Robin Meyer-Lucht

ARD-Aktuell offenbar in Schockstarre nach Wickert-Text

Robin Meyer-Lucht | 16 Kommentar(e)

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19.11.2009 | 

Heute also schrieb also Ulrich Wickert in der FAZ:

Wenn es um die Sprache geht, bedauere ich, dass nur noch wenige Autoren von Stücken für „Tagesschau“ und „Tagesthemen“ oder für „heute“ und „heute-journal“ den Satzbau beherrschen. Häufig streuen sie Substantive wie grobes Meersalz zwischen kurze Sätze.”

Und:

Wirklich geärgert habe ich mich, dass weder „Tagesschau“ noch „Tagesthemen“, weder „heute“ noch „heute journal“ je das neue Bundeskabinett vollständig vorgestellt haben. Eine Sondersendung, einen „Brennpunkt“ etwa, hob niemand ins Programm. Das kann heute wohl keiner mehr verlangen, Freitag und Samstag gehören der Unterhaltung!

Hans-Jürgen Jakobs nennt den Text “eine gnadenlose Abrechnung mit ARD und ZDF”, welche die “Schwächen des öffentlich-rechtlichen TV” bloßlege.

Man sollte meinen, die angesprochene Chefredaktion von ARD-Aktuell habe eine Meinung zu den forschen Thesen ihres einstigen Anchorman. Wickert hat nichts weniger getan, als ihre Bude in Brand zu schießen. Die Nachrichtenqualität von ARD & ZDF: mittelmäßig, sprachlahm und relevanzvergessen.

Da könnte die Chefredaktion doch mal etwas  zu sagen: Etwa zu Wickerts Beispiel, dass am 25. Oktober völlig unpassend die Tagesschau mit einem Irak-Attentat aufgemacht hat statt sich um die Innenpolitik zu kümmern.

Dafür wird es doch sicher viele gute Argumente gegeben haben, die ein ARD-Chefredakteur sicher mal kurz erläutern könnte. Doch was ist am Abend des Veröffentlichungstages der Wickert-Philippika als Replik im hierfür einschlägigen Forum, dem Tagesschaublog, zu lesen: N-I-C-H-T-S.

asdfasdfasdf

Wickert-Kritik? Schweigen im Tagesschaublog (stand: 20:50h am 19.11.09)

Gniffke schweigt. Deppendorf schweigt. Hinrichs schweigt. Auch der ARD-Vorsitzende Boudgoust schweigt. Das ZDF schweigt auch.

Diese Schockstarre sagt über den öffentlich-rechtlichen Nachrichtenjournalismus womöglich genauso viel aus wie der Wickert-Text selbst. Es knirscht nicht nur bei der Qualität, es fehlt vor allem auch an einer Kultur, sich der öffentlichen Diskussion zu stellen.

Transparenz und die Begründung des eigenen Handelns sind dabei wahrscheinlich sogar der Ausgangspunkt, von dem sich die Nachrichtenqualität verbessern ließe.

Das Schweigen, das jetzt dröhnend zu vernehmen ist, ist nicht Begleiterscheinung, sondern zentrale Ursache der Qualitätskrise öffentlich-rechtlicher Nachrichten. Dass Selbstkritik und Demut keine Stärke der ARD-Aktuell-Redaktion ist, weiß jeder, der sich schon einmal mit gutem Grund über Fehler in der Berichterstattung beschwert hat.

Es gibt offenbar eine Sache, die man im System ARD lieber nicht tun sollte: Einen Fehler eingestehen, Schwäche zeigen.

Zum diesem Thema auch auf Carta:

- Robin Meyer-Lucht: Tagesschau: Der postmoderne Concierge hat geblinzelt

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16 Kommentare

  1. Marc Bohn |  19.11.2009 | 21:29 | permalink  

    Ein wenig knüpft dies auch an die Kritik des Bundestagspräsidenten Norbert Lammert an, der bei der konstituierenden Sitzung des 17. Bundestages in seiner Rede monierte, dass weder ARD noch ZDF diese Sitzung ausgestrahlt haben und stattdessen irgend einen “Kitsch” zeigten.

    ARD und ZDF müssen ihrem Auftrag nachkommen und können dies auch nicht damit “abgelten”, dass der Gemeinschaftssender Phoenix alle notwendigen Informationen sendet. Das würde ja dann dazu führen, dass man nur noch Spezialsender – wie Phoenix für die Informationen/Nachrichten und Arte für die Kultur – staatlich fördern müsste! Das kann und darf es aber nicht sein!

    Wir brauchen einen unabhängigen Rundfunk, bei dem wir sicher sein können, dass die Beiträge nicht von Privat(firmen) vorher gekauft wurden sind – einen Rundfunk, der uns umfassend und unabhängig, über alle wichtigen Ereignisse in der Welt informiert!

    Die Kritik wird lauter und häufiger und da sollten Sie – ARD und ZDF – sich einer öffentlichen Diskussion auch stellen!

  2. Ulrike Langer |  19.11.2009 | 22:24 | permalink  

    @Robin
    In Kürze werden wir wissen, ob es sich um die Variante Totschweigen handelt oder ob die ARD/ZDF-Kommission zur Findung einer einheitlichen Sprachregelung in dieser Sache noch tagt. Eine Reaktion, die nicht mehr am gleichen Tag erfolgt, lässt jedenfalls so oder so nicht auf Interesse an einer Debatte hoffen.

    N.B. Habe mir über den Link oben Dein Video “Ein kurze Geschichte über die Unabhängigkeit” angesehen. Das ist richtig gut! Kannte ich noch gar nicht.

  3. alex |  19.11.2009 | 22:57 | permalink  

    Ich dachte mir heute morgen schon, dass da vor nächster Woche keine Reaktion erfolgt. Eventuell ringt man sich morgen Nachmittag, bevorzugt nach Print-Redaktionsschluss, zu einer dürren PM durch, die ein Statement ankündigt.

  4. Kolja |  20.11.2009 | 00:05 | permalink  

    Tagesschau-Chefredakteur Kai Gniffke hat mittlerweile im Tagesschau-Blog reagiert, und alle Vorwürfe zurückgewiesen: http://blog.tagesschau.de/?p=7332#more-7332

  5. Konstantin Klein |  20.11.2009 | 00:44 | permalink  

    Wickert? Glashaus? Steine?

    Mal ehrlich: Ich habe Wickert als einen der überschätzteren Tagesthemen-Moderatoren im Gedächtnis. Golden kamen mir seine Worte eher selten vor – hölzern trifft die Sache besser. Und dass die Tagesschau seit Köpkes Zeiten einen gestelzten Stil hatte, machte früher einen großen Teil ihrer (tatsächlichen oder auch nur wahrgenommenen) Kompetenz aus – das war, als bei Umfragen ARD-Gucker im nennenswerten Umfang den Tagesschau- für den Regierungssprecher hielten.

    Nun passen dem Ehemaligen also die Substantivierungen nicht mehr. So unschön sie tatsächlich sind: sein Pech. Die Tagesschau ist nicht [hier gute Fernseh-Nachrichtensendung Ihrer Wahl einsetzen], sie wird es nie sein, und sie will e auch nicht. Sie will Tagesschau sein.

  6. Andreas |  20.11.2009 | 09:08 | permalink  

    Na die in #4 verlinkte Reaktion ist doch eigentlich ganz ok. Kann beide Seiten nachvollziehen. Persönlich finde ich aber die Kritik an den Ö/R-Nachrichten überzogen, von der Qualität sind sie allem anderen in diesem Land noch deutlich voraus, allen voran das heute journal. Das hat zwar auch immer mal seine Aussetzter, aber auch sehr gute Momente, wo sie die Sachen mal richtig oder deutlich beleuchten, wo alle nur das gleiche bringen.

  7. Chat Atkins |  20.11.2009 | 09:15 | permalink  

    Der große Fehler an Wickerts Text ist, dass er die privaten Anbieter ‘außen vor’ lässt. Wenn die Öffentlich-Rechtlichen das Fegefeuer sind, dann sind die Privaten die Hölle … …

  8. Hubert Gertis |  20.11.2009 | 10:08 | permalink  

    @Marc Bohn Stimmt, ARD und ZDF müssen sich einer öffentlichen Diskussion stellen.
    Die Lammert-Kritik ist trotzdem Quatsch. Aufgabe des ÖR-Systems ist nicht die präemptive politische Dienstbarkeit in national-rundfunklicher Gleichschaltung.
    Phoenix war für die Übertragung einer konstituierenden Sitzung schon der passende Sender (weil für den ZDF Theaterkanal war die Inszenierung dann doch zu schwach).

  9. Glaubwuerden |  20.11.2009 | 10:11 | permalink  

    Bin ich schon so vergesslich, um mich nicht erinnern zu können, dass gerade solch Typen wie Ulrich Wickert sich viel wichtiger nahmen, als es ihrer Aufgabe angemessen gewesen wäre?
    Hat er sich nicht um den Nachwuchs bemüht?
    Kann natürlich auch sein, dass Wickert, der alte “Franzose”, wie ein guter Rotwein , erst im Alter, mit zunehmender Reife, sein wahres Format preisgibt.

    Auch wenn er ansonsten nicht falsch liegt.

  10. Robin Meyer-Lucht |  20.11.2009 | 12:19 | permalink  

    Bekanntlich hat Kai Gniffke im Tagesschaublog nun doch geantwortet:
    http://blog.tagesschau.de/?p=7332

    Gniffke veröffentlichte seinen Eintrag rund 2,5 Stunden nach diesem Post.

    Danke für die Kommentare. Ich komme erst später dazu, darauf einzugehen.

    rml

  11. Hans Hütt |  20.11.2009 | 19:39 | permalink  

    Die späte Reaktion ist nicht öffentlich-rechtlicher Schockstarre, sondern obstinater Weiter-So-Logik zu verdanken. Wickert hat recht.
    Manchmal fühle ich mich bei heute-Sendungen mit Steffen Seibert dazu versucht, seinen Nachnamen als Verb misszuverstehen. Auch schlimm (nicht immer) ist Frau Halali, die gerne ins Horn auf der Jagd nach dem Sinn bläst, dann aber bleibt der fast immer auf der Strecke.

  12. Gk |  20.11.2009 | 20:51 | permalink  

    Es weicht vom Thema ab, sorry, aber es ist unglaublich – zur PersonalPOLITIK beim ZDF, SPON von heute:
    http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,662553,00.html

  13. Schulterzucken « …Kaffee bei mir? |  20.11.2009 | 22:35 | permalink  

    [...] Internet wird zuerst reagiert. Robin Meyer-Lucht kritisiert auf Carta.info seinerseits die Schockstarre vor allem der ARD, von der man doch eine Reaktion auf die Anwürfe des [...]

  14. Emily |  21.11.2009 | 18:12 | permalink  

    Noch nicht gelesen, was Kurt Kister heute auf der Medienseite der “Süddeutschen” zu Ulrich Wickert und dessen angeblicher “gnadenloser Abrechnung” am Nachrichten-Journalismus der Öffentlich-Rechtlichen geschrieben hat? Vor lauter “Schockstarre” vergessen, wie der stellvertretende SZ-Chefredakteur seinen eigenen Mitarbeiter Hans-Jürgen Jakobs für seine “Abrechnung mit ARD und ZDF” (19.11.) süffisant korrigiert und seinerseits eine sachte Rehabilitierung von Tagessschau und Heute betreibt?

    Nein? Dann seien den Lesern des “Carta”-Blogs zwei Zitate aus Kisters Artikel nicht vorenthalten. Schon die Unterzeile des Artikels lässt erahnen, dass der Zeit seines Lebens nicht uneitle Ulrich Wickert kaum zum berufenen Kritiker des aktuellen News-Journalismus taugt: “Nachrichtensendungen im Fernsehen sind nicht schlechter geworden, nur die Kritiker etwas älter.” Die unstrukturierten und oberflächlichen Auslassungen des ARD-Pensionärs Wickert in der FAZ erinnern peinlich an die Nörgeleien verrenteter Kollegen, die glauben machen wollen, dass zu ihrer Zeit alles besser gewesen sei.

    Kurt Kister erweist in diesem Artikel als ein Journalist, der der übermächtigen Verlockung zur medialen Hysterisierung aller Dinge und Vorgänge widersteht. Ganz besonders in der Spezialdisziplin “Bashing der Öffentlich-Rechtlichen”. Seine Wickert-Replik endet mit der Feststellung: “Es ist nicht schlimmer geworden mit den TV-Nachrichten, auch wenn Wickert deutlich lebhafter war, als es Frau Miosga ist. Es gibt mehr Unterhaltung im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, und auch die Trash-Quote ist gewachsen. Aber andererseits haben wir eine Fülle frei empfangbarer Annehmlichkeiten wie 3sat, Phoenix, Arte und diverse Spezialkanäle mit Dokus, Information und Kultur. Die Nachrichten können noch besser werden. Aber so schlecht sind sie nun auch wieder nicht.”

    Diese Kritik der Kritik stellt dem Ö.R. System und seinen Naxhrichtenchefs keinen Persilschein aus, aber er ist ein Beitrag zur Relativierung und Versachlichung der Debatte.

    . Man ist, was man schreibt, weil man so denkt wie man schreibt. Auch nach der Pensionierung.

    Wickert wirft Tagesschau und heute, Tagesthemen und heute-journal Sprachschludrigkeiten, sensationalistische Nachrichtenselektion und mangelndes journalistisches Bewusstsein vor. Mit bald 67 ist Wickert alt genug, um das, was die Jüngeren treiben, grundsätzlich für problematisch zu halten. Andererseits gibt es – abgesehen vom Wetter, den Politikern und dem FC Bayern – kaum ein Thema, über das so viele Menschen so gerne schimpfen wie das Fernsehen.

    ….
    weiter auf sueddeutsche.de
    http://www.sueddeutsche.de/kultur/588/494920/text/

  15. Robin Meyer-Lucht |  21.11.2009 | 19:56 | permalink  

    @ Emily: Ich fand am Kister-Text stark, dass er darauf hinwegewiesen hat, dass TV-Nachrichten im Internetzeitalter einem anderen Legitimationsdruck unterliegen.

    1. Weil die Nachrichtenfilme jetzt angehalten angehalten werden können und auch noch naträglich angeschaut werden können.

    2. Weil das Internet Hintergründe zum Teil einfach besser abbildet.

    3. Das im Internetzeitalter einfach erwartet wird, dass transparent Rechenschaft abgelegt wird.

    Nich so stark fand ich seine These, hier würde mal wieder ein alter Hase über die Jungen meckern.

    Ich finde die Debatte übrigens sehr sachlich. Ich finde, dass sie viel zu lange von einer Wagenburg aus geführt wurde.

    Die interne Selbstaufsicht der Journalisten über journalistische Qualität erscheint eben zunehmend problematisch.

    gruss,

    rml

  16. Weekly 47/09 | [Gregel Dot Com] |  22.11.2009 | 13:48 | permalink  

    [...] hier ist auch interessant zu lesen: Das ARD-Urgestein Ulrich Wickert übt lautstarke Kritik an seinem ehemaligen Arbeitgeber [...]

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