Julius Endert | 5 Kommentar(e)
Ich halte Hubert Burda für viel zu schlau, als dass er blauäugig mal eben unüberlegt einen feuilletonistischen Meinungsbeitrag ohne Ziel und Zweck abdrucken lässt. Sein Text ist ein einziger Appell an die Politik, erneut Partei für die Verleger zu ergreifen. Das hat schon bei der Breitseite gegen die Onlineaktivitäten des Öffentlich-Rechtlichen Rundfunks sehr gut funktioniert.
01.07.2009 |
Wie schön, das Netz hat eine neue, alte Debatte. Denn wenn Hubert Burda quasi ex cathedra spricht, dann ist das für die Branche immer noch ein Grund zuzuhören. Auf seinen Text in der FAZ (“Wir werden schleichend enteignet”) gab es daher zwangsläufig viele und heftige Reaktionen.
Eigentlich ist es müßig, die Diskussion: “Die (guten) Verlage und das (böse) Netz” immer wieder aufs Neue zu führen. Denn es gibt weder neue Argumente noch andere Lösungen. Doch man sollte vorsichtig sein. Denn Burda wollte natürlich nicht die Menschen im Netz erreichen, die sich jetzt an ihm und seinen Argumenten abarbeiten (Martin Oetting, Ulrike Langer und viele andere). Seine Adressaten sind seine Leute im VDZ und in der Politik.
Deren Aufmerksamkeit bekommt man nämlich am besten über einen schönen großen Artikel in der Faz. Ich halte Hubert Burda aber für viel zu schlau, als dass er blauäugig mal eben unüberlegt einen feuilletonistischen Meinungsbeitrag ohne Ziel und Zweck abdrucken lässt. Schließlich ist er erfolgreicher Unternehmer und möchte das auch bleiben.
Der Text ist daher ein einziger Appell an die Politik, erneut Partei für die Verleger zu ergreifen. Das hat schon bei der Breitseite gegen die Onlineaktivitäten des Öffentlich-Rechtlichen Rundfunks sehr gut funktioniert. Mit dem Ergebnis des jetzt in Kraft getretenen 12. Rundfunkänderungsstaatsvertrages und der Einführung von so lustigen Begriffen wie „presseähnliches Erzeugnis“ (s.u.).
Hubert Burda weiß es besser, denn als 2005 der erste DLD stattfand (damals noch Digital Lifestyle Day), da wollte es der Zufall, dass ich im Veranstaltungssaal von Schloss Nymphenburg in München direkt neben dem Verleger saß. Und so bekam ich unmittelbar mit, wie sich Burda den neuen Medien nähert: In dem er Hof hält und einfach alle Trendsetter nach München lädt und sich persönlich von der Szene die Ideen präsentieren und sich inspirieren lässt. Burda saß und sitzt dabei immer in der ersten Reihe. Damals schrieb er alles in ein mit seinen Initialen geprägtes Büchlein, notierte zum Beispiel was Caterina Fake über das noch junge Angeobt Flickr zu erzählen hatte.
Burda kennt sie wirklich alle und die Top-Gründer zählen heute zu seinen persönlichen Kontakten, angefangen von Yossi Vardi (Gründer mult. und ICQ-Erfinder) über Marissa Mayer (Google) bis hin zu Esther Dyson (ED Venture).
Der DLD ist heute die angesagteste Konferenz in Deutsch-Digitalien, mittlerweile firmierend als: Digital, Life, Design, an inspiring community for the 21st century which features digital innovation, science and culture and brings together thought leaders, creators, entrepreneurs and investors from Europe, the Middle-East, the Americas and Asia.
Viele waren in diesem Jahr übringes sehr sauer, dass sie aufgrund der reduzierten Teilnehmerzahl nicht in die Kardinal Faulhaber Straße kommen durften. Niemand kann mir darum erzählen, Burda habe keine Ahnung vom Web. Zumal 2009 auch viel vom Journalismus gesprochen wurde und Jeff Jarvis sogar sein neues Buch verteilen durfte. Schließlich hat Burda zusätzlich noch einen Haufen guter Berater und Insider um sich geschaart, die sich, wenn sie nicht gerade den DLD organisieren, jede Konferenz der Welt zum Thema anhören wie man auf Twitter ja leicht nachvollziehen kann.
Wieso also dann diese Reaktion, dieser Text? Eine Antwort darauf bewegt sich natürlich im Bereich der Spekulation. Entweder er hat, seit es den DLD gibt, wirklich nichts dazu gelernt, was ich nicht glaube. Oder die Zeit der traditionellen Verlage ist tatsächlich vorbei und Burda spricht mehr für den VDZ als für sich die Abschiedsworte. Der Versuch jedenfalls, das tradierte Geschäftsmodell von analog auf digital umzusetzen sonst aber so weiterzumachen wie bisher ist gescheitert.
Ich halte dabei die Standesorganisationen VDZ und BDZV für relativ unglücklich agierende Vereine, weil sie aus meiner Kenntnis heraus immer auf Abwehr eingestellt waren und nie selbst in die Innovationsoffensive gegangen sind. Stattdessen versucht man dort mit aller Macht statt der Inhalte den Vetriebsweg auf Papier zu schützen, weil sich Anzeigen nun mal nur auf Papier drucken lassen. Nebenbei sollten dazu auch den Begriffen aus der Printwelt im Web Gültigkeit verschafft werden. Das mündet dann in der kruden Idee, journalistische Inhalte im Web als presseähnliche Erzeugnisse zu bezeichnen.
Jetzt wieder nach dem Staat zu rufen, ist nur ein Zeichen für den Beginn des letzten Gefechts. Ich würde stattdessen gerne mal einen Text von Hubert Burda mit dem Thema lesen: „Was ich auf dem DLD gelernt habe“ und freue mich schon auf den DLD 2010. Ich hoffe, dass ich teilnehmen darf. Und vielleicht sitze ich ja wieder neben Hubert Burda persönlich. Dann werde ich mal versuchen, in sein Notizbuch zu spinksen (und anschließen hier berichten).
Julius Endert bloggt auf Navigare necesse est. Dieser Beitrag wird hier mit freundlicher Genehmigung des Autor crossgepostet.





Ein guter Text, der mal die Auffassung korrigiert, die Verleger seien alle ein bisschen gaga. Es wäre nicht übel, wenn manche Analytiker die Kategorien Macht & Geld in ihre Analysen mit einbeziehen würden. Entwicklungen können auch aufgehalten werden.
Interessanter Blick auf Hubert Burda. Wegen der DLD-Konferenz und seiner Offenheit für Neues war er in der deutschen Blogosphäre eigentlich immer gut gelitten.
@Wolfgang Michal: Gutes Argument. Dennoch darf man fadenscheinige Argumente auch als solche entlarven und diskutieren, oder?
Zu bedenken ist auch:
Bis vor wenigen Wochen verfolgte der Burda Verlag mit “Nachrichten.de” den Aufbau eines Google News-ähnlichen Angebots. Leider ist davon nun nicht mehr viel zu hören. Offenbar gab es intern Umsetzungsschwierigkeiten.
Sehr schade: Mit Nachrichten.de im Rücken wäre das Text von Hubert Burda sicher anders ausgefallen.
[...] inhaltlich versuchen, wie es Ulrike Langer großartig vormacht, man kann mit Julius Endert feststellen, dass Burda sich seiner zweifelhaften Argumente wohl vollends bewusst war, man kann Burdas Text [...]
Ein interessanter Text zu Hubert Burda. Zunächst mal meine Meinung: der Mann hat Stil und man merkt, daß er Kunstgeschichte studiert hat. Mit der DLD hat er etwas Tolles geschaffen und sicher kann man sich über die Qualität der Inhalte, Referenten und Besucher immer streiten. Aber: er war der erste, der erkannt hat, daß die Trends aus Israel und USA kommen und sich erlaubt dazu u.a. deutsche Fach- aber auch Meckerblogger einzuladen. Das nenne ich großzügig. Klug nenne ich sein Investments – man schaue einfach mal hier nach: http://ventures.burdadigital.de Den einzigen Vorwurf, dem man ihm machen könnte ist, daß die Innovationen nicht aus dem eigenen Hause kommen. Denn die Köpfe wären da und man muss sich wirklich fragen, warum Glam, Aufeminin, Facebook, Twitter, u.v.m. nicht aus dem beschaulichen Offenburg oder dem schicken München kommen. Das liegt aber auch an dem Umstand, daß man sich nicht von Grund auf mit dem Thema beschäftigt und sich zuviel Fertigkonzepte präsentieren lässt. Eine Burda University oder Burda Research Lab wäre eine spannende Idee und vielleicht würde ein junger Hubert (P.S.: Wer wird übrigens sein Nachfolger?) heute Media History am MIT studieren oder Theoretische Literatur in New York, um dann die Medien des 22. Jahrhunderts zu erfinden.