Stephan Ruß-Mohl

iPad-Hype: Wie sich Journalismus und Verlage überflüssig machen

Stephan Ruß-Mohl | 12 Kommentar(e)

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Nach der Schweinegrippe und der „Schneekatastrophe”, die eigentlich bislang nichts weiter war als ein ganz normaler Winter, wurden wir letzte Woche von einer ganz anderen Medien-Hype heimgesucht. Über Tage hinweg eroberten Steve Jobs und Apple mit ihrem iPad die Titelseiten und beschäftigten obendrein die Feuilletons und die Wirtschaftsredaktionen.

04.02.2010 | 

Wer die Public Relations-Branche ein bisschen kennt, wird versucht sein, das zu tun, was viele PR-Strategen in solchen Fällen machen. Um ihre Kunden zu überzeugen, wie wertvoll ihre Arbeit ist, ermitteln sie den „advertising value“: Hochzurechnen wäre demnach, wie viele Millionen und Abermillionen Dollar es Apple gekostet hätte, wenn das Unternehmen für all die Print-Artikel, TV-, Radio- und Onlinebeiträge den Platz bzw. die Sendezeit in Form von Anzeigen bzw. Werbespots hätte bezahlen müssen, statt sich der Gratis-Publicity quer durch die Medienwelt zu erfreuen.

O.k. – natürlich sollen, ja müssen Medien über Produkt-Innovationen berichten, das gehört zum Service, den wir Konsumenten erwarten. Aber wer die Sache zu Ende denkt, wird sich doch fragen, wer da wen um den Finger gewickelt hat, wenn Steve Jobs uns allerorten sein neues Lieblingsbaby vorführen durfte.

Ist Journalismus noch glaubwürdig, wenn er so willfährig das Geschäft der PR-Branche betreibt? Ruinieren nicht die Verleger ihr eigenes Business, wenn sie Redaktionen weiter ausdünnen und damit gleichzeitig so weit die Schleusen für Öffentlichkeitsarbeit öffnen? Zeitklame Redakteure verwandeln immer öfter Pressemeldungen mit einem Mausklick in „Journalismus“ – ohne kritische Prüfung und ohne Zusatzrecherche.

Das ist der zuverlässigste Weg für Journalismus und Verlage, sich selbst überflüssig zu machen. Die Dummen sind dann nämlich jene Leserinnen und Leser, die für so etwas weiterhin bezahlen; aber auch die Werbetreibenden, die teure Anzeigen oder Spots schalten, statt sich erst einmal – wie Apple – auf dem kostengünstigen Weg, über Öffentlichkeitsarbeit und mediale Inszenierungen, an ihre Zielgruppen heran zu pirschen.

Diese Kolumne hat Stephan Russ-Mohl für die österreichische Wochenzeitung Die Furche und Carta geschrieben.

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12 Kommentare

  1. Kreuzfahrtinspektor |  04.02.2010 | 20:32 | permalink  

    Vollkommen richtige Feststellung, aber bekannt und ein alter Hut. Im Falle Apple iPad mag das Ganze noch deutlicher geworden sein, aber über ein Produkt das noch nicht einmal auf dem Markt ist (und erst in drei Wochen sein wird), das man weder testen, noch weitergehend “recherchieren” kann, lies sich in diesem Fall ja auch nicht(s) ander(e)s berichten, kein Mehrwert leisten, nichts berichterstatten da die Quelle eine Quelle ohne Fluss war.

    Und es ist und bleibt natürlich so das die, die veröffentlichen wollen, sich darüber freuen wenn sie das Material dafür in die Hände bekommen und weniger Finger rühren müssen. Allein über Twitter und (nichtkommerzielle) Blogs bekam man soviele Tablet-Informationen/Gerüchte das es folgerichtig schwierig wurde dort von Verlagsseite mit Man- und Womenpower – also Geld – etwas entgegenzusetzen was sich dann nicht refinanzieren lässt.

  2. Dude |  04.02.2010 | 21:56 | permalink  

    Ich würde es auch mal anders herum sehen: Durch die umfassende Medienberichterstattung, die jeden Pups von Apple mit ausführlichen Beiträgen begleitet, sorgen die Verlage dafür, dass Apple auf bezahlte Werbung in diesen Medien verzichten kann und viele Zeitungen durch Apple keine Werbeeinnahmen generieren. Aus journalistischer Sicht ist es vor allem zu kritisieren, dass die “Keynotes” von Apple im Unterschied zu den meisten Produktpräsentationen aus der Unterhaltungslektronik nur einseitige Showveranstaltungen sind, auf denen die Apple-Vertreter ihre Werbefloskeln runterbeten anstatt sich vor dem versammelten Publikum auch kritischen Fragen zu stellen.

  3. Thomas Television |  04.02.2010 | 22:11 | permalink  

    Aus verhaltensökonomischer Sicht bezüglich der ganzen Aufregung um Apple, ist folgendes eventuell ergänzend hinzuzufügen:

    http://www.dradio.de/dlf/sendungen/computer/1115932/

    Für den beobachteten oder gefühlten Prozess, wonach Journalisten immer weniger Eigenrecherche leisten und immer mehr von PR beeinflußt werden ist das iPad meiner Ansicht nach ein denkbar schlechtes Beispiel, denn eine weiterer Punkt kommt ja hinzu: die Verleger setzen Hoffnungen darauf, dass das iPad eine Art digitaler Kiosk sein könnte und ihre Probleme verkleinert oder gar löst. Insofern ist es klar, dass sie viel, ausführlich und nicht sonderlich kritisch drüber berichten, bestes Beispiel ist dafür sicher die New York Times, die ja sogar auf den Promo-Fotos von Apple vorkommt.

  4. Gunther |  04.02.2010 | 22:32 | permalink  

    Es mag schon stimmen, dass die Verlage sich mit dem iPad goldene Zeiten erhoffen (was ich persönlich doch extremst bezeifle). Doch sollten sie nicht gerade dann auch mal Kritisch mit diesem ganzen Hypen-Gedöns von Apple umgehen? Einfach so mal einem Konzern hinterherzuhecheln, weil er es geschafft hat, längst bekannte Technik hübsch zu verpacken ist mit Sicherheit der beste weg die Klippe runter – denn das zeigt, dass sie prinzipiell jedem hinterherhecheln, der ihnen was verspricht.
    Manche “journalistischen” Beiträge zu diesem Thema haben bei mir wirklich nur noch Brechreize ausgelöst und mich an diesem Stand nur noch mehr zweifeln lassen.

  5. stephan russ-mohl |  05.02.2010 | 06:01 | permalink  

    “Alter Hut”? Mag ja sein, für Insider. Aber in keinem anderen gesellschaftlich relevanten Bereich gibt es – behaupte ich mal, den empirischen Beleg zu erbringen, wäre ein schönes und wichtiges Forschungsprojekt – so grosse Wissensdefizite und Wissensklüfte wie hier, im Grenzbereich zwischen Medien, Journalismus und PR. Insofern besteht also “Aufklärungsbedarf”, und zwar einer, dem die alten Medien mehr schlecht als recht entsprechen – vermutlich, weil sie bestimmte “Geheimnisse” ihres Geschäftsgebarens auch jetzt noch für sich behalten wollen, obschon ihr Business Model nicht mehr funktioniert. Und auch, weil Verleger und Chefredakteure selbst lieber andere an den Medienpranger stellen, als dort selbst vorgeführt zu werden.

    Ökonomisch macht das Argument, dass die Verlage das i-pad hypen, weil sie daran grosse Hoffnungen knüpfen, zwar durchaus Sinn, aber so lang ist der Arm, mit dem Verleger und Medienmanager in Redaktionen “durchgreifen”, dann auch wieder nicht. Ich jedenfalls glaube, dass die I-pad Hype eher vom Journalisten-Herdentrieb und natürlich durch hochprofessionelle mediale Inszenzierung von Apple ausgelöst wurde. Aber auch das wäre natürlich durch Forschung zu belegen, statt es einfach als “informed guess” zu behaupten.

  6. YuccaTree Post + » iPad-Hype: Haben die Medien kostenlos für Apple geworben? |  05.02.2010 | 10:28 | permalink  

    [...] Stephan Russ-Mohl von Carta kritisiert, ist vor allem, wie Journalisten bereitwillig im Vorfeld, während und nach der [...]

  7. Meeresbiologe |  05.02.2010 | 14:31 | permalink  

    Medien nehmen vor allem Nutzerinteressen auf und nutzen sie für eigene Gewinninteressen. Da sich für Apples iPad, wie auch die große Resonanz zeigt, besonders viele Leute interessiert haben, wurde besonders viel drüber berichtet. Das ist schlicht die Aufgabe von Medien: Widerzuspiegeln, was als wichtig empfunden wird. Medien und Unternehmen können niemals mit Berichterstattung und Marketing allein einen Hype erzeugen, sondern primär nur mit neuen Qualitäten. Auch die sogenannte „Schneekatastrophe” war ja innerhalb der letzten überwiegend milden Winterjahrzehnte längst kein normaler Winter mehr, sondern eben ein unnormaler.

  8. Mobilfunk: Großes Interesse an Touchscreen-Geräten | TechBanger.de |  06.02.2010 | 05:49 | permalink  

    [...] das iPad den Netbooks und Smartphones Marktanteile ab, oder führt der Hype um das iPad im Gegenteil (wie ich glaube) zu einem insgesamt viel größeren Interesse an mobilen [...]

  9. Interessante Postings aus meinem Feedreader - 6. February 2010 | (( echoraum )) |  06.02.2010 | 06:04 | permalink  

    [...] iPad-Hype: Wie sich Journalismus und Verlage überflüssig machen [...]

  10. Alvy Singer |  06.02.2010 | 08:17 | permalink  

    Kolumnen sind immer so lange wie das Layout vorgibt. Die Ausführlichkeit der Analyse hat sich also meist äusseren Vorgaben anzupassen. Nicht anders ist es für mich zu erklären, dass sich in diesem Text alles verkürzt darstellt. Nichts richtig falsch, nichts richtig richtig (Journalistmuskritik, ökonomische Rahmenbedingungen…) Und ausserdem wird aussen vor gelassen, dass es sich hier um ein Produkt handelt, mit dem die Kommunikationsbranche viele Zukunftshoffnungen und -ängste verbindet. Im übrigen denke ich, dass dem letzten grossen Apple-Hype, dem iPhone, eine Werbewelle gefolgt ist – und zwar nachhaltig in TV und Anzeigen. Insofern liesse sich auch durchaus anders argumentieren.

  11. Reiner/SB |  06.02.2010 | 10:46 | permalink  

    Es gibt eine Institution, die sich “deutscher Presserat” nennt.

    http://de.wikipedia.org/wiki/Deutscher_Presserat

    >
    Verstößt ein Presseunternehmen in Print- oder Onlinemedien gegen einen oder mehrere dieser publizistischen Grundsätze, ist es jedem möglich, eine Beschwerde beim Presserat einzureichen.
    >
    Was soeben geschehen ist.
    Im Falle des hier erörterten Themas haben z.B. FAZ und WELT haben gegen diese publizistischen Grundsätze massiv verstossen. Dies sollte dementsprechend publik gemacht werden und es sollte Aufgabe des deutschen Presserates hier eine Rüge an die betreffenden Presse/(Internet)-Organe zu machen.

  12. martin |  06.02.2010 | 15:46 | permalink  

    d’accord, Jörn Kantel und die FAZ vom Mittwoch möchte ich mal ausnehmen, siehe u.a. auch http://kasse4.wordpress.com/2010/02/04/kasse4-zum-thema-ipad/

    Das war es wert, es gelesen zu haben. Grüße!
    m

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