Matthias Schwenk | 7 Kommentar(e)
Konservativ zu sein muss kein Fehler sein. Es kommt nur auf die richtige Perspektive an. Anstatt das Internet zu verteufeln, kann man das 20. Jahrhundert mit seiner Massenproduktion und seinen Massenmedien auch als Fehlentwicklung sehen: als gefährliches Experiment mit den homogenisierenden Kräften der Skaleneffekte.
10.07.2009 |
Lee Bryant versteht es zu provozieren: Der Unternehmensberater aus London stellt nämlich die Frage, ob nicht das 20. Jahrhundert mit seiner Massenproduktion, Massenvernichtung und dem Konsum der Massen ein gefährliches Experiment war und wir jetzt auf dem Weg “zurück” zu einer Kultur kleinerer und besser überschaubaren Einheiten sind.
Für ihn stellt also nicht das Internet und der mit ihm einhergehende Medienwandel eine Bedrohung dar, sondern er sieht eher das zurückliegende Jahrhundert als gefährliches Experiment der Gleichmacherei und der Unterwerfung unter Skalenerträge (Economies of Scale) in allen Bereichen.
Seiner Auffassung nach erlaubt uns die Technologie des Internets wieder an verloren gegangene Strukturen und Konzepte anzuknüpfen, wie sie in Gilden und Zünften über Jahrhunderte praktiziert wurden. Der moderne Begriff dafür sind die im Entstehen begriffenen Social Networks.
Lee Bryant, The Twentieth Century was wrong (Lift09, EN) from Lift Conference on Vimeo.
So zugespitzt dieser kurze Vortrag sein mag, so sehr bringt er die Überzeugung zum Ausdruck, dass das 21. Jahrhundert uns die Chance bietet, Maßstäbe und Strukturen wieder auf menschlichere Dimensionen zurückzuführen.
Dass das kein leeres Versprechen sein muss, zeigt etwa die Wikipedia. Ein größeres und umfangreicheres Lexikon hatte die Menscheit noch nie. Zusammengetragen wird das Wissen von einer Vielzahl Beteiligter, die zugleich mit einem Minimum an Organisation und Hierarchie auskommen. Nun macht die Wikipedia bekanntlich niemanden satt, aber der Wandel lässt sich interessanterweise auch auf ganz anderen Feldern beobachten.
Eine Überlebensfrage unseres Jahrhunderts ist die Energie. Hier schlagen uns gerade eine Reihe großer Konzerne vor, Europas Strom künftig mit einem riesigen Solarfeld in Afrika zu produzieren. Gleichzeitig arbeiten andere Forscher daran zu zeigen, dass in Deutschland Energie auch dezentral hergestellt werden kann, in dem Solarkraft, Windenergie, Biomasse und Wasserkraft in kleinen, vorrangig lokal versorgenden Einheiten intelligent kombiniert werden.
Es gibt ihn also schon, den Wettstreit zwischen einerseits großen, zentralistisch und pyramidal organisierten Einheiten und andererseits kleinen, dezentralen, dafür aber hoch vernetzt und flexibel operierenden Wettbewerbern. In diesem Sinne kann es sich durchaus lohnen, konservativ zu sein. Nur darf die Perspektive nicht nur die letzten 50 Jahre, sondern besser die letzten 500 Jahre umfassen.





Sehr interessant, vielen Dank. Mich erinnert das vage an Harold Innis, “Bias of Communication”. Er beschreibt die Mediengeschichte als einen abwechselnden Wandel von zentralisierenden Medien vs. leicht bewegbaren Medien. Sehr dicker Schinken, aber lesenswert.
Jip, Innis ist sehr gut. Er war ja auch Kollege und wichtiger Inspirator von McLuhan:
http://en.wikipedia.org/wiki/Harold_Innis
[...] die Perspektive nicht nur die letzten 50 Jahre, sondern besser die letzten 500 Jahre umfassen. ( Carta [...]
[...] Veröffentlicht in Energie, Geschichte In “Carta” gelesen: Lee Bryant, Zurück in die Zukunft [...]
Passend zu meinem Energie-Beispiel im Text die FAZ vom Samstag, 11.07.2009 (Druckausgabe): Auf Seite 13 ein Text zum 400-Mrd-Solarstromprojekt (”Wüsten-solarprojekt kommt voran”) und auf Seite 14 dann ein Text über einen holländischen Milchbauern, der auch eine Biogasanlage betreibt, die gut 600 Einfamilienhäuser mit Heizungswärme versorgt (”Ein holländischer Milchbauer als Energieversorger”).
[...] Lee Bryant Mit Social Networks zurück in die Zukunft Carta.info [...]
[...] Mit Social Networks zurück in die Zukunft Shared um 16:23 Uhr via Delicious Konservativ zu sein muss kein Fehler sein. Es kommt nur auf die richtige Perspektive an. Anstatt das Internet zu verteufeln, kann man das 20. Jahrhundert mit seiner Massenproduktion und seinen Massenmedien auch als Fehlentwicklung sehen: als gefährliches Experiment mit den homogenisierenden Kräften der Skaleneffekte. [...]