Stephan Ruß-Mohl | 32 Kommentar(e)
11.12.2009 |
Was ihren Nachbarn, den Schweizern jetzt widerfährt, kennen die Österreicher ja schon: Wenn das Stimmvolk einmal aufmüpfig aus dem Konsens der „political correctness“ ausschert, auf den sich die politischen Eliten stillschweigend zu verständigen zu pflegen, dann ist die Hölle los, dann fallen die grossen Nachbarn über kleine Länder her, dann kommt es zu den Medienhypes der Mainstream Media: Weil „man“ sich ja bei den kleinen Nachbarn, einschliesslich in deren Seelenleben, bestens auszukennen glaubt, wird wild darauf los spekuliert und geschrieben. Und weil Recherche Geld und Zeit kosten würde, schreibt obendrein einer vom anderen hemmungslos ab.
Den Schweizern ergeht es jetzt so, weil sie mehrheitlich ihr Land nicht mit Minaretten bestückt sehen wollten. Unisono wird ein Problem, bei dem es im Kern um eine baurechtliche Regelung und allenfalls um die Ästhetik von Stadtarchitektur geht, zu einer Frage von Menschenwürde und Religionsfreiheit hochstilisiert, als würden in der Schweiz Muslime an ihrer Religionsausübung gehindert, während in Mekka Kirchglocken und Muezzins im friedlichen Wettbewerb um die Aufmerksamkeit der Gläubigen konkurrierten.
Vor ein paar Jahren ging es den Österreichern ähnlich, als Jörg Haider seine grossen Wahlerfolge erzielte. Damals konnte Putin in Tschetschenien ziemlich ungestört seinen brutalen Krieg führen und ein ganzes Land in Schutt und Asche legen. Die Medien waren vollauf damit beschäftigt, Österreich zu diskreditieren. Heute ist Putin noch immer an der Macht. Und in Italien toleriert und akzeptiert EU-Europa einen Premierminister, der das Fernsehen und fast alle anderen wichtigen Medien kontrolliert, der wie ein Postfaschist agiert, der das Verfassungsgericht und den Staatspräsidenten verunglimpft, der seit Jahren nach Lust und Laune Gesetze erlässt, die entweder ihn selbst vor Strafverfolgung schützen oder sein Medienimperium geschäftlich privilegieren. Das wird von Europas Leitmedien zwar nicht völlig untergebügelt, aber irgendwie hingenommen, jedenfalls nicht so skandalisiert, wie es geboten wäre. Denn sie sind ja vollauf damit beschäftigt, über die älteste Demokratie Europas, die kleine Schweiz, herzufallen.
Stefan Russ-Mohl schreibt diese Kolumne für die österreichische Wochenzeitung Die Furche und Carta.


Auf die folgenden Kommentare zu diesem lächerlichen Wir-haben-kein-Problem-weil-die-Schweiz-ja-die-älteste-Demokratie-Europas-ist-Auswurf bin ich gespannt.
Ich bin es leid.
Wer die Kampagne in der Schweiz gesehen hat und auch die Aussagen vieler, die für das Minarett-Verbot gestimmt haben, weiß, dass hier nicht über baurechtliche Fragen oder Fragen der Ästhetik abgestimmt wurde.
Julien Frisch, Euroblogger
@ Marko: Jip, jetzt gleich wieder mit dem Finger nach Italien zu zeigen, wird wohl nicht nur Freunde finden. Russ-Mohl ist aber bewärter Carta-Kolumnist, daher finde ich richtig, seinen Text hier zur Diskussion zu stellen.
@ Julien: Ich glaube, der Minarettstreit hat eine politische und möglicherweise auch eine polit-ästhetische Komponente. Aber eine baurechtliche sicher nicht.
rml
Die These des Autors ist schlicht. Er wendet sich an die Medien und sagt, die anderen (Italien, Russland) seien noch schlimmer, also meckert nicht so über die Schweiz. Die Denke, die dahinter steckt, heißt: Es gibt größere Probleme als das Minarett-Urteil. Diese Argumentation ist natürlich Nonsens, sie erschlägt jede Diskussion über politische Vorgänge und Fragen der Demokratie.
@Lars
Ich finde eher Ihre Denke schlicht: Der Beitrag kritisiert ja nicht, DASS Kritik an der Schweiz geübt wird, sondern WIE: nämlich unangemessen intensiv. Eine Diskussion wird ja eher durch die übliche PC verhindert bzw. findet ja gar nicht statt.
Denn auch wenn es nicht um “Baurecht” geht – es geht eben auch nicht um das Verbot der Religionsausübung und die vielbeklagte Einschränkung von Menschenrechten, sondern sicher eher gegen den institutionalisierten Islam: und ebenso, wie die Institution KIRCHE eine zweifelhafte Einrichtung ist, ist es auch die Instutition Islam.
Ich bin mir ja nicht sicher, ob die Beobachtung des Autors so richtig ist. Eine einseitige, überzogene Kritik an der Schweiz und ihrer Entscheidung mag es sicherlich geben. Für mich aber war die Diskussion mehr eine betroffene, die auch von der Überlegung getragen war: Wie sähe so etwas eigentlich bei uns aus? Ich erinnere mich noch gut an die zeitnahe Telefon-Umfrage (über Repräsentativität brauchen wir uns nicht streiten) des Hessischen Rundfunks, in der über 90% der Anrufer dem Minarett-Verbot zustimmten.
Dass deutsche Medien zum Abschreiben neigen und sich gewisse Themen jeden Tag als Zentrum der medialen Auseinandersetzung zeigen – geschenkt. Aber wenn uns ein solches Thema wie das von Ausländerfeindlichkeit, Islamophobie und nötiger Kritik an Integrationsscheitern aufscheucht, darf es auch ruhig etwas gründlicher zugehen.
Lieber Herr Russ-Mohl,
Der Frevel an ihrer Argumentation ist, dass Sie die Schweiz in Schutz nehmen. Und dann auch noch mit einer Begründung die an Lächerlichkeit kaum zu überbieten ist.
Ich lasse es lieber mal, ein vergleichendes Beispiel anzuführen.
Aber interessant, dass Sie den Begriff “political correctness” verwenden, wo dieser Begriff negiert für Nazis Pate steht.
Nur weil es Länder gibt, die ebenso wenig ein Verständnis für Demokratie haben wie die Schweiz, ist es noch lange nicht okay wenn die Schweiz danach handelt.
Dass es in vielen Ländern kaum Religionsfreiheit gibt ist sehr traurig. Umso mehr müssen wir mit gutem Beispiel vorangehen. Die Schweiz hat sich der antimuslimischen Propaganda unterworfen (sichtbar an den Plakaten, die an Plakate aus dem dritten Reich erinnern) und sich damit ins Mittelalter zurückkatapultiert. Wenn ich meine Religion frei ausüben kann, brauche ich auch einen Ort dazu: Ob das jetzt nun ein Kirchturm, ein Minarett oder sonst irgend etwas ist. Es hat zu sein. Es hat einfach zu sein. Fresst das, ihr “political incorrect”en.
Die Schweiz hat eine enorme Zuwanderung zu schultern, sie ist ein kleines Land.
Das Ergebnis dieser Volksabstimmung ist sicher nicht auf ein fragwürdiges Plakat zu reduzieren, das hieße ja, das Volk zum tumben Stimm-Vieh abzustempeln.
Das Ergebnis fußt vielmehr darauf, dass gewisse Problemfelder politisch und medial systematisch ausgeblendet werden. Und das seit Jahren!
Ähnlich wie in Deutschland: Ein kritisches Wort über Integration, Migranten – zumeist dreht es sich da seltsamerweise immer um Muslime – und der Nazi-Vergleich ist nicht weit. Argumente? Fehlanzeige.
Eine demokratische Debatte darüber findet in den Medien kaum statt – wenn überhaupt. Ich denke, dass eben dies zu solch einem Ergebnis geführt hat.
Man kann ein Volk als dumm oder “undemokratisch” denunzieren, dennoch muss man es ernst nehmen. Und das tun die politischen Eliten weder hier noch in der Schweiz.
Da liegt der Hase im Pfeffer.
Das Ergebnis ist ein Denkzettel für ignorante Politik, nicht für die Muslime.
Ich bin Muslim. Ich bin Deutscher. Das ist mein Land und meine Heimat. Ich bin Teil dieser Gesellschaft. Ich fiebere in der WM mit der deutschen Nationalmannschaft mit. Ich zahle hier meine Steuern und schaffe hier Arbeitsplätze. Meine Religion ist ein Teil von mir. Und die Moschee ist ein Teil meiner Religion. Eine Moschee, die genauso zum Stadtbild gehören sollte, wie eine Kirchen und eine Synagoge.
Die ersten Kirchen hatten keine Kirchtürme und die ersten Moscheen hatten keine Minarette. Genauso wie der Kirchturm heute zur Kirche gehört, gehört das Minarett heute zur Moschee.
Aber mir scheint dass viele Menschen um mich herum Angst haben. Angst vor Veränderung. Sie wollen diese Veränderung nicht. Jedenfalls wollen sie sich nicht sehen. Würden die Minarette nicht in den Himmel, sondern in die Erde ragen, dann hätte man irgendetwas anderes verboten, was ins Auge fällt. Vielleicht die Kuppel? Wer meine Moschee aber nicht will, der will auch mich nicht. Das ist die Botschaft, die bei mir ankommt.
Menschen, die aus welchem Grund auch immer, ihre Heimat verlassen haben und eine neue Heimat gesucht und gefunden haben, haben das wichtigste mitgebracht. Nach der Familie ist das die Religion. Das haben Menschen schon immer getan. Überall auf der Welt. Amerika war früher kein christiliches Land. Australien auch nicht. Wer diese Mitbringsel nicht respektieren will, der trägt rechtes Gedankengut in sich, auch wenn er sich das nicht selbst eingestehen will.
Auch wenn ich kein Schweizer bin, weiß ich von Schweizer Freunden, dass sie genauso fühlen.
Und was Putin und Berlusconi mit der Sache zu tun haben, verstehe ich absolut nicht.
@Tamim: sehe ich genauso. Und ich finde es auch gut dass sich Muslime mit in die Debatte einschalten – um deren Rechte geht es schließlich.
@radiopi: Du kommst aus der rechtspopulistischen Ecke. Du empfindest Immigration als Bedrohung. Ein “kritisches Wort über Integration, Migranten” darf es nicht geben, es darf eine Diskussion darüber geben wie das auszusehen hat – aber es HAT auszusehen. Denn es gibt vielleicht Menschen, die in einer nicht so weich gebetteten demokratischen und freien Umgebung aufgewachsen sind wie du und ich und wir dürfen ja auch unsere Kirchen und Kirchtürme bauen und wohnen wo immer wir sollen und reisen wohin immer wir wollen. Es gibt aber Menschen die das nicht können und dürfen. Und das ist nicht gerechtfertigt.
Natürlich gibt es Islamisten. Aber es gibt auch Evangelikale. Seltsamerweise gibt es aber Gegner von Minaretten, die als Inbegriff der Islamisierung stilisiert werden, während es keine Gegner von Kirchtürmen gibt, obwohl sie nicht weniger der Inbegriff einer Christianisierung waren/sind. Es gibt Gegner von Glockentürmen, aber die haben genug Hirn, nicht dagegen vorzugehen, da sie sehen, dass das absurd und fremdenfeindlich ist und weil sie wollen dass diese Christen ihre Gotteshäuser haben dürfen.
@ Thomas; Es geht nicht nur um meine Rechte. Es geht um mein Land.
Wenn wir anfangen Minderheiten in ihrer Ausdrucksform zu beschneiden, wo verflixtnochmal geht die Reise dann bitte hin? Kann mir das mal bitte jemand sagen?
@Tamin Swaid: Es ist vollkommen richtig, dass Minderheiten in einer Gesellschaft nicht ihren Ausdrucksformen beschnitten werden dürfen. Im Fall der Schweiz und der Frage der Minarette mag es aber so sein, dass es in der Schweizer Gesellschaft ein Unbehagen darüber gibt, ob die zahlenmäßig wachsende Minderheit der Muslime sich genügend um die Integration bemüht, oder ob sie sich nicht tendenziell eher abschottet.
Dieses “Unbehagen” entlädt sich dann in Volksabstimmungen, in denen es sachlogisch um baurechtliche Fragen oder die Ästhetik der Stadtbilder gehen mag, letztlich aber eine saubere Trennung dieser Thematik von ihrem größeren Kontext nicht gelingt, weil, wie Stefan Russ-Mohl zurecht kritisiert, die Medien aus Gründen der Political Correctness diese größere Debatte gar nicht erst führen.
[...] ich es mir nicht einmal mehr nachträglich online angesehen habe. Am Freitag habe ich mich über diesen CARTA-Text eines Journalistik-Profs (!!!) aber sowas von geärgert sowie über die neueste Facebook-Mode, [...]
@radiopi und @Matthias
Welche Diskussion wird denn da bitte von wem ausgeblendet. Empfehle dazu mal dieses Kabarett Stück von Hagen Rether: http://www.youtube.com/watch?v=QL65dcC_UNM
Eine der Debatten führen wir hier gerade. Und ich habe davon schon einige geführt. Aber inzwischen bin ich es leid, weil es anstrengend und ermüdend ist.
Ich muss mich hier auch nicht integrieren. Ich bin schon ein Teil der Gesellschaft.
Frau Freitag, eine Lehrerin, bringt das Problem in ihrem Blog auf den Punkt:
“Wir haben an den Schulen ein Schichtenproblem und kein Migrantenproblem. Ich kann es nicht mehr hören: Die – wir. Die Deutschen – die Ausländer. Migranten – nicht Migranten. Und dann immer dieser berühmte „Hintergrund“. Reden wir doch mal über den Vordergrund! Und da ist es doch schnurz-piep-egal, warum die schlecht Deutsch sprechen. Sie tun es einfach und man sollte nach vorne sehen und überlegen wie man das ändern kann.”
http://fraufreitag.wordpress.com/2009/12/08/es-gibt-keine-auslander-in-deutschland/
@Matthias Schwenk: Glauben Sie, dass diese bzw. eine solche Abstimmung etwas daran ändert oder verbessert? Ganz im Gegenteil. Gehe man davon aus es gäbe Muslime die sich nicht integrieren sondern abschotten, was machen wir dann anders, wenn wir unsere Kultur abschotten mit dem Vorwand sie zu “schützen”? Integration bedeutet für die Rechten, dass die Muslime genau so zu leben haben wie sie das in ihrer verharzten Weltsicht für richtig halten. Aber wer sagt denn, dass s nicht “Schicksal” der Schweiz (oder eines beliebig anderen Landes) ist, den Islam als größte Religion in sich zu beherbergen. Ist das nicht westlicher Kultur-Chauvinismus?
Eines zeigt die Abstimmung in der Schweiz: Wir sind nicht besser als als die anderen Länder dieser Erde. In uns allen wohnt der selbe Hang zu Rassismus, Chauvinismus, Populismus. Wir hatten das Glück, dass wir aus Amerika die Demokratie und die Grundrechte bekommen haben. Und deshalb schauen wir auf alle herab die das nicht haben. Und das ist eigentlich noch etwas viel bösartigeres, wenn dann noch dazukommt, dass wir diesen Menschen das verwehren wollen.
Noch ein Muslim, der sich zu Wort meldet. Ich beschäftige mich nicht mehr mit dem Thema Integration. Verstehe mich sehr gut mit meinem Nachbarn Herrn Mergelsberg links und Herrn Roth rechts. Das Finanzamt schätzt mich auch als braven Bürger. Meine kleine Welt ist in Ordnung. So soll es auch bleiben.
In einigen Ländern werden die Deutschen nur als “die Nazis” bezeichnet. Ich habe mich immer dagegen gewehrt. “Das war mal früher”. Mittlerweile denke ich, dass bestimmte Völker Eigenschaften in sich tragen, die einen charakterisieren und die man nicht einfach so los wird. Die Asiaten sind halt ein freundliches Volk, die Engländer ein wenig eigenwillig, die Türken gastfreundlich und ja, die Deutschen “versteckt” rassistisch. Ich spreche von grundsätzlichen Dingen. Klar weiß ich, dass viel mit Bildung zu tun hat und gebildete Menschen nicht dazu zu zählen sind. Um so schlimmer finde ich, dass es in Ländern wie Österreich oder der Schweiz mittlerweile auch allgegenwärtig ist. Hand aufs Herz, wer hat am Stammtisch sich nicht mal pauschal über die … beschwert? Und wer hat gesagt: Hey, lass das!”?
Denjenigen, die glauben, dass ein Minarett das Stadtbild stören würde, empfehle ich eine Reise nach Istanbul und dort mal auf den Turm Galata zu steigen. Wenn der Anblick mit den Minaretten nicht verzaubert, dann weiß ich auch nicht.
@Tamim Swaid: Gute Hinweise auf Hagen Rether und den Blogpost von Frau Freitag.
@Thomas Maier: Die Abstimmung (in der Schweiz) ändert zunächst einmal nichts am Befund. Aber sie mag dazu helfen, dass eine bislang nur sehr unterschwellig verlaufene Debatte nun etwas offener und breitenwirksamer geführt wird. Das ist meine persönliche Hoffnung.
Ich sehe zum Beispiel in meinem Lebensumfeld, dass man es sich bislang mit Fragen der Migration und Integration viel zu einfach gemacht hat. Weithin und lange Zeit dachte man wohl, das ergäbe sich automatisch (im Sinne einer vollständigen Anpassung an unsere Werte und Vorstellungen). Jetzt, wo der Islam sichtbarer wird, weil vielerorts Moscheen mit Minaretten gebaut werden (sollen), schreckt man irritiert hoch (etwa in Köln). Ein Glück! Das Problem in den Schulen konnte man ja lange genug unter den Teppich kehren…
@Matthias Schwenk: Aber genau so sollte es doch sein. Es sich “einfach” machen. Es einfach geschehen lassen. An eine Moschee haben die gleichen Regeln angelegt zu werden wie an Kirchen und an Wohnhäuser.
Aber: Seit Neuestem wird, zb. auch bei Sarrazin, immer damit argumentiert, es werde eine Diskussion angestoßen. Oder noch schlimmer, es wird behauptet endlich “sagt es mal einer”, was ich als unerträglich empfinde. Bis heute hab ich nichts gesehen. Und genauso auch hier. Aber wie gesagt sieht man schön wo die schwarzen Schafe in unserer ach so toleranten Gesellschaft sind. Und es ist an uns ihnen ihre Ekelhaftigkeit und Verabscheuungswürdigkeit vor Augen zu führen.
Eigentlich sollten alle diese Pro-Verbot Leute wie Henryk M. Broder und Co. auf Anklage wegen Volksverhetzung geprüft werden.
Aber wehe es komme einer mit einer Petition für den systematische Abriß aller Kirchtürme (bis auf vier!), dann würden genau diese Menschen die für das Minarett-Verbot gestimmt haben am aller lautesten schreien.
Natürlich würde ich so eine Petition nicht wollen und ablehnen. Einfach weil die Christen bauen sollen was sie lustig sind. Und genauso bitte Muslime.
Es gibt vor allem eine ganz dicke Grenze. Und die verläuft zwischen den Grossdiskursproduzenten, also den etablierten Medien, und dem Volk. Während viele Leitartikelschreiber den Ausgang der Abstimmung als Katastrophe darstellten, klickten die Leser (zum Beispiel bei Online-Umfragen auf spiegel.de und bild.de) Zustimmungen von um die 80 Prozent…
Zurecht wird eingewendet, dass das nur bedingt aussagekräftig ist, da a) Umfragen manipulierten können und werden und b) es dabei nicht um eine direktdemokratische Stimmabgabe mit Folgen für die Bundesverfassung ist wie in der Schweiz.
Aber: es zeigt ganz gut auf, dass die Empörung sehr einseitig verteilt ist. Und besonders Akadamiker in gut geheizten Redaktions- und Institutsräumen befällt. Während ein guter Teil des sogenannten “Volks” Verständnis zu zeigen scheint für den Entscheid der Mehrheit der Schweizer Stimmbürger.
@Ronnie:
Was heißt den jetzt bitte Verständnis. Ich habe kein Verständnis dafür. Sorry.
Und wenn es 95% der Schweizer wären, hätte ich kein Verständnis dafür.
Die Menschen wollen sich einfach nicht mit dem Islam und den Muslimen konfrontiert sehen. Hier und in der Schweiz. Das ist ein Fakt. Die Aussage “Ok, ihr dürft eure Moscheen bauen, aber ohne Minarett” ist gleichzusetzen mit der Aussage “Ich habe nichts gegen Ausländer, aber ihre Hautfarbe passt mir nicht”. Derjenige, der die Form der Gebetshäuser der Christen, Juden und Muslime nicht respektiert, respektiert den Menschen dahinter nicht. Egal wo derjenige herkommt. Sei er aus Saudiarabien, Jemen, Deutschland oder der Schweiz. Derjenige der sich so verhält und abstimmt, trägt rechtes Gedankengut in sich. Auch wenn er sich dessen nicht bewusst ist. Und es scheint, dass es in der Schweiz in diesem Punkt, ein großer Teil der Gesellschaft tut.
@Matthias:
In den Schulen wurde nichts unter den Teppich gekehrt. Der Rechtsstreit reichte bis zum Bundesverfassungsgericht, dem “klügeren” Volksentscheid.
Man tut ja immer so als ob man darüber nicht reden würde und die Muslime sich nicht zu Wort melden würden. Das stimmt einfach nicht. Nur reden meist 96% Bevölkerung, meist mit wenig Wissen und wenig Erfahrung, über 4% der Bevölkerung, von denen viele noch nicht in der Lage sind, sich gut zu artikulieren. Und da frag sich einer mal, welches Bild da die Oberhand gewinnt. Angeheizt von einem Medienapparat, der nach dem Prinzip “Sex & Crime sells best” funktioniert.
Übrigens, so funktioniert der Medienapparat, überall auf der Welt. Manchmal mit einem seriöserem Überzug aber meistens nackt und plakativ.
Hier ein schönes Video von Extra-3 zu dem Thema: http://www.youtube.com/watch?v=gLMokwHG0sA
Die wichtigste Frage die natürlich nirgends gestellt wurde ist: warum? Warum haben die Menschen diese irrationale Angst vor dem Islam?
Und dabei ist eigneltich egal ob Islam, Juden, Schwarze, …
- Weil es fremd ist.
- Weil man es nicht kennt und nicht einordnen kann.
- Weil man in den Medien durch Bilder konfrontiert werden, die einem Angst machen
Wir Menschen neigen immer wieder dazu dieses Verhalten an den Tag zu legen. Zu schubladisieren. In Kategorien einzuteilen. Aus dem Vorwissen was wir haben (Medien), auf die Realiät zu schließen, damit wir nicht durch etwas Ungeahntes überrascht werden.
Das wir so denken ist menschlich. Aber wir sollten eben auch immer bereit sein zu lernen. Immer bereit sein unsere Denkmuster zu überprüfen und diese auch wieder über Bord zu werfen und neue aufzubauen. Wenn wir das nicht tun, sind wir bornierte Arschlöcher. Und bornierte Arschlöcher haben noch nie etwas positives zur Menschheitsgeschichte beigetragen.
Und es geht weiter: Unser Integrationsminister Theo Sarazin: http://www.bild.de/BILD/politik/2009/12/12/thilo-sarrazin/kopftuch-verbot-an-deutschen-schulen.html
Im Großen und Ganzen stimme ich Tamim zu. Die Menschen haben nicht Angst vor dem Fremden, weil sie es nicht einordnen können, sondern weil sie es schlicht nicht wollen.
M.E. hat das zum großen Teil damit zu tun, dass die Menschen — wie jemand weiter oben schon schrieb — nicht sonderlich offen für Veränderungen sind. Ich bin zz. in Südafrika. Wenn man erst mal fern der Heimat ist und sich dann noch in einem Land solcher Gegensätze aufhält, wird das noch viel, viel deutlicher.
“…als würden in der Schweiz Muslime an ihrer Religionsausübung gehindert, während in Mekka Kirchglocken und Muezzins im friedlichen Wettbewerb um die Aufmerksamkeit der Gläubigen konkurrierten.”
Ein beabsichtigt dämlicher Vergleich. Man sollte vielleicht dann doch eher den Vatikan mit Mekka vergleichen und nicht die Schweiz.
@ alle: Ich habe Stefan Russ-Mohl angepingt, ob er sich nicht zu den vielen Kommentaren hier und zu David Replik äußern mag.
“[...] Unisono wird ein Problem, bei dem es im Kern um eine baurechtliche Regelung und allenfalls um die Ästhetik von Stadtarchitektur geht, zu einer Frage von Menschenwürde und Religionsfreiheit hochstilisiert … [...]”
Aha, natürlich! Der Schweizer hat sein Kreuz gegen Minarette nur gemacht, weil er die städtische Ästhetik in Gefahr sah. Wie blöde und naiv von mir zu glauben, dass es durch die allgegenwärtige Anti-Islam-Hetze geschah.
Aber wenn es nur um die Stadtarchitektur ging, na dann…
Mit verlaub Herr Russ-Mohl, ich habe selten so was dämliches gelesen!
@Tamim, Eintrag 25: Das wichtigste hast du vergessen: Das Bild, das diverse “Journalisten”, Rechte, Paranoide und Fundamentalisten zeichnen. Der Islam als menschenverachtende Religion von vorgestern, der Frauen entrechtet, Homosexuelle steinigt, und was sonst noch so alles in Koran und Altem Testament steht. (Seltsam, dass gerade die “Radikalchristen”, die doch sonst so für all das sind, so gegen den Islam kämpfen. Fühlen die sich rechts überholt? Aber das ist wohl ein anderes Thema.)
Problematisch ist dabei, dass das für Teile durchaus auch zutrifft. Was mir aber fehlt, ist die differenzierte Diskussion. Entweder sind die Moslems eine böswillige, vorgestrige Randgesellschaft, oder sie sind arme Opfer, die der blöde Staat einfach nicht richtig integrieren konnte. Sicher gibt es beides, aber alle über einen Kamm scheren? Kann man nicht intolerante Extremisten (auch christliche, jüdische, atheistische, …) verachten aber trotzdem jedem seine Religionsfreiheit lassen?
Was die Religionsausübung und Kultur angeht: Das Gesetz, v.a. das Grundgesetz, kommt zuerst, da darf die muslimische Tochter im Zweifelsfall nunmal abtreiben oder die deutsche Freundin lieben. Wer damit ein Problem hat, darf gerne dahin auswandern, wo’s ihm besser gefällt (auch ewiggestrige Deutsche). Ansonsten gilt meiner Meinung nach gleiches Recht für alle: Entweder alle dürfen Krach machen und Türmchen bauen oder keiner. Wer Kreuze in Schulräumen zulässt, muss auch Kopftücher zulassen. Tiere dürfen von allen misshandelt werden (Schächtung) oder von keinem. Und Gleichstellungsgesetzte sollten auch für christliche Einrichtungen gelten.
[...] Er ist User Interface Designer und Gründer des Startups CoboCards.com. Für uns hat er seinen Kommentar bei CARTA auf Stephan Russ-Mohls “Medienhype um Minarette” zu einem Gastbeitrag [...]