Christoph Kappes

Vier Thesen zum Tablet

Christoph Kappes | 11 Kommentar(e)

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Wenn alles läuft wie die Gerüchte seit Monaten vermuten lassen, wird das neue Apple-Tablet bald überall zu sehen sein. Vier Anmerkungen, bevor sich die Kameras Steve Jobs zuwenden.

27.01.2010 | 

.
1.

Das Tablet bietet neue Möglichkeiten der Präsentation von Inhalten, einfache Navigation und wird damit endlich das Web lesefreundlicher machen: Ein Gerät, dass man irgendwo im Wohnbereich nutzen kann, um zu lesen. Ich glaube an das Konzept, wenngleich ich mich frage, ob die Akzeptanzerwartungen nicht ein bisschen zu hoch sind, weil man – ganz praktisch gesehen – so ein Gerät ohne Herrenhandtasche nicht bei sich tragen kann.

2.

Was ich nicht glaube: dass eine solche geschlossene Plattform auf Dauer eine gute Lösung für Verlage und andere Inhalteanbieter ist. Zwar bietet sie – soweit man dies vor der Pressekonferenz ahnen kann – wohl digitales Rechtemanagement und über iTunes sicherlich auch einen zentralen Shop, doch wird Apple wie im Applikationsbereich die Konditionen vorgeben. Das Geschäftsmodell ist darauf ausgerichtet, eine „Provision“ einzubehalten, bei der ich mich frage, was diese eigentlich rechtfertigt. Nun muss sich ein Unternehmen für hohe Gewinne nicht rechtfertigen, aber es ist schon bei iTunes offensichtlich, dass Apples gute Rendite auch daraus resultiert, dass weit mehr als die Kosten für die Infrastruktur eingespielt werden.

Ich vermute, dass Apple aus gutem Grund das iPhoneOS und eben nicht MacOS als Betriebssystem ausgewählt hat. Mit dieser technisch geschlossenen Plattform wird Apple allen Inhalteanbietern die Konditionen diktieren, sobald ausreichend Marktanteile gewonnen sind. Apple verfolgt – wie Google und jedes andere Unternehmen auch – die Absicht, Gewinne zu erzielen. Wie simpel der Effekt ist, hat man schon vielfach beobachten können, beispielsweise bei eBay-Verkaufsagenten, die erst aus dem Boden schossen, um dann durch veränderte Konditionen wirtschaftlich zu vertrocknen.

3.

Für Inhalteanbieter mag es eine Weile sinnvoll sein, den Wettbewerb zwischen den Anbietern Apple, Amazon und Google für bessere Konditionen zu nutzen. Aber wie lange mag das gehen in einer Branche, die heterogen ist, wenig kooperiert und deren Mitglieder man teilweise als notleidend apostrophieren könnte? Ich fürchte, die Lösung kann nur darin liegen, dass Inhalteanbieter eigene Plattformen schaffen oder sich auf offenere Plattformen begeben. Ob Android die richtige Wahl ist, darf man bezweifeln, denn solange Google im Online-Werbemarkt eine dominante Stellung hat, wird Google diese Stellung über geringere Umsatzanteile aus Werbeerlösen ausspielen.

4.

Ungeachtet dieser wirtschaftlichen Diskussionen: Falls mit neuen Endgeräten vom Typ „Tablet“ der Durchbruch von Bezahlinhalten gelingt, wird dies auch der Debatte um die „Veränderung des Denkens“ eine neue Richtung geben.

Es ist nämlich nicht nur die Hardware, die uns bislang das „Deep Reading“ erschwert (geringauflösende Schriften, suboptimale Schriftsetzung, unzureichende Zeilenlängen). Die eigentliche Ursache ist die Oberfläche des digitalen Mediums, die mit einem werbefinanzierten Geschäftsmodell betrieben wird: Zwischenüberschriften, Suchwortoptimierte Texte, verkürzte Sätze, Inhalte-Teaser, ein Drittel Navigation auf jeder Seite zur Traffic-Optimierung – und Werbung, die keinen anderen Zweck verfolgt, als vom Inhalt abzulenken. Da haben Redakteure der guten, alten Schule schon recht. Und auch der Teil der digitalen Fraktion, die sich noch an das Web der frühen neunziger Jahre erinnern kann, wird bestätigen, um wie vieles man früher besser lesen konnte, als die ersten Hypertexte ohne Werbung mit Browsern der ersten Generation entstanden.

Weitere Links zum “Apple Special Event” hier.

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11 Kommentare

  1. Julian Valkieser |  27.01.2010 | 18:37 | permalink  

    Bei Punkt 2 fragen Sie sich, ob das Geschäftsmodell gerechtfertigt ist. Ist es gerechtfertigt, dass Makler nur Zugriff auf ihr Wohnungsverzeichnis haben? Ist es gerechtfertigt, dass ich nicht einfach mitbieten kann, wenn ich einfach Lust habe einen Werbeblock im TV zu schalten? Hier nennt man das Verknappung. iTunes wäre eine Plattform, zwar eine grob geschlossene, dennoch zugänglich. iTunes wäre also wie ein Franchisekonzept. Marketing etc übernimmt Apple, dafür erhalten sie Provision. Ist das denn so “evil”?

  2. Peter |  27.01.2010 | 18:49 | permalink  

    Hi Christoph

    ich habe eine weitere These:

    kombiniert man Apple iLife mit dem Store Prinzip und in App payment dann könnten die eigentlich das publizieren aller Medieninhalte massiv verbreitern.

    Mit GarageBand Upload in iTunes kann jeder sein eigener Plattenlabel werden. Mache das gleiche mit iPhoto iWeb et al was kommt dann raus?

    Die Position hat Apple und die alten Verlage Penne noch immer!

    Gruß

    Peter

  3. Christoph Kappes |  27.01.2010 | 18:54 | permalink  

    @Julian Valkieser:
    Gegen das Geschäftsmodell “an sich” spricht nichts: einer produziert die Inhalte, einer verteilt sie. Mein Satz bezog sich a) auf die Höhe des Provisionsanteils und b) auf die Abhängigkeit der Inhalteanbieter vom “Verteiler”.
    Es ist auch nicht so, dass ich das Apple nicht “gönne” o.ä.; ich versuche nur, emotionsfrei auf ein Problem hinzuweisen. Es sieht mir aus wie die Google-Nexus-Diskussion: Begeisterung hier, Ablehnung dort – bevor das Produkt überhaupt nur einmal gesehen geschweige denn physisch in die Hand genommen oder gar benutzt wurde. Hinter der “Story” stecken aber wirtschaftliche Absichten, derer man sich bewusst sein muss und die man vorher erkennen kann. Nicht als Endverbraucher, aber als Medienmensch.
    “Evil”? Nein. “Moralisch vorwerfbar”? Nein. Gezieltes Erreichen einer Vormachtstellung? Ja. Aber durch Innovation, unternehmerischen Mut und eine starke Ausrichtung an Kundenwünschen – das hat zwei Seiten.

  4. Android |  27.01.2010 | 19:08 | permalink  

    Zu unserem Entsetzen müssen Wir ,die Roboter, feststellen das in den ganzen deutschen Chefredaktionen die Apfel-Grippe ausgebrochen ist!

    Hier ein aprobates Gegenmittel:

    mit freundlichen cooperation der Pharmaindustrie

    MfG
    Dr.Leonard McCoy

  5. Julian Valkieser |  27.01.2010 | 19:09 | permalink  

    Hi Christoph,
    Dein letzter Satz könnte von Schumpeter stammen – um mal meine mediale Inkompetenz mit meinem betriebswirtschaftlichen Hintergrund auszugleichen ;)

    Deswegen unterstreiche ich den Artikel und dein letzten Kommentar voll.

  6. Thomas Television |  27.01.2010 | 21:35 | permalink  

    @Christoph Kappes:

    “und wird damit endlich das Web lesefreundlicher machen”

    Gegenargumente:

    - die Technologie (LED) macht es gegenüber augenschonenderer Display-Technologie nicht lesefreundlicher. Das ist erst erreicht wenn es farbige eInk-Displays gibt.

    - die Auflösung 1024*768 (4:3) ist für die Webnutzung zunehmend problematischer. Das “breite” Google Wave etwa ist damit nur schwer zu nutzen/lesen.

    Ich denke also, dass Ihre erste These nicht stimmt. Das iPad wird aus diesem (und vielen anderen) Gründen daher zum Beispiel auch für Redaktionen/Verlage nicht mehr oder weniger brauchbar sein als es anderen mobile Geräte auch sind.

  7. Christoph Kappes |  27.01.2010 | 21:57 | permalink  

    @Thomas Television:
    Ich gebe Ihnen recht, 100%.
    Der Satz war anders gemeint: mit dieser Geräteklasse kann man Webinhalte in der gewohnten Lesesituation lesen. Nicht auf dem Stuhl am Schreibtisch, sondern auf dem Sofa, auf der Bettkante, in der Küche, im Sommer im Garten etc. “Freundlicher” für den Prozess des Lesens. Die sog. “Home-”Nutzung findet doch überwiegend am Schreibtisch statt.
    Und das gilt auch im Vergleich zur 800g-Klasse wie das Sony Vaio X, nur kostet das fast das dreifache, hat kein Multi-Touch und das User Interface ist Windows – wenn Apple das weiterhin nicht zulässt ;-).

  8. Christoph Kappes |  27.01.2010 | 22:20 | permalink  

    PS: Nachdem ich die ersten Kommentare im Web gesehen habe: es fehle Flash, es fehle Multitasking, wo sei denn die Kamera…:

    1. Der entscheidende Punkt, über den man diskutieren muss ist, ob es eine Nachfrage für ein transportables Gerät gibt, das in einer “Leben & Wohnen”-Umgebung genutzt wird, zum Filmesehen, für kleine Spiele, zum Lesen etc.

    2. Meines Erachtens müssen wir umdenken und uns von den PC-Desktop und Telefon-Paradigmen lösen. Es ist nicht wichtig, ob das Gerät Multitasking kann, denn das braucht man in Couch-Potatoe-Nutzungssituationen nicht. Man braucht auch selten eine Kamera im Wohnzimmer, zumal ja jedes Smartphone eine hat. Wird diese neue Geräteklasse für diese Nutzungssituationen nachgefragt werden oder nicht?

    3. Wenn dies der Fall ist, lösen sich die diskutierten Probleme spätestens mit der nächsten Generation des iPad. Wenn nicht, gibt es homöopathische Verkaufszahlen.

  9. Thomas Television |  29.01.2010 | 02:17 | permalink  

    @Christoph Kappes:

    “Der Satz war anders gemeint: mit dieser Geräteklasse kann man Webinhalte in der gewohnten Lesesituation lesen. Nicht auf dem Stuhl am Schreibtisch, sondern auf dem Sofa, auf der Bettkante, in der Küche, im Sommer im Garten etc”

    Ja, das ist ja auch die Idee des Produkts. Ich bin dennoch skeptisch. Der Durchbruch ist meiner Meinung nach erst meiner einer anderen Display-Technologie erreicht, die nicht nur die gewohnte Lesesituation vom Ort und der Art wie man das Gerät hält herstellt, sondern auch vom Optischen her.

  10. Ulrich Voß |  29.01.2010 | 18:30 | permalink  

    Ich hab’s schon getweetet:

    Bester Artikel zum Wechsel vom Allzweck-PC (Mac/PC) auf Special-Gadgets (iPhone/iPad) bisher:

    http://bit.ly/avOXOg

    Wir machen gerade die ersten vorsichtigen Schritte beim Abschied vom PC.

  11. Christoph Kappes |  02.02.2010 | 23:28 | permalink  

    @Ulrich Voß: Danke, schöner Link.

    Ich würde sogar noch einen draufsetzen und diesen Text von 1991 (Mark Weiser, PARC) anbieten:
    http://www.ubiq.com/hypertext/weiser/SciAmDraft3.html

    Wir werden in ein paar Jahren sehen, dass das Paradigma vom “Persönlichen Computer” endet, weil er uns zwingt, uns an ihn anzupassen. Information wird künftig dort sein, wo man sie braucht.

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