Alexander Kluge | 21 Kommentar(e)
Frank Schirrmacher im Gespräch mit Alexander Kluge: Über die Übersetzung von Scripts in Erzählungen, über die Algorithmen von Bienen und Wespen, über Friedrich Schillers Google Earth, über die Panik vor dem Unberechenbaren und über Computer als sadistische Instrumente.
04.02.2010 |
Alexander Kluge hat Frank Schirrmacher am Rande des DLD interviewt. Es ist ein beeindruckendes Gespräch geworden, weil Kluge nicht versucht, Schirrmacher zu widerlegen – sondern ihn mitnimmt auf eine Art gemeinsame Reise der Kritik der digitalen Präskriptionen. Am Ende will man den beiden beipflichten: “Es wird immer ausgeschlossen, was sich nicht algorithmisch organisieren lässt.” Ein 22-Minuten-Video.
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Alexander Kluge hat das Gespräch für dctp im Rahmen der Meinungsmacher-Serie geführt. Wir präsentieren es hier in Kooperation mit dctp. Die Site sei für weitere Kluge-Gespräche sehr empfohlen.





Fabelhaft!
[...] und in der Bloggerszene, jenem "Wurmfortsatz" des Qualitätsjournali… 2 Likes Schirrmacher & Kluge: “Algorithmen geben niemals auf” — CARTA Frank Schirrmacher im Gespräch mit Alexander Kluge: Über die Übersetzung von Scripts in [...]
An der These der “Auswanderung des Denkens” (in Richtung Algorithmen) ist schon was dran: Auch in der Holzwirtschaft, beim Fällen von Bäumen, wird bereits Kompetenz ausgelagert, also vom Menschen auf eine Maschine delegiert.
Es gibt inzwischen multifunktionale Holzernte-Maschinen, die beim Fällen und Entasten eines Baumes selbst entscheiden, in wie große Stücke der Stamm dann gesägt wird (und dies auch sofort tun), weil sie über Sensoren so viele Daten aufnehmen, dass man ihnen hier eine bessere bzw. schnellere Entscheidungskompetenz als den Waldarbeitern zutraut.
Ist Know-How wirklich Denken? Kann man nicht einfach Gilbert Ryle, Mihalyi Polanyi, Bateson, v. Foerster und Wittgenstein einfach mal glauben und feststellen, dass wir uns weit davon entfernt haben zu wissen, worüber wir sprechen, wenn wir die Begriffe WISSEN, DENKEN, ERKENNEN benutzen. Und sei es nur in unseren Gedanken und noch nicht in der Sprache, aber spätestens dort wird klar, was uns Sokrates herüberrufen würde: Das aufgeschriebene Denken ohne Sprache ist nur die halbe Miete.
Die Dialogphilosophen weisen uns auf das Zwischen hin als Ort der Kreation von Sinn zwischen Ich und Du. Diesen Ort wird zu keiner Zeit von einem Algorithmus, einem mathematischen Modell, einem systemtheoretischen Vergleich zugänglich sein. cultura wird nicht gepflegt durch formalisiertes Verarbeiten von gespeicherten Ontologien aus noch so elaborierten Fachsprachen. Es ist ein Ähnliches mit den neuen monotheistischen Religionen rund um den Gott der Komplexität oder der Emergenz.
Sollte es eines Tages einen Algorithmus zur Errechung der Komplexität oder dr Emergenz geben, werde ich klein beigeben und anerkennen, das das blinde Voranschreiten des Lebens gestoppt wurde.
Schelling sagte, dass im Menschen die Natur das Auge aufschlägt. Im Netz schlägt das Individuum das Auge auf und begegnet sich selbst in einem Kaleidoskop aus Milliarden ICHs. Wer sonst könnte das besser verstehen als die Russen, die nur im Netz klare Antworten auf den Zustand ihrer Gesellschaft finden und die Abertausenden Blogs und Kommentare von Frauen in muslimischen Ländern, die sich dort artikulieren können, wo es sonst keinen öffentlichen Raum gibt.
Die Algorithmen der Ewiggestrigen Jünger der lineraren Algebra wie die Herren Brin und Page von Google werden dann den Status von Praktikanten im Dschungel der Bedeutung verlassen, wenn sie den Computern mehrwertige Logik und Heterarchien beigebracht haben. Dazu müssten sie zunächst die Mathematik revolutionieren und dann die Binärrechner modernisieren. Das ist allerdings nicht in einer Generation zu schaffen…
Also gemach, gemach, der Weltgeist schreitet langsam, aber er schreitet…
Faszinierend, faszinierend wie er spricht. Immer wieder wird irgendein unbedeutender “name dropping” Wissenschaftler aus den USA mit einem Bild oder Spruch referenziert, und dann auf den Algorithmen rumgeträumt. Die Kommentare der Entwickler übersetzen… tse tse. Das ist ein sehr unalgorithmisches Denken. Netter geistvoller Blödsinn, wie gut, dass er nicht über Hollerith spricht.
Die Forderung der Narration ist schön und richtig. Finde ich ein spannendes Thema für einen Journalisten.
Algorithmen meint in dem Gespräch genau das, was in der Fachsprache “Institution” heisst, aber vielleicht auch mehr. Zum Beispiel das Ordnen seiner Socken. Wie gut, dass er nicht über Hollerith spricht…
Was alles auf die Spitze treibt: “Leuchttürme großer Zeitungen”, herrlich. “nicht nur auf der Ebene der reinen werbenden Ökonomie”. Wunderbar! Die Rettung der Essayistik der großen Männer aus dem Geiste des algorithmischen Rauschens.
Naja, so ganz anfreunden kann ich mich auch nicht mit allen Aussagen. Einiges ist auch einfach nur Soße obendrauf. Der Begriff Cloud wird eher als Suchmaschinenoptimierung verwendet als dass er in dem Gespräch irgendeinen Sinn ergibt. Und Leuchttürme haben auf Grund veränderter Navigation heute nur noch historischen Wert.
Trotzdem gefallen mir die Denkanstöße. Der Hinweis auf die Abhängigkeiten und Einschränkungen auf Algorithmen, insbesondere im Recht, finde ich sehr wichtig und damit auch die Frage, in wie weit sich Intelligenz beziehungsweise Leben in Algorithmen nachbilden lässt.
Da sich Algorithmen in der Computertechnik und damit auch im Netz immer mehr verfeinern, denke ich, dass sich vieles, was für uns heute noch als dritte Kraft oder Intuition wahrgenommen wird, in Algorithmen übersetzen lässt.
Die Auswertung von Kommentaren in “Scripts” in Bezug auf Programmcode, daraus lässt sich auch eine Forderung nach Open Source ableiten. Auch aus der Beschreibung der Auswertung von Bankdaten für Kredite sehe ich als einen Aufruf zu mehr Transparenz an.
Nur was ist “der Text, den wir folgen”? Sind das die Beiträge in Facebook, oder deren Programmcode?
Awesome. Hier ist eine Dimension der Auseinandersetzung mit dem Netz erreicht, von der Sixtus,Knüwer und alle anderen Werbetreibenden nur träumen können. Schirrmacher hat unbeschreibliche Instinkte. Wenn ihn seine Instinkte diesmal nicht trügen, beginnt jetzt die nächste Phase der Netz-Rezeption. Beobachte mit Interesse das Zusammengehen von FAZ (!) und CCC. Die social media Gurus, die sich Unternehmen andienen um ihnen noch besser zu zeigen, wie sie soziale Kontexte ausbeuten und kommerzialisieren können und die sich im Netz als die junge Avantgarde präsentieren (Sixtus born 1964), aber alle jenseits der plus/minus 35 sind, sind nur einen Zwischengeneration. Siehe sehr interessant auch http://sozialtheoristen.de/2010/02/05/das-rundum-gute-internet/
@Schwenk: gott, dumm ist ja irgendwo lustig, aber unter dem klarnamen…poor guy.
@noobish: Warum schreiben Sie eigentlich nicht unter Klarnamen? Trauen Sie sich nicht, für Ihre Meinung einzustehen?
Zudem verstehe ich Ihre Kritik nicht: Ich bringe lediglich ein weiteres Beispiel für die These von Frank Schirrmacher, dass unser Denken nach außen wandere (Payback, S. 81). Damit drücke ich aus (ohne dies freilich explizit formuliert zu haben), dass mich seine These sensibilisiert hat und ich seitdem nach Belegen dafür suche. Und siehe da: Ich finde sie, sogar im Wald, zwischen den Bäumen…
@Schwenk: siehe auch heute Stephen Baker auf faznet.http://www.faz.net/s/RubCEB3712D41B64C3094E31BDC1446D18E/Doc~EFE324AEB56D9453787F300D7644D93D6~ATpl~Ecommon~Scontent.html
Der hat andere Beispiele, nicht alle überzeugend.
[...] Schirrmacher am Rande des DLD im Gespräch mit Alexander Kluge. Ebenso eine Entdeckung für mich wie das Vlog von [...]
Es wird jetzt darum gehen, die Denkanstöße in etwas praktischere Kontexte zu übertragen. Man könnte ja mal fragen: Wie macht man aus Rivva eine Erzählung? Und wie macht man klar, was Rivva nicht sichbar macht?
@Meyer-Lucht, weiterdenken:Sehr gut heute Jakob Augstein in der WamS:
http://www.welt.de/die-welt/kultur/literatur/article6286267/Mein-Hirn-gehoert-mir.html
und ganz gross ist:
http://ow.ly/14JXD
chancen einer neuer debatte. wird aber sixtus et al nerven, weil es die unkritische hype und das eigene geschäftsinteresse torpediert. carta könnte das eher.
@ Thomas: Danke für die Hinweise. Den Overload-Text hatte ich schon für die Netzlese-Rubrik notiert. Der Augstein-Text kommt da jetzt auch rein, auch wenn der mir fast noch eine spur zu alarmistisch ist (”Es geht um nichts weniger als das Schicksal des Individuums, das sich mit seiner Identität und seiner Zukunft im Digitalen aufzulösen droht. “)…
gruss, rml
Und was sagt das über die blogosphäre? sollten wir nicht mal anfangen pr und vorurteil von lektüre und wissen zu unterscheiden? augstein hat ganz recht. insofern ist schirrmachers buch ein datum. “Ich brauche es nicht zu lesen, weil ich schon weiss was drinnsteht”, sagt Johnny. “Ich habe es gelesen, und mit allem anderen verlinkt, wenn nicht für Euch, dann für die AI”, sagt Google. Faszinierend!
So,so lese gerade Knüwer findet boing boing legendär. Das http://m.boingboing.net/2009/11/05/age-of-the-informavo.html schreibt boing boing über Schirrmacher, irgendwie anders als Sascha
We make technology, but our technology also makes us. At the online science/culture journal Edge, BB pal John Brockman went deep — very deep — into this concept. Frank Schirrmacher is co-publisher of the national German newspaper FAZ and a very, very big thinker. Schirrmacher has raised public awareness and discussion about some of the most controversial topics in science research today, from genetic engineering to the aging population to the impacts of neuroscience. At Edge, Schirrmacher riffs on the notion of the “informavore,” an organism that devours information like it’s food. After posting Schirrmacher’s thoughts, Brockman invited other bright folks to respond, including the likes of George Dyson, Steven Pinker, John Perry Barlow, Doug Rushkoff, and Nick Bilton. Here’s a taste of Schirrmacher, from “The Age of the Infomavore”:
ps
interessanter, sehr interessanter kommentar auf boing boing zu schirrmacher:
Yes, I see an issue. I am a nontraditional undergrad student of philosophy. I am 32. Most of the people I hang with here at school are professors, or 20ish year olds. A generation gap is quickly becoming a generation barrier. The y gens are amazing people but they have no immune system to protect them from marketing bombardment. Their parents are/were either unskilled in the art of wisdom, or just non-existent.
The first time conversations I have eves dropped on are interesting to say the least. Little, if any, genuine friendships are formed amongst themselves and I find the y’s latch on to me like children to a blanket. When I see a beautiful woman walking down the hall, and I or some other guy smiles at them, they instantly pull out their cell and pretend to check it. Not just the girls do this. It seems they have created a safe haven they cannot do without. On facebook, on the cell, twitter, and ipods we all find some sort of quietude within the noise.
I was in a car recently going to a concert. There were five of us. We had one destination. Mass confusion in sued. My mouth hung open in disbelief at the un-efficiency the operation. I began to pay closer attention to them and the way they communicate. I am troubled by what I have noticed. The entire car ride was an exchange of vocabulary that did not make sense to me or to any of them. They would argue with each other when they were making the same point or argue two completely different things. I listened to people have conversations with each other about 2 completely different topics. Drama is bound to take place. So much drama. People became angry and frustrated with one and another; can one blame them? Perhaps in a world of text messaging and tweets, face to face communication is being forgotten.
http://m.boingboing.net/2009/11/05/age-of-the-informavo.html
must read
http://sozialtheoristen.de/2010/02/05/das-rundum-gute-internet/
Das assoziative Bildungsschaulaufen (Surfen!) von Schirrmacher/Kluge (Goethe/Schiller!?) ist ja sehr schön anzuschauen. Wo gibt es sonst noch solche, sich in Begeisterung hineinsteigernde Männer?
Aber der arme Algorithmus! Wird der nicht ein wenig überfrachtet?
@Wolfgang Michal: Wozu Kluge/Schirrmacher assoziieren lassen, wenn es den Assoziations-Blaster von dem Alvar Freude gibt:
http://www.assoziations-blaster.de/blast/Algorithmus.8.html
?
Die Antwort: Damit sie sich richtig freuen und wir uns mit ihnen.
@Andreas Es wäre schön, solche entspannten Debatten zu führen. Wo?
[...] medialer Präformation: Wenn also Schirrmacher mit Kluge als Diskutant sich einig sind über digitale Präskriptionen, dann wünsche ich mir, dass sie sich einmal auseinandersetzen z.B. mit den Aspie-AktivistInnen, [...]