Wolfgang Michal | 16 Kommentar(e)
Wo kommt er her? Was zeichnet ihn aus? Wie ist er wirklich? Wer den Troll – diesen Phänotyp des Netzzeitalters – näher untersucht, kommt zu einem erschreckenden Ergebnis: Er ist bedroht. Wir sollten ihn schützen.
12.09.2009 |
Abstammung:
Der Troll stammt aus der Sagenwelt Skandinaviens. Er ist das männliche Gegenstück zur Hexe oder zur Elfe – ein Geisterwesen von riesiger oder winziger Gestalt. Sein Hauptsiedlungsgebiet in grauer Vorzeit war die norwegische Bergregion Trollheimen. In Finnland findet man ihn als gutmütigen Mumin oder Snork, in Dänemark und Deutschland als biederen Gartenzwerg. Der bekannte Schriftsteller J.R.R. Tolkien („Herr der Ringe“) schrieb über Steintrolle, sie seien von Melkor bei dem Versuch erschaffen worden, Ents nachzuahmen. Somit sind Trolle eigentlich Betriebsunfälle: große und starke Wesen, aber einfältig. Ihre Sprache ist primitiv.
Aussehen:
Niemand weiß wirklich genau, wie Trolle heute aussehen, da sie vorwiegend in der Netz-Dunkelheit operieren. Zieht man die präzisen Schilderungen der nordischen Sagen und Märchen heran, so gibt es im Urbild der Trolle einige auffallende Merkmale: Sie hatten lange, gebogene Knubbel- oder Hakennasen, einen langen Schwanz mit einem dichten Haarbüschel am Ende, nicht selten einen Buckel, gerade mal vier Finger oder Zehen an Händen oder Füßen, und bisweilen nur ein einziges Auge auf ihrer faltigen Stirn. Mit ihrem dichten, zottigen Haar sahen sie sehr Furcht erregend aus. Dieses Aussehen hat vermutlich den Aberglauben befeuert, sie würden kleine Kinder stehlen und dafür ihre eigenen Bälger in die Bettchen der Menschenkinder legen. Das ist der tiefere Grund, warum heute noch Familienministerinnen Netzsperren als Abwehrzauber gegen Kindesmissbrauch befürworten.
Vorkommen:
Der Troll tummelt sich am liebsten in unübersichtlichen, sumpfigen Foren und Blogs, wirft Schlamm und Sand in die Kommentarspalten, schreckt aber auch nicht davor zurück, in Chatrooms, Wikis, Rezensionen und Bewertungsseiten hinein zu scheißen oder zu urinieren, um sich anschließend am Entsetzen und Kopfschütteln der anderen zu weiden. Trolle leben von gutmütigen, toleranten Webseitenbetreibern, die sich lieber mit Dreck bewerfen lassen als die Meinungsfreiheit der Trolle einzuschränken. Hinterhältige Menschen halten sich Trolle auch als Leibgardisten und füttern sie regelmäßig mit Leckereien, um sie anschließend als nützliche Idioten für ihre Interessen einspannen zu können.
Verhalten:
Neben den unsagbar boshaften Trollen gibt es auch viele gutmütige. Sie sind im Netz aber relativ selten vertreten und fallen höchstens durch ein kurzes, fragendes „Hä?“ oder kleine Zeichenhäufchen (:-(() auf, die sie gern als Duftmarken hinterlassen. (Wenn Sie, lieber Leser, sich ganz, ganz leise verhalten, machen sie ihr Häufchen vielleicht auch unter diesen Beitrag. Bitte Feldstecher bereithalten!). Aufgrund ihrer enormen Einfältigkeit sind Trolle extrem reizbar. Kompliziert formulierte Sätze oder Manifeste können sie zur Weißglut bringen. Erzürnt man Trolle auf diese Weise, kann das verheerende Folgen haben. In früheren Zeiten war es den Bewohnern der dichten norwegischen Wälder deshalb wichtig, mit den heimischen Trollen gut auszukommen und sie nicht zu verärgern. Auch heute erweisen sich Trolle, die gut behandelt werden, durchaus als Beschützer und Wächter des Netzes. So verdanken etwa die in Deutschland besonders häufigen Brückentrolle ihren Namen der Bewachung von Brücken, Furten und anderen wichtigen Netz-Kontrollpunkten. Wer an einem Brückentroll vorbei will, muss einen Zoll entrichten oder eine Gefälligkeit erweisen. Manche Trolle sind aber auch mit einem unverhofften Lob sehr zufrieden.
Selbstverständnis:
Der Gemütszustand von Trollen schwankt zwischen machtvollen Omnipotenz-Gedanken und depressiver Weinerlichkeit. Psychologen führen dies auf die ungewöhnliche Körpergröße von Trollen zurück: Manche messen nur 50 Zentimeter, andere sind so hoch wie Berge. Der Troll empfindet sich deshalb als maßlos. Er leidet darunter, ein Freak zu sein. Nur das Netz ermöglicht ihm ein ungehindertes Ausleben seiner Gefühle.
Überlebenschancen:
Zum Überleben braucht der gemeine Forentroll ein möglichst unübersichtliches und unreguliertes Netz, in dem er sich frei und anonym bewegen kann. Da der dunkle Mischwald des Netzes von Netzzivilisten und anderen Interessengruppen zunehmend gerodet und durch lichte Monokulturen und Plantagen ersetzt wird, könnte es bald schon notwendig sein, Trolle in eigens eingerichteten Naturreservaten zu schützen. Da die Haut der Trolle durch direkten Kontakt mit Sonnenlicht oder zu hellen Webseiten Risse bekommt, verwandeln sich allzu viele Trolle im fortpflanzungsfähigen Alter in nutzlose Steine. In Island gibt es deshalb einen staatlichen Trollbeauftragten, der sich um die Interessen dieses „verborgenen Volkes“ kümmert.



vielen dank für diesen liebevollen artikel.
neben der nordischen sagenwelt hat der troll wie wir ihn heute kennen und lieben eine weitere heimat: das usenet. dieser vernetzten kommunikationskultur aus der gelblich-grauen vorzeit verdanken wir die entwicklung dessen, was wir netiquette nennen, sowie viele der sozialen techniken, mit denen wir heute webzwonull machen (wollen).
und eines noch: es gibt einen wichtigen vertreter der gattung troll, der gutes schaffend stets verneint: den gutartigen troll, als rhetorische funktion auch advocatus diaboli genannt. er ist der ästhetische punk, der sinnsuchende dadaist, der hämisch grinsende teufel der auf logische fehler aufmerksam macht, der die diskussion inhaltlich bereichern kann, wenn man nur gut genug mit ihm umgehen kann. (zuweilen ist es sogar möglich, impulse des bösartigen trolls auf zu greifen und um zu deuten, als sei er ein gutartiger!)
viele der im artikel geschilderten eigenschaften treffen auf den gutartigen troll zu. vielleicht ist er die wertvollste unterart seiner gattung – ganz sicher viel mehr als nur ein possierliches tierchen. er kann uns mit seinen brechungen ein schillernder spiegel sein.
und nerven kann er, fürchterlich. das ist halt der (gerechte?) preis für user generated content.
.~.
(der sich an eine diskussion bei herrn niggemeier erinnert fühlt)
Ich habe gehört, dass mehrere hundert Trolle sorgsam im Heise-Forum weggesperrt worden sind, wo sie sowieso keiner liest.
Der Rest von ihnen treibt sich jetzt im Forum von Internet-Manifest.de herum, meine ich vernommen zu haben.
Abgesehen natürlich von den Welt-Online-Powermeanderern, die man zur Gattung der Mainstreambesserschwätzer zählen muss.
Mag der Troll auch bedroht sein – täglich tun sich im UGC-Universum neue Randbiotope für ihn auf.
Trolling is a kind of prank and a lost art form, full of failed attempts and people who don’t even know what trolling is.
Most ignorant newfags think that trolling is merely someone getting in an argument, or a fight, or attacking others. However, people do this all the time on the internet when they’re not trolling. Trolling that does this is obvious and usually fails. People who think everyone who disagrees with them is a troll are so easily trolled that they’ll fall for Concerned Mother. A skilled troll can just appear to cause no conflict and agree with people and do it in such a way to provoke everyone else into a shitstorm.
The internet is full of people that think just being internet trash makes them a real troll. Acting racist for lulz is trolling but simply being a racist is not. Acting as stupid as Chris-chan because you really are that stupid makes you a lulzcow and not a troll. If someone goes and slips razor blades inside the hamburgers of little kids and goes “haha you have been trolled nublol”, despite being hilarious, that’s not trolling, it’s being a psychopath and a poser. Even worse than that, there are furries. Common sense would say that no one could seriously be like that, that all furries are trolls, but then again, common sense is often very, very wrong.
Even when someone knows how to troll, they usually fail to be funny and then experience troll’s remorse A.K.A being a butthurt, empathetic, douchenozzle. Such feelings tend to pass once they realize that people who take the Internets seriously enough to get upset by trolling really ought to kill themselves. Once they reach this point, they are said to suffer from Internet troll personality disorder. After long enough, they may even develop Chronic Troll Syndrome.
The most important thing that any troll should remember is not to believe in what you are saying, and be comfortable with telling made up lies whilst avoiding the truth or any factual details about your own life because not only are these boring, they could be used to identify you (unless, of course, you also lie about the details of your life.) To avoid the onset of troll’s remorse, follow this technique and just lead them further down the avenue of trolling, swallowing your bait hook, line and sinker.
Andy Kaufman, master of IRL trolling.
Das Internet-Manifest ist ja auch Trollfutter der allerersten Kategorie. Auch wenn man unter den Unterzeichnern den einen oder anderen sonst recht vernünftig agierenden Menschen unter zahlreichen belanglosen Wichtigtuern findet.
So, das war jetzt mein Häufchen für heute.
cu us
Die Berliner Polizei hat die Sache mit den Trollen gestern gründlich falsch verstanden:
http://vimeo.com/6548644
@us: Dem ersten Teil Ihres Häufchens würde ich zustimmen, wenn die Trolle etwas intelligenter, origineller, kreativer auf das nahrhafte Futter reagiert hätten.
@Andy Kaufman: Ihr feines Troll-Verständnis (a kind of prank and a lost art form) geht den deutschen Trollen leider ab.
@Hermine
You made my day!
Danke.
Dankbarerweise schreiben einige Trolle ihre langen Sermons auf Englisch, das erspart uns das Lesen. Danke.
SCHÖN ALS EIN ECHTEN TROLL SO TROLLEREIEN IM NETZ ZU LESEN ………..
Ein hervorragendes Futter für Trolle sind auch Internetauftritte von Parteien.
:-((
Darf ich sie knuddeln Herr Michal? :3
Sollte ich jemals aufgrund ausufernder Monokultur eines Trollschutzgebietes bedürfen, werde ich bei ihnen zuerst nachfragen, ob sie nicht ein Fleckchen für mich haben.
LG BRENT (Vollzeittroll)
Ganz troll geschrieben, danke!
Hinzuzufügen gibt es nur noch, dass Saab 1937 in Trollhättan entstand. Da sieht man, wohin das führt.
- natürlich mal wieder grobe missachtung der holden weiblichkeit ,)
daher sei nachgereicht: die deutsche weibliche form von troll ist trulla.
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