Bodo Hombach | 20 Kommentar(e)
WAZ-Geschäftsführer Bodo Hombach über asymmetrische Medienkriege, die zerfallende Massengesellschaft, die “splendid isolation” der Öffentlich-Rechtlichen und die “sozialpsychische Demenz” der Internet-Egozentriker.
02.11.2009 |
In den letzten Jahren ließen Unternehmensberater nur ein Mantra gelten: Reduktion auf das Kerngeschäft. Dieses Motto musste jeder beten, der als professionell gelten wollte. Nun galt plötzlich auf den Münchner Medientagen das Motto „Diversify or Die? Die Transformation der Medien“. Eine wunderbare Provokation: hier meine grundsätzlichen Erfahrungen, Thesen, Reflexionen zu dem Thema.
Es war einmal… So beginnen Geschichten von Medienunternehmen, die sich einst auf ein Kerngeschäft konzentrierten, das sie traditionell betrieben und für das sie sich kompetent und zuständig hielten. Damals gab es nur wenige Verteilungswege. Die Herstellung der Produkte war teuer und setzte einen großen Apparat voraus. Man grenzte sich von den Konkurrenten ab und versuchte, seinen Marktanteil zu erweitern. Man hatte seine Klientel, seine „Gemeinde“. Abonnenten und Inserenten, Hörer und Seher boten eine verlässliche Basis. Man war überzeugt, in alle Zukunft würde es so weitergehen.
Ging es aber nicht. Technische Innovationen vervielfältigten und beschleunigten die Verteilungswege. Die dazu nötigen Geräte wurden billiger, flexibler und ständig besser. Kleine Produktionseinheiten mit schlanker Organisation, großer Effizienz und ohne lähmende Selbstzweifel verbilligten die Herstellung der Produkte. Heute reagieren Medien überall und fast gleichzeitig mit den Ereignissen. Die medialen Supermächte, die eben noch glaubten, die Welt gehöre ihnen, sahen sich plötzlich von kleinen und flinken Konkurrenten geplagt. Wir haben gelernt, was asymmetrische Kriege sind. Man kann ebenso gut vom asymmetrischen Kampf um die Claims und Ressourcen der Medienlandschaft sprechen.
Die frühere Formel „Mehr Anbieter = mehr Konsum“ funktioniert auch nicht mehr. In den 1990er Jahren wuchs das tägliche Zeitbudget der Mediennutzer noch durch die explosive Ausweitung der sogenannten Neuen Medien. Inzwischen stagniert dieses Wachstum und wird sich durch zusätzliche Informations- und Unterhaltungsangebote in der Summe nicht mehr wesentlich vergrößern. Es könnte durch Übersättigung und Überdruss sogar wieder schrumpfen. Die Lebenszeit des Einzelnen ist das nicht beliebig verlängerbare Gut. Der DVD-Recorder daheim hat auch den Sinn, die aufgezeichneten Filme dann nicht mehr sehen zu müssen. Das bedeutet:
Ein begrenztes Areal, um das eine wachsende Anzahl von Anbietern konkurriert und das man nicht durch Verdrängung besetzen kann, wird immer kleinteiliger parzelliert. Wer in diesem unübersichtlichen Markt als Anbieter nur auf eine Karte setzt, kann vielleicht ein Alleinstellungsmerkmal entwickeln und in seiner Nische überleben, er kann das Spiel aber auch sehr schnell verlieren. Großbetriebe dürfen dieses Risiko der „einen Karte“ nicht eingehen. Sie müssen sich verändern. Sie werden zum medialen „Shopping-Center“. Sie bieten ein Dach und geeignete Facilities, um Vielfalt zu erzeugen, diese vorzuhalten und hohe Standards zu sichern. Die Parole heißt: diversifizieren oder untergehen.
An erster Stelle steht heute der „Content“. Dann erst fragt man sich, in welchem Medium und auf welchen Kanälen man sich seiner bedient.
Die großen Corporations etwa der Filmwirtschaft Hollywoods sind heute nur noch Teil diversifizierter Konglomerate aus Sendern, Kabel- oder Satellit-Fernsehen, Zeitungen, Zeitschriften, Buchverlagen bis hin zu eigenen Ladenketten, in denen die Fernsehlieblinge als Plüschtier, T-Shirt oder CD / DVD verkauft werden. Diese Konzerne verteilen ihre Produkte durch ungezählte Kanäle. Der Kinofilm, der früher nur die Lichtspieltempel mit großer Reklameleinwand, Lauflicht und rotem Samtvorhang bespielte, tummelt sich heute viel häufiger im Heimkino mit Groß-Bildschirm oder Beamer, Video-on-Demand im Computer oder in iPod oder Handy. Das noch junge E-Book wird das alte Buchmedium radikal verändern. Man wird seine gesamte Bibliothek vom Großen Brockhaus bis zum neuesten Mankell-Krimi, von der Morgenzeitung bis zur Fachzeitschrift an der Bushaltestelle bei sich haben.
Die Diversifizierung von Geschäftsmodell und Angebot eines Medienunternehmens beansprucht in der Startphase beträchtliche Ressourcen, und es braucht seine Zeit bis das nun komplexere Gebilde rundläuft und seine Vorzüge erweist. Andererseits gibt es mögliche Synergieeffekte durch die partielle Vernetzung mit schon bestehenden Geschäftseinheiten. Gewinnbringende Massenprodukte können defizitäre, aber wichtige und imagefördernde „Sonderanfertigungen“ stützen und ermöglichen. Auch der Kampf der Systeme schadet allen Beteiligten. Der öffentlich-rechtliche Sektor hat inzwischen auch gelernt, dass man sich mit „splendid isolation“ nur die eigenen Hände bindet.
Im Zuge der Globalisierung werden sich große Medienunternehmen bemühen, auch im Ausland für ihre Produkte neue Absatzmärkte zu erobern. Das kann nur durch Diversifizierung gelingen. Inhalt, Form und Dramaturgie der Medien müssen sich den kulturellen Eigenheiten der Länder anpassen, wenn sie Erfolg haben wollen. Es gibt die Geschichte von dem portugiesischen Missionar, der in Indien die christliche Botschaft verbreiten wollte. Als ihm niemand zuhörte, lernte er indischen Kathakali-Tanz, gründete eine eigene Tanzgruppe und erzählte die biblischen Geschichten in dieser traditionellen Form. Bald konnte er damit ganze Stadien füllen. Investitionen im Ausland haben oft eine sehr durstige Anlaufstrecke, können sich dann aber auch bei wachsender Erfahrung und Kostenkontrolle rasch amortisieren.
Seit der Jahrtausendwende durchläuft der Medienmarkt eine Phase ökonomischer und technologischer Ungewissheit. Die Firmen begreifen, dass sie sich nicht mehr blind auf die Werbewirtschaft verlassen können und neue Umsatzmöglichkeiten in zukunftssicheren Mediensystemen suchen müssen. Es liegt auf der Hand, dass sich der Trend zu immer größeren Konglomeraten fortsetzen wird und im internationalen Wettbewerb die flexiblen, dynamischen und multifocal aufgestellten Mitspieler zu den Gewinnern gehören.
Ein neues Zeitalter hat mit dem Internet begonnen. Es bedeutet einen zivilisatorischen Paradigmenwechsel, vergleichbar mit der Erfindung des Buchdrucks. Die permanente Verfügbarkeit, die Unfähigkeit zu vergessen, die Auflösung nahezu aller klassischen Privatheit, die Omnipräsenz der gesamten Skala von Geist und Ungeist, von Geschmack und Geschmacklosigkeit, von nützlicher Entfaltung und krimineller Bedrohung, die Zusammenführung aller Medien zu einem Null-Medium, das sich zeit- und raumgleich mit der Wirklichkeit verhält, das alles sind Faktoren, die das individuelle und kollektive Verhalten auf lange Sicht tiefgreifend verändern werden.
Wir stehen noch am Anfang, aber schon bläst uns ein Sturm um die Ohren, der alles Gestrige alt erscheinen lässt. Dieses neue Gesamtmedium ist nicht nur Transportmittel und Abbild der vorhandenen Realität, es schafft sich seine eigene. Es bedient nicht nur das vorhandene Publikum, sondern bildet sich sein eigenes. In diesem neuen Rahmen sind mediale Monokulturen nicht mehr vorstellbar. Der einzelne Anbieter mag sich noch spezialisieren. Millionen Anbieter in einem einzigen Medium sind jedoch die totale Diversifizierung, mit nicht nur positiven Folgen für den einzelnen Nutzer.
Ob diese Entwicklung unter dem Strich gut oder schlecht ist, kann vorerst niemand entscheiden. Sie kann das grenzenlose Selbstgespräch der Menschheitsfamilie fördern und in eine globale Bürgergesellschaft münden: die erste Utopie, die plötzlich nicht mehr an technischen Hindernissen scheitern muss. Sie kann aber auch das Horrorbild einer zerfallenen Massengesellschaft erzeugen, in der ein paar zynische Drahtzieher die „Heringsschwärme“ hin- und hertreiben. Noch ist nicht entschieden, ob die Gesellschaft der Zukunft (ich meine einer lebenswerten Zukunft) eine Wertegemeinschaft oder eine Ver-werte-Gemeinschaft ist.
Jeder hat nun die technische Möglichkeit, sich sein persönliches Medienmüsli zusammenzustellen und dann alles auszublenden, was diesem Profil nicht entspricht. Das bedeutet kulturelle Verarmung („Selbstverwirklichung ist das Lebensziel von Idioten.“ Bazon Brock). Sie verhindert eine der wichtigsten Entwicklungschancen des Individuums, nämlich zu finden, was man gar nicht gesucht hat. Nur durch Widerstand und Reibung kann man sich bilden und seinen Horizont erweitern. Nur affektive Unruhe wie Neugier, Staunen und Empörung kann die Lebensgeister wecken, das Langzeitgedächtnis erreichen und die Urteilsfähigkeit trainieren. Das Schlaraffenland ist der Traum humanoider Krüppel. Es erstickt den Appetit.
Die technische Konvergenz der Medien (ein Gerät für alle und alles) beraubt uns des „haptischen“ Methodenwechsels, ein Prozess, der mit der Erfindung der Fernbedienung begonnen hat. Das Lesen der raschelnden Zeitung am Frühstückstisch oder bei Windstärke 6 auf der Parkbank unterscheidet sich „körperlich“ vom Lesen der gleichen Meldungen auf der Couch vor dem Fernseher oder auf dem Computerbildschirm. Methodenvielfalt beansprucht (und trainiert) ganz verschiedene Sinneskanäle. Wenn alles nur noch über den Bildschirm kommt, atrophieren andere Wahrnehmungsfertigkeiten. Es verschwindet quasi das „räumliche Sehen“, also das leicht verzögerte und im Blickwinkel verschobene Eintreffen der Signale und behindert so ein facettenreiches und zutreffendes Bild der Realität.
„Wer nach allen Seiten offen ist, ist nicht ganz dicht“, sagt der Volksmund, und so ist die vollzogene Diversifizität der individuellen Lebensgestaltung durch Medienkonsum möglicherweise nicht das Ziel einer sinnvollen Entwicklung, sondern eher ein Krankheitsbild. Ein Mensch, der sich in seinem eigenen Verhalten dem Zustand der totalen Vielfalt nähert, ist nicht nur im Taumelflug seiner rasch wechselnden Interessen (Faust: „So taum’l ich von Begierde zu Genuss, und im Genuss verschmacht’ ich nach Begierde.“), er leidet unter sozialpsychischer Demenz. Da er sie nicht mehr erwerben muss, besitzt er am Ende keinerlei Kriterien oder Kategorien, um noch selbstbestimmte Urteile und Entscheidungen zu treffen.
Auch das schöne neue Medienzeitalter bedarf also einer Medienethik. Auf dass der Nutzen den möglichen Schaden überwiege: Aufklärung, Emanzipation, demokratische Kontrolle der Macht, Kompetenz und Mitwirkung.Jeder wirkliche Fortschritt der menschlichen Zivilisation war ein Akt der Diversifizierung. So z. B. die Erfindung der Gewaltenteilung durch die Alten Griechen. Erst die Zerlegung der Macht in diverse Kräfte, die einander benötigten, aber zugleich auch kontrollierten, machte aus einer dauernden Gefahr (Diktatur und Bürgerkrieg) ein intelligentes und gedeihliches Spiel. Auch die Demokratie diversifiziert die Macht- und Interessenblöcke zum Wohle der Bürger.
Und ist nicht die gegenwärtige Finanzkatastrophe auch das Ergebnis mangelnder Diversifizierung, z. B. durch das Vermengen von Geschäfts- und Investitionsbanken? Ein lebendiger Markt ist gelebte Diversifizierung. Interessanterweise ist er besonders den Wirtschaftsvertretern zuwider, die ihn in jeder Talkshow vehement fordern. Sonst würden sie nicht ständig versuchen, durch Preisabsprachen und Fusionen die Diversifizierung des Marktes und seiner Kräfte auszuhebeln.
Diversifizierung bedeutet nicht nur den Umbau des Geschäftsmodells und der Organisationsstrukturen. In den USA bedeutet Diversifizieren z. B. auch, in den Massenmedien die ethnische Vielfalt des Landes zu spiegeln. Während die Weißen in vielen Staaten inzwischen in der Minderheit sind, dominieren sie noch immer die allermeisten Schlüsselstellen in den großen Networks. Die Gruppe der Amerikaner ohne europäische Abstammung wird immer größer, und nachdem nun erwiesen ist, dass man diese Eigenschaft gar nicht mehr braucht, um Präsident zu werden, könnten farbige Journalisten mit ihren Sozialerfahrungen das Selbstbildnis Amerikas in den Medien wohltuend erweitern. Kleine Kinder greifen hinter den Spiegel, wenn sie sich darin sehen. Wir sollten nie verlernen, hinter die Spiegel zu greifen.
Auch eine egozentrierte Wahrnehmung der übrigen Welt ist im globalen Zeitalter kontraproduktiv. Sie war es im Grunde schon immer, wie wir aus der eurozentrierten Katastrophe des Kolonialismus wissen. Wenn z. B. heute noch amerikanische GIs von der Existenz mancher Länder erst im Augenblick ihres Marschbefehls zu Militäreinsätzen erfahren, ist ihr nachhaltiger Erfolg schon aus diesem Grunde fraglich. Noch dramatischer wirkt sich die mediale „Monokultur“ in Konfliktherden aus wie Palästina / Israel, Indien / Pakistan oder – fast flächendeckend – in Afrika. Hier ist die Diversifizierung des Tunnelblicks auf den propagierten Gegner die elementare Voraussetzung für jede Art von Fortschritt, und es ist klar, dass die Medien dabei eine Schlüsselrolle haben.
Wer sich Diversifizierung auf die Fahne schreibt, und damit nicht nur den vordergründigen Wandel einer Organisationsstruktur meinen will, kann seine Haltung sogar philosophisch begründen. Seit Beginn der Neuzeit dämmert uns: Wer nichts weiß, muss hinsehen. Wir und unsere Welt sind aus Stücken zusammengesetzt, von denen jedes jederzeit sein eigenes Spiel treibt. Daraus ergibt sich ein produktiver „Wille zur Ohnmacht“ (Michel de Montaigne), eine weitgespannte und sensible Offenheit für das Fremde und Unvorhersehbare. Wie ein guter Prediger hat sie gelernt, mit den Problemen nicht fertig zu werden. Sie versucht, die Signale der Wirklichkeit zu entziffern, und drückt ihr nicht ihre Herrschaft auf. Das gelingt aber nur durch einen sozialen „Scanner“ mit hoher Auflösung, und genau das sind diversifizierte Medien.
Diesen Text hat Bodo Hombach ursprünglich für einen Auftritt auf den Münchner Medientagen verfasst, den er kurzfristig absagen musste. Das medienpolitische Magazin Promedia hat den Text nun veröffentlicht. Wir übernehmen ihn mit freundlicher Genehmigung von Autor und Magazin als Carta-Gastbeitrag. Ein kostenfreies Probeabonnement von Promedia kann man hier bestellen.


Ich bin also ein “Hering” und die Medien sind die “Netze” im Informationsmeer – na fein! Was aber wäre, wenn die große massenmediale Verweigerung eine Reaktion gerade auf die fehlende Diversifizierung der Medien wäre? “40 Channels – and it’s nuthin’ on” (Bruce Springsteen). Die Medien boten jahrelang nur ein immergleiches ‘zielgruppenoptimiertes Informationsbild’ aus den selbstgewissen konsumistisch fixierten Marketing-Etagen, überkleckert mit der immergleichen Konsens- und Ideologiesoße in immer der gleichen genormten Sprache, bis diesen Fraß verständlicherweise niemand mehr löffeln mochte. Die Medien sind seit ungefähr den 80er Jahren ununterscheidbar geworden (längst auch die Öff.-Rechtlichen), onwohl erst “der Unterschied doch den Unterschied macht’ (Bateson) beim Interesse und bei der Wahrnehmung. Wenn es plötzlich – bedingt durch die technologische Revolution – so viel frei verfügbare Information gibt, warum sollte ich dann einem langweiligen Massenmedium meine knappe Zeit schenken – und nicht lieber etwas Interessantes ‘offroad’ rezipieren? Wer das Internet nicht als allergische Reaktion vormaliger Rezipienten begreift, die aus Verzweiflung selbst zu Sendern wurden, der hat das Phänomen im Kern nicht verstanden – und er fährt dann eben weiter Auto-Scooter in dunkler Nacht.
@ Chat Atkins: “Die Medien sind seit ungefähr den 80er Jahren ununterscheidbar geworden” merke ich mir. Sehr hübsch…
Viele zukunftträchtige Themen intelligent zusammengefasst. Diversifizierung, Medien-Müsli, E-Book, Medien-Ethik 2.0… Fantastisch geschrieben.
humanoide Krüppel, sozialpsychische Demenz: Dieses Angstbild ist als zivilisationskritischer Topos einfach nicht totzukriegen. Schon old Nietzsche zog bittere Genugtuung daraus, dass wir alle als nagetierartige “letzte Menschen” enden werden, die verkümmert und schlaff unserer Bedürfnisbefriedigung hinterherzappeln…
Zu den Details:
- Medienmüsli: “Zu finden, was man gar nicht gesucht hat”, ist eine Erfahrung, die ich mit Twitter, RSS und YouTube verbinde, aber definitiv nicht mit der WAZ.
- Finanzkrise als Folge mangelnder Diversifikation: Mortgage-backed securities sind nichts anderes als bis zum Exzess getriebene Diversifikation.
Wobei mir sowieso nicht klar wird, worauf er mit seiner Diversifikation rauswill. Dass es ein paar diverse Medienkonzerne geben muss, im Unterschied zum bunten Zuckerbrei des UGC? Oder was?
Aber schön geschrieben, und sogar ein Montaigne-Zitat hat er untergebracht. Hätte bestimmt viel Applaus gegeben auf den Medientagen…
@ Daniel: “Fantastisch geschrieben” -Den Text hat er im Urlaub geschrieben… Insgesamt hätte ich mir (wie Maximilian) deutlich mehr kritische Distanz gewünscht: Warum müssen eigentlich alle großen Medienmanager hierzulande der Massengesellschaft nachhängen?
@Maximilian Steinbeis: “aber definitiv nicht mit der WAZ.” –> ganz genau.
rml
Nur ein Punkt, der mich hier am meisten schmerzt: Der Begriff “Diversifikation” wird hier leider vollkommen falsch und irreführend genutzt. Herr Hombach schreibt: “Und ist nicht die gegenwärtige Finanzkatastrophe auch das Ergebnis mangelnder Diversifizierung, z. B. durch das Vermengen von Geschäfts- und Investitionsbanken?” Wie bitte???? Die so schön beobachtete Vermengung HEISST Diversifikation!!! Genauer gesagt horizontale Diversifikation. Hier war ZU VIEL Diversifikation die Mutter des Übels!
Und überhaupt: Warum sollte ein Zeitungsverlag jetzt möglichst auch andere anderen Mediengattungen als “mediales Shopping-Center” abdecken müssen? Ist hier “laterale Diversifikation” gemeint, also der Aufbau verschiedener Geschäftsbereiche, die weder bei der Produktion noch bei der Vermarktung etwas miteinander zu tun haben?
Das angeführte Beispiel der Filmindustrie deckt ziemlich exakt die Wertschöpfungskette entlang des Lebenszyklusses eines Films ab. Die Filmindustrie praktiziert also de facto vertikale Diversifikation. Vielleicht meint Herr Hombach ja auch vertikale Diversifikation – allerdings frage ich mich ernsthaft, was das Pendant bei Zeitungen sein könnte. Der Lebenszyklus einer Tageszeitung beschränkt sich leider zumeist auf einen einzigen Tag…
Bei der “Diversifizierung des Tunnelblicks” habe ich dann leider den intellektuellen Zugang zu den wie immer nicht ganz einfach formulierten Ausführungen von Herrn Hombach verloren…
Wir müssen diversifizieren. Wir müssen Quantität in hoher Qualität vorhalten, dabei Highlights nicht vergessend. Wir müssen Content für’s eBook erstellen. Wir müssen global spielen. Wir müssen dieses Internet erobern. Nur, Herr Hombach, wird das mit Diversifizierung unter den Erfahrungswerten von vorgestern nicht klappen.
Die ‘gesamten Skala von Geist und Ungeist’ gab es immer, sie wird nur erst jetzt ‘zeit- und raumgleich’ sichtbar. Und der Sturm bläst auch schon länger, nur geruhen die Vertreter der klassischen Medien diesen erst jetzt zur Kenntnis zu nehmen. Und darauf mit der lautstarken Forderung nach einem Leistungsschutzrecht zu reagieren, das der Vorbote der Unfreiheit des Wortes wäre (vulgo: Wie säge ich den Ast, auf dem ich sitze, möglichst nachhaltig ab?). Die Werte sind in diesem Internet durchaus vorhanden, wenn man sie denn finden möchte; gerade die Ast-Absäger sind es doch, die einer Ver-werte-Gesellschaft das Wort reden.
Ich widerstehe und reibe mich lieber an den Möglichkeiten einer unendlichen Vielfalt als an den Stereotypen und Phrasen in den Holzmedien und im Fernsehen. Die ehemalige Vierte Gewalt hat sich selbst abgewirtschaftet. Was noch in den 70/80er Jahren Vielfalt versprach (und oft auch hielt), ist in Wahrheit zu einem Meinungs-Müsli mit den ewig gleichen Zutaten verkommen. Hofberichterstattung hat investigativen Journalismus fast völlig ersetzt, der Journalist geht lieber sein Bierchen mit dem Abgeordneten trinken, als eine spannende Reportage bspw. darüber zu schreiben, wie es ist, drei Monate unter Hartz IV zu leben, und im Fernsehen reiten ehemals Hintergründe aufhellende Magazine wie Monitor oder Report jahraus, jahrein auf denselben drei Themen herum, unterscheidbar nur noch durch einen von einem ‘Moderator’ vermittelten Blickwinkel 2″ rechts bzw. links von der ‘Mitte’. Waren das Zeiten, als sich die Geister noch an Merseburger, Löwenthal und Castorff schieden!
Nee, Herr Hombach. Wie sagt Tucholsky? Meinen kleinen Bedarf schreib’ ich mir lieber selbst.
@ Maximilian Steinbeis: Vor allem – WER hätte denn dann diese krokodilstränenreich beklagten ‘humanoiden Krüppel’ und die ‘sozialpsychische Demenz’ erzeugt? Das kann ja wohl kaum schon die Folge des Internets sein. Das müsste dann doch wohl an der jahrelangen Berieselung durch bonschefarbene Blinky-Blinky-Medien und durch mittig gefönte Laber-Rhabarber-Blättchen liegen. Glücklicherweise ist der Medienkonsument schlauer, als sich das ein Marketing-Mensch hinter seinen Nielsen-Charts träumen lässt – der Konsument hält sich Nase und Ohren zu und rennt ihm davon …
… meint jedenfalls Chat ‘Hering’ Atkins ;-)
[...] ist daraus eine brauchbare kleine kulturphilosophische Reflexion geworden, die ihr unter dem Titel “Medienethik: Der Taumelflug der totalen Vielfalt” als Gastessay bei “Carta” (nebst Kommentaren) findet – lohnt sich, auch wenn man [...]
Sehr geehter Bodo Hombach
Sie sagen:
“Das Lesen der raschelnden Zeitung am Frühstückstisch oder bei Windstärke 6 auf der Parkbank unterscheidet sich „körperlich“ vom Lesen der gleichen Meldungen auf der Couch vor dem Fernseher oder auf dem Computerbildschirm.”
Ach ja!Tragbare Rechner gibt es in Ihrer Welt also nicht.
Und was das rascheln ihrer Zeitung bei Windstärke 6 angeht, nun das ist Uns egal!
Was Uns interessiert sind die raschelnden kanadischen\globalen Wälder die für Ihre Zeitung gerodet werden.
Die Ökobilanz einer Tageszeitung sollten Sie mal ganz Großen auf Seite 1 bringen!(Stichwort:Desertifikation)
Sie sagen:
“Kleine Kinder greifen hinter den Spiegel, wenn sie sich darin sehen. Wir sollten nie verlernen, hinter die Spiegel zu greifen”
Und Wir sagen ihnen:
“Nimmt das Kleine Kinder das Spiegelbild als sein eigenes wahr, fasst es sich an die Nase.
Ist es noch nicht so weit, wird es vermutlich auf den Spiegel zeigen oder hinter den Spiegel greifen.”
MfG
Roboter sind keine “Scanner”
Einen recht erstaunlichen Artikel schrieb vor ein paar Tagen Michael Wolff
(USA) im newser. Ein Artikel der vielleicht den medienkritisch Gestimmten
zusagen wird, wirklich frischen Wind bedeutet im Vergleich zu Hombach:
Why the media is taking so long to die
http://www.newser.com/off-the-grid/post/322/why-the-media-is-taking-so-long-to-die.html
Der Nächste, der Leitmedien (Precht) oder Synergieeffekt (Homach) sagt, muss Dantes Inferno in 18 Sprachen am Stück auswendig aufsagen, um wieder von selbst denkenden Menschen ernst genommen zu werden.
Es scheint ein besonderes Privileg zu sein, keine Keynotes halten zu müssen. Macht Erfolg dumm oder Dummheit Erfolg?
“Jeder hat nun die technische Möglichkeit, sich sein persönliches Medienmüsli zusammenzustellen.” – Wie wahr, wie wahr!
Nehmen wir doch nur das Medienmüsli, das die WAZ in Ihrer heutigen Ausgabe (2.11.) den Lesern aufgetischt hat. So sehen sie aus, die Müsli-Brocken, die im ersten Buch der Zeitung auf den überraschten Leser warten:
- Seite 1, “Ansturm auf Quelle”: Das Ende sei “ein in höchstem Maß bedauerliches Ereignis”,weil es nicht unabänderlich gewesen sei, sagte er der “Bild am Sonntag”
- Seite 2, “Ein Bärendienst”: Der ehemalige Vizepräsident Al Gore verspricht im “Spiegel”, das Obama….
- Seite 3, “Spiegel: Tönnies wollte Zeugen beeinflussen”: Tönnis soll versucht haben, einen Zeugen zu beeinflussen, berichtet der “Spiegel”. – Die Staatsanwaltschaft plant laut “Spiegel”, Tönnies und mehr als zehn Mitarbeiter…
- Seite 5, “MAN will Lastwagen in Russland bauen”: … wie der Vorstandsvorsitzende Hakan Samuelsson der “Süddeutschen Zeitung” sagte.
- Seite 6, “Koalition streitet über Gesundheit”: Bundesgesundheitsminister Rösler…. sagte der FDP-Politiker der “Bild am Sonntag”.
- Seite 6, “Henryk M. Broder will nicht kommen”: Ich bin weder größenwahnsinnig noch vergnügungssüchtig, schrieb er in einem Beitrag für den “Spiegel”. In dem Beitrag führt Broder aus…
- Seite 6, “Kritik am General”: Laut “Spiegel” enthält der als geheim eingestufte Untersuchungsbericht…
- Seite 6: “Schäuble: Bis 2013 keine Steuerreform”: Am Ende dieser Legislaturperiode werden wir weder einen ausgeglichenen Haushalt noch ein grundlegend neues Einkommenssteuersystem haben, sagte Schäuble dem “Handelsblatt”.
- Seite 6: “Platzeck fordert Versöhnung”: Zwei Jahrzehnte nach dem revolutionären Umbruch in der DDR müssen wir endlich anfangen, es mit dem überfälligen Prozess der Versöhnung wirklich ernst zu meinen, so Platzeck im “Spiegel”.
- Seite 6: “Große Mehrheit gegen muslimischen Feiertag”: 72 Prozent lehnten diesen Vorschlag in einer Umfrage ab, so der “Focus”.
- Seite 7: “Ex-Studenten erhalten Steuern zurück”: … noch eine Steuerstattung bis ins Jahr 2002 zurück erhalten, so der “WISO-SteuerBrief”.
- Seite 8: “Die gute Nachricht”: Wir rechnen mit einem Boom in China, sagte Grohe-Chef David Haines der “Welt am Sonntag”.
- Seite 8: “KlöCo will ab 2010 wieder wachsen”: 2009 müsse KlöCo aber zunächst mit einem Umsatzrückgang um die 40 Prozent rechnen, sagte Rühl der “Börsen-Zeitung”.
- Seite 8: “Thyssen-Krupp”: … will der Stahlkonzern laut “Spiegel” aus die Zahl der Kurzarbeiter…
So also definiert sich Qualitätszeitung oder Autorenzeitung? Macht uns die WAZ vor, was sich Hombach unter Diversifizierung vorstellt? Wohl nicht, es sei denn von einem besonderen Modell der Kosten-Diversifizierung.
Was da unter der Federführung von Chefredakteur Reitz zusammen- und abgeschrieben wird, steht eher für kulturelle Verarmung und zweifelhafte Medienethik. Aber Reitz macht nur das, was er bei der Abbestellung der dpa-Dienste angekündigt hat – er läßt seine Redaktion im Internet News “recherchieren”. Wer solche Quellen hat bzw. gewerblich nutzt, kann auf die teuren dpa-Dienste gut verzichten.
Und von der kulturellen Verarmung sagt Bodo Hombach in seinem Text oben: “Sie verhindert eine der wichtigsten Entwicklungschancen des Individuums, nämlich zu finden, was man gar nicht gesucht hat.”
Wie wahr, wie wahr!
Medienethik? Medienmoral! Ethik ist die Theorie. Moral ist die Praxis. Wo die Begriffe unklar sind, weil ein sinnentstellender Transport aus dem Englischen stattfindet, wo soll da auch sonst Klarheit in die Dinge kommen?
Die Medienlandschaft verliert sich in der nutzlosen Konkurrenz um Breite und Tempo, statt in Tiefe den Wettbewerb zu suchen.
[...] der WAZ Mediengruppe, hat sich gegen ein Leistungsschutzrecht für Verlage ausgesprochen. In seiner Rede für die Münchner Medientage sagte er: Ein lebendiger Markt ist gelebte Diversifizierung. Interessanterweise ist er besonders [...]
Bodo Hombach gegen Leistungsschutzrecht für Verlage: http://immateriblog.de/?p=1084
Hombach ist ein schönes Beispiel eines Trends zum Bonzentum in der SPD. Nicht nur, dass es ihm in seinem Text – politikertypisch – nicht groß und gewaltig genug sein kann – seine ganze Perspektive richtet sich auf die “big player” und er geht sogar so weit zu behaupten, dass es keine ernsthafte Alternative zum Immergrößerwerden in den Medienmärkten gebe.
Nunja. Das passt jedenfalls ganz hübsch zum Trend der Seeheimer Partei Deutschlands (SPD), Politik vor allem in Konzerninteresse zu betreiben, Verlagen merkwürdige neue Monopolrechte zu wünschen und bei Fragen zur Neuregelung des Urheberrechts fast ausschließlich die Interessen großer Rechteverwerter zu verfolgen.
Als potentieller Wähler benötige ich Hombach nicht. Er ist einfach nur ein Bonze – und meine Interessen vertritt er nicht. Gewiss nicht. Als Mensch mit Interesse an Medienfragen stelle ich zudem fest, dass er Dinge für modern hält (E-Bücher usw.), die schon seit über 10 Jahren nicht mehr sonderlich modern sind – und immer noch auf ihren groß angekündigten Durchbruch warten. Auch in anderen Fragen hinkt er der Zeit hinterher – an den wirklich spannenden Themen marschiert er zielsicher vorbei. Wesentliche Themen, die Probleme der Demokratie bzw. Ansprüche einer gut funktionierenden Demokratie an Medien und Medienmärkte beinhalten, vermisst man nicht nur in seinem Text, sondern insgesamt bei ihm deutlich.
Kurzum: Seine Perspektive ist nicht meine. Ich finde seinen Text langweilig und ziemlich nichtssagend, pardon. Da palavert er so herum, als ob er der große Versteher des Mediengeschehens sei – und dann schreibt er so ein fades, und zugleihc überhebliches Zeugs. Nee, Bonze Hombach: Du bist ein Technokrat, welcher seiner Zeit hinterher hinkt.
[...] Dienstag, 3. November 2009 | Autor: zoom WAZ Himself: Bodo Hombach – Das Mantra der Unternehmensberater … carta [...]
[...] http://carta.info/17461/bodo-hombach-diversifizieren-internet/ [...]
[...] “Jeder hat nun die technische Möglichkeit, sich sein persönliches Medienmüsli zusammenzustellen und dann alles auszublenden, was diesem Profil nicht entspricht.” http://www.carta.info [...]