Matthias Schwenk

Monopoly im E-Book-Markt: Amazon gegen Apple und die Rolle der Verlage

Matthias Schwenk | 20 Kommentar(e)

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Zwischen Amazon und Apple knirscht es, seitdem Apple mit dem iPad in den Markt für E-Books eintritt. Den Buchverlagen muss bewusst sein, dass beide Kontrahenten zur Monopolbildung neigen und sie deshalb mehr tun müssen, damit ein vielfältiger E-Book-Markt mit Long Tail entsteht.

01.02.2010 | 

Amazon lässt die Muskeln spielen. Weil das Verlagshaus Macmillan, das zu den größten seiner Branche gehört, höhere Preise für digitale Bücher fordert, nahm Amazon dessen Verlagsprogramm in den USA kurzerhand aus dem Angebot. Nicht ein paar Titel, sondern das gesamte Sortiment.

Den Hintergrund für diese Auseinandersetzung bildet die Einführung des Apple iPad, für dessen iBook Store Steve Jobs sich etwas Besonderes hat einfallen lassen. Um Verlage aus der engen Bindung an Amazon zu lösen, hat er ihnen höhere Preise für E-Books versprochen: Nicht 9,99 USD wie auf dem Kindle, sondern 13 bis 15 USD sollen sie bei ihm kosten dürfen.

Kampfansage an Amazon: Steve Jobs präsentiert "iBooks"

Kampfansage an Amazon: Steve Jobs präsentiert iBooks (Foto: myuibe/engadget, cc-by)

Das war natürlich eine Kampfansage an den Marktführer Amazon, der nun fürchten muss, dass sich nicht nur Leser von seinem E-Book-Konzept abwenden, sondern auch Verlage, weil sich das iPad als die attraktivere Plattform gegenüber dem Kindle erweisen könnte.

Wie blank die Nerven liegen, obwohl dieser Kampf noch gar nicht richtig begonnen hat, zeigt das Verhalten von Amazon gegenüber Macmillan. Noch hat Apple nicht einen einzigen iPad verkauft und doch ist dessen neuer iBook Store schon eine ernste Bedrohung. Denn selbst wenn das iPad kein Kassenschlager werden sollte, hat Apple über die iBooks Applikation (in welche der Store integriert ist) immer noch ein beträchtliches Potenzial auf den inzwischen rund 75 Millionen verkauften iPhones und iPod Touch Geräten. Amazon dagegen hat bislang vermutlich erst 3 Millionen Kindles verkauft.

Dazu kommt, dass mit Apple ein hoch profitables Unternehmen in den E-Book-Markt eintritt, das weitaus höhere Gewinne macht als das im margenschwachen Einzelhandel beheimatete Amazon: Im letzten Berichtsquartal erzielte Apple einen Gewinn von 1,76 Mrd. USD, während Amazon nur 384 Mio. USD vermeldete.

Der Zankapfel in dieser Auseinandersetzung sind die Verlage, auch wenn sie hier fast wie Statisten zwischen zwei Giganten wirken. Sie waren bisher schon nicht glücklich mit Amazons Preispolitik auf dem Kindle. Denn Amazon kann den Preis von 9,99 USD pro E-Book nur dadurch halten, dass es jeden einzelnen Verkauf subventioniert. Den Verlagen aber ist dieser Preis nicht wertig genug. Sie hätten gern höhere Preise, am liebsten wohl sogar Preisparität mit ihren gebundenen Buchausgaben.

Amazon hält mit dem plausiblen Argument dagegen, dass ein E-Book, weil es nicht gedruckt, gelagert und verschickt werden muss, billiger kommt und deshalb ein Teil der Kostenersparnis auch an die Käufer weitergegeben werden sollte. Diese Sichtweise findet weithin Zustimmung, nur nicht in der Buchbranche.

Diese sträubt sich dagegen und bekommt mit Apple über Nacht einen neuen Partner, der freundlich lächelnd seine Arme ausbreitet und viel Verständnis für das Buchgewerbe signalisiert. Immerhin hat es Apple schon geschafft, die Umsatzbeteiligung zugunsten der Verlage zu drehen. Behielt Amazon in der Vergangenheit von jedem verkauften E-Book 70 % des Umsatzes für sich, bietet Apple den genau umgekehrten Split: 30 % für Apple, 70 % für den Verlag. Amazon musste sofort nachziehen und sich der neuen Situation anpassen.

Allerdings sollten sich die Buchverlage nicht zu früh über Apple freuen, sondern lieber die Entwicklung bei den iPods und iTunes genau studieren. Was 2001 wie eine spleenige Idee erschien und als Nischengeschäft begann, hat die Musikindustrie inzwischen das Fürchten gelehrt. Denn Apple ist heute weltweit der mit Abstand größte Händler für Musik-Downloads und bestimmt auf diesem Markt beinahe weltweit das Preisgefüge gegenüber den Endkunden. Dass inzwischen auch Amazon in diesem Geschäft mitwirkt, hat der Musikindustrie nicht viel gebracht: Nach wie vor besteht eine enorme Abhängigkeit von Apple und es sieht nicht so aus, als würde sich daran in nächster Zeit etwas ändern.

Den Buchverlagen könnte es ähnlich gehen, wenn sie nicht bald Strategien entwickeln, mit denen sie sich aus der engen Umklammerung von Apple oder Amazon lösen können. Keinesfalls dürfen sie es zulassen, dass der Markt für digitale Bücher sich um proprietär ausgerichtete Standards von ein paar großen Unternehmen entwickelt, die damit monopol- bzw. oligopolartige Marktverhältnisse schaffen. Selbst ein großes Verlagshaus wird in diesen Systemen schnell zum relativ unbedeutenden Anhängsel, dem man auch mal den Stuhl vor die Tür stellen kann, sei es auch nur vorübergehend.

Das Hauptproblem bei diesem Monopoly-Spiel liegt auf der Ebene der Handelsstufe zwischen (Einzel-) Handel und Endverbraucher. Während der klassische Buchmarkt, ebenso wie früher das Geschäft mit Schallplatten und CD’s, mit einer relativ kleinteiligen Einzelhandelslandschaft aufwarten kann, ist das Geschäft mit E-Books und Musik-Downloads im Internet weitgehend in der Hand weniger Adressen.

Das aber ist keine gute Basis für die weitere wirtschaftliche Prosperität der Verlagsbranche. Sie müsste sich deshalb schleunigst darum kümmern, dass ein neuer, kleinteiliger E-Book-Markt entstehen kann und dafür die geeigneten Shop-Konzepte entwickeln. In der Folge sollte sich damit ein Teil der Umsätze von den Marktführern Amazon (und Apple) in den Long Tail des Marktes verschieben lassen.

Damit wäre vielleicht auch gewährleistet, dass sich in Verbindung mit hinreichend offenen Standards und kompatiblen Dateiformaten ein vielfältiger Markt für E-Book-Reader entstünde, in dem nicht alles auf den Kindle oder das iPad hinaus liefe. Die Leser sollten viele verschiedene Einkaufsquellen für E-Books haben und ihre Käufe auch auf ganz unterschiedlichen Geräten lesen und langfristig speichern können.

In einer solchen Marktsituation könnten Verlage gelassener in Verhandlungen mit Amazon oder Apple treten und müssten nicht fürchten, wie Macmillan, einfach über Nacht mal schnell ausgelistet zu werden.

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20 Kommentare

  1. steffenmeier |  01.02.2010 | 09:37 | permalink  

    Verlage stürzen sich viel lieber auf Google als Erz-Feind und ignorieren den potentiellen E-Book-Monopolismus von Apple. Und woher soll der kleinteilige Markt kommen? Das würde verlegerische Anstrengungen und Koordination verlangen, die ich nirgends erkennen kann.
    Zumindest ist es gut, dass das Thema jetzt zumindest in einem Teil der Medienschaffenden diskutiert wird, hier mein kleiner Beitrag dazu (Achtung, Schleichwerbung):
    http://www.lesen.net/diskurse/meinung-ipad-jesus-oder-judas-2223/

  2. Johannes |  01.02.2010 | 10:41 | permalink  

    Der Verlagswelt ist die drohende Abhängigkeit durchaus bewusst, entsprechend gibt es auch bereits Gegenstrategien. Ein hiesiges Beispiel ist der vom Branchenverband initiierte und betriebene eBook-Shop libreka.de, der in Sachen Usabiliy & Pricing aber noch nicht wirklich attraktiv ist. Auch setzen viele Publisher noch auf gängelnde DRM-Mechanismen, was – ohne eine dahinter stehende Plattform, wie sie Amazon anbietet – natürlich auch nicht gerade ein Umsatztreiber ist.

    Sprich: Problembewusstsein und Ansätze gibt es, aber die Akteure handeln noch (zu) vorsichtig bis schlafmützig. Wenn Amazon und Apple sich hierzulande erst einmal richtig in Stellung gebracht haben, könnten die Verlagshäuser ihr derzeitiges Verhalten bereuen.

    Ciao
    Johannes

  3. Matthias Schwenk |  01.02.2010 | 11:06 | permalink  

    @steffenmeier: Danke für den Link auf lesen.net. Der Artikel dort ist eine sehr gute Ergänzung zur Thematik. Das allgemeine “Google-Bashing” und Schweigen gegenüber Apple ist auch insofern interessant, als dass Apple das deutlich größere Unternehmen ist (Umsatz fast dreimal so hoch).

    @Johannes: Von libreka.de bin ich persönlich nicht überzeugt, das wirkt wie von einer Behörde gemacht. Meine Vorstellung geht in die Richtung, dass es ein Online-Shop-Konzept geben müsste, das sich einfach und schnell in jedes Blog integrieren lässt. Auf diese Weise könnten Blogger über den vermittelten Verkauf von Büchern etwas Geld verdienen. Amazon macht es mit seinem Affiliate-Programm vor (und fördert so seine monopolartige Marktstellung).

  4. Peter Resele |  01.02.2010 | 11:26 | permalink  

    Was ich nicht verstehe ist: Wieso die Verlage das noch immer noch nicht verstehen. Einerseits werden sie durch die Technologie von Amazon und iTunes überflüssig gemacht (Amazon: “70% für den Autor”, Rest natürlich für Amazon), andererseits tun sie wirklich alles, um diese Technologien zu ignorieren (ich spreche aus Erfahrung).
    Dabei wäre es doch so gar nicht so schwer:
    Der *Verlag selbst* muss digital publizieren, ohne Amazon & Co.
    Amazon lässt das nicht zu – der einzige Weg zum Kindle ist Amazon. Aber schon Apple ist hier absolut offen: *Jeder* kann einen e-Reader für das iPhone entwickeln und dann Bücher dafür verkaufen – ganz ohne dass Apple da was verdient (Amazon macht es!). Was Amazon gemacht hat, sollte doch jemand wie ein Großverlag locker stemmen – was spricht bitte dagegen, die Bücher selbst zu verkaufen? Oder zumindest ein Standard-Format und (gemeinsam mit anderen Verlagen) und ein Standard-DRM zu definieren, dass den *freien* Handel der Bücher auf *allen* Websites (nicht nur Amazon und iTunes) und *allen* Geräten ermöglicht (auf Kindle verzichte ich gerne)?
    Das ist es, was ich von Verlagen in Zukunft erwarte. (Für Zeitungen entwickeln wir selbst an solchen Technologien, für Bücher gibt es eigentlich schon eine ganze Menge fertig zu kaufen.)

  5. Matthias Schwenk |  01.02.2010 | 11:53 | permalink  

    @Peter Resele: Bei den Applikationen für das iPhone (oder das iPad) verdient Apple grundsätzlich mit, sofern diese nicht kostenlos abgegeben werden. Zudem muss jede Applikation vorab genehmigt werden. Apple könnte also, wenn man dort den Eindruck bekäme, dass zuviel Konkurrenz zum hauseigenen iBooks entsteht, Applikationen ohne weitere Begründung ablehnen.

    Was die Verlage betrifft, so befinden diese sich in einem Konflikt. Bei den gedruckten Büchern arbeiten sich mit dem Groß- und Einzelhandel sehr gut zusammen. Im Internet könnten und müssten sie vielleicht die Stufe des Handels mit dem Endverbraucher selbst übernehmen. Das würde vermutlich aber das Klima zwischen Verlagen und Buchhandel trüben – ein Dilemma.

  6. Adrian E. |  01.02.2010 | 13:14 | permalink  

    Apple tritt in den E-Book-Markt ein? Das behauptet vielleicht das Apple-Marketing, eine Tatsache ist aber, dass Apple einen E-Book-Reader weder anbietet noch die Herstellung eines solchen angekündigt hat. Natürlich kann man auch auf Computerbildschirmen, Handy-Displays oder sogar auf dem Leucht-Display eines funktional abgespeckten Tablet-PCs names iPad Bücher lesen, doch das wird kaum jemand tun, der den Lesekomfort mit einem echten E-Book-Reader mit e-Ink-Technologie kennt. Ein richtiger E-Book-Reader ist für die Augen angenehmer, und man ist nicht von spezifischen Lichtverhältnissen abhängig. Die paar Masochisten, die ganze Bücher auf einem altmodischen Leucht-Display von Apple lesen wollen, kann man getrost vergessen.

  7. Links des Tages vom 01.02.2010 » Ausverkauf, Basteln, e-book, gugelhopf, MAD, markt, Monopoly, musikperlen, rose, Trailer » Lifestyle & Medien |  01.02.2010 | 14:05 | permalink  

    [...] Monopoly im E-Book-Markt Ich dachte immer der Kunde bestimmt am Ende den Umsatz. Warum sollte jemand freiwillig mehr für [...]

  8. Joscha Bach |  01.02.2010 | 17:19 | permalink  

    Eine ganze Reihe von Punkten kann man auch ganz anders interpretieren.

    - Es ist z.B. noch nicht ausgemacht, ob das iPad ein “Kindle-Killer” ist – die Einsatzzwecke (Sofa vs. unterwegs) sind doch recht verschieden.
    - Auf den iPad läuft eine Kindle-Applikation. Wenn die Preise bei Amazon niedriger sind, werden die Kunden nicht bei Apple kaufen. Amazon hat bewiesen, dass sie in Einzelfällen auch negative Margen akzeptieren, um eine Niedrigpreisstruktur durchzusetzen. Aus Amazons Sicht können eBooks nur mit niedrigen Preisen funktionieren.
    - Das neue Vergütungsmodell Amazons wurde vor dem iPad angekündigt, und ist an die niedrigeren Preise gebunden.
    - Apple hat sich dazu bekannt, keine höheren Preise als Amazon haben zu wollen. Und warum auch? Ist Apple dafür bekannt, die Musikindustrie mit Samthandschuhen anzufassen? Warum sollte das bei Verlagen anders sein? Das Geld kommt schließlich von den Kunden, nicht von den Contentlieferanten.

    Auf der anderen Seite stehen die traditionellen Papierbuch-Preismodelle der Verlage. Diese Geschäfte funktionieren gut und werden durch eBooks bedroht, insbesondere, weil Amazon deutlich gemacht hat, dass sie die Autoren auch gern direkt, also ohne einen Verlag als Zwischenglied, bezahlen – und zwar nicht, wie MacMillan, mit 4-12% vom Endverkaufspreis, sondern mit 70%. Darin liegt die Hauptbedrohung für Verlage: wenn sie sich auf Amazons Preisvorstellungen einlassen, so könnte die Abwärtsspirale bei den Buchpreisen sie ruinieren. Wenn sie es aber nicht tun, dann wird Amazon sie aus dem Markt werfen.

    Übrigens ist mir nicht klar, wie im Internet die Kleinteiligkeit des heutigen Buchhandels abgebildet werden soll – die entsteht ja nur dadurch, dass Leute physische Güter lokal einkaufen. Sie haben aber selbstverständlich recht damit, dass Amazon schlagkräftige Konkurrenz braucht. Als eBook-Monopolist würde Amazon (wie auch Apple) den Verlagen die Luft abdrücken. Verlage und Autoren müssen auch in fünf Jahren noch die Wahl haben, welchen Online-Händler sie beliefern, wenn sie bei der Preisgestaltung mitreden wollen.

  9. Matthias Schwenk |  01.02.2010 | 18:14 | permalink  

    @Adrian E.: Sie haben schon recht, für E-Books ist die E-Ink-Bildschirmtechnologie viel besser als das herkömmliche (Computer-) Display des iPad. Dafür hat Apple den Coolness-Faktor auf seiner Seite – ob das reichen wird, werden wir sehen.

    @Joscha Bach: Sehr gute Ergänzungen. Um so mehr sollten Verlage zusehen, wie sie sich von Amazon oder auch Apple unabhängig machen können. Die Kleinteiligkeit des E-Book-Marktes könnte dadurch entstehen, dass beispielsweise Blogs einen Bookshop auf ihre Seiten implementieren können, der von Verlagen bzw. Verbänden entwickelt und unentgeltlich zur Verfügung gestellt wird.

    Warum sollte etwa Carta nicht Bücher besprechen (was wir hin und wieder schon tun) und dazu dann auch gleich den Download des E-Books vermitteln können?

  10. ebertus |  01.02.2010 | 19:21 | permalink  

    “…in Verbindung mit hinreichend offenen Standards und kompatiblen Dateiformaten…”

    Das primäre, nein einzige Kriterium dieser, meiner möglichen Kaufentscheidung; irgendwann in den nächsten Jahren. Ala den drei Kriterien für eine wertige Immobilie: “1. die Lage, 2. die Lage, 3. die Lage”. Insofern und ob Amazon oder Apple, so ist das heute lediglich ein “nice to have”.

  11. steffenmeier |  01.02.2010 | 22:43 | permalink  

    @Joscha Bach Die Kleinteiligkeit des deutschen Buchhandels schwindet aber ebenfalls immer mehr, man sehe sich nur die Thalias und Hugendubels an – und einen der größten Sortimenter/Zwischenhändler, der interessanterweise jetzt schon Amazon ist.
    Auch die direkte Beziehung zwischen Produzent (=Autor) und Vertrieb/Endkunde unter Umgehung eines Verlages wird auf absehbare Zeit für mein Gefühl eher eine Nebenrolle spielen, dazu erbringen Verlage (noch) zu viele Leistungen (Lektorat, Marketing, Markenname, Technik). Wie dies allerdings in 10 Jahren aussieht, läßt sich wirklich nur vermuten, aber auch hier ist ein Gebiet, auf dem Verlage sehr aufpassen müssen. Dies wird sich klar auf die zukünftige Honorierung von Autoren (und kleinere Verlagsmargen) niederschlagen.
    Und ob es am Ende wirklich Apple ist, oder Amazon, oder eben jemand anderes (ist ja schon bezeichnend genug, dass dies keine klassischen Medienakteure sind) – dem traditionellen Sortimenter und Verleger droht ziemliches Ungemach. Und dies größtenteils nicht einmal unverschuldet, Libreka hin oder her.
    Zumindest könnte man zynisch anfügen, dass keiner ungewarnt in die nächste Dekade geht…

  12. Gisela Schmalz |  01.02.2010 | 23:15 | permalink  

    Wer im Digitalzeitalter das iPad als Wundermaschine feiert, ist reaktionär. Dass Steve Jobs den iPad als beste Leistung seiner Karriere hinstellt, verwundert nicht, er ist schließlich kein genuiner Onliner, sondern ein Gerätehersteller. Eigenartig ist bloß, dass auch Liebhaber des Internet und des WWW den iPad fetischisieren, der sie an den Ballast der physischen Welt zurückbindet.

    Der Augenwischerei-Pad-Hype verdankt sich zwei Phänomenen und verstärkt sie:

    1. Das Physische wird überbewertet, obwohl immaterielle Güter wie Software, Bilder, Töne, Filme und Texte auch Wundern wie dem iPod oder dem iPad überhaupt erst ihr Leben einhauchen.

    2. Viele Urheber und Mittler geistigen Eigentums sind blind dafür, dass Apple Inc. sich zum Wächter über (deren) digitale Inhalte entwickelt. Apple erschafft mit seinen Hardware-Software-Packungen iPod-iTunes, iPhone-App Store, iPad-iTunes- und iPad-App Store sogenannte Walled Gardens, ummauerte Gärten, in denen digitale Inhalte mit Apple-Geräten und -Downloadplattformen verbunden werden. Apple bootet damit nicht nur konkurrierende Plattformanbieter, sondern auch Urheber aus, die ihre Werke zu eigenen Konditionen direkt zu den Nutzern bringen wollen.
    Schließt Apple deren Fans in seine Gärten ein, können Kreative die Monetarisierungschancen, die ihnen der eigentlich ja offene Garten WWW bietet, nicht wahrnehmen. Obendrein schläft ihre Kreativität ein, sich eigene Kommunikations- und Distributionsmuster zu überlegen. Wozu sich abmühen, wenn doch der iTunes Store schon da ist. Geschlossene Systeme, für die das iPad prototypisch stehen, entspringen alter, fauler Offline-Denke, der offenbar die vielen Webnutzer anhängen, die gemäß der Apple-Konditionen den iTunes und App Store blindlings füttern oder sich dort bedienen. Mehr zur überflüssigen Renaissance des Physischen: http://www.yeseconomy.net/?p=1948.

  13. robin |  02.02.2010 | 11:44 | permalink  

    @ Gisela Schmalz:

    Liebe Gisela,

    in Yeseconomy hast Du doch noch Mikropayments für Inhalte gefordert. Eine Infrastruktur für Bezahlinhalte ist dabei – wenn es keine offene Branchenlösung gibt, wozu offenbar keiner in der Lage ist – notwendigerweise auch vermachtet. Wer Bezahlinhalte ruft, muss auch zugeben, dass es dafür hermetischerer Systeme bedarf.

  14. Martin J. Landis |  02.02.2010 | 13:13 | permalink  

    Augenwischerei? Ich glaube, viele, die ein tiefgreifendes Bedürfnis verspüren, sich dem Hype entgegenzustemmen, haben immer noch nicht begriffen, was hier eigentlich gerade passiert. Wir erleben die Geburtswehen eines Medienwechsels, vergleichbar mit der Erfindung des Papyros gegenüber dem bisher praktizierten Weiterzählen von Neuigkeiten und Legenden durch wandernde Geschichtenerzähler.

    Wer hätte vor zehn Jahren gedacht, dass das exklusive Musikdistributionsmedium CD durch kleine digitale Dateien, dank globaler Vernetztung sofort verfügbar, universell abspielbar auf einem daumengroßen Playern, einen urplötzlich stattfindenden apokalyptischen Niedergang erlebt? Das Gleiche erlebt die Zeitungsbranche – zunächst schleichend, aber nun auch hierzulande immer schneller – ohne dass ein vergleichbares Medium, welches den Niedergang zumindest teilweise aufhalten konnte, in Sicht war. Das hat sich nun fundamental geändert.

    Spätestens dann, wenn an jedem größeren Lidl-Markt Abowerber iPads & Co. mit dem Online-Jahresabo des Lokalblatts plus Spiegel/Zeit/Foto&Video/TVTomorrow “verschenken” (siehe Handyverträge), dürfte auch der letzte Kritiker merken, dass es sich bei den taktischen Themen, die zur Zeit die Blogs dominieren, lediglich um belanglose Begleiterscheinungen handelt, wie sie die Distributionsbranche nach Gutenberg erlebte.

    Wen interessieren heute noch die Jobverluste in klösterlichen Kopierstuben und der tiefgreifende Umbruch in der Contentindustrie? Wen wird es in fünfzig Jahren, wenn die meisten der im Moment noch angeregt über die oberflächlichen Eintauchwellen des Strukturwandels Diskutierenden längst in einem heruntergekommenen Pflegeheim das Zeitliche gesegnet haben, über das Ende der Druckindustrie und des klassichen Zeitungsboten? Vermutlich konnte man dann die Todesanzeige nur noch in der Online-Ausgabe des Lokalblattes auf 3D-Schirm eines iPad-Nachfolgers lesen – sofern es sentimentale Angehörige geben sollte, mit Handy-Video vom letzten Besuch und Link zur Grablegung auf Youtube.

    Aus diesem Blickwinkel wird verständlich, warum Steve Jobs das iPad als die Krönung seines Lebenswerks feiert. Vermutlich wird man bereits in wenigen Jahren den letzten Mittwoch als Urknall des Online-Medienkonsums feiern, auch wenn die dafür notwendigen Fundamente viel früher gelegt wurden. Wie bei iPhone und iPod zuvor wurden hier im Gegensatz zu den bisher erfolglosen Versuchen erstmalig sehr komplexe Sachen zu einem scheinbar einfachen Konglomerat verschmolzen, wobei sich das Ergebnis auch hier als wesentlich größer als die Summe der Teile erweisen wird.

  15. Gisela Schmalz |  02.02.2010 | 16:11 | permalink  

    @ Robin M. Lucht

    Kunterbunte Mikromärkte fordere ich z. B. hier: http://www.yeseconomy.net/?p=343. Ich kann nichts Gutes daran finden, wenn die meisten Mikropayments für digitale Inhalte (und Apps) an einen Großanbieter fließen und die meisten Anbieter und Nachfrager dieser Inhalte über eine geschlossene Plattform wie Apple´s Garten, statt über die offene Plattform WWW Handel treiben. Das Netz erlaubt den Direktaustausch zwischen Urhebern und Nutzern und andere Umwege/Zwischenhändler als immer nur den über den iTunes Store. Klar: es bedarf neuer Modelle à la iPhone-iTunes Store oder iPad-App Store, aber eben mehrere davon. Womöglich sind andere Gärtner einfach (noch….) zu lahm und zu wenig kreativ, und die Nutzer kennen nichts Andreres und Besseres als das Applesystem. Ich hoffe auf Gegenmodelle, auf Vielfalt bei der Monetarisierung, damit keiner ein Inhalteverkaufsmonopol aufbaut.

  16. JoSch |  02.02.2010 | 22:33 | permalink  

    Amazon hat im vergangenen Jahr mit dem Kindle einen schwerwiegenden Fehler gemacht. Als Reaktion auf illegale Kopien der Romans 1984 von George Orwell, die auf mehreren Geräten aufgetaucht sind, wollte es diese Daten löschen. Durch ein versehen wurden aber auch legal gekaufte Kopien gelöscht.
    Natürlich hat sich Amazon entschuldigt und die Daten wieder zur Verfügung gestellt.
    Aber den bestehenden und vor allem den potentiellen Kunden wurde dadurch vor allem eines klar:
    Amazon kann sehen was auf dem Kindle gelesen wird.
    Amazon kann die Daten auf dem Kindle verändern und löschen.
    Amazon scheut nicht davor zurück, von dieser Möglichkeit Gebrauch zu machen.
    Für mich kommt schon deshalb ein Kindle nicht in Frage.
    Wenn ich nicht Herr über die Daten auf meinem Gerät bin, dann ziehe ich immer ein Netbook vor.
    Wie die Überwachungs und Manipulationsmöglichkeiten beim iPad sind weiss ich noch nicht, aber ich lege dort den gleichen Maßstab an.

  17. Joscha Bach |  03.02.2010 | 01:02 | permalink  

    @JoSch: Da sind Sie einem Mißverständnis aufgesessen. Die gelöschten Texte waren alle legal über Amazon gekauft. Der entsprechende Verlag besaß aber die Rechte nicht. Als die Klagedrohung kam, hat Amazon sie aus den Online-Bookshelves gelöscht, und beim nächsten Sync verschwanden sie dann auch von den Geräten. Raubkopien von “1984″ waren nicht betroffen, sondern blöderweise eben nur legal gekaufte, aber illegal verkaufte Kopien. Die Daten ließen sich auch nicht wieder zur Verfügung stellen, z.B. waren Lesezeichen und Annotationen weg.

    Jeff Bezos hat sich dann säckeweise Asche aufs Haupt gestreut und öffentlich geschworen, dass sowas nie vorgesehen war, nie wieder geschieht und das System nun geändert sei. Das PR-Desaster war aber perfekt.

  18. _Flin_ |  03.02.2010 | 10:56 | permalink  

    Ich verstehe nicht, wieso die Verlage nicht schon lange auf ihren Seiten eBook Downloads anbieten. Bei den Musikverlagen hat mich das genauso gewundert.

    Da wird über 70:30 und 30:70 geredet, statt über 100:0.

    Letzten Endes müssen doch die Verlage eine möglichst weite Verbreitung ihrer Bücher sicherstellen, das heisst: Alle Formate, alle Händler. Apples Walled Garden, Amazons Walled Garden und dazu offene Formate wie ePub für die Reader von Sony / Txtr / Bokeen etc. Gepaart mit Entlohnungsmechanism wie Affiliate-Programmen, bei denen für Buchverkäufe nennenswerte Anteile ( z.B. 30% ) gezahlt werden. Somit würden auch wieder Erlösmodelle für Online-Publizisten / Verlage geschaffen. Das Ganze muss natürlich mit einer sinnvollen Preispolitik gepaart sein, die nicht dafür sorgt, dass sich der Kunde den Inhalt lieber klaut, weil er sich bei 29,95.- EUR für ein eBook auf den Arm genommen fühlt.

    Die Werkzeuge und Möglichkeiten dazu gibt es schon alle seit Jahren.

    Und die Angst vor dem kopierten Werk wird einen nicht weiterbringen. Man sollte lieber davon ausgehen, dass jedes Werk kopiert wird, man den Lesern es aber so einfach macht, an nicht kopierte Werke zu kommen, dass er den Diebstahl gar nicht begehen möchte.

  19. Matthias Schwenk |  03.02.2010 | 13:31 | permalink  

    @_Flin_: Dass genau ist einer der springenden Punkte bei der Sache. Ich kann nur vermuten, dass man aus Rücksicht gegenüber dem traditionellen Buchhandel hier nicht mehr unternimmt. Denn würden sich E-Books als direkte Downloads von den Webseiten der Verlage gut verkaufen, hätte dies Umsatzeinbussen beim Handel zur Folge und würde die Beziehung zwischen Verlagen und Buchhandel nicht gerade stärken.

  20. recipient |  03.02.2010 | 15:46 | permalink  

    Wenn ich die gemeinte Bedeutung eines „kleinteiligen Marktes“ in diesem Zusammenhang richtig verstehe, dann gibt es diesen ja bereits. Ich kaufe jedenfalls schon seit Jahren immer wieder mal elektronische Ausgaben von Fachbüchern bei verschiedenen Anbietern im Internet, teilweise bei den Verlagen selbst (für die Krimis warte ich aufs iPad).

    Davon abgesehen liegt der Trend zur Konzentration im Wesen des Internet und betrifft praktisch alle relevanten Lebensbereiche. Favorisierte man früher den besten Laden der Stadt, so ist es jetzt halt der beste Shop im Internet. Und der beste ist für viele nun mal der mit dem größten Angebot oder den günstigsten Preisen (was übrigens für eine Beibehaltung der Buchpreisbindung spricht). Man muss das nicht gut finden, wird es über seinen persönlichen Einflussbereich hinaus aber kaum ändern können.

    Für Verlage ist die Rechnung einfach: Kann ich über Vertriebskanal X nennenswerte Umsätze generieren oder nicht? Überwiegen die Chancen die Risiken? Wenn ja, nutze ich ihn, ansonsten lass ich‘s. Und der technische Aufwand, ein Buch bei Bedarf in unterschiedliche Formate zu konvertieren, sollte überschaubar sein.

    Insofern werden die Verlage einen Apple-Bookstore von Apple gerne als Vertriebsplattform nutzen. Nicht trotz, sondern wegen seines vermuteten Erfolges und einer sich daraus möglicherweise ergebenden Marktführerschaft.

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