Wolfgang Michal | 24 Kommentar(e)
Vor einigen Tagen hat Matthias Schwenk hier die Krise der kommerziellen Blogs geschildert und drei Gründe für ihre gegenwärtige Unterfinanzierung genannt. Das ist alles richtig. Aber spielt nicht auch die mediale Großwetterlage eine Rolle?
29.10.2009 |
Vermutlich führt die Bezeichnung „kommerzielle Blogs“ ein wenig in die Irre. Denn eigentlich geht es um Blogs, die ihren ganz normalen Herstellungsaufwand (Internetkosten, Bürokosten, Autorenhonorare) irgendwie finanzieren müssen, um Qualität bieten zu können. Von Gewinnen, die in neue Investitionen fließen könnten, ist da noch gar nicht die Rede.
Matthias Schwenk orientiert sich in seiner Kritik der „kommerziellen Blogs“ an der Meistgelesen-Liste des Blogbeobachters blogoscoop. Wer diese Liste betrachtet, kann nur den Kopf schütteln. Dort ist unter den 100 meistgelesenen „Blogs“ ein ziemliches Durcheinander versammelt: Schnäppchen-Portale (myDealZ, Schnäppchenfuchs), Very-Special-Interest-Blogs (MotorradNewsBlog, Dirks Computerecke, Blogberry), Fachblogs (Design-Tagebuch, netzwertig), ideologische Blogs (Deutschlandpolitik, FaktenFiktionen), pubertäre Juxseiten (chilloutzone, deine-mutter.de), Computerspielseiten (HomebrewWelt), sinnfreie Gemischtwarenläden (tutsi) – und dazwischen wenige Blogs, die einem journalistischen Anspruch folgen (Bildblog, Niggemeier, Carta).
All die Genannten nun über einen kommerziellen Leisten zu schlagen – das bringt nichts. Man müsste viel stärker differenzieren. So trifft die Eigenschaft “kommerziell” wohl nur auf wenige Blogs zu. Aber selbst das Wort “Blog” wird angesichts einer solchen Kraut-und-Rüben-Liste undefinierbar. Was hat der Schnäppchenfuchs mit Stefan Niggemeiers Medienblog zu tun? Was haben Blogberry und Bildblog gemeinsam?
Für das Häuflein der journalistisch motivierten Blogs nun eine Mindestzahl von einer Million (!) Page Impressions pro Monat vorzugeben (damit sie Werbung in nennenswertem Umfang akquirieren können), ist illusorisch. Eine solche Zahl ist im Netz – angesichts der immer noch gut besetzten deutschen Presselandschaft – kaum zu erreichen. Was auch Gründe hat, die nicht hausgemacht sind.
So erschwert die pauschale Verketzerung von Blogs in Journalisten- und Verlegerkreisen den journalistisch motivierten Blogs unnötig das Leben. Da kommt wenig Konstruktives. Da werden keine Brücken gebaut. Da gibt es keine ernsthafte Auseinandersetzung. Und Neugier sowieso nicht. Die blasierte Ablehnung vieler „Profis“ befördert stattdessen – auf der anderen Seite der Barrikade – eine ebenso schwer erträgliche Pauschal-Verhöhnung „der Journalisten“ durch Blogger und ihre aktivsten Kommentatoren. US-Kollegen haben es da tausend Mal leichter. Amerikanische Print-Journalisten sind flexibler und reagieren weniger dünkelhaft. Zudem gibt es eine ganze Reihe weitsichtiger Investoren, die – wie die HuffPost-Gründerin Arianna Huffington – über Unternehmungsgeist, Liberalität und langen Atem verfügen. Barrikaden zwischen Print und Blogs gibt es kaum.
So lange das Bloggen aber hierzulande als ‚unwerte’ Betätigung gilt, so lange das Genre Weblog in den Leitmedien verunglimpft und als drittklassig verhöhnt wird, können „unanständige“ Blogs keine „anständigen“ Werbeeinnahmen erzielen.
Wir drehen uns im Kreis. Aufgrund chronischer Unterfinanzierung können deutsche Blogger nur eingeschränkt arbeiten (was ihnen dann von den Festangestellten hämisch vorgeworfen wird). Die aktivsten Blog-Leser verharren in einer Anti-Medien-Haltung, was die Kluft weiter vertieft und die Leserschaft auf eingeschworene Gemeinden reduziert. Da Beiträge außerhalb eines engen Themenspektrums kaum Beachtung finden, konzentriert man sich auf das immer Gleiche. Die Blog-Falle schnappt zu. Man schmort im eigenen Saft. Gezielte Abwertung von außen und trotzige Gemeindebildung im Innern nehmen den Blogs die Luft zum Atmen. Wer möchte da inserieren?
Aus dem dreifachen Dilemma – Gezielte Abwertung, tendenzielle Selbstbezogenheit und Geldmangel – können sich die journalistischen Blogs nur Millimeter um Millimeter herausarbeiten, schwere Rückfälle inklusive. Aber laut Camus (und Jan Tißler) muss man sich Sisyphos ja als glücklichen Menschen vorstellen.


Auf das “Durcheinander” der Blogs auf blogoscoop möchte ich doch etwas eingehen. Die Gesamtansicht zeigt eben alle dort überhaupt registrierten Blogs in absteigender Folge, gemessen an den Page Impressions. Wer näher eingrenzen möchte, kann dies auf blogoscoop tun, es gibt individuell(er) konfigurierbare Rankings.
Immerhin zeigt die Liste aber sehr gut, welche Blogs bzw. Blogthemen gut laufen und welche weniger. Dass ausgerechnet “Promi-News” oder “Schnäppchen-Blogs” ganz oben stehen, muss nicht verwundern: Die Bildzeitung hat auch eine deutlich höhere Auflage als die FAZ.
Ansonsten stimme ich dem dreifachen Dilemma zu. Die Selbstbezogenheit ist dabei noch das größte Problem: Die Blogger (und ich schließe mich da ein) warten einfach zu passiv auf die Leser anstatt direkter auf ihr Publikum zuzugehen (und zwar offline, also im “richtigen” Leben).
[...] http://carta.info/17248/kommerzielle-blogs-und-qualitaet-wie-soll-das-gehen-eine-erwiderung/ a few seconds ago from Twhirl [...]
[...] [...]
Ich kann die Diskussion nicht so ganz nachvollziehen. So denke ich, dass in den letzten Monaten etliche internetspezifische Themen (Datenschutzprobleme, Abmahnaktionen) ihren Weg auch in die gedruckten “alten Medien” gefunden haben. Auch wenn die alten Medien eine Schmähung der Blog betreiben, kann das m.E. der Bloglandschaft eher zuträglich sein, da auch negative Werbung selbige ist.
Die Blogosphäre leidet meiner Meinung nach nicht an einem schlechten Image sondern an zu geringem Bekanntheitsgrad. Auch wenn der Einfluss und die Nutzung der Blogs gestiegen ist, kennen/nutzen doch immer noch recht wenige dieses Medium. Ich kenne zumindest in meinem Internetaffinen Bekanntenkreis nur wenige regelmäßige Blogleser.
Zudem ist es meiner Meinung nach nicht leicht, mit Nachrichten Geld zu verdienen und auch das Gründen einer neuen Printausgabe von irgendwas ist mit hohen Kosten und dem Risiko geringer Einnahmen verbunden.
Was fehlt, ist das Geld, soweit kann ich folgen. Doch das ist der dann der Teufelskreis, dass man dieses nicht aus dem Nichts ohne Infrastruktur einfach so verdienen könnte. Womit denn? Der Vorteil der etablierten Medien ist, dass sie die Infrastruktur haben: http://www.aerar.de/2009/10/wohin-des-bloggens
Wer Geld verdienen will, muss zuerst investieren und dann kann er gucken, ob er genug wieder einnimmt – nicht umgekehrt.
Das ist ja, was ich sage: Wer investiert schon in Dinge, die permanent schlecht geredet werden?
In Deutschland gibt’s keine Ariannas
So ganz hat mich der Artikel nicht überzeugt, denn er unterscheidet zwischen “journalistischen Anspruch” und allen anderen. “Aber selbst das Wort “Blog” wird angesichts einer solchen Kraut-und-Rüben-Liste undefinierbar.” finde ich in dem Zusammenhang schon abwertend, und somit sagt er schon fast das aus, was er selbst anprangert: “So erschwert die pauschale Verketzerung von Blogs in Journalisten-[...]kreisen den [...] Blogs unnötig das Leben.”
Natürlich sind das alles Blogs. Gerade weil alle in Qualität, Anspruch und Thema so unterschiedlich sind, sind es alles Blogs.
‘Tschuldigung, aber das musste ich loswerden.
@Harald: Jawohl! Ich sehe das ganz genau so. :-)
ach, was hab ich’s gut! ich schreibe mein kleines blog aus und mit purem vergnügen so vor mich hin, freue mich, wenn ab und zu jemand einen gescheiten kommentar hinterlässt, und finde doch insgesamt bestätigung darin. natürlich muss ich damit kein geld verdienen. die einzige geissel, die mich knechtet, ist mein desolater internetzugang, der oft stundenlang ausfällt, aber dafür lebe ich in einer herrlichen landschaft und nicht zwischen betonmauern. das können mir alle nörgelnden journalisten der welt nicht mies machen.
ich schaffe es nicht, all die anderen blogs zu lesen, die ich gerne läse. zu gern kommentiert man auch hier und dort, und die kultur gebietet, dass man später nachsieht, ob eine evtl. zu beantwortende replik dort wartet.
diese dinge bedeuten blogs für mich; dazu kommt ein ständig zunehmendes mass an vernetzung. vielleicht sind das dinge, die dem journalismus abhanden gekommen sind. ich erinnere mich an andere zeiten, und es will mir nicht in den kopf, dass journalistische qualität in klicks und rankings ihren ausdruck findet. es sei denn, die qualität ist zuerst da.
Veras Blog ist klar ein Blog. Aber was ist ein Schnäppchenfuchs? Oder myDeal?Natürlich muss man zwischen journalistisch motivierten Blogs und solchen, die z.B. PR sind, unterscheiden.
Das ist keine Abwertung, sondern nur der Versuch, nicht alles in einen Topf zu schmeißen. Niemand würde doch die Apothekenumschau, den New Yorker und eine Schachzeitschrift miteinander vergleichen bzw. – als Werbeträger – gleich behandeln.
@ Wolfgang: Stimmt, eigentlich kommen wir mit dem Begriff “kommerzielle Blogs” eigentlicht nicht weiter. Richtig wäre in diesem Zusammenhang wohl der Begriff “kommerzielle journalistische Blogs” oder “journalistische Blogs mit Refinanzierungsinteresse” gewesen.
Für die von Matthias vorgeschlagenen Meso-Publikationen ist der Name Blog vielleicht eh nicht der richtige.
Ich bin aber optimistisch, dass Qualität und eine gewisse Vergütung für die Autoren sich mittelfristig realisieren lassen…
[...] plant ein Bezahl-App fürs iPhone. Und nun geht auch die Diskussion in der Blogosphäre los ( >>> siehe dieser Beitrag). Wir fragen uns derweil, wäre überhaupt jemand bereit für das weitere Erscheinen von Vesteblick [...]
Dem ersten Punkt der »Erwiderung«, die eine Ergänzung ist, kann ich nicht folgen: Matthias schlägt in seinem Beitrag nicht alle bei Blogoscoop registrierten Blogs über einen kommerziellen Leisten, sondern er nimmt sich einzelne, journalistisch orientierte Angebote daraus vor (Bildblog, macnotes, neuerdings.com, netzwertig.com – warum das in der Aufzählung hier oben als »Fachblog» von jenen mit journalistischem Anspruch abgegrenzt wird, wüßte ich ja auch gern mal -, Basic Thinking). Blogoscoop ist nun mal die beste Quelle für solche Traffic-Einschätzungen. Die Auswahl ist sinnvoll, denn die Schnäppchen- u.ä. Blogs leben weniger von TKP-Werbung als von Affiliate-Provisionen, andere werden aus dem Marketingbudget gespeist etcetera. Es geht uns also bei der Betrachtung um eine Art journalistische Startups im Netz. Ob die nun einen oder zwanzig Autoren haben, ein Büro oder nur einen Schreibtisch, eine Kommentarfunktion oder nicht, WordPress oder Drupal benutzen, Blog genannt werden können oder wollen oder nicht, das ist meines Erachtens alles unerheblich; solche Fragen zeigen eigentlich auch nur das, was Wolfgang Michal hier kritisiert, in anderer Form, den skeptischen Blick auf diese neuen Angebote.
(Disclosure: Ich arbeite für Blogwerk, den Verlag hinter den hier erwähnten neuerdings.com und netzwertig.com.)
@Florian Steglich: Völlig klar, es handelt sich um eine Ergänzung. “Erwiderung” ist nur ein altes Wort für Antwort.
Zu ein paar Punkten:
- Es gibt z.B. neben blogoscoop die deutschen blogcharts. Dort tauchen meines Wissens keine Schnäppchen-”Blogs” auf (allerdings auch PR-Blogs). Man muss journalistische Blogs (die ihr Angebot finanzieren müssen) und tatsächlich kommerzielle/PR-Blogs voneinander trennen.
- Ich finde es nicht sinnvoll, 1 Million PIs als grundsätzliche Mindestquote anzusetzen.
- Mir ging es darum, zusätzlich zu dem, was Matthias angesprochen hat, auf die nicht hausgemachten Probleme der Blogs hinzuweisen. Die bestimmen die hausgemachten nämlich stark mit.
zu Wolfgang: Für die Debatte um eine Refinanzierung sind nicht nur Verlinkung (Blogcharts), sondern auch Reichweiten von erheblicher Bedeutung. Und da ist Blogoscoop eine der wenigen Quellen.
Für die Anzeigenkunden stellt die 1 Mio. PI-Größe offenbar schon eine gewisse Schallmauer da, auch wenn man das als Betreiber nicht schön finden mag.
Der Hinweis auf die Hausgemachten Probleme ist zugleich nur zu richtig. Ich finde zum Beispiel, dass wir sollen uns als Carta überlegen, ob der Frame “Blog” noch der richtige ist.
Blogger enthüllt: Es gibt gar keinen Qualitätsjournalismus…
Schon 2003 stand der Qualitätsjournalismus in der Kritik als sich willfährige Reporter im Irak beim lustigen Kameltreiberklatschen haben einbetten lassen. Trotz Qualitätsjournalistendiplom konzentriert sich die aktuelle Berichterstattung noch immer …
Es gehört vielleicht nicht an diese Stelle, aber beide Artikel erinnerten mich daran, dass ich mich immer wieder frage, warum die DLF-Presseschau eigentlich nur Zeitungen einschließt. Solche Übergänge könnten Hemmungen abbauen.
@16 (peter):
schöner punkt. schreiben sie der alten tante dlf doch mal eine email, vielleicht haben die ja lust auf modern.
.~.
Zumindest das Thema Digital vs Print, Blogger vs. klassischer Journalist wird sich in einigen Jahren erledigt haben. Vielleicht später als mancher hofft. Aber die Zeit kommt. Ist einfach so. Der elektrische Reporter sagt es doch wunderbar: Heute kocht jeder und die Profiköche stört es nicht. Morgen schreibt jeder und die Profis (egal ob Profiblogger oder Profizeitungsschreiberling) wird es nicht stören…
[...] Kommerzielle Blogs und Qualität? Wie soll das gehen? Eine Erwiderung [...]
[...] Oktober 2009 von opalkatze Auf Carta fragte Wolfgang Michal heute Kommerzielle Blogs und Qualität? Wie soll das gehen? Eine Erwiderung [...]
[...] Carta fragte Wolfgang Michal heute Kommerzielle Blogs und Qualität? Wie soll das gehen? Eine Erwiderung [...]
[...] Tißler (UPLOAD) setzt sich mit dem CARTA-Beitrag zum selben Thema kritisch auseinander. Ein Folgebeitrag auf CARTA vertieft das Thema mit Überlegungen, warum es kommerzielle Blogs hierzulande schwer [...]
Habe den Artikel erst jetzt über Google gefunden. Ich bin Betreiber eines Schnäppchenblogs (http://www.schnaeppchenfuchs.com) und habe mir zu dem Thema auch schon Gedanken gemacht. Der Unterschied zwischen meinem Blog (das man auch kommerziell nennen darf) und einer klassischen Werbeplattform ist aber, dass die Informationen bei mir -so gut es geht- aus Sicht eines Verbrauchers und nicht werblich aufbereitet werden. Darauf lege ich großen Wert und das ist vermutlich auch einer der Gründe, wieso es funktioniert. Die Leser wissen, dass sie nicht reingelegt werden.
Tja, es liest ja vielleicht keiner mehr, aber ich hatte damals ja dot-tilde-dots Rat befolgt und eine Mail an die DLF-Presseschau geschickt. Und siehe da, der DLF hat mir doch tatsächlich letzte Woche (nach 3,5 Monaten…) geantwortet!
“Sehr geehrter Herr xxxxx,
vielen Dank für Ihre Zuschrift, die nun auch in der Nachrichtenredaktion des Deutschlandfunks eingetroffen ist. Zunächst einmal entschuldigen Sie bitte, dass wir Ihnen mit Verspätung antworten. Uns erreichen täglich viele Mails. Wir kommen da nicht immer sofort nach, antworten aber in jedem Fall.
Nun aber zur Sache. Mit den Blogs setzen wir uns seit längerer Zeit auseinander, und sie fließen bereits in viele Programmteile ein. Wir glauben aber nach wie vor nicht, dass sie in den Presseschauen (schon) auf einer Ebene mit den Massenmedien Zeitungen abgehandelt werden sollten. Hingegen haben wir in unserem neuen Programm DRadio Wissen eine tägliche Blogschau. http://wissen.dradio.de/ Wir werden uns auch die dort gemachten Erfahrungen genau anschauen.
Mit vielen Grüßen,
XXXXX”
Also weiß ich jetzt, dass Blogs einfach noch keine journalistische Qualität bieten. Und ich Idiot lese fast nur noch Blogs ;)
Immerhin, kann ich jetzt mal die Webschau von Dradio Wissen im Auge bzw. Ohr behalten…