Ulrike Langer

Welt Online: Verlegerkritische Passagen fehlen in Jeff Jarvis-Übersetzung

Ulrike Langer | 7 Kommentar(e)

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Im Nachgang zu seiner Keynote auf den Medientagen in München schrieb Jeff Jarvis einen Gastbeitrag für Welt Online. Bei der Übersetzung kam es entscheidenden Kürzungen: Kritik an Verlegern und “Hamburger Erklärung” fehlen.

14.11.2009 | 


Jeff Jarvis hat als Nachbetrachtung zur seiner Keynote auf den Münchner Medientagen einen Beitrag über sein Dauerthema Linkökonomie für Die Welt Welt Online / Welt Kompakt geschrieben. Auf Englisch, was Die Welt Welt Online / Welt Kompakt (nachfolgend der besseren Lesbarkeit halber Die Welt genannt) dann ins Deutsche übersetzt hat. Nur die Bedeutung seiner Worte ging an manchen Stellen ein wenig verloren. Sie lässt sich allerdings rekonstruieren, denn Jarvis hat seinen Originaltext auch auf sein Blog gestellt.

Bei Jarvis heißt es:

I have been impressed with the innovation and openness to change I have seen in German media: Axel Springer shifted a large proportion of its revenue to digital; Bild equipped Germans with video cameras to report news; Burda invested in the networks Glam.com and Science Blogs; Holtzbrinck innovated in its incubator; WAZ created a world pioneer in DerWesten.

Die Welt macht daraus:

Ich war beeindruckt, welche Innovation und Offenheit für Veränderungen ich in der deutschen Medienbranche gesehen habe.

Ohne Verlagsbeispiele. Erstaunlich eigentlich, wird doch auch Springer lobend erwähnt. Vielleicht aber doch nicht so erstaunlich, denn so bezieht sich dann in der deutschen Version auch der nächste Satz mit der Kritik nicht unbedingt auf Springer:

Als aber in der Finanzkrise die Zeiten härter wurden, sah ich die deutschen Medien plötzlich nach einem Feind suchen, um ihn für ihre Probleme verantwortlich zu machen.

Aber wer in Deutschland sucht nach Sündenböcken für verlegerisches Versagen? Jarvis nennt Namen und Institutionen:

The head of the Deutscher Journalisten-Verband called for legislation to condemn Google as a monopoly, an enemy of the press. Dr. Hubert Burda, a digital visionary I greatly admire, urged that copyright law should be expanded to protect publishers, whom he said deserve a share of search engines’ revenue. Chancellor Merkel is considering such changes in copyright. A group of publishers issued the Hamburg Declaration saying that all online content need not be free (though that has always been completely in their control).

Am geplanten Leistungsschutzrecht, von Springer und Burda maßgeblich propagiert und von Kanzlerin Merkel befürwortet, will man sich von Herrn Jarvis dann wohl doch lieber nicht herummäkeln lassen.

Jarvis schreibt:

Today, in America, we see hyperlocal bloggers earning $100-200,000 a year in advertising; these are real businesses.

Daraus macht Die Welt:

Heute sehen wir in den USA überörtliche Blogger, die 100.000 bis 200.000 Dollar im Jahr durch Werbung verdienen.

“Hyperlocal bloggers” sind Blogger, die über einzelne Stadteile oder einzelne Straßen schreiben – über Gebiete, die Tageszeitungen zu kleinteilig und unwirtschaftlich erscheinen, um sie zu beackern. Das ist das Gegenteil von “überörtlichen” Bloggern. Das wird aber wohl ein unbeabsichtigter Übersetzungsfehler sein.

Dass in der “Welt” Fassung auch Jarvis Lob für das Burda-Netzwerk Glam nicht erwähnt wird – geschenkt.

Komplett unwichtig erschien in der Übersetzung wohl auch Jarvis Schlussfolgerung mit der Handlungsauffordung, denn die ist unter den Tisch gefallen:

Publishers will not get to that bright future by urging government to protect them from innovators and competitors. No, if we want anything from government, it should be universal broadband to encourage society’s migration to a digital economy, and a lack of regulation to assure a level playing field for innovation.

I hope that once the desperation of the current economic crisis subsides, my German media friends will not try to retreat to their old models but will instead continue to invent new ways and to again become leaders in innovation. That is the only sensible path to survival and success.

So verläuft sich das an sich mutige Ansinnen, einen kritischen Text von Jeff Jarvis zu veröffentlichen, der mit seinen Haupthesen nicht auf Verlagslinie liegt, im Ungefähren: Mit Ihnen als Autor schmücken wir uns gerne, Mister Jarvis, aber nass machen lassen wir uns nicht.

Diesen Text hat Ulrike Langer zuerst in ihrem Blog Medial Digital veröffentlicht. Carta unterstützt sie ausdrücklich bei diesen kritischen Nachfragen.

Disclosure: Welt Online-Geschäftsführer Romanus Otte ist ebenfalls Carta-Autor.

Update:Frank Schmiechen, Chef von Welt Kompakt, hat den Text gegen 18 Uhr am Samstag im Blog von Ulrike Langer kommentiert:

Na, liebe Frau Langer, das ist aber eine hauchdünne Argumentation von Ihnen. Eine Übersetzungsunschärfe, zwei oder drei Stellen, die von uns redigiert wurden. Und damit wollen Sie den Anschein erwecken, dass hier ein Text von Jeff Jarvis “auf Linie getrimmt” ist. Sehr gewagt. Oder besser gesagt: grober Unsinn. An der Aussage des Textes hat sich durch unsere Kürzungen nichts, aber auch gar nichts geändert. Die Hauptthese von Jarvis natürlich auch nicht. Ach und übrigens: Der Text ist in WELT KOMPAKT und auf WELT ONLINE erschienen. Nicht in der WELT.

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7 Kommentare

  1. Hugo E. Martin |  14.11.2009 | 22:31 | permalink  

    Ich nehme mal an, da hat jemand bei Welt Kompakt / Welt Online Jeff’s “op-ed” mit “frei editierbarer Text” übersetzt, oder?

  2. Ulrike Langer |  15.11.2009 | 09:30 | permalink  

    Jeff Jarvis hat sich jetzt selbst dazu geäußert. Tenor: Man habe ihm vorher gesagt, Kürzungen seien wahrscheinlich, aber er habe nicht gewusst, was und wo herausgekürzt wurde. Er freut sich, dass Welt Online / Welt Kompakt seinen Beitrag veröffentlicht hat, denn vorher lag das Thema wochenlang bei einer Redaktion eines anderen Verlags, bis es hieß, jetzt könne man das nicht mehr veröffentlichen.
    Sein Kommentar im Wortlaut:
    http://medialdigital.de/2009/11/13/was-jeff-jarvis-schreibt-und-was-die-welt-daraus-macht/

  3. Klaus Jarchow |  15.11.2009 | 10:12 | permalink  

    An der Aussage des Textes hätte sich “nichts, aber auch gar nichts geändert”? Klar, Herr Schmiechen – Sie haben ja nur ‘Ross und Reiter’ hinwegeskamotiert.

  4. hendrix |  15.11.2009 | 17:12 | permalink  

    Wenn es noch einer Begründung bedurft hätte, warum man für Welt Online als Nutzer einfach kein Geld ausgeben möchte. Hier ist sie.´

    danke.

  5. Wittkewitz |  15.11.2009 | 22:38 | permalink  

    Ich finde, der Herr Schmieke vom Hüpfer-Verlag hat zu diesem Vorkommnis der Zeitung Globus in jeder Hinsicht eine zulängliche Einlassung gemacht, die in ihrer Form überaus annehmbar im Einklang steht mit der hoheitlichen Aufgabe des Journalismus:

    Dem Zubereiten aller Fakten auf die Art, dass die erwünschten Leserschaften einen guten Zugang zu den essenziellen Fakten erhalten, sodass eine demokratisch und politisch erwünschte und verfassungsmäßig geschützte Willensbildung geschehen kann.

    Oder um es mit den Worten seines Chefs Herrn Döpperft zu sagen, die Thematik Eros-Thanatos wurde an keiner Stelle verkürzt oder verfälscht.

  6. vera |  16.11.2009 | 08:37 | permalink  

    wer ihn sonst liest oder ihm auf twitter folgt, weiß eh, was er dazu meint, daran ändern auch die welt-kürzungen nichts. die ‘welt’, also bitte!

  7. Welt Online manipuliert Jeff Jarvis : Burks' Blog |  16.11.2009 | 11:50 | permalink  

    [...] Carta: “Im Nachgang zu seiner Keynote auf den Medientagen in München schrieb Jeff Jarvis einen Gastbeitrag für Welt Online. Bei der Übersetzung kam es entscheidenden Kürzungen: Kritik an Verlegern und ‘Hamburger Erklärung‘ fehlen. (…) So verläuft sich das an sich mutige Ansinnen, einen kritischen Text von Jeff Jarvis zu veröffentlichen, der mit seinen Haupthesen nicht auf Verlagslinie liegt, im Ungefähren: Mit Ihnen als Autor schmücken wir uns gerne, Mister Jarvis, aber nass machen lassen wir uns nicht.” [...]

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