Über welchen der Belege wohl die Buchhaltung stolpern wird? Ich tippe auf die Nylonstrümpfe.
Oder die Fußmatte!
Ja was macht denn das “Handbuch” Geheimwissen Schlüssendienst dort in der Lade?
Das würde ich gern wissen, als Mitarbeiterin von dem Autor des Buches.
Das würden wir auch gern wissen.
Dann sind wir ja schon zwei.
Ich bin mir sicher, wir werden es erfahren.
Denn kein Netz ist so fein gesponnen, irgendwann kommt auch das ans Licht.
Nette Idee,
wer allerdings Markwort und Riekel je sprechen gehört hat, weiß,
dass weder HM noch PR (was Initialen manchmal doch so aussagen …) solch einen kruden Mix aus (Ober-)Fränkisch und Münchnerisch daherreden.
Da hat Herr Michal wohl zu viel “Kir Royal” und “Monaco Franze” geschaut …
Best,
Long John Bhudda
Satire. :))
“Zusammenfassend erkläre ich Ihnen hier noch einmal: Politiker werden durch die Medien kontrolliert. Das umfasst auch die Privatsphäre der Politiker, wie es vom Bundesverfassungsgericht klar definiert wird.”
Die Schlussfolgerung “Die Privatsphäre der Politiker wird durch die Medien kontrolliert” im Offnen Bunte-Brief ist recht weit. Wo ist das denn so klar vom Bundesverfassungsgericht definiert worden?
Ich lese grundsätzlich Burda Medien wie die Bunte, den Focus oder die Superillu nur im Wartezimmer einer Arztpraxis, aus Langeweile und aus Mangel an Alternativen. Das sagt doch wohl schon alles über die Qualität dieses irrelevanten Medienhauses, was sich mit so komischen Galas wie dem Bambi oder der goldenen Henne (Ossizeitschrift Superillu), wo Tom Cruise ein Tapferkeitsbambi zugesprochen wird, nur selbst beweihräuchert. Zwar haben sie jetzt beim Focus eine Qualitätsoffensive gestartet, und versuchen politisch wieder etwas relevanter zu sein. Diese ganzen Ratgebertitel “Die besten Ärzte” etc. haben sie so diffus und irrelevant gemacht. Was interessieren mich Titelthemen à la “Die hundert besten Proktologen Deutschlands” . Solche Themen sind doch für den Ar… .
Letztlich benutzen alle Boulevardmedien so Recherchemethoden. Die Bild war nur so klug und nennt es dann Bild-Lese Reporter und ködert Ihre Leser mit Prämien für Strassenaufnahmen von Prominenten.
@Long John
Es ist – wie gesagt – ein Transkript, eine Abschrift. Carta gibt es es nur zur Kenntnis. Möglicherweise wurde der Dialekt – zum besseren Verständnis – von der LBÜ leicht redigiert.
[...] kurze Geschichte der Social Media Marian Semm Serie Lokalzeitung 2.0 · Folgen 1-4 Wolfgang Michal BUNTE contra STERN: Immer neue Enthüllungen! Das ist gestickt! (via [...]
Wie wäre es mit einem Personalaustausch. Ich könnte ab nächster Woche einsteigen, bin nicht vorbestraft und verfüge über genügend Loyalität und Moral… vielleicht eine kleine Kolumne im Stern?
Eigentlich genügte es, ich schriebe hier auf, daß ich mit den Meinungsäußerungen jener Kommentatoren, die sich hier zu diesem skurilen Sachverhalt vor mir geäußert haben, völlig komform gehe. Auch ich würde den “Focus” oder die “Bunte” nur mit desinfizierenden Gummihandschuhen berühren, geschweige denn lesen. Die “Superillu” haben wir vielleicht dreimal gekauft und durchgeblättert – es waren die ersten Ausgaben -, als sie vor Jahren auf den Yellow-Press-Markt gebracht wurde, weil wir so naiv waren und glaubten, daß in ihr tatsächlich ostdeutsche Befindlichkeiten wiedergespiegelt würden. Eigentlich hätten wir es längst wissen müssen, in welche Richtung dort gezielt wird und mit welchen Waffen gefochten wird.
Und was die dollen “Bambi”- oder “Goldene Henne”-Verleihungen angeht, ach Du mein Gott – das ist doch gar nicht zum Aushalten. Das sind Beweihräucherungs-Orgien, die man als normaler Mensch gar nicht aushält. Da sind doch chinesische Puppentrickfilme eine wahrhaft spannende Unterhaltung – oder?
Und was die obige Darstellung von Wolfgang Michal angeht, so kann man nur schmunzeln. Kann ja sein, daß er beim Gebrauch des bayrischen Dialekts ein wenig geflunkert und nachgeholfen hat (auch wenn er das bestreitet!), aber “es paßt schoa”.
Riekel und Markwort, das sind sog. Journalisten, die ganz im Dienste ihrer Klientel stehen, und so sehen die von ihnen herausgegebenen Druckerzeugniosse auch aus, will sagen: so ist auch deren Inhalt; denn auch hier gilt: Wes’ Brot ich eß, des Lied ich sing”.
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Ich habe schon beim Lesen dieses “Offenen Briefes” Bauchweh bekommen …
“… denn die Privatsphäre genießt ihrerseits einen verfassungsrechtlich verbürgten Schutz. Bei Politikern ist der aber nicht ausgeprägt.” Gab/ gibt es da nicht so was wie ein Diskriminierungs”verbot”?
“Wer heute fordert, die Bevölkerung solle ihre Wahlentscheidung gefälligst anhand der Parteiprogramme treffen und sich für die Persönlichkeiten, die zur Wahl stehen, nicht interessieren, argumentiert an der vom Politikbetrieb selbst geschaffenen Realität vorbei. ” Ja, ja – Henne und Ei und alles ist so, wie es ist.
Schön, dass PR (@Long John Budda – klasse) immer weiß, wie diese bunte Welt auszusehen hat und wie sie zu erkennen und zu deuten ist. Danke.
[...] 100. Der Schnutentunker (4060) Und hier das Gesamt-Ranking: 1.netzpolitik.org (1) 2. nerdcore (2) 3. Carta (6) 4. Fefe`s Blog (8) 5. Stefan Niggemeier (9) 6. Fünf Filmfreunde (21) 7. blog.rebellen.info [...]
[...] (3515) 98. Eichiberlin`s Blog (3542) Die Plätze 1-395: 1.netzpolitik.org (1) 2. nerdcore (2) 3. Carta (4) 4. Fefe`s Blog (8) 5. Stefan Niggemeier (10) 6. Fünf Filmfreunde (27) 7. [...]