Peter Glaser

“Payback”: Auf Holzwegen ins Informationszeitalter

Peter Glaser | 17 Kommentar(e)


Wer einen Waldspaziergang macht, kann sich von den vielen Tannennadeln überfordert fühlen – oder sich erholen. Frank Schirrmachers Buch über die Gefahren des Informationszeitalters aktualisiert eine Klage, die schon die alten Ägypter kannten.

30.12.2009 | 

1962 verlor die Nasa ihre erste interplanetarische Raumsonde Mariner 1, da im Programmcode der Raketensteuerung ein Querstrich fehlte. Knapp fünf Minuten nach dem Start wurde die Selbstzerstörung der Trägerrakete ausgelöst. In “Payback”, dem neuen Buch des FAZ-Mitherausgebers Frank Schirrmacher, passiert das im zweiten Satz. “Ich dirigiere meinen Datenverkehr”, heißt es da, “meine SMS, E-Mails, Feeds, Tweeds…” Aber was sich nach schottischem Textilgewebe anhört, heißt in Wirklichkeit “Tweets” und bezeichnet das, was dabei rauskommt, wenn man twittert. Der Versuch, sich nach einer Eloge vom “Aufstieg der Nerds”, die im September zu lesen war, dem digitalen Mainstream insgesamt als Auskenner anzuempfehlen, ist damit schon schiefgegangen.

Schirrmacher hat eine Art Skript für ein intellektuelles B-Movie vorgelegt, in dem sich gehirnfressende Maschinensysteme, verbunden über das Internet, über unser Bewusstsein und unsere Aufmerksamkeit hermachen. Da das entsprechende Grusel-Oevre nicht neu ist – in den sechziger Jahren hieß es wahlweise “Reizüberflutung” oder “Managerkrankheit”, später “Information Overload” oder “Trödelfaktor” -, bedient Schirrmacher sich eines rhetorischen Tricks. Es gibt zwei Möglichkeiten, einen Waldspaziergang zu beschreiben. Man kann sich von der Wahrnehmung einer Unzahl von Blättern und Tannennadeln überfordert sehen und eine Rückkehr zur humanistischen Gehölzwahrnehmungstechnologie fordern. Man kann aber auch einen Spaziergang durch einen Wald machen und einfach erholt wieder nach Haus kommen.

Weshalb er sein Buch nach dem Kundenbindungssystem “Payback” betitelt hat, läßt Schirrmacher offen. “Die Frage ist nur, ob wir selbst überhaupt noch imstande sind, zu unterscheiden, was wichtig ist und was unwichtig?” Kein Lebewesen ist von der Natur dazu besser ausgestattet als wir. “Was not tut”, schrieb Lewis Mumford 1970 in seinem Standardwerk “Mythos der Maschine”, “ist eine Technologie, die so mannigfaltig, so vielseitig, so flexibel ist und auf menschliche Bedürfnisse so schnell reagiert, daß sie jedem legitimen menschlichen Zweck dienen kann. Das wahre Multimedium ist der menschliche Organismus selbst.”

Gebetsmühlenhaft beteuert Schirrmacher, kein Kulturpessimist sein zu wollen, aber auch das ist nur Rhetorik. Bereits fünf Jahre vor dem gescheiterten Start von Mariner I war das Buch “Die geheimen Verführer” erschienen, in dem Vance Packard über Techniken berichtete, mit denen Werber Konsumenten zu manipulieren versuchten. Der Bestseller prägte ein Menschenbild, in dem sich Mediennutzer als Opfer sehen sollen. Mit der Erfindung der Fernbedienung, die dem Zuschauer die Bildregie in die eigenen Hände legte, und der des vernetzten Computers änderte sich das.

Nun möchte Schirrmacher uns neuerlich eingemeinden in das Gefühl, mühsam und informationsbeladen zu sein. Als Beleg angeführt wird beispielsweise eine Studie aus dem Jahr 2003, wonach “auf allen bekannten Datenträgern … 5 Exabyte Informationen gespeichert” wurden. Das jungsmäßige Auftrumpfen mit großen Zahlen liefert aber keinen Erkenntnisgewinn – es geht bloß um Daten und nicht um Wissen.

So ist es mit vielen der fleißig aufgehäufelten Factoids in dem Buch. Manches ist schlicht Quatsch, etwa dass die beiden Google-Gründer “den ersten Server der Welt” gebaut haben. Und manchmal ist es ein Geplapper, das sich so hektisch hingesagt liest, als habe der Autor Angst, verstanden zu werden: “Bilder von Golden Retrievern, die in Zeitlupe durch Springbrunnen laufen, Menschen, die winken und lächeln und überall Spielzeug. So, das sagen übereinstimmend alle, die Google vor dem Börsengang besucht haben, muß es gewesen sein, als im antiken Griechenland das Denken und im zwölften Jahrhundert in Europa die ersten Kathedralen gebaut wurden.”

Geht man zurück bis an den Anfang der Informationsaufzeichnung, findet man bereits im alten Ägypten ein etwas klareres Bild für die Zumutungen der Digitalisierung: Die höchste hieroglyphisch darstellbare Zahl zeigt einen Mann, der zu Boden gesunken ist und die Hände über dem Kopf zusammenschlägt.

Dieser Beitrag erscheint als Crossposting von Peter Glasers Blog Glaserei. Ebenfalls zum Thema bei Carta: Matthias Schwenks ‘Payback’-Rezension. Einen Auszug aus ‘Payback’ finden Sie in Frank Schirrmachers Beitrag “Algorithmen im Alltag“.

Mehr zu : | | | |

CARTA Kaffeekasse
Carta wird FACEBOOK-Kommentare einführen - demnächst hier...

17 Kommentare

  1. Thomas Maier |  30.12.2009 | 17:29 | permalink  

    Sie lassen ja kein gutes Haar an Schirrmacher. Einerseits verständlich, wenn jemand von der informationellen Apokalypse redet und sich von der Informationsflut überrollt fühlt, ohne mal _abzuschalten_. Der Bremer Rat warnte im Jahre 1799 vor der Informationsflut durch das Lesen von Büchern und wenn ich die Unterüberschrift seines aktuellen Buches lese, dann erkenne ich eindeutige Parallelen. Man wird es nie schaffen alles zu wissen. Nicht einmal Faust hat das geschafft.
    Andererseits ist es so, dass Schirrmacher weit mehr vom Internet verstanden hat als fast alle seiner “Artgenossen”. Ganz besonders von den gesellschaftlichen Schwierigkeiten die ohne Zweifel auf uns zukommen.
    Mir persönlich ist aufgefallen, dass es zwei Schirrmacher gibt. Den, der in den Tagesthemen gestern einen kurzen Beitrag hatte und den ich persönlich kennen gelernt hatte und den Schirrmacher, der Aussagen trifft wie “Das Internet macht unser Hirn kaputt”. Ich hätte gerne 100% von Ersterem. Natürlich polarisiert Zweiterer und das wahr wohl auch der Grund für so viel Polemik und Zynismus.
    Und ja, Herr Schirrmacher, ihr Buch wirkt kulturpessimistisch. Es erwarten uns Goldene Zeiten wenn wir richtig mit dem Internet umgehen bzw. auf dem Weg bleiben den die Piratenpartei gerade anfängt zu erschließen. Unser Gehirn wird dadurch nicht kaputt – es wird wachsen. Die Probleme schafft der Mensch, nicht die Technologie. Und zwar durch den Missbrauch von Technologie.
    Ich hoffe, dass viele dieses Buch lesen, denn es erkennt diese neuen Entwicklungen an und stößt (vielleicht das erste Mal) eine Debatte an, die über den Rand der Netzgemeinde hinausgeht. Jetzt ist es an uns und an Schirrmacher diese Debatte in die richtigen Bahnen zu lenken.
    Lasst uns klüger sein als Faust.

  2. Thomas Maier |  30.12.2009 | 17:37 | permalink  

    Nachtrag: Nochmal zur Unterüberschrift: Erst heute, habe ich sie auf ein Neues widerlegt. Feed Reader geöffnet und statt 200 Feeds durchzugehen habe ich auf “Mark All As Read” geklickt. Und das ohne mit der Wimper zu zucken. Ähnliches würde ich Ihnen auch empfehlen Herr Schirrmacher.

  3. Stefan Onymous |  31.12.2009 | 11:12 | permalink  

    Rechtschreib-Bashing war schon im Usenet für Menschen reserviert die keine inhaltlichen Argumente haben.

    Frank denkt schlicht und ergreifend wie ein Zeitungsmensch. Daran ist nichts falsches, das Gefühl zu haben kurz vor Redaktionsschluss noch einen wichtigen Tweet, SMS oder E-mail zu sichten und diese Information noch vor den Wettbewerb veröffentlichen zu können ist durchaus legitim für jemanden der für ein Printmedium tätig ist.

    Ist auch ein schöner Einblick für Aussenstehende in diese Gedankenwelt und wie wenig Journalisten, Redakteure und andere druckende Lebensformen das Internet erleben.

    Ich finde es schön das Peter in seinem Kommentar ausschließt, dass der zu Boden gesunkene Mensch etwas anbetet, verehrt oder sich schlicht und ergreifend demutsvoll bei etwas bedankt, das ihn erleuchtet hat.

    Peter war bestimmt dabei, das er solsche Schlussfolgerungen ziehen kann – SCNR!

  4. pikarl |  01.01.2010 | 18:24 | permalink  

    Danke Herr Glaser für Ihre treffende Entzauberung von Herrn Schirrmacher. Ich stimme aber Thomas Meier zu, Schirrmacher nähert sich dem nerdigen Klientel an. Annäherung per se ist ja nicht schlecht.

    Dass sich jemand mit einem elementaren Schreibfehler wie Tweed statt Tweet vor sein Wissen als “Angelesenes” entlarvt, wertet nicht dessen Standpunkt auf. Aber es zeigt zumindest guten Willen.

    Wenn ich das hier (http://www-aix.gsi.de/~giese/swr/mariner1.html) richtig verstehe, ist Mariner 1 übrigens nicht wegen einem fehlenden Bindestrich verloren gegangen, sondern weil man im Fortragcode Punkt und Komma verwechselt hat. Sowas schlägt einem Raumfahrtinteressierten sofort ins Auge, wie anderen die Tweeds. :-)

    PS: Frau von der Leyen sprach übrigens gerne mal von bloggen, wenn sie eigentlich Webseiten blocken meinte. Schlümmer geht ümmer.

  5. Peter Glaser |  03.01.2010 | 15:05 | permalink  

    @pikarl: Ich habe auch bewußt nicht “Bindestrich”, sondern “Querstrich” geschrieben. Ganz korrekt müßte es “Überstrich” heißen, aber das hätte zusätzlichen Erklärungsbedarf zur Folge gehabt, und ich wollte ja über Schirrmacher und nicht über die Nasa schreiben :)

    Hier sind die verschiedenen Folklore-Versionen der Fehler-Geschichte sowie eine Beschreibung des tatsächlichen Fehlers versammelt: http://bit.ly/6G4Ju9

  6. zoom » Umleitung: Schirrmacher, Krebs, Afghanistan und Emma Ihrer « |  03.01.2010 | 21:40 | permalink  

    [...] Sonntag, 3. Januar 2010 |  Autor: zoom Schirrmacher: hat eine Art Skript für ein intellektuelles B-Movie vorgelegt … carta [...]

  7. Thomas Maier |  04.01.2010 | 19:07 | permalink  

    Thema Fehler: Wer die Ernsthaftigkeit besitzt über ein ernstes Thema zu schreiben sollte sich auch die Mühe machen, keine Fehler im Trivialen zu machen. Deshalb ist das Wort “Tweed” in den ersten Zeilen schon etwas was man eigtl nicht machen sollte. Denn es impliziert, dass der Autor gar keine Ahnung hat was das eigentlich ist, denn nur wer etwas benutzt, weiß, was es ist, und wenn man etwas benutzt, dann kennt man auch den Namen. Also: “Feed” und “Tweet” sind zwei verschiedene Dinge. Eigentlich ist das Verb dazu “tweeten” (wie die Twitter-Gründer selbst sagen: to tweet) und nicht “twittern”. Auch wenn “twittern” im deutschen Sprachraum viel weiter verbreitet ist.

    PS: Meinen Nachnamen schreibt man mit “ai”.

  8. nanuk |  04.01.2010 | 22:35 | permalink  

    @maier: na ja, solange noch keinem der deutschen twitterer aufgefallen ist, dass twitter schreibt “xxx neue Tweets seid (!) Du mit der Suche angefangen hast” wirkt das doch alles recht spiessig. hier gehts um ausgrenzung, die ist aber einigermassen bescheuert.

  9. Dominik |  15.01.2010 | 17:05 | permalink  

    Mir kommt es so vor, als ob der Autor nur ein paar Seiten des Buches gelesen hat, denn irgendwie werden nur Passagen aus dem Anfang zitiert. Mit den Kapiteln wird Payback jedoch immer interessanter und bietet viele spannende Ansichten auf das Zusammenspiel von Mensch und Maschine in der Zukunft.
    Ich bin selbst Digital Native und habe nur schlechte Kritiken über das Buch gelesen, aber glücklicherweise wurde es mir trotzdem geschenkt. Jetzt werde ich das Gefühl nicht los, dass die Schirrmacherkritiken sich weniger auf das Buch beziehen als auf den Feind “konservatives Nicht-Internet-Medium”. Das ist einfach. Das Buch jedoch predigt keine Abkehr vom Internet, sondern liefert interessante Hinweise. Ich kann es auf jeden Fall nur empfehlen, auch wenn ich Herrn Schirrmacher nicht immer zustimme.

  10. Steuern zahlen für informationelle Selbstbestimmung « Kultur oder Wissenschaft |  19.01.2010 | 11:28 | permalink  

    [...] These konnte ich letztens in der FAS lesen. Seit Frank Schirrmacher mit seinen neuem Buch Payback zum Kampf gegen die „digitale Erschöpfung“ aufgerufen hat, scheint das Frankfurter [...]

  11. lutzland.blog » Casa Schirrmacher: Peter Glaser |  28.01.2010 | 18:55 | permalink  

    [...] langt schon ein Zitat. Und wenn es von Peter Glaser kommt, meist sowieso. Beispiel gefällig? Hier der Link auf den Artikel und hier die ersten Sätze: Wer einen Waldspaziergang macht, kann sich von den vielen Tannennadeln [...]

  12. Netznavigator: Herder statt Schirrmacher « Ich sag mal |  01.02.2010 | 00:30 | permalink  

    [...] Sehr schön der Beitrag von Peter Glaser: “Wer einen Waldspaziergang macht, kann sich von den … [...]

  13. Debatte: Wie hat das Internet Ihr Denken verändert? | Asynchron |  14.02.2010 | 11:55 | permalink  

    [...] Methoden des Wissenserzeugung gewöhnen müssen.Shirkys Text liest sich wie einen Appell an den Payback-Autor. Unfortunately for us, though, the intellectual fate of our historical generation is unlikely [...]

  14. Drei ältere Herren und das Payback des Todes » Debatte » lesen.net |  16.02.2010 | 16:28 | permalink  

    [...] Kern aber reduzierte sich das Ganze auf eine Wiederholung der Schirrmacherschen Thesen zum Thema Informationsüberflutung, Unfähigkeit zum Multitasking und Ersatz des Denkens durch [...]

  15. Torsten Stapelkamp |  07.05.2010 | 18:21 | permalink  

    Ein weiterer frustrierter Halbchecker ist Mateo Kries.

    Leider gibt es die “Frank Schirrmachers” in größerer Zahl. Aber dafür sind sie leicht an ihren einfachen Mustern zu identifizieren.

    Der Artikel “Wollt ihr das totale Design” in “Die Welt” vom 14. April 2010 (Seite 23) darf Mateo Kries mit seinen Ergüssen für sein Buch “Total Design – Die Inflation moderner Gestaltung” werben.

    Es war sehr interessant, ihn zu lesen, bestätigt er doch meinen Grund, weshalb ich Feuilletons nicht mehr so oft lese   ;-)
    Dort sitzen oft die Ahnungslosen a la Schirrmacher und Kries.

    Mateo Kries verwechselt Design ständig mit Styling. Die von ihm identifizierten Probleme beruhen ausnahmslos auf den Missbrauch  des Designbegriffs all jener, die zwar gerne von ihm profitieren möchten, diesen Begriff aber nicht seriös einsetzen, so als würde eine Fastfood-Kette plötzlich ihr Erscheinungsbild von rot in grün färben, weiter endlos viel Müll produzieren und sich dennoch ein  ökologisches Antlitz geben. McDonalds versucht dies ja gerade. Ein ideales Zeichen für Missbrauch gestalterischer Mitteln zur Täuschung des Verbrauchers.

    Es trifft zu, dass durch die Gestaltung des Erscheinungsbildes diese Täuschung betrieben wird. Da aber nur die Missstände des Unternehmens verdeckt werden sollen, handelt es sich hier nur um Dekoration. Schlechte Arbeitsbeispiele gibt es  in jeder Branche. Außerdem werden die Beteiligten mit guten Honoraren abgefunden. Hier und in manch anderen Beispielen fällt es daher so manchem schwer, den gelernten Grundsätzen des Design treu zu bleiben, nach guter Form, Funktionalität und nach ethischen Grundsätzen zu streben. Nur weil es diese Beispiele gibt, kann man die Absichten des Design  nicht als grundsätzlich falsch oder gar als nicht existent abqualifizieren.

    Mateo Kries verwechselt jegliche Form von Dekoration mit Design und unterliegt der Annahme, dass alles was den Begriff “Design” in sich trägt, auch tatsächlich Design wäre. Er nennt Plastische Chirurgie, Gentechnik, Nahrungsmittel als “designt”, nennt Worterfindungen wie Drogendesign, Nail Design, Business Design, Green Design, Social Design etc.. Er ist von einer ähnlichen Naivität getrieben wie so manche Designprofessoren, die es toll finden, den Studiengang “Gestaltung” zu nennen, und sich für  raffiniert halten, nur weil sie das Wort “Design” vermieden haben. Das wäre so, als würde Porsche seine Fahrzeuge nicht mehr Fahrzeuge nennen, nur weil es auch Fahrzeuge gibt, die ein mit Spoilern überklebte  Bastelergebnisse ihrer Fahrer sind.

    Das Problem ließe sich zumindest stark eingrenzen, wenn nur diejenigen  den Begriff “Design” nutzen dürften, die eine entsprechende Hochschulausbildung  vorzuweisen haben. Ähnlich wie bei den Juristen. Dann könnten die Designer  auch gleich einen Gebührenkatalog einführen, so wie ihn die Juristen haben   ;-)

    Leider hat der Autor, Mateo Kries, überhaupt keine Kenntnis davon, was Design überhaupt ist. Er ist irgendwie in die Rolle eines Ausstellungsmachers geraten und hat auf diesem Wege wohl eher die Rolle des Existenzialisten gesucht, um sich so eine Rolle zum Jammern institutionalisieren zu können. Ähnlich wie der Autor Frank Schirrmacher (Payback) will auch er die Komplexität unserer Welt nicht hinnehmen, findet sich in  ihr nicht zurecht, bildet sich ein, früher sei alles besser gewesen  und möchte nun andere für seine fehlende geistige Flexibilität  verantwortlich machen. Er verfällt in eine Trivialität, in die auch gerne so manche Journalisten verfallen. Weil einige von Ihnen selber mit der Komplexität der Welt nicht zurecht kommen, versuchen sie Ereignisse auf scheinbar leicht nachvollziehbare Begriffe wie “Generation-@” oder wie Mateo Kries auf “Generation-Design” zu reduzieren. Um so wichtiger ist es, dass ihre Rolle als Gatekeeper hinterfragt wird und die Aufgabe, Informationen sowohl zu kanalisieren, als auch zu differenzieren, durch die Möglichkeiten des Internets  durch ergänzende Mitspieler erweiternd erfüllt wird. Es hat weder die eine noch die andere Generation gegeben. “Generation-Golf” war auch ein ähnlich absurder Versuch. Auch die 68er hat es als Generation nicht wirklich gegeben, wenn man damit tatsächlich große Teile der jeweiligen Generationen meint. Die Akteure lassen sich stets sehr deutlich ausmachen und beinahe persönlich durchzählen. Das Komprimieren auf eine vermeintliche Überschaubarkeit und Verallgemeinerungen helfen nie weiter.  Wenn man, um ein Ganzes verstehen oder erklären zu wollen, bereits  zu Anfang trivialisiert und verallgemeinert, erhält man stets nur den Blick auf ein kleines Detail und so nicht nur ein falsches Ergebnis, sondern nur einen verkürzten Eindruck und die Fehleinschätzung, alles zu sehen.

    Ein Problem ist, dass unser Gehirnmuskel uns dabei unterstützt,  nach dem Einfachen zu suchen und zu hoffen, dass es eine einfache  Lösung gibt. Das ist ja auch der Grund, weshalb es Bank- und  Versicherungsvertreter und andere Heilsversprecher so einfach haben. Mit Diätbüchern (z.B. Abnehmen im Schlaf) und den Büchern von  Mateo Kries (Total Design) und von Frank Schirrmacher (Payback)  verhält es sich genauso.

    Dennoch ist es interessant, wie diejenigen die eigentlich nicht zum Trivialen gezählt werden möchten, mit Trivialität Geld zu machen versuchen. Die aktuellen Bücher von Mateo Kries  (Total Design) und von Frank Schirrmacher (Payback) sind in der ähnlichen Schublade abzulegen wie “Moppel-Ich” von Susanne Fröhlich und die gesammelten Werke von Dieter Bohlen. Bereits die Buchtitel verraten, dass mit der Behauptung angetreten wird, die Welt sei einfach, man müsse sie nur in dieser Einfachheit sehen. Und die Autoren sind es natürlich nicht, die von sich behaupten,  diese Wahrheit verstanden und vertreten zu können. Wer aber zu  den Intellektuellen gezählt werden möchte, sollte allerdings auch  entsprechend etwas zu bieten haben. Beide Autoren, insbesondere  Mateo Kries, sind aber leider nur Ahnungslose und das Feuilleton  dasselbe ahnungslose Vehikel, um beim Verkauf dieser Bücher zu helfen.

    Seine absolute Überforderung, sich über Design und die Designausbildung äußern zu können, zeigt Mateo Kries auch in der Behauptung, es sei sinnvoll, eine neue Designtheorie zu schaffen, durch die Theorie und Praxis getrennt betrachtet würden. Dabei hat dieser absurde Vorgang doch erst zu den Problemen geführt, die er beschreibt. An sehr vielen Designhochschulen lehren Kunsthistoriker Design- und Medientheorie, Mit der Folge, dass diejenigen, die bisher nur Kunst, das Sortieren des bereits Vorhandenen und das Bewahren des Bisherigen kannten,  nun mit den Innovativen und der ständig sich in Veränderung befindlichen  Entwicklungen durch Design hoffnungslos überfordert sind und lieber ihre  gelernte naive Sicht des Festhaltens propagieren. Aus Sicht der Kunsthistorie zwar vollkommen korrekt nur eben nicht zu gebrauchen für die Erklärung und Unterstützung Evolutionäre Entwicklungen. An der KISD in Köln und an einigen anderen Designausbildungsstätten gibt  es zum Glück auch Ausnahmen. Diese bestätigen aber auch nur die Regel.

    Eine sinnvolle Designtheorie basiert auf Soziologie-, Kognitions- und Kommunikationswissenschaften. Im Designkontext sind dabei folgende Bezeichnungen für entsprechende Fachgebiete zu nennen: Zeichensysteme,  Semantik, User Experience Design, Soziologie in der Gestaltung, Evaluierung,  Usability. Die meisten Kunsthistoriker, selbsternannte Kuratoren und weitere ähnlich veranlagte “Bewahrungshüter” sind mit solchen Themen grundsätzlich überfordert. Schließlich gibt es Gründe, weshalb sie sich Themen suchten, in denen es möglichst  wenig Veränderungen gibt und auch keine unvorhergesehenen Überraschungen zu befürchten sind.

    Herr Mateo Kries hat aber absolut damit recht, dass das Thema Design auch in den Schulen gelehrt werden muss. Aber dürfen es nicht die Kunsthistoriker oder die Kunstlehrer sein, die man damit beauftragt. Die Kunsthistoriker verstehen Design nicht und die Kunstlehrer wollen es oftmals nicht verstehen. Schließlich sind sie mit der Absicht an die Kunstakademie gegangen, um Künstler zu werden. Die Lehramtsbefähigung wurde nicht selten nur als Auffangnetz gewählt. Falls es nicht mit der Künstlerexistenz funktioniert, bleibt immer noch das sichere Netz der Verbeamtung als Kunstlehrer. Dort darben diese dann vor überfüllten Klassen mit wenig disziplinierten Schülern, träumen davon, ihr Lehrdeputat halbieren zu dürfen, freuen sich schon am Montag auf Freitag und sehnen den Pensionsstatus entgegen. In dieser Keimzelle des Selbstbetrugs wachsen dann solche wie Mateo Kries auf.

    Um ein wenig Hoffnung zu machen: an der Universität Wuppertal scheint sich ein Studiengang zu entwickeln, der Lehrerinnen und Lehrer auf die Themen Design, Medien und Designtheorie angemessen und umfassend  vorbereiten möchte.

  16. Von wegen Information Overload | Das Social Media Blog |  19.05.2010 | 21:26 | permalink  

    [...] habe sich an diesem Zustand wenig geändert. Der Publizist Peter Glaser geht in einem Beitrag auf carta.info sogar noch weiter zurück – nämlich ins antike Ägypten: Die höchste hieroglyphisch darstellbare [...]

  17. Hyperbaustelle » Erneut im Mai | Utopie-Blog |  31.05.2010 | 11:19 | permalink  

    [...] wie eine solche denn genau ausschaut. Na, sie unterstützt Frank Schirrmacher – dessen Buch Payback Peter Glaser mit der Hieroglyphe der höchsten darstellbaren Zahl vergleicht – und tut alles, [...]

Sie möchten diesen Text kommentieren?

Ihr Name (erforderlich):

Ihre E-Mail (erforderlich):

Ihre Website:

Über Facebook oder Twitter einloggen:

Sie können Ihren Kommentar mit HTML-Befehlen formatieren.