Heiko Hilker

MDR-Chefredakteur Wolfgang Kenntemich sollte Distanz zu PR-Beratern wahren

Heiko Hilker | 7 Kommentar(e)


Die Quadriga PR-Hochschule ist selbst ist ein PR-Instrument der Helios Media. Daher sollte MDR-Chefredakteur Wolfgang Kenntemich ihr skeptisch gegenüberstehen.

11.10.2009 | 

“Das NDR-Medienmagazin Zapp wollte kürzlich wissen, weshalb MDR-Chefredakteur Wolfgang Kenntemich im Kuratorium einer neu gegründeten PR-Hochschule sitzt”, schreibt Kai-Hinrich Renner in seiner Medienkolumne. Mit ihrer Anfrage aber seien die NDR-Redakteure bereits von der MDR-Pressestelle gewiesen worden: MDR-Kommunikationschef Dirk Thärichen erklärte, dass der MDR Anfragen von Zapp „generell“ nicht beantwortet. Eine überraschende Haltung zur Zusammenarbeit zwischen Rundfunkanstalten. „Auf Anfrage möchte der MDR-Pressechef nicht sagen, warum er „Zapp“ jegliche Auskunft verweigert. Er verweist lediglich auf eine „interne Beschlusslage“ seines Senders“, schreibt Renner weiter.

Nund stand Wolfgang Kenntemich der Leipziger Internet Zeitung doch noch Rede und Antwort.  Auf die Frage, warum er sich für die neue PR-Hochschule Quadriga engagieren würde, erklärte Kenntemich:

Es handelt sich um eine ausschließlich beratende Rolle. Gerade im Interesse von uns Journalisten möchte ich damit einen Beitrag dazu leisten, dass öffentliche Kommunikation nur auf der Basis klar definierter ethischer Regeln, wie Wahrhaftigkeit, Offenheit, Transparenz und Fairness funktionieren kann.

Er habe, sagt Kenntemich, in seinem Journalistenleben viel unprofessionelle PR-Arbeit erlebt. Jetzt möchte er helfen, etwas zu ändern. Kenntemich weiter:

 Die moderne Medienwelt, insbesondere auch das Internet, verleitet leider zunehmend dazu, die Grenzen zwischen PR und Journalismus zu verwischen. Richtig verstanden kann die Quadriga ein wichtiges Instrument gegen schwarze Schafe und ethisch zweifelhaftes Verhalten sein.

Warum ist Wolfgang Kenntemich der einzige öffentlich-rechtliche Chefredakteur im Kuratorium dieser Quadriga PR-Hochschule ? Ich glaube, Kenntemichs öffentlich-rechtliche Kollegen erkennen zum einen, dass sie mit einer solchen Nebentätigkeit vom  Berufsbild eines öffentlich-rechtlichen Journalisten gefährlich weit entfernen. Zum anderen haben sie für solche Nebentätigkeiten keine Zeit.

Wenn Kenntemich möchte, dass öffentliche Kommunikation nur auf Basis klar definierter ethischer Regeln stattfindet, dann sollte er dies zuerst einmal in seinem Verantwortungsbereich umsetzen. Schließlich wollte er nach einem verpatzten Althaus-Auftritt im Duell der Spitzenkandidaten kurzfristig und wenige Tage vor der Wahl zur besten Sendezeit Angela Merkel exklusiv präsentieren.

Wenn er sich mehr professionelle PR-Arbeit von Unternehmen wünscht, dann ist festzuhalten, dass es nicht die Aufgabe von Journalisten ist, die Unternehmen dahingehend zu professionalisieren, wie sie ihre Botschaften in den Sendern unterbringen. Journalisten sollen aufklären: Interessen, Absichten, Falschdarstellungen. Ziel von PR ist es, die eigene Botschaft möglichst unverändert unterzubringen.

Ein Journalist, der die PR-Branche berät und qualifiziert – dies ist so, als würden Polizisten bzw. Richter Dritte beraten, wie sie mit gerade noch legalen Mitteln andere über den Tisch ziehen bzw. ausnehmen – , ist auf dem Posten des Chefredakteurs an der falschen Stelle, ja, er sollte konsequenterweise die Seiten wechseln.

Indem Kenntemich sagt, die Quadriga Hochschule sei “ein wichtiges Instrument gegen schwarze Schafe und ethisch zweifelhaftes Verhalten” lenkt er nur von ihrem eigentlichen Zweck hab. Die PR-Hochschule geht auf Inititiave von Helios Media-Chef Rudolf Hetzel zurück. Auf der Website der Hochschule beschreiben die Gründer genau, was sie sich von der Hochschule versprechen:

Als wichtigstes Instrument und Träger des Netzwerks vermittelt der Quadriga Kreis Kontakte zu hochrangigen Entscheidern aus Quadriga-Kuratorium und -Rat.

Die Quadriga ist selbst ist ein PR-Instrument der Helios Media. Dem Unternehmen geht es nicht nur um weiterbildende Angebote, sondern vor allem auch um die Erweiterung seines Netzwerkes. Dies zeigt sich auch daran, dass bis heute die Lehrstühle noch unbesetzt sind.

Und so ist zu fragen: Warum berät Kenntemich gerade diese neue PR-Hochschule? Ich glaube, weil es deren Gründer geschafft haben, die „Eliten“ aus Politik, Medien, Wirtschaft und PR an sich zu binden, weil einzelne glauben, dabei sein zu müssen. Und Wolfgang Kenntemich glaubt dies wohl auch. Unverständlich ist, warum ihm diese weitere Nebentätigkeit – er ist am 1. Oktober auch von der Universität Leipzig zum Honorarprofessor  am Lehrstuhl für Journalistik den Bereich Fernsehjournalismus in Lehre und Forschung  ernannt worden – erlaubt wurde.

Kenntemich sollte sich besser um seine Aufgaben beim MDR kümmern. Schließlich ist der MDR nicht gerade für investigativen Journalismus bekannt. Der jetzigen beratenden PR-Nebentätigkeit kann er nach seiner Pensionierung nachgehen.

Hintergrund:

Die Quadriga-Hochschule sitzt in Berlin. Es soll drei Studiengänge in den Bereichen Kommunikationsmanagement und Public Affairs geben (Corporate Communications, Management and Economics sowie Politics and Public Affairs), die man berufsbegleitend studieren kann. Die Studiengebühren betragen bis zu 26 000 Euro pro Jahr. Der frühere Intendant des Südwestrundfunks Peter Voß ist Gründungspräsident der Hochschule. Vizepräsident ist mit René Seidenglanz ein wissenschaftlicher Mitarbeiter des Teams „Kommunikationsmanagement und Public Relations“ an der Universität Leipzig der Professoren Günter Bentele und Ansgar Zerfaß. Zudem ist René Seidenglanz Studiendirektor Deutschen Presseakademie (Berlin), die wiederum einzige Gesellschafterin der Quadriga-Hochschule Berlin GmbH ist.

Die Deutsche Presseakademie gehört zur Helios Media GmbH. Diese wurde im Jahre 2000 von Rudolf Hetzel gegründet. Geschäftsführer der Presseakademie ist auch Torben Werner, der auch Geschäftsführer der Quadriga-Hochschule ist. Die Hochschule hat ein Kuratorium aus 29 Personen, darunter ARD-Generalsekretärin Verena Wiedemann, MDR-Fernsehchefredakteur Wolfgang Kenntemich, DW-TV-Direktor Christoph Lanz.

Heiko Hilker ist Mitglied des MDR-Rundfunkrates.

7 Kommentare

  1. Maschinist |  12.10.2009 | 02:13 | permalink  

    Der MDR zeigt nur zu gut wie überflüssig sich ÖR-Rundfunk selbst macht.

    Schafft die Erfinder von Zweikanal-Volksmusik, seichtem Trott unter Palmen oder auf ‘nem Schiff, Dreifacher-Königsbejubelung etc. ab!

    Keiner braucht sie mehr, sie kassieren für Objektivität und noch mal für deren Diskreditierung. Die Beteiligten sind fein raus, aber es sollten die Letzten sein.
    Ihren Job hat das Internet mit seinen Freiwilligen und seiner sofortigen Fact-Checking-Möglichkeit längst übernommen. Ohne Milliarden Euro Zwangsabgaben von RTL2 Zuschauern.

  2. Martin Gertler |  12.10.2009 | 10:15 | permalink  

    Sorry, ich verstehe diese realitätsferne und abgehobene Sicht nicht, weder Ihre noch die von “zapp”. Wenn es die PR-Kollegen nicht gäbe, hätten die Journalisten schwer Mühe, ihre Blätter und Kanäle überhaupt zu füllen – auch die Ihres Senders. Ob Regierungssprecher oder Kommunikator von Daimler: wie will denn ein Journalist über etwas berichten und gegenrecherchieren, wenn ihm nicht die Infos angeliefert werden, die er dann natürlich sorgfältig verarbeitet und ggf. eben auch relativiert?
    Und was spricht denn um Himmels willen dagegen, wenn die Verarbeiter des Angelieferten diejenigen auf Qualität schulen, die ihnen das “Halbzeug” übermitteln…? (Wobei Ihr Chefredakteur, den Sie hier belehren wollen, mit ein paar Kuratoriumssitzungen pro Jahr noch nicht einmal eine wirklich aktive, schulende “Nebentätigkeit” angenommen hat!)
    Journalismus und PR sind zwei aufeinander angewiesene Systeme. Dieses Zusammenspiel zu leugnen oder schlecht zu reden, ist Torheit; es qualitativ zu optimieren, ist Weisheit.

  3. Journalistik-Journal: Eine Minute für den Quellencheck » Von Richard Schnabl » Beitrag » Redaktionsblog |  12.10.2009 | 10:34 | permalink  

    [...] Artikel über den Einfluss der PR auf den gebührenfinanzierten MDR lesen Sie auf carta.info. Ob MDR-Rundfunkrat Heiko Hilker sich mit seinen Gedanken beim wenig kritischen “Super-Illu [...]

  4. Heiko Hilker |  13.10.2009 | 11:42 | permalink  

    Seit wann sind denn Journalismus und PR aufeinander angewiesen? Doch nicht schon immer, oder? Gab es nicht eine Zeit, in der die Zeitungen und die Sender ihre Programme auch ohne die PR-Kollegen füllten? Und waren die damaligen Nachrichten und Berichte gar schlecht bzw. fern der Realität? Es mag ja sein, dass viele Medien heutzutage ohne die Leistungen der PR-Branche nicht mehr auskommen. Doch wenn öffentlich-rechtliche Sender, die über 7,6 Mrd. Euro an Gebühren erhalten, Arbeiten an die PR kostenlos auslagern, dann sollte man zum einen die Gebühren reduzieren, zum anderen die „Zuarbeit“ entsprechend kennzeichnen. Wenn man so schon nicht der Schleichwerbung Tür und Tor öffnet, dann doch zumindest dem Product- oder Themen-Placement, oder?

  5. Martin Gertler |  13.10.2009 | 12:31 | permalink  

    Wie wollten die Journalisten Ihres Senders denn beispielsweise über die IAA und die neuesten Hybrid-Technologien berichten, wenn es nicht all die PR-Leute gäbe, die ihnen die Infos gut sortiert und übersichtlich anliefern? Wollen Sie stattdessen die öffentlich-rechtlich hochbezahlte Kollegenschar für teures Gebührengeld zu den Ingenieuren in alle Welt reisen lassen, um jene dort von der Arbeit abzuhalten und sich selbst mühsam Infos zusammenzusuchen? Im Kleinen ist es doch nicht anders – ohne BuGa-PR stünden die Kollegen den Gärtnern im Weg und hätten immer noch keinen roten bzw. grünen Faden gefunden… Wie sollte schon immer jemand über Aktivitäten der Kreisverwaltung oder auch eines Sportvereins berichtet haben, wenn es nicht jemanden gegeben hätte, der als Kontaktperson beauftragt war und natürlich nur die Infos weitergab, die seine Leute weitergeben wollten…? Immer schon gab es die Pressesprecher in dieser Welt, und ich verstehe nicht, warum manche darüber auf einmal ein solches Geheule in den Wald setzen. Selbst alle politische Berichterstattung funktioniert doch genauso – die Stichworte geben die Pressesprecher, also PR-Leute, und die Journalisten greifen sie auf, machen überwiegend gar bei jeder Mythenbildung mit, anstatt sie substantiell gegenzuchecken. Nochmals zum Thema zurück: die PR-Branche zu qualifizieren bedeutet, die eigenen Informations-Lieferanten zu qualifizieren. Dafür, dass er dabei mitwirkt, sollten Sie Ihren Chefredakteur besser loben anstatt ihn zu attackieren.

  6. Schlagzeilen |  13.10.2009 | 22:04 | permalink  

    [...] “MDR-Chefredakteur Wolfgang Kenntemich sollte Distanz zu PR-Beratern wahren” blogmedien.de: “Der ‘5er-Jäger’ mit dem ‘Zufallswürfel’ – [...]

  7. Michael Freitag |  17.12.2009 | 14:46 | permalink  

    “Wie wollten die Journalisten Ihres Senders denn beispielsweise über die IAA und die neuesten Hybrid-Technologien berichten, wenn es nicht all die PR-Leute gäbe, die ihnen die Infos gut sortiert und übersichtlich anliefern?”

    Unabhängig, selbst recherchiert, direkt am Objekt, fachlich selbst qualifiziert genug und durch Eigenansprache bei den Firmen vor Ort

    “Wie sollte schon immer jemand über Aktivitäten der Kreisverwaltung oder auch eines Sportvereins berichtet haben, wenn es nicht jemanden gegeben hätte, der als Kontaktperson beauftragt war und natürlich nur die Infos weitergab, die seine Leute weitergeben wollten…?”

    Durch eigene Anfragen, Nachfragen, Interviews nicht mit dem Pressesprecher, sondern mit dem Politiker, den Sportlern, Trainern und Verantwortlichen selbst.

    “Selbst alle politische Berichterstattung funktioniert doch genauso – die Stichworte geben die Pressesprecher, also PR-Leute, und die Journalisten greifen sie auf, machen überwiegend gar bei jeder Mythenbildung mit, anstatt sie substantiell gegenzuchecken.”

    Das ist die schlichte Beschreibung einer Katastrophe.

    “die PR-Branche zu qualifizieren bedeutet, die eigenen Informations-Lieferanten zu qualifizieren.”

    Nein. Das bedeutet, die PR-Branche (im übrigen NICHT die Pressesprecher, sondern beauftragte Propagandisten) noch fitter darin zu machen, zeitlich unter Stress stehende Journalisten effektiver im Namen ihrer Kunden bearbeiten zu können.

    Noch Fragen Kienzle?

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