Robin Meyer-Lucht

Russ-Mohl: “Der Journalismus wird nur mit Bezahlinhalten aus der Abwärtsspirale kommen”

Robin Meyer-Lucht | 11 Kommentar(e)


Stephan Russ-Mohl im Interview anlässlich seines neuen Buches: “Kreative Zerstörung – Niedergang und Neuerfindung des Zeitungsjournalismus”.

14.10.2009 | 

Der Journalistikprofessor Stephan Russ-Mohl hat ein Buch über den Zustand des US-amerikanischen Journalismus geschrieben, das den für die hiesige Medienwissenschaft fast schon modernisierungswütigen Titel “Kreative Zerstörung – Niedergang und Neuerfindung des Zeitungsjournalismus” trägt.

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Stephan Russ-Mohl: Die Feindseligkeit zwischen neuen und alten Medien ist in den USA noch viel ausgeprägter

Joseph Schumpeter nun auch für Kulturgüter? Darf jetzt nicht einmal mehr der Journalismus Schutz vor der reinen kapitalistischen Wucht für sich in Anspruch nehmen? Ein hervorbrechender Innovationsfundamentalismus in der Journalismuswissenschaft? Der freudige Appell an Journalisten zur radikalen Selbstinfragestellung auf der Suche nach dem Neuen?

Nicht ganz. So weit mag Stephan Russ-Mohl in seinem neuen Buch nicht gehen. Für ihn gelten weiter die klassischen Qualitätsstandards, die in Markennamen wie New York Times oder Washington Post aufscheinen. Er plädiert dafür, an den klassischen Strukturen, wie der Zentralgroßredaktion und dem General-Interest-Bündel der klassischen Tageszeitung, festzuhalten.

Ihn treibt vor allem allem die Frage um, wie man die gelebten und lieb gewonnenen Strukturen – behutsam angepasst – auch im Internet gewährleisten kann. Dabei geht es um wohldosierten Veränderungswillen – aber auch den Mut zu neuen Erlösmodellen. Denn nach Einschätzung von Russ-Mohl befindet sich der klassische Journalismus in einer durch die Digitalisierung ausgelösten Abwärtsspirale, aus der es nur noch einen Ausweg gäbe: Bezahlinhalte.

Ich habe mit Stefan Russ-Mohl über sein Buch gesprochen. Hier das Telefongespräch Lugano-Berlin als Tonspur:

Die zentralen Aussagen von Russ-Mohl:

  • Mit der Querfinanzierung des Online-Journalismus wird es aufgrund der Einnahmerückgänge im klassischen Mediengeschäft bald vorbei sein. Die Bezahlinhalte müssen zwangsläufig kommen, auch wenn die Internet-Nutzer aufschreien werden.
  • Wer weiter einen Journalismus als selbstbewußte fünfte Gewalt und als ressourcenstarkes Gegengewicht zur PR möchte, der wird dafür auch im Netz etwas bezahlen müssen. Werbung allein wird einen solchen Online-Journalismus nicht hinreichend finanzieren.
  • Auch in Zukunft sollen diejeningen den hochwertigen Journalismus finanzieren, die ihn haben wollen  – und nicht nach dem Staat rufen. Jürgen Habermas kann sein Zeitungsabonnement selber bezahlen. Der Facharbeiter, der bisher Bild gelesen hat, muss die Süddeutsche Zeitung nicht quersubventionieren.
  • Die Bezahlsysteme und -mechanismen für Online-Journalismus werden zuerst den USA entwickelt werden, weil dort der Markt und der Leidensdruck viel größer sind.
  • In den USA ist die Feinseligkeit zwischen neuen und alten Medien noch deutlich stärker ausgeprägt als hierzulande.
  • Verlage sollten sich sehr genau anschauen, was es inzwischen alles für spannende Nischenprodukte im Netz gibt – und sich überlegen, wie sie diese auch in die eigenen Angebote integrieren könnten.
  • Erst wenn die herkömmlichen Medien ihre Vormachtstellung geräumt haben, werden wir so richtig sehen, was an Innovationen im Internet möglich ist.
  • Das Netz wird uns zwingen, darüber nachzudenken, was wir an Journalismus brauchen und was nicht.

cover_russ_mohlStephan Ruß-Mohl: Kreative Zerstörung -Niedergang und Neuerfindung des Zeitungsjournalismus in den USA, UVK 2009, 284 Seiten. Hier bei Amazon zu bestellen.

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11 Kommentare

  1. peter |  14.10.2009 | 18:13 | permalink  

    Ich denke, daß Herr Ruß-Mohl nicht Recht behält.
    Der Journalismus hat hierzulande längst seine Rolle als “selbstbewußte fünfte Gewalt und als ressourcenstarkes Gegengewicht zur PR ” aufgegeben.
    Die einflußreichen Journalisten sind Teil einer ausufernden Kampanien/Lobby/Medien-Maschinerie und geben in der Regel die Meinung ihrer Besitzer wieder.
    Damit ist auch schon die Antwort auf den Satz:
    “Auch in Zukunft sollen die jeningen den hochwertigen Journalismus finanzieren, die ihn haben wollen-”
    gegeben: eben die selbe Gruppe der Medien-Großkonzerne muß ihn weiterhin finanzieren, wenn sie sich ihn denn leisten wollen oder können.
    Gruß Peter S.

  2. Dirk |  14.10.2009 | 19:25 | permalink  

    Stimme Peter in etwa zu. Ich finde das zu plakativ zu sagen Bezahljournalismus = Qualitätsjournalismus. Ich weiß nicht in wiefern das auf die benannten Blätter im Ansatz zutrifft – ich kenne sie dafür zu wenig.
    Aber mal ein Beispiel von einem Regionalblatt mit soggenannten überregionalen Anspruch. Die “Sächsische Zeitung – Dresdner Ausgabe” hatte ich viele Jahre im Abo. Als ich sie etwa Anfang 2000 abonnierte kostete sie etwa 15€ pro Monat. Als ich das Abo etwa März / April 2008 kündigte (ich weiß ich habe lange durchgehalten^^) etwa 20€. Gleichzeitig war immer spürbar wie Details ausgeblendet wurden. Das Infineon Dresden den Auftrag für die RFID-Chips der biometrischen Reisepässe bekommen hat wurde meiner Meinung nach frenetisch gefeiert – keine Kritik z.B. vom CCC wurde ansatzweiße erwähnt. Leiharbeit war immer das Beste Arbeitsmodell das es gibt. Das dem so nicht ist musste ich bei Infineon als Leiharbeiter selber feststellen ^ und auch die Videoüberwachung ect. pp. ist immer der neuste heißeste “Scheiß” (pardon) den es gibt. Keinerlei Spur von Diskurs oder gar Gegenkritik.

    Wieso soll ich für so ein Blatt dann Geld bezahlen ? – heute kaufe ich mir ab und zu mal die Wochenendausgabe der Sächsischen. Aber nicht aus Nostalgie oder der gleichen – vielmehr um mal wieder zu schmunzeln wie einseitig doch soggenannter “Qualitätsjournalismus” sein kann ;-)

  3. Robin Meyer-Lucht |  15.10.2009 | 16:12 | permalink  

    Ehrlich gesagt: Ich stimme Russ-Mohl auch nicht zu. Und ich hätte da auch stärker im Gespräch gegen intervenieren sollen.

    Ich glaube, wir müssen Journalismus dezentraler denken. Dezentrale Strukturen sind in vielen Bereichen einfach schlagkräftiger. Wer einmal die Enge von Redaktionskonferenzen erlebt hat, wird sich manchmal nichts sehnlicher gewünscht haben, als es einfach so machen zu dürfen, wie man will – und wenn es dann eine große Sache ist, dass wird es auch wahrgenommen – nichts anderes machen Blogs und Rivva, mal ganz simpel gesagt.

    Die große Markenglanz von New York Times und Washington Post, dem Prof. Russ-Mohl hier Ausdruckt verleiht, erinnert mich ein bisschen an ein Experiment mit Kindern: Denen schmeckt Milch mit McDonalds-Zeichen besser als ohne McDonalds-Zeichen.

    Nach dem gleichen Mechanismus könnte man verleitet sein, den Journalismus von NYT und WP einfach besser zu finden, obwohl er eigentlich gar nicht besser ist.

    Ich glaube aber nicht, dass das nachhaltig ist.

  4. Stephan Russ-Mohl |  16.10.2009 | 17:09 | permalink  

    Würde gerne zwei Missverständnisse klären: Ich habe nie behauptet, Bezahljournalismus sei automatisch Qualitätsjournalismus – das wäre ja absurd angesichts all des Schundes, der in den letzten hundert Jahren in Printmedien verkauft wurde. Alle Chinesen sind Menschen, aber nicht alle Menschen Chinesen!

    Nur: Ich sehe eben nicht, wie sich Qualitätsjournalismus finanzieren lässt, ohne die Publika zur Kasse zu bitten. “Wer zahlt, schafft an” – und leider zahlt eben die Werbe- und PR-Industrie immer mehr…

    Und ich bin wahrlich kein Zentralist, sondern glaube selbst eher an dezentrale Lösungen. Nur: Sie können keinen Mercedes und auch keinen Toyota Prius in einer Klitsche mit zehn Mitarbeitern bauen – und genausowenig werden Sie es schaffen, den “Spiegel” oder die “New York Times” dezentral und hierarchiefrei im Internet zu produzieren…

  5. Klaus Kocks |  17.10.2009 | 15:17 | permalink  

    Das also war ein Interview, ja? Servile Stichwortgeberei zur Verkaufsförderung des neuen Buches des Interviewten. An solch peinlichen Volontärsstücken merkt man, wie groß der Spagat zwischen Anspruch und Wirklichkeit ist. Schlechter Journalismus mit dem Oberton der Interneteuphorie, eigentlich und im Kern banal.

  6. Klaus Kocks |  17.10.2009 | 16:39 | permalink  

    Und der Interviewte verschickt den Link als kostenlose Werbung für sein Buch. De te fabula narratur, sagt da Cato d. Ä.

  7. Christian Müller |  17.10.2009 | 20:50 | permalink  

    Wenn ich daran denke, welcher Bullshit da zum Teil übers Internet distribuiert wird, kann ich Russ-Mohls Einsatz für den Qualitätsjournalismus nur begrüssen. Wirklich brauchbar sind ja bisher tatsächlich nur die Internetportale der grossen Zeitungen und Nachrichten-Magazine. Und dass Russ-Mohl ein Kommentar-Hickhack – von ihm selber etwas launisch PR genannt – an seine Bekannten verschickt, obwohl er darin vor allem kritisiert wird, spricht ebenfalls für ihn: Auch das beste Buch bewirkt nämlich nur etwas, wenn es gelesen wird – um um es lesen zu können, muss man wissen, dass es existiert. – Dass es im übrigen höchst problematisch wäre, wenn es nur noch werbefinanzierte Information gäbe, braucht ja wohl kaum erwähnt zu werden. Die Lösung heisst: vom Leser bezahlter Inhalt, nur dann ist er unabhängig.

  8. Werner D'Inka |  23.10.2009 | 10:04 | permalink  

    Leser Peter S. demonstriert Glanz und Elend der schönen neuen Welt, indem er schreibt: “Die einflußreichen Journalisten sind Teil einer ausufernden Kampanien/Lobby/Medien-Maschinerie und geben in der Regel die Meinung ihrer Besitzer wieder.” Jawohl, “die” Journalisten sind Knechte ihrer Verleger (ich habe aber gar keinen, denn die F.A.Z. gehört sich selbst) – und “die” Politiker sind korrupt und “die”Polen stehlen Autos. Mit solchen Platitüden, die sich noch nicht einmal um den Anschein einer Beweisführung bemühen, entzieht sich der Internet-Diskussionsraum selber die Grundlage, und zwar durch Einfältigkeit. Bitte etwas mehr Hyde-Park und etwas weniger Stammtisch!

  9. Wolfgang Michal |  23.10.2009 | 11:12 | permalink  

    Den letzten Satz würde ich unterstreichen: So mancher Kommentator sollte seine Pauschalurteile über Journalisten überdenken. Es gibt – wie in allen Berufen – solche und solche.
    Aber vielleicht machen die Medien das von sich aus zu wenig deutlich.
    Die journalistische Selbstkritik des FAZ-Herausgebers Frank Schirrmacher – nach der Finanzkrise – war da eine wohltuende Ausnahme.

  10. Warum die Paid-Content-Debatte in die Irre führt « TV… und so |  15.12.2009 | 21:00 | permalink  

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