Klaus-Peter Schöppner

Der Nichtwähler: Eine unbekannte Spezies

Klaus-Peter Schöppner | 9 Kommentar(e)


Der Nichtwähler ist der letzte große Unbekannte der politischen Forschung. Wie sieht er aus?

29.09.2009 | 

Die zumeist größte Wählergruppe ist den Politikern immer noch ein großes Mysterium: Die Partei der Nichtwähler, die bei Bundestagswahlen zuletzt an die 30, bei Landtags- und Europawahlen auch mal über 50 Prozent erreicht – und damit Wahlen entscheidet. Dennoch spielen sie im Wahlkampf keine Rolle. Denn: Nichts Genaues weiß man nicht.

Tatsache ist: Nichtwähler sind nicht einfach nur Nicht-Wähler. Oft sind sie frustrierte, manchmal politisch besonders interessierte Wähler. Wir analysieren rationale, antiautoritäre und Protestwähler. Zumeist sind sie besonders desinteressiert, mitunter wählen sie nicht, weil sie mit ihrer Stimme doch nichts bewegen können. Und dann gibt es noch die „unechten“, weil nicht erfassbaren Nichtwähler. Die sind krank oder verzogen, ausgewandert, im Langzeiturlaub oder einfach nicht gemeldet.

Nichtwähler verweigern im Geheimen oder posaunen ihre Haltung in die Öffentlichkeit. Sie sind sehr politisch interessiert – oder wissen noch nicht einmal, dass gewählt wird. Sie passen in keine Schablone! Wer sie gewinnen will, muss zielgruppenorientiert viele Wege gehen.

Der Nichtwähler ist das unbekannteste Wesen der politischen Forschung – und entscheidet häufig Wahlen, wenn den Parteien wieder mal die Mobilisierung ihrer Anhänger misslingt. Nichtwähler symbolisieren das Toyota-Syndrom: Alle Beweggründe sind möglich! Frust – aber auch Lust: Die Pole hier dokumentieren die gesamte Bandbreite in der Volkspartei der Nichtwähler.

Einer Volkspartei, die immer breiteren Zuspruch erhält: 1972 betrug die Wahlbeteiligung 90,8 Prozent, 2005 war sie auf 77,7 Prozent, aktuell auf knapp über 70 gesunken. An der Europawahl beteiligten sich magere 43 Prozent, und der Landtag in Sachsen-Anhalt wird gerade noch von 44 Prozent Wählern legitimiert. Kaum etwas gelingt schwerer, als die Gründe zu strukturieren und analysieren. Und nirgendwo sind Parteien erfolgloser, als beim Versuch, politisches Interesse bei Desinteressierten zu wecken.

Doch so anders sind die Nichtwähler gar nicht.

Hilfestellung bei der Analyse des „Ichs“ verlustiger Wähler kann die simple Frage liefern: Was würde passieren, wenn alle Nicht-Wähler am 27. September wählen gegangen wären? Dann würden – in Maßen –  SPD, FDP und Grüne profitieren: 47 Prozent der Wahlabstinenzler könnten sich vorstellen, sozialdemokratisch zu wählen, nur 36 Prozent die Union. Zumindest aktuell; denn auch Nichtwähler sind volatil und entscheiden spontan: Von den 27 Prozent der Deutschen, die Ende August nicht wählen wollten, sind etwa 60 Prozent auch 2005 nicht zur Bundestagswahl gegangen. Mehr als jeder Dritte stimmt dagegen ab: Jeweils neun Prozent der damaligen Verweigerer würden heute Union und SPD wählen, sechs die Grünen, jeweils fünf Prozent FDP und Linke. Eine hohe Wahlbeteiligung schadet also CDU/CSU und nützt Rot-Grün.

Auch die Soziodemografie zeigt Auffälligkeiten: Frauen verweigern eher als Männer, Bürger mit niedriger formaler Bildung deutlich mehr als Abiturienten 32 zu 19 Prozent). 28 Prozent der Geringverdienenden boykottieren, aber nur 22 Prozent der gut Verdienenden. Im Westen würden sich aktuell 28, im Osten nur 24 Prozent ihrer Stimme enthalten. Vor allem aber: Unter den Erstwählern werden gleich 33, bei den Rentnern nur 18 Prozent am Wahltag nicht gesichtet. Politisch bedeutsam ist nicht nur, dass der Anteil alter Menschen immer größer wird. In Kombination mit der höheren Wahlbeteiligung wird das Übergewicht der Senioren noch eklatanter.

Sie sind also überall vertreten: Unter den Schlauen, Alten und Reichen ebenso wie unter den Dummen, Jungen und Armen.

Allerdings sind die systematischen Nichtwähler klar in der Minderheit. Also diejenigen, die ihre Partei abstrafen, es aber auch nicht mit einer Stimme für den Gegner auf die Spitze treiben wollen. Diejenigen, die sich keiner Autorität unterordnen wollen oder sich für so schlau halten, dass sie sich weigern „politische Inkompetenz“ zu wählen. Etwa 20 Prozent umfasst die Gruppe der „intelligenten“ Verweigerer.

Der typische Nichtwähler dagegen ist werte- und damit orientierungslos. Wie keiner anderen Wählergruppe mangelt es ihr am Werteprofil. Schlimmer noch: Gerade wahlunterstützende Einstellungen wie Pflichtbewusstsein, Traditionsverbundenheit, Religiösität, werteorientiertes Handeln, Rationalität und kulturelles Interesse sind kaum vorhanden. Nichtwählen ist also Folge von Orientierungslosigkeit. Also müssen Wahlaufrufe scheitern. Daher haben einzelne Faktoren allein auch nur einen vagen Einfluss: 32 Prozent der Nichtwähler, aber auch 24 Prozent der Wähler bezeichnen sich als desinteressiert, übrigens besonders wenige Anhänger der FDP und der Grünen.

Auch Politfrust allein erklärt nur teilweise das Zuhausebleiben am Wahltag: „Wo geht es bei uns gerecht zu?“ fragte TNS Emnid: Nirgendwo gab es gravierende Unterschiede: Wähler empfinden die politischen Verhältnisse in Deutschland ähnlich ungerecht wie Nichtwähler. Die Gesundheitsversorgung halten 36 Prozent der Urnengänger und 31 Prozent der Verweigerer für gerecht. Bei der Rente beträgt das Verhältnis 39 zu 33 Prozent, bei Bildung 47 zu 42. Linkswähler urteilen deutlich kritischer. Auf der Links-Rechts-Skala positionieren sich Nichtwähler zwar links der Mitte, aber bei weitem nicht so entrückt wie die der Linken.

Ähnlich häufig wird in beiden Gruppen bürgerferne Politik kritisiert. Dass Wählen gehen keinen Einfluss auf die Politik hat, vertreten 46 Prozent der Wähler und 56 Prozent der Verweigerer. Und dass viel zu wenig auf die Belange der „Kleinen“ eingegangen wird, empfinden 72 Prozent der Nicht- aber auch 66 Prozent der Wähler. Politik wird von den Deutschen universell kritisiert. Wahlabstinenz ist daraus nicht direkt ableitbar.

Frust und Desinteresse sind zwar Treiber, allerdings weit geringer, als landläufig vermutet. Ein Faktor allein reicht nicht, aber Frust und Desinteresse zusammen bedingen erst Wahlabstinenz. Die nur Frustrierten demonstrieren durch die Wahl an den politischen Rändern, die nur Ahnungslosen wählen nach Haar- und Augenfarbe.

Wenn sie nicht zusätzlich noch durch abgehobene Politiker geärgert werden! Denn kaum etwas trennt schärfer: Das Kabinett Merkel/Steinmeier wurde zuletzt von 47 Prozent der Wähler, aber nur noch 29 Prozent der Nichtwähler positiv beurteilt. Und geht es um das Einzelurteil der Ministerriege, schneiden die Ressortverantwortlichen bei den Verweigerern nur annähernd halb so gut ab. Ulla Schmidts Dienstwageneskapade ist demnach ein eindeutiger Verweigerungsgrund. Die nach Bürgermeinung völlig misslungene Gesundheitsreform noch lange nicht. Finanzielle Probleme sind der letzte wichtige Grund für Wahlabstinenz: Für 69 Prozent der Nichtwähler hat sich die eigene finanzielle Lage im letzten Jahr deutlich verschlechtert, unter den Wählern ist es noch nicht mal jeder Zweite.

Frust und Desinteresse, Politikerwut und Not machen Nichtwähler. Die dann bei jeder Wahl nach aktueller Wasserstandsmeldung neu über ihre Teilnahme entscheiden. Besonders die, die wegen geringer Parteienbindung ohnehin so häufig wechseln wie die SPD ihre Parteichefs. Erst die Addition der Wutfaktoren macht aus latenten ständige Nichtwähler.

Was also können die Parteien tun? Bürgernäher politisieren und informieren; vor allem aber, sich endlich wieder einen Markenkern geben, der die Partei prägnant und unaustauschbar macht. Über 70 Prozent der Deutschen erwarten für sich persönlich keinerlei Veränderungen, egal ob Merkel oder Steinmeier die deutsche Politik bestimmt. Fehlt der Markenkern, dann fehlen Schutzpanzer und Wahlmotivation zugleich.Wenn Parteien aber beliebig werden und zudem bei den anschließenden Koalitionsverhandlungen ebenfalls alles möglich ist, macht Wählen für viele keinen Sinn. Zumal auch die Wahlfestlegung immer später erfolgt: Zwei Monate vor der Bundestagswahl waren erst 34 Prozent festgelegt. Gut ein Viertel wollte sich in der heißen Wahlkampfphase, 19 Prozent in der Woche davor und 12 Prozent erst am Wahltag entscheiden. Wer nicht weiß was, der kann Wählen leicht als überflüssige Zeitverschwendung empfinden.

Wer Wahlverweigerer wirklich zu Wählern wandeln will, muss sie „zielgruppenadäquat“ überzeugen. Mysteriöse Gehnichthin-Aufrufe taugen ebenso wenig wie die Wahlschlepper-Initiative. Nichtwähler nämlich sind gerade deshalb Nichtwähler, weil nicht zu wählen die natürliche Reaktion auf Unzufriedenheit ist. Daher ist auch die häufig geäußerte Idee zum Rückholen der Wähler, Wahlkampferstattungen nicht vom Anteil, sondern von der absoluten Wählerzahl abhängig zu machen, nicht zielführend. Nie hätten wir einen besseren Grund, unseren Frust an den Politiker auszulassen.

Klaus-Peter Schoeppner hat diesen Text für Cicero geschrieben. Wir übernehmen ihn hier mit freundlicher Genehmigung des Autors.

Mehr zu : | |

CARTA Kaffeekasse
Carta wird FACEBOOK-Kommentare einführen - demnächst hier...

9 Kommentare

  1. Mitchel (openmitch) 's status on Tuesday, 29-Sep-09 15:46:22 UTC - Identi.ca |  29.09.2009 | 17:46 | permalink  

    [...] http://carta.info/15626/ich-waehle-nicht/ a few seconds ago from firestatus [...]

  2. Felix Neumann |  29.09.2009 | 21:04 | permalink  

    Bei allen inhaltlichen Defiziten: Der Piratenpartei ist es mit ihrer durchlässigen Struktur, ihre Orientierung an einem Mitmachwahlkampf und nicht zuletzt, indem sie Themen aufgegriffen hat, die andere Parteien zunächst vernachlässigt haben, gelungen, viele Menschen für die Politik zu begeistern. (Ich habe das in meinem Blog ausführlich gewürdigt: http://fxneumann.de/2009/09/28/danke-piratenpartei-was-bleibt/ )

    Bei den etablierten Parteien gibt es zwar Ansätze in Reformkommissionen (wie etwa bei der FDP: http://reform.fdp.de/2009/09/15/willkommen-burgergesellschaft-36-forderungen/ ) – aber wenn es zum Schwur kommt, dann zählt doch wieder vor allem Loyalität, Geschlossenheit und die Autorität der Vorstände.

    Kein Wunder, daß dann das Gefühl entsteht, daß “die da oben” sich ja eh nicht um einen kümmern und Wählen gar nichts ändert.

  3. Thorstena » Was ist mit den Nichtwählern? |  30.09.2009 | 01:14 | permalink  

    [...] nennt oder verlinkt der Autor in seinem Artikel für keine der hier aufgeführten Meinungen konkrete Zahlen oder Quellen. Er stellt sie auch in [...]

  4. stoertebeker |  30.09.2009 | 02:28 | permalink  

    Ich glaube ja eher, das viele Wähler keine Lust mehr haben, Parteien zu wählen, die glauben, einen MARKENkern haben zu müssen.

    In der Wirtschaft gilt ein gutes Branding als solches, welches in der Lage ist, Emotionen zu verkaufen und dabei die Qualität des Produktes keine Rolle mehr spielt. Bei Vielen mag dieser Marketingtrick funktionieren. Aber immer mehr Leute fühlen sich schlicht verarscht, wenn es bei dem ‘Produkt’ um Politik geht.

  5. Ole |  30.09.2009 | 03:14 | permalink  

    Da sich der Autor anscheinend in der Materie des Nichtwählers (trotz fehlender Quellenangaben) gut auskennt, würde ich gerne eine Idee einbringen, die uns neulich Abend gekommen ist.

    Nehmen wir an, dass der (Nicht)wähler die Möglichkeit hätte einer Partei seiner Wahl eine Stimme abziehen, also zusätzlich eine NEGATIV-Stimme eingeführt würde.
    Er hätte demnach die Möglichkeit eine Partei (z.B. für misslungene Reformen) direkt abzustrafen ohne dies über den Umweg einer extremeren Partei zu tun.
    Auf die Gefahr hin, dass es kleinere Parteien über diesen Umweg in das Parlament schaffen (was kaum gewollt sein kann) würde die 5% Hürde weiterhin gelten und die NEGATIV-Stimmen nur die Sitzverteilung im Parlament betreffen.

    Bis auf mögliche starke Verwerfungen oder systemische “Abstrafung” der Regierungspartei (und Nichtdurchsetzbarkeit aufgrund von Einzelinteressen der Parteien) haben wir wenige Einwände gefunden und wollten die Idee mal unters Volk bringen.

    Viel Spaß

  6. Michael Metzger |  30.09.2009 | 13:36 | permalink  

    So unerforscht und anonym sind die Nichtwähler gar nicht, im Gegenteil: Grade zur aktuellen Bundestagswahl haben es eine Reihe von Publikationen verstanden, den Nichtwähler ganz genau zu analysieren. Und dabei stellen alle fest: DEN NIchtwähler gibt es gar nicht.

    Drei Lektüretipps:

    1) Mit “Einwurf – Wegwurf” haben die Jugendpresse Deutschland und die Junge Presse Berlin ein Wende-Magazin produziert, das sich in der einen Hälfte mit Erst-, in der zweiten Hälfte mit Nichtwählern schwerpunktmäßig auseinandersetzt. Das komplette Magazin gibt es zum kostenfreien Download hier: http://www.politikorange.info/politikorange_einwurfwegwurf.pdf

    2) Im Rahmen meiner eigenen Recherchen über Nichtwähler habe ich neulich eine politisch interessierte, aber systemkritische Gruppe junger Leute interviewt, die im Gespräch versuchen zu begründen, wieso sie nicht wählen gehen werden. Ihre Argumente gibt es hier zum Nachlesen: http://tinyurl.com/ye2tjwv

    3) Das europaweite Projekt “Choiceless – Voiceless” beschäftigte sich mit Nichtwählen bei der Europawahl. Die Organisatoren des gleichnamigen Kongresses erklären hier, was sie so herausgefunden haben: http://tinyurl.com/ydvsfsc

  7. Carsten Zorn |  30.09.2009 | 19:14 | permalink  

    @ole: für die NEGATIV-Stimme spricht ja auch ihre große Nähe zur Idee des guten alten “Scherbengerichts”. Sie ist also eigentlich urdemokratisch — und mithin sicher auch: unbedingt weiter verfolgenswert, die Idee…

  8. Ole |  01.10.2009 | 18:35 | permalink  

    @Carsten Zorn: Danke für den Tipp.
    Die Möglichkeit mit Hilfe solcher Gerichte gewisse Personen ins Exil zu schicken ist natürlich Geschmackssache. (http://de.wikipedia.org/wiki/Scherbengericht)
    Mit Karl R. Popper scheint man ja zumindest einen adequaten Verfechter der
    Demokratie als Volksgericht zu haben. (http://www.gewaltenteilung.de/popper.htm)

  9. marianne |  02.10.2009 | 18:30 | permalink  

    @diverse: der autor verweist nicht auf quellen, weil er hier einen (politischen) ESSAY geschrieben hat – und wer nicht weiß, was das ist, der soll meinetwegen bei wikipedia nachschauen, aber hier nicht gleich rumpöbeln. einfach mal geduld haben, bis zur schlussphase des bachelor-studiums, da wird einem dann auch erklärt, warum es auch ein zeichen von souveränität sein kann, nicht in jedem text quellen zu verwenden…

Sie möchten diesen Text kommentieren?

Ihr Name (erforderlich):

Ihre E-Mail (erforderlich):

Ihre Website:

Über Facebook oder Twitter einloggen:

Sie können Ihren Kommentar mit HTML-Befehlen formatieren.