Frank Schirrmacher | 10 Kommentar(e)
Frank Schirrmacher über die epistemische Qualität der Algorithmen: “Wenn nicht alles in der Welt durch Algorithmen zu erklären ist, dann sorgen wir halt dafür, dass nur noch das in der Welt wahrgenommen wird, was nach algorithmischen Prinzipien funktioniert.” Ein Auszug aus “Payback”.
26.11.2009 |
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Fassen wir an dieser Stelle noch einmal zusammen: Teile der modernen Psychologie und die Neurobiologie haben die Mutter aller unserer Programmierungen geschaffen. Sie ist mit unerschütterlicher Energie dabei, uns zu Kindern einer mentalen Revolution zu erziehen. Sie beurteilt menschliches Denken und Verhalten nach Computersimulationen. Sie verwebt alles mit allem: So wie auf einer Webpage unsere Erinnerungen mit unseren Reiseplänen, unser ökonomisches Verhalten mit unserer Risikobereitschaft, unsere Gesundheit mit unserem DNA-Code verschmelzen, so verflechten sich die Wissenschaften mit den Codes der Software – so sehr, dass Computer in einigen Bereichen der Kognitionswissenschaften und der Psychologie längst als Ersatz für menschliche Testpersonen herhalten müssen. Was man dort entdeckt, wird auf Menschen übertragen. Was man nicht entdeckt, existiert nicht. Der Siegeszug der Technologie wurde damit bezahlt, dass man Penroses Warnung gewissermaßen gegen sich selbst kehrte: Wenn nicht alles in der Welt durch Algorithmen zu erklären ist, dann sorgen wir halt dafür, dass nur noch das in der Welt wahrgenommen wird, was nach algorithmischen Prinzipien funktioniert.
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Frank Schirrmacher: Payback - Warum wir im Informationszeitalter gezwungen sind zu tun, was wir nicht tun wollen, und wie wir die Kontrolle über unser Denken zurückgewinnen, Karl Blessing, 240 Seiten, Euro 17,95. Hier via Amazon-Partnerprogramm zu bestellen.
Der hier veröffentlichte Text entspricht dem Payback-Kapitel “Wie das Werkzeug seinen Erfinder umarbeitet”. Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung - Copyright 2009 by Karl Blessing Verlag, München.


Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ich meine Katze auf dem Arm hatte und das Vieh mich vollgehaart hat. Ich wurde gebeten nach draußen zu gehen und mir die Haare abzulesen. Meine Antwort kam prompt: Das funktioniert nicht, vorher muss ich die Katze absetzen, dann kann ich mir die Haare ablesen.
Klarer Fall von Algorithmie.
Hm, warum stehen hier so wenig Kommentare. Hat der FAZ-Herausgeber die Carta-Leser erschlagen.
Schirrmachers Angst ist unberechtigt. Natürlich graben sich algorithmische Metaphern und Bilder in unser Denken ein. Dabei eignen sich Algorithmen vor allem aber auch als Resonanzböden von sozialen Praktiken.
Rivva ist nicht deshalb schlecht, weil es auf Algorithmen basiert. Rivva ist eine hervorragende Applikation, weil sie mit Hilfe von Algorithmen in der Lage ist soziale Relevanz sichtbar zu machen.
Gegen eine solche Ko-Evolution von Mensch und Maschine kann doch niemand etwas haben.
Auch die Bibliothek wird nicht allein vom Registerkarteikasten regiert.
simon
“Algorithmus” ist ein Lieblingswort älterer Herren, die lauter Nullen und Einsen verstehen, schwarz und weiß, machbar und nicht-machbar, wünschens- und fürchtenswert, besonders, wenn sie sich an ihrem Computer zu Kunst, Kultur und Sozialem ergehen. (Ich kann Stunden über Gedichtgeneratoren referieren ohne das Wort.)
Dass Menschen meinen, die ganze Welt in ihrem Geist zu haben, sich darin alles zu vernetzen, in ihrem Herzen zu bewegen, Pläne zu schmieden, das mitzuteilen, anderen Gleiches unterstellen, auch dem Rosenbusch (Baupläne in jeder Hagebutte), sogar dem Himmel, dass man sich Chancen ausrechnet, Brücken konstruiert, Maschinen arbeiten lässt, Schach spielt und Rechenhilfen ersinnt, an der Bürokratie und ihren Leisten verzweifelt, Massen lenken will – die zweite Welt und die dritten aus zweiten (so wird u.a. aus akademischen Spielen “die Gegenwart”), bis hin zum Buch des Lebens und seinem göttlichen Programmierer und dessen Nachfolger: uns – ist wirklich nicht neu. Neu sind die Geschwindigkeit, die Entfernung, die große Zahl, die ist die gute Nachricht und ist auch das, was weiter beschleunigt. Jeder, der liest, ist vertraut mit der Auslagerung des Geistes in Akten, Gehilfen, Ansprüche – immer mehr, immer feiner geregelt, selbst regelnd – vom Sternenkalender über barocke Permutationsgedichte bis zum Gendesign.
Man sollte nicht so viel dem Computer zuschieben, nicht immer nur fragen, was er verändert, auch mal, was ihn hervorgebracht hat, welche Symptome neben ihm scheinen – vielleicht fing das alles schon mit den Grundbüchern an. Und wohin es führen soll – statt zu wetten, was wohl werden wird. ‘Roboter vergewaltigen uns’? Was bringt mir das? ‘Direkte Demokratie wird machbar!’ – Das hat was.
Es dauert doch. Hätt ich heute das Internet als Hirnhandy implementiert, wär mir im Alltag noch immer die Brille die wichtigere Prothese. Der Computer ist dumm mit seinen Routine? – wie schön, darum ist er ja nützlich. Ich glaube nicht mal an Gefahr durch KI – um was sollten die bewussten Maschinen mit uns konkurrieren? Um Geld, Titel, Medaillen, attraktive Partner, Sauerstoff? Weltherrschaft? Dass aus dem, was einen irritiert, ein Buchvertrag wird, leuchtet hingegen gleich ein.
@dirk: Danke für den schönen Kommentar!
Ach, noch was , es gibt etwas um das die zwei Lebensformen konkurrieren würden:
Die elektrische Energie!
MfG
Roboter
Korrektur: Der Name des Mannes ist “Kurzweil”. Hat sich auf die verschiedensten populärwissenschaftlichen Züge gesetzt, bekannt ist aber auch seine Musikelektronik.
Ich habe das Gefühl, dass Sie zu viel seichte Literatur zum Thema zur Kenntnis genommen haben.
“Wenn nicht alles in der Welt durch Algorithmen zu erklären ist, dann sorgen wir halt dafür, dass nur noch das in der Welt wahrgenommen wird, was nach algorithmischen Prinzipien funktioniert.”
Das ist natürlich eine Pauschalanklage gegen jeden Ansatzes, und gewissermaßen Methodengeklapper. Man kann fast von einem Plagiat sprechen:
“Wenn nicht alles in der Welt durch Ökonomie zu erklären ist, dann sorgen wir halt dafür, dass nur noch das in der Welt wahrgenommen wird, was nach ökonomischen Prinzipien funktioniert.”
Das klingt durchaus vernünftig und das haben wir schon einmal gehört. Ich kenne viele Leute, die ein ökonomisches Primat auf ihre Weltsicht anwenden und andere Aspekte ausblenden. Ich kenne niemanden, der heute eine “algorithmische Weltsicht” vertritt. Im Ansatz nicht einmal bei den Kybernetikern.
Allerdings ist auch die Vision des ganz ins Google-Datenmeer eingebetteten Menschen entfernt von den naiven Vorstellungen des Operations Research Ende der Sechziger Jahre, nach der die Steuerung aller gesellschaftlichen Entscheidungsprozesse automatisierten mathematischen Optimierungskalkülen zu unterwerfen sei. Wohlgemerkt, das was man in echten Fachbüchern findet zu Zeiten, als die Rechner noch ein Faszinosum waren. Die Rechenmaschine als Komplement einer Planwirtschaft. Diese Leute waren jene engstirnigen Lochkartenknechte, die den Rechner nur als Hilfsmittel zu ihrer Planung, Entscheidung und Optimierung sahen.
Retrofuturistik und vergangene Technikerwartung sind faszinierend und gegen jene beschränkte Denkweise sitzt Ihre Kritik, aber sie trifft nicht den Geist der Informatik, und schon gar nicht das, was sich tatsächlich als Medium entwickelte. Richtiger wäre es davon zu sprechen, dass die Penetration des Einzelnen mit elektronischer Kommunikation durchaus Züge annehmen kann, wie wir sie früher bei Spielautomatensüchtigen und Berufsspekulanten diagnostiziert haben mögen.
[...] Frank Schirrmacher über die epistemische Qualität der Algorithmen: “Wenn nicht alles in der Welt durch Algorithmen zu erklären ist, dann sorgen wir halt dafür, dass nur noch das in der Welt wahrgenommen wird, was nach algorithmischen Prinzipien funktioniert.” Ein Auszug aus “Payback. http://carta.info/18949/ [...]
[...] endgültig legitimiert. Später im Jahr betrachtet Schirrmacher das Internet in seinem Buch „Payback“ aber wieder [...]
[...] die Debatte um die digitale Überforderung – zum Wortführer dieser Scheinbewegung hat sich Frank Schirrmacher gemacht – wenig berührt hat. Vielleicht ist mit folgender abgewandelter Tocotronic-Textzeile [...]
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[...] hat in den letzten Wochen und Monaten für einigen Wirbel im Netz gesorgt (u.a. bei Carta, dem Spiegelfechter, Spiegel-Online und Sueddeutsche.de). Kein Wunder, setzt sich doch ein [...]