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Stephan Ruß-Mohl

Legendenbildung: Mauerfall dank Westfernsehen.

Stephan Ruß-Mohl | 7 Kommentar(e)


Die Medien berichten über den Mauerfall, als hätten sie ihn selbst verursacht. Ein Mythos.

16.11.2009 | 

Die Medien haben zumindest in Deutschland über den Fall der Mauer so umfangreich berichtet, als hätte sich das Jahrhundert-Ereignis gestern zugetragen.

Dabei neigen sie allerdings dazu, ihre eigene Rolle zu verklären und Geschichte zu klittern. Das Ende des „antifaschistischen Schutzwalls“, wie die monströse Grenzanlage euphemistisch in der DDR genannt wurde, sei – so der Mythos – vor allem dem West-Fernsehen zu danken, das mit seinen Nachrichten, aber auch mit seinen Reklame-Verlockungen wie ein trojanisches Pferd in den Osten eindrang und dort die repressiven Regime zu Fall brachte.

Wäre das so simpel, dann hätte die friedliche Revolution, die Ost- und Mitteleuropa die Freiheit beschert hat, wohl in der DDR beginnen müssen, denn mangels Sprachbarriere wurde sie viel direkter mit TV-Programmen aus der Bundesrepublik berieselt und infiltriert als die anderen Satelliten der damaligen Sowjetunion.

Tatsächlich herrschte in Russland, Polen und anderswo jedoch längst Glasnost, bevor die Ostdeutschen Honecker und Krenz davonjagten. Das soll nicht heißen, dass die Medien, zumal das Fernsehen, gar keine Rolle gespielt hätten. Medienwirkungen hat es fraglos gegeben – aber eben weniger direkt, als es viele Journalisten und auch so manche Medienforscher wahrhaben wollen.

Mich jedenfalls hat es schockiert, dass sogar im wohl größten Medienmuseum der Welt – dem Newseum in Washington, das im vorigen Jahr eröffnet wurde – munter an der Legende gestrickt wird. Damit lenken sich die Amerikaner übrigens auch von ihrer monströsen Befestigung der Grenze zu Mexiko ab. Warten wir also ab, wie lange das Fernsehen braucht, bis es auch diesen eisernen Vorhang schleift.

Stephan Ruß-Mohl schreibt diese Kolumne für die österreichischen Wochenzeitung Die Furche. Sie erscheint in einer speziellen Version mit freundlicher Genehmigung des Autors auch hier.

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7 Kommentare

  1. Android |  16.11.2009 | 19:43 | permalink  

    Bravo, Herr Stephan Ruß-Mohl!

    Wir würden das so formulieren:

    Die ostdeutsche Bevölkerung hat damals konsequent die Lehre des Kommunismus angewandt!

    MfG
    Roboter

  2. SheephunteR |  17.11.2009 | 02:53 | permalink  

    Hm, ich weiß ja nicht was ihr Ausgangspunkt ist, aber ein Punkt gilt in der Medienwirkungsforschung als weit hin gesichert: Nämlich, dass die ARD in der Nacht des Mauerfalls, im Gegensatz zum ZDF das in den Sendeschluss schlingerte, nach der bekannten Presskonferenz vor der Mauer stand und berichtet, dass noch gar nichts zu sehen sei. Das sahen, laut “Legendenbildung”, viele der Ostdeutschen und machten sich erst daraufhin auf den Weg Richtung Grenze.
    Das selbstverständlich die friedliche Revolution und die langsame Annäherung durch “Glasnost” die viel entscheidendere Vorarbeit war, berührt diesen Umstand nur wenig.

  3. Gernot Klein |  17.11.2009 | 15:59 | permalink  

    Insofern dass die Medien einen oft uebertriebenen Einfluss auf politische Ereignisse wirken, ist uns nichts Neues, allerdings inwiefern gewisse ‘politische’ Ereignisse’ fuer pc (politically correct, wie die Amis es nennen!) gelten, und andere nicht, scheint mir ein vertuscheltes Thema, besonders im Fernsehmedium, z.B. die Gruende, warum der vergangene Jahrestag ’70 Jahre Reichskristallnacht’ auch hier in unseren Medien in Amerika fast aufs Abstellgleis geschoben wurde, waehrend ’20 Jahre Mauerfall’ schon immer wieder auf vorderste Stelle der Weltbuehne hervortritt.

    Koennte es sein, dass, wie in manchen amerikanischen Ortszeitungen erschienen, das Erstere ehe als ‘juedische Angelegenheit’ statt als Ereignis der Allgemeinrelevanz angesehen werde?

    So selektiv ist die Medienberichterstattung aber doch!

  4. David |  18.11.2009 | 14:47 | permalink  

    Die Europäer lenken sich derweil damit ab, dass sie nach Amerika schauen. Frontex macht solange die Drecksarbeit an den Außengrenzen.

  5. Internetausdrucker |  18.11.2009 | 16:36 | permalink  

    Die Medien klopfen sich mal wieder zu sehr auf die Schulter. Dabei pflegen sie eine merkwürdige Handlungstheorie: Sie tun so, als würden sie Wirkungen im Sinne eines Reiz-Reaktions-Schemas erzeugen. In diesem Sinne ist auch dieses Argument zu verstehen:
    “Nämlich, dass die ARD in der Nacht des Mauerfalls, im Gegensatz zum ZDF das in den Sendeschluss schlingerte, nach der bekannten Presskonferenz vor der Mauer stand und berichtet, dass noch gar nichts zu sehen sei. Das sahen, laut “Legendenbildung”, viele der Ostdeutschen und machten sich erst daraufhin auf den Weg Richtung Grenze.”

    Das entscheidende ist doch, dass die besagten Ostdeutschen sich von sich aus entscheiden mussten, zur Grenze zu gehen. Ohne das aktive Zutun der Leute wäre gar nichts passiert. Sie mussten die Medienmeldungen in einer bestimmten Weise interpretieren. Insofern sind es nicht die Medien als solche, die hier etwas bewirkt haben, sondern die Menschen im Zusammenhang mit den Medien. Dann wird wohl eher ein Schuh draus.

    Das Gleiche gilt auch für die Behauptungen, die Ostler mit Reklame und Berichterstattung zur Flucht verlockt zu haben. Auch hier gilt: Die Menschen haben zunächst zwischen Handlungsalternativen wählen müssen. Nicht wenige haben ja trotz Westfernsehen beschlossen, im Lande zu bleiben. Andere wählten eben die Flucht. Aber dies motiviert zu haben, ist nur geringfügig Ergebnis des Fernsehens, schließlich haben die Flüchtenden ein hohes Risiko getragen. Wer erwischt wurde, kam in den Knast. Andere sind an der Grenze erschossen worden, wie man weiß. Ein solches Risiko nimmt man nicht allein wegen der schönen Werbesendungen in Kauf. Da muss es noch andere Gründe geben.

    Die Medien sollten daher bescheidener sein.

    Allerdings ist das mal wieder typisch. Von den damals aktiven Bürgerrechtlern, den Ungarn-Flüchtlingen und den Montagsdemonstranten ist ja zum Mauerfalljubliäum so gut wie niemand hörbar zu Wort gekommen. Stattdessen haben sich die üblichen Verdächtigen des Establishments diese Geschichte angeeignet. Zumindest mir blieb diese Art des Erinnerns deshalb ziemlich fremd, denn es hatte mit meinem Erleben damals nichts zu tun.

  6. Klaus |  18.11.2009 | 17:04 | permalink  

    “vor allem dem West-Fernsehen zu danken, das mit seinen Nachrichten, aber auch mit seinen Reklame…”
    Ach, war es denn nicht so?
    …und als die ahnungsfreien Ostler irgendwann begriffen, dass die schöne Reklame aus dem Westen nur Lüge war (und ist), da war’s zu spät.
    Ob das für die Westfernsehmacher wirklich so positiv ist, dass man damit angeben sollte, tja, das ist die Frage; die man je nach Standpunkt so oder so beantworten kann.

  7. Gernot Klein |  18.11.2009 | 23:43 | permalink  

    Schaut ihr doch mal, wer heute meistens Fernsehen ankuckt! Das Massenpublikum sind die einzig groessten Konsumenten des Weltmarktanteils, also lasst nur die Medien sich ruhig weiter auf die Schulter klopfen, sowas haben sie verdient, denn ihnen ist es schon gelungen, ihre Zielgruppe vollzutreffen!

    Und wir alle sind deren Zielscheibe. LOL

    -:)

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